[Inspiration Gregors des Großen:
„Gregorblatt“, Trier, 10. Jh.]

Gregorianik im nordisch-katholischen Sakramentar

Die Kirche betrachtet den Gregorianischen Choral als den der römischen Liturgie eigenen Gesang; demgemäß soll er in ihren liturgischen Handlungen, wenn im übrigen die gleichen Voraussetzungen gegeben sind, den ersten Platz einnehmen. 

Vaticanum II: Sacrosanctum Concilium, 116

Dem musikalischen Erbe der alten Westkirche verpflichtet, nimmt das nordisch-katholische Sakramentar die wichtigsten gregorianischen Gesänge für Ordinarium und Proprium Missae in deutscher Übertragung auf. Darunter sind zahlreiche bekannte Gesänge wie zum Beispiel das (teilweise an das Sanctus Vat. XVII angelehnte) Steinauer Sanctus von 1726, das Braunschweiger Agnus Dei von 1528 auf dem I. Psalmton, die ökumenische Fassung des Paternoster von 1973 oder Peter Sömers deutsche Übertragung von Vexilla regis aus dem Jahr 1874.

Es sind aber auch einige neue Gesänge enthalten. So findet man im nordisch-katholischen Sakramentar deutsche Fassungen des Gloria Vat. XV und des Credo I, deren Text jeweils der ökumenischen Übersetzung für das deutsche Sprachgebiet entspricht. Die Wahl für diese Melodien des Gloria und des Credo erklärt sich aus ihrer Bedeutung für den Kartäuser-Ritus, an welchem sich wiederum die feststehenden Teile der nordisch-katholischen Messliturgie orientieren.

Bei den Gesängen des Proprium wird methodisch an die (ältere) deutsche Gregorianik angeknüpft, indem weder die Melodie noch die deutsche Übertragung des lateinischen Texts als sakrosankt betrachtet werden. Vielmehr geht es darum, ohne Anspruch auf Perfektion (weder in der einen noch in der anderen Hinsicht, im vollen Bewusstsein um gelegentliche Zielkonflikte) sowohl die gregorianische Vorlage bei der Melodie weitestgehend zu erhalten als auch diese Melodie mit einer möglichst genauen und sprachlich flüssigen deutschen Übersetzung des lateinischen Texts zu unterlegen. Einige Beispiele hierfür sollen untenan gegeben werden.

Bei einigen gregorianischen Gesängen des Proprium ist es durchaus möglich, eine bekannte deutsche Übersetzung bzw. Übertragung des jeweiligen Choraltexts, die sonst gewöhnlich auf eine neuzeitliche (meist spätklassische oder romantische) Melodie gesungen wird, mit der jeweiligen gregorianischen Melodie (ggf. leicht vereinfacht) zu kombinieren. Beispiele hierfür sind die unten dargestellten deutschen Fassungen der Pfingsthymnen Veni sancte Spiritus und Veni creator Spiritus, bei welchen jeweils Heinrich Bones Übersetzung auf die entsprechende (leicht vereinfachte) gregorianische Choralmelodie gesungen wird. Teilweise war es aber notwendig, zunächst den lateinischen Text (neu) zu übertragen und für diesen dann die jeweilige gregorianische Melodie einzurichten und ggf. für den Gemeindegesang zu vereinfachen. Als Beispiele aus dem nordisch-katholischen Sakramentar sind insbesondere die unten angegebenen Antiphonen zur Austeilung des Weihwassers (nach dem Asperges Vat. ad lib. II) sowie die Antiphonen für den Advent (Rorate caeli) und die Karwoche zu nennen.

Hinweise auf Missale Romanum, Graduale Romanum und Liber usualis beziehen sich im Folgenden stets auf die entsprechenden liturgischen Bücher der überlieferten Form des römischen Ritus (sogenannte „außerordentliche Form“).

Ordinariumsgesänge

Große Doxologie — Gloria in excelsis

Es folgt eine Bearbeitung des Gloria Vat. XV (welches wiederum an den IV. Psalmton angelehnt ist), für den ökumenischen Text des Gloria. Im Kartäuser-Ritus singt man das Gloria Vat. XV an allen gewöhnlichen Sonn- und Festtagen.

Sakramentar S. 214 f.

Text: ökumenische Übersetzung des Gloria
Melodie: nach dem Gloria Vat. XV (zum IV. Psalmton)

Credo

Es folgt eine Bearbeitung des Credo I für den ökumenischen Text des Nizäno-Constantinopolitanum — ohne den Einschub ‚Filioque‘, aber mit ‚Deum de Deo‘. Im Kartäuser-Ritus erklingt, wann immer das Glaubensbekenntnis zu singen ist, das Credo I.

Sakramentar S. 221 ff.

Text: ökumenische Übersetzung des Credo
Melodie: nach dem Credo I

Proprium

Advent: Introitus Rorate caeli

Sakramentar S. 258

Text: nach Jes 45,8a laut Vulgata
Melodie: nach der Antiphon im Liber usualis

Text: nach Jes 45,8a laut Vulgata
Melodie: nach dem Introitus im Missale Romanum

Palmsonntag: Antiphon zur Palmsegnung

Sakramentar S. 270

Text: Mt 21,9
Melodie: nach der Antiphon im Missale Romanum

Palmsonntag: Prozessionshymnus

Sakramentar S. 271

2. Dir lobsingt in der Höhe
preisend das himmlische Heer,
so auch der sterbliche Mensch,
so alle Schöpfung zugleich.

3. Dein Volk kam Dir entgegen,
damals, mit Palmen und Laub;
siehe, mit Lied und Gebet
nahen Dir gläubig auch wir.

4. Einst erschallte Dir Jubel,
als doch Dein Leiden begann;
Dir als Erlöser und Herr
huldigend singen auch wir.

5. Jener Lobpreis gefiel Dir;
unsren nimm gnädig auch an,
König, voll Güte und mild,
Quell alles Guten und Held!

Text und Melodie: nach dem Hymnus im Missale Romanum

Gründonnerstag: Antiphon zur Fußwaschung

Sakramentar S. 273

Text und Melodie: nach der Antiphon im Missale Romanum

Pfingsten: Vesperhymnus Veni creator Spiritus

Sakramentar S. 302 f.

2. Der Du der Tröster wirst genannt,
vom höchsten Gott ein Gnadenpfand,
Du Lebensbrunn, Licht, Lieb’ und Glut,
der Seele Salbung, höchstes Gut.

3. O Schatz, der siebenfältig ziert,
o Finger Gottes, der uns führt,
Geschenk, vom Vater zugesagt,
Du, der die Zungen reden macht.

4. Zünd an in uns des Lichtes Schein,
gieß‘ Liebe in die Herzen ein,
stärk’ unsres Leibs Gebrechlichkeit
mit Deiner Kraft zu jeder Zeit.

5. Treib weit von uns des Feinds Gewalt,
in Deinem Frieden uns erhalt’,
dass wir, geführt von Deinem Licht,
in Sünd’ und Elend fallen nicht.

6. Gib, dass durch Dich den Vater wir
und auch den Sohn erkennen hier
und dass als Geist von beiden Dich
wir allzeit glauben festiglich.

7. Dem Vater Lob im höchsten Thron
und seinem auferstand’nen Sohn,
dem Tröster auch sei Lob geweiht
jetzt und in alle Ewigkeit.

Text: Rabanus Maurus, deutsch von Heinrich Bone 1847
Melodie: nach Kempten 1000 und Wittenberg 1529

Pfingsten: Sequenz Veni sancte Spiritus

Sakramentar-Ergänzungsband S. 26 f.

Text: Stephen Langton (?), deutsch von Heinrich Bone 1847
Melodie: Johann Leisetrit 1567 nach der Sequenz im Missale Romanum

Weitere Gesänge

Christus vincit — Kehrvers der Laudes regiae

Im nordisch-katholischen Sakramentar ist das Christus vincit insbesondere vorgesehen als Ruf vor den Lesungen aus der Passion während der Heiligen Woche.

Sakramentar S. 272

Melodie: Laudes regiae

Antiphon zur Austeilung des Weihwassers

Das Asperges (Verse aus Psalm 51 [50 LXX, Miserere mei]) begleitet an Sonn- und Festtagen die Austeilung des Weihwassers nach dem Bußakt. Auch an dieser Stelle orientiert sich das nordisch-katholische Sakramentar am Kartäuser-Ritus, denn dort singt man bei der Aspersion stets die lateinische Vorlage der folgenden Antiphon, sogar in der Osterzeit (kein Vidi aquam!).

Sakramentar S. 210

Text: nach Ps 50,9 LXX/Vulgata
Melodie: nach dem
Asperges me (ad lib.) II des Graduale Romanum