„Der Herr ist nahe“ — „Ebnet Ihm den Weg!“

Gottesgebärerin „des Zeichens“ von Jaroslawl, 13. Jh.

Liturgische Eigentexte des 4. Advent

Introitus-Psalm mit Antiphon

Text: Jes 45,8a (Vulgata), Melodie: gregorianisch

Ps 5

2Vernimm meine Worte, o HERR,
merke auf mein Seufzen!

3Ach, hör’ auf mein lautes Flehen, /
mein König und mein Gott;
denn zu dir geht mein Gebet!

4O HERR, in der Frühe schon hörst du mein Rufen, /
in der Frühe schon richte ich dir ein Opfer zu
und spähe aus nach dir.

5Du bist ja nicht ein Gott, dem gottlos Wesen gefällt:
kein Böser darf als Gast bei dir weilen;

6Ruhmredige dürfen dir nicht vor die Augen treten:
du hassest alle Übeltäter.

7Du lässt die Lügner zugrunde geh’n; /
wer mit Blutvergießen und Trug sich befasst,
den verabscheut der HERR.

8Ich aber darf nach deiner großen Gnade dein Haus betreten,
ich darf vor deinem heiligen Tempel
in Ehrfurcht vor dir mich niederwerfen.

9HERR, leite mich in deiner Gerechtigkeit
um meiner Feinde willen,
ebne vor mir deinen Weg!

10Denn in ihrem Mund ist keine Aufrichtigkeit,
ihr Inneres sinnt Unheil;

ein offenes Grab ist ihre Kehle,
mit ihrer Zunge reden sie glatte Worte.

11Laß sie büßen, o Gott, dass zu Fall sie kommen durch ihre Anschläge! /
Stoße sie weg von dir ob der Menge ihrer Frevel,
denn sie haben dir Trotz geboten!

12Dann werden alle sich freu’n, die auf dich vertrauen:
allzeit werden sie jubeln, dass du sie beschirmst;

und frohlocken werden alle über dich,
die deinen Namen lieben.

13Denn du, HERR, segnest den Gerechten,
schirmst ihn mit Gnade wie mit einem Schilde.

Tagesgebet

Vom 4. Advent

O Herr! Wir bitten Dich: Erhebe Dich in Deiner Macht, komm in unsere Mitte und steh uns bei durch Deine große Kraft, damit wir nicht länger durch unsere Sünden und Schwachheiten in dem Kampf, der uns bestimmt ist, gehemmt und gehindert werden, sondern uns durch Deine Gnade und Barmherzigkeit Hilfe und Errettung zuteil werden. Durch Jesus Christus, unseren Herrn, dem mit Dir und dem Heiligen Geist alle Ehre und Herrlichkeit gebührt, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Lesung

Phil 4,4–7

Aus dem Brief des Apostels Paulus an die Philipper.

Brüder und Schwestern! 4Freuet euch im Herrn allezeit! Noch einmal wiederhole ich’s: »Freuet euch!« 5Lasst eure Sanftmut allen Menschen kund werden: der Herr ist nahe! 6Sorgt euch um nichts, sondern lasst in jeder Lage eure Anliegen durch Gebet und Flehen verbunden mit Danksagung vor Gott kund werden! 7Dann wird der Friede Gottes, der höher ist als aller Verstand, eure Herzen und euer ganzes Denken in Christus Jesus bewahren. 

Evangelium

Joh 1,19–28

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes.

Dies ist nun das Zeugnis des Johannes, als die Juden aus Jerusalem Priester und Leviten zu ihm sandten, die ihn fragen sollten, wer er sei. 20Da bekannte er unverhohlen und erklärte offen: »Ich bin nicht der Messias.« 21Sie fragten ihn weiter: »Was denn? Bist du Elia?« Er sagte: »Nein, ich bin es nicht.« »Bist du der Prophet?« Er antwortete: »Nein.« 22Da sagten sie zu ihm: »Wer bist du denn? Wir müssen doch denen, die uns gesandt haben, eine Antwort bringen! Wofür gibst du selbst dich aus?« 23Da antwortete er: »Ich bin die Stimme dessen, der in der Wüste ruft: ›Ebnet dem Herrn den Weg!‹, wie der Prophet Jesaja geboten hat.« (Jes 40,3) 24Die Gesandten aber gehörten zu den Pharisäern 25und fragten ihn weiter: »Warum taufst du denn, wenn du weder der Messias noch Elia, noch der Prophet bist?« 26Da antwortete Johannes ihnen: »Ich taufe nur mit Wasser; aber mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt, 27der nach mir kommt und für den ich nicht gut genug bin, ihm den Riemen seines Schuhwerks aufzubinden.« 28Dies ist in Bethanien geschehen jenseits des Jordans, wo Johannes sich aufhielt und taufte.

„O Weisheit … komm!“

Die erste O-Antiphon: aus einem dominikanischen Antiphonale, ca. 1300

An den letzten sieben Abenden des Advent (17.–23. Dezember) nimmt das tägliche Abendlob (Vesper) der Kirche eine besonders feierliche Form an. So wie sonst erklingt auch an diesen Abenden vor dem abschließenden Gebetsteil der Lobgesang der heiligen Maria (Magnificat, Lk 1,46–55). Doch wird hier die heilsgeschichtliche Bedeutung dieses biblischen Lobhymnus durch jeweils vorausgehende Gesänge (die sogenannten O-Antiphonen) in besonderer Weise entfaltet.

Die heilige Maria sang ihren Lobpreis nämlich als Antwort auf die Ankündigung des Erzengels Gabriel, dass sie zur Mutter des ihrem Volk verheißenen Messias werden würde. Ihr Lobgesang steht damit an der Schwelle vom Alten zum Neuen Bund und bezieht sich ausdrücklich auf die an das jüdische Volk bzw. die Nachkommenschaft Abrahams ergangenen Verheißungen (Lk 1,55). Die Liturgie der Kirche will uns in diese Haltung der gläubigen sehnsuchtsvollen Erwartung mit hinein nehmen (so wie auch die Liturgie des 4. Adventssonntags, z.B. schon durch die Introitus-Antiphon „Tauet, ihr Himmel, den Gerechten“, lateinisch Rorate caeli). Wie die Gläubigen des Alten Bunds, so sollen auch wir — gerade jetzt in den Tagen vor Weihnachten — unser Leben ausrichten auf die Erwartung der Ankunft des verheißenen Messias (Christus): des von Gott selbst eingesetzten gerechten, weisen und allmächtigen Königs, dessen Königtum kein Ende haben wird.

[Die sehnsuchtsvolle Erwartung des Messias als Erlöser des Gottesvolkes kommt an vielen Stellen des Alten Testaments zum Ausdruck. Einige besonders bedeutende dieser Schriftstellen wurden (spätestens) im 6. Jahrhundert in lateinischer Dichtung kombiniert; das Ergebnis sind sieben kurzen Gesänge (Antiphonen), die Eingang in die Adventsliturgie des alten römischen Ritus gefunden haben. Allen gemeinsam ist, dass sie zu Beginn den göttlichen Messias mit einem Titel anrufen, der ihm schon im Alten Testament beigelegt wird, und ein flehentliches „O“ vorausschicken. Deshalb sind sie unter dem Namen O-Antiphonen bekannt. Sie schließen jeweils mit der Bitte um das Kommen des verheißenen Messias und um einen bestimmten Aspekt der Erlösung.]

Beispielsweise wird am 17. Dezember Christus angerufen als göttliches Wort der Weisheit (vgl. Spr 8): O Sapientia, quae ex ore Altimissi prodisti, zu deutsch: „O Weisheit, die Du aus dem Munde des Höchsten hervorgegangen bist“. Nach weiteren poetischen Beschreibungen der göttlichen Weisheit gipfelt der Gesang in der Bitte veni ad docendum nos viam prudentiae — „komm, um uns den Weg (wirklicher) Klugheit zu lehren“. Gemeint ist hier eine Klugheit, die unser Leben als Gabe Gottes versteht, für die wir einst bei der Wiederkunft des Herrn Rechenschaft ablegen müssen; wirkliche Weisheit und wahre Einsicht wurzeln deshalb in der Ehrfurcht vor Gott (Spr 1,7; 9,10).

[In dem spätlateinischen (mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen) Hymnus Veni, veni Emmanuel sind einige der O-Antiphonen noch einmal etwas kürzer und auf einen Endreim zusammengefasst worden. Dieser Hymnus ist auch, jeweils unter dem Titel „O komm, o komm, Immanuel“ in verschiedenen Fassungen ins Deutsche übertragen worden (z.B. von Heinrich Bone 1847 und Köln 1852).]

Das Mit-Singen und -Beten der sieben O-Antiphonen will uns mit hinein nehmen in die sehnsuchtsvolle Erwartung der Ankunft und Wiederkunft des göttlichen Erlösers. Dies ist eine Erwartung, die das Volk Gottes seit jeher auszeichnet, aber aufgrund des ersten Kommens Christi in diese Welt, das wir an Weihnachten feiern, ein bleibendes Unterpfand hat. Wenn wir eintauchen in diese Erwartung und davon unser Leben aufs Neue prägen lassen, wird das diesjährige Christfest, allen Widrigkeiten zum Trotz, für uns wirklich zur „heiligen Nacht“. Ja, dann wird (vgl. Gal 4,19) an Weihnachten Christus auch in uns geboren!

‚Das im Dunkel Verborgene bringt Er ans Licht‘

Deesis aus der Nikolauskirche, Pskow, 13. Jh.

Liturgische Eigentexte des 3. Advent

Introitus-Psalm

Ps 4

2Wenn ich rufe, erhöre mich,
du Gott meiner Gerechtigkeit!

In Bedrängnis hast du mir (immer) Raum geschafft:
sei mir gnädig und höre mein Gebet!

3Ihr Herrensöhne, wie lange noch
soll meine Ehre geschändet werden?

Wie lange noch wollt ihr an Eitlem hangen,
auf Lügen ausgeh’n?

4Erkennt doch, dass der HERR /
den ihm Getreuen sich auserkoren:
der HERR vernimmt’s, wenn ich zu ihm rufe.

5Seid zornerregt, doch versündigt euch nicht!
Denkt nach im stillen auf eurem Lager und schweigt!

6Bringt Opfer der Gerechtigkeit dar
und vertraut auf den HERRN!

7Es sagen gar viele:
»Wer lässt Gutes uns schauen?«

Erhebe über uns, o HERR,
das Licht deines Angesichts!

8Du hast mir größere Freude ins Herz gegeben
als ihnen zur Zeit, wo sie Korn und Wein in Fülle haben.

9In Frieden will ich beides,
mich niederlegen und schlafen;

denn du allein, HERR, lässt mich
in Sicherheit wohnen.

Tagesgebet

Vom 3. Advent

Herr, wir flehen Dich an:
Erhöre unser Gebet, suche uns in Gnaden heim
und erleuchte die Finsternis unserer Herzen.
Durch unseren Herrn Jesus Christus,
der mit Dir und dem Heiligen Geist,
ein einiger Gott, lebt und herrscht,
jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen.

Lesung

1 Kor 4,1–5

Aus dem ersten Brief des Apostels Pauls an die Korinther.

Brüder und Schwestern! 1Dafür halte uns jedermann, nämlich für Diener Christi und für Verwalter der Geheimnisse Gottes. 2Bei dieser Sachlage verlangt man allerdings von den Verwaltern, dass ein solcher treu erfunden werde. 3Doch was mich betrifft, so ist es mir etwas ganz Geringes, ob ich von euch oder von sonst einem menschlichen Gerichtshof ein Urteil empfange; ja, ich gebe nicht einmal selbst ein Urteil über mich ab. 4Denn ich bin mir wohl keiner Schuld bewusst, aber dadurch bin ich noch nicht gerechtfertigt; nein, der Herr ist’s, der das Urteil über mich abgibt. 5Daher urteilet über nichts vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch das im Dunkel Verborgene ans Licht bringen und die Gedanken der Herzen offenbar machen wird; und dann wird einem jeden das ihm gebührende Lob von Gott her zuteil werden.

Evangelium

Mt 11,2–10

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus.

Als aber Johannes im Gefängnis von dem Wirken Christi hörte, sandte er durch seine Jünger Botschaft an ihn 3und ließ ihn fragen: »Bist du es, der da kommen soll (d.h. der verheißene Messias), oder sollen wir auf einen andern warten?« 4Jesus gab ihnen zur Antwort: »Geht hin und berichtet dem Johannes, was ihr hört und seht: 5Blinde werden sehend und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote werden auferweckt, und Armen wird die Heilsbotschaft verkündigt (Jes 35,5–6; 61,1)6und selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt!« 7Als diese nun den Rückweg antraten, begann Jesus zu den Volksscharen über Johannes zu reden: »Wozu seid ihr damals in die Wüste hinausgezogen? Wolltet ihr euch ein Schilfrohr ansehen, das vom Winde hin und her bewegt wird? 8Nein; aber wozu seid ihr hinausgezogen? Wolltet ihr einen Mann in weichen Gewändern sehen? Nein; die Leute, welche weiche Gewänder tragen, sind in den Königsschlössern zu finden. 9Aber wozu seid ihr denn hinausgezogen? Wolltet ihr einen Propheten sehen? Ja, ich sage euch: einen Mann, der noch mehr ist als ein Prophet! 10Denn dieser ist es, auf den sich das Schriftwort bezieht (Mal 3,1): ›Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der dir den Weg vor dir her bereiten soll.‹

‚Er hat Worte, die nicht vergehen‘

Christus der Allherrscher: Deesis-Mosaik, Hagia Sophia, 13. Jh.
[Foto: Dianelos Georgoudis, CC BY-SA 3.0]

Liturgische Eigentexte des 2. Advent

Introitus-Psalm

Ps 120

1Ich rief zum HERRN in meiner Not:
da erhörte er mich.

2O HERR, errette mich von der Lügenlippe,
von der trügerischen Zunge!

3Was wird Er dir jetzt und in Zukunft bescheren,
du trügerische Zunge?

4Geschärfte Kriegerpfeile
samt Kohlen vom Ginsterstrauch!

5Wehe mir, dass ich als Fremdling in Mesech weile,
dass ich wohne bei den Zelten von Kedar!

6Lange genug schon weile ich hier
bei Leuten, die den Frieden hassen.

7Ich bin ganz friedlich gestimmt, doch was ich auch rede:
sie gehen auf Krieg aus.

Tagesgebet

Vom 2. Advent

Gepriesener Herr! Dein Sohn Jesus Christus ist Dein ewiges Wort, und Du hast uns zur Belehrung die gesamte Heilige Schrift gegeben. Gewähre uns, sie so zu hören, zu überdenken und in unseren Herzen zu bewegen, dass wir durch Geduld und den Trost Deines Wortes die selige Hoffnung des ewigen Lebens, das Du uns in unserem Erlöser Jesus Christus verliehen hast, ergreifen und immer festhalten. Durch Ihn, der mit Dir und dem Heiligen Geist, ein einiger Gott, lebt und herrscht, jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen.

Lesung

Aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer.

Röm 15,4–13

Brüder und Schwestern! 4So ist ja alles, was vor Zeiten geschrieben worden ist, für uns zur Belehrung geschrieben, damit wir durch Geduld und durch den Trost, den die (heiligen) Schriften gewähren, an der Hoffnung festhalten. 5Der Gott aber, von dem Geduld und Trost kommen, möge euch dazu verhelfen, einen einträchtigen Sinn untereinander nach dem Vorbild Christi Jesu zu besitzen, 6damit ihr einmütig mit einem Munde den Gott und Vater unsers Herrn Jesus Christus preisen könnt. 7Darum nehmet euch gegenseitig (in Liebe) an, wie auch Christus euch zu Gottes Verherrlichung (in Liebe) angenommen hat! 8Ich meine nämlich: Christus ist ein Diener der Beschneidung (= der Juden) geworden zum Erweis der Wahrhaftigkeit Gottes, um die den Vätern gegebenen Verheißungen zu verwirklichen, 9die Heiden andrerseits sollen Gott um seiner Barmherzigkeit willen preisen, wie geschrieben steht (Ps 18,50): »Darum will ich dich preisen unter den Heiden und deinem Namen lobsingen.« 10Und an einer anderen Stelle heißt es (Dtn 32,43): »Freuet euch, ihr Heiden, im Verein mit seinem Volke!« 11und an einer anderen Stelle (Ps 117,1): »Lobet, ihr Heiden alle, den Herrn, und alle Völker sollen ihn preisen!« 12Weiter sagt Jesaja (Jes 11,10): »Erscheinen wird der Wurzelspross Isais, und zwar er, der da aufsteht, um über die Heiden zu herrschen: auf ihn werden die Heiden ihre Hoffnung setzen.« 13Der Gott aber, der unsere Hoffnung ist, erfülle euch mit aller Freude und mit Frieden auf dem Grunde des Glaubens, damit ihr immer reicher an Hoffnung werdet durch die Kraft des heiligen Geistes!

Evangelium

Lk 21,25–33

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas.

Der Herr sprach zu seinen Jüngern: 25»Dann werden Zeichen an Sonne, Mond und Sternen in Erscheinung treten und auf der Erde wird Verzweiflung der Völker in ratloser Angst beim Brausen des Meeres und seines Wogenschwalls herrschen, 26indem Menschen den Geist aufgeben vor Furcht und in banger Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen werden; denn (sogar) die Kräfte des Himmels werden in Erschütterung geraten (Jes 34,4)27Und hierauf wird man den Menschensohn auf einer Wolke kommen sehen mit großer Macht und Herrlichkeit (Dan 7,13)28Wenn dies nun zu geschehen beginnt, dann richtet euch auf und hebt eure Häupter empor; denn eure Erlösung naht.« 29Er sagte ihnen dann noch ein Gleichnis: »Seht den Feigenbaum und alle anderen Bäume an: 30sobald sie ausschlagen, erkennt ihr, wenn ihr es seht, von selbst, dass nunmehr der Sommer nahe ist. 31So sollt auch ihr, wenn ihr alles dieses eintreten seht, erkennen, dass das Reich Gottes nahe ist. 32Wahrlich ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis alles geschieht. 33Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nimmermehr vergehen!«

[Übersetzung der biblischen Texte nach Hermann Menge]

„Siehe, dein König kommt!“

Einzug Christi in Jerusalem: Palastkapelle Palermo, 12. Jh.

Liturgische Eigentexte des 1. Advent

Introitus-Psalm

Ps 1

1Wohl dem, der nicht wandelt
im Rat der Gottlosen

und nicht tritt auf den Weg der Sünder,
noch sitzt im Kreise der Spötter,

2vielmehr Gefallen hat am Gesetz des HERRN
und sinnt über sein Gesetz bei Tag und bei Nacht!

3Der gleicht einem Baum, gepflanzt an Wasserbächen,
der seine Früchte bringt zu rechter Zeit

und dessen Laub nicht welkt;
und alles, was er beginnt, das gelingt.

4Nicht also die Gottlosen: nein,
sie gleichen der Spreu, die der Wind verweht.

5Darum werden die Gottlosen nicht im Gericht bestehn
und die Sünder nicht in der Gemeinde der Gerechten.

6Denn es kennt der HERR den Weg der Gerechten;
doch der Gottlosen Weg führt ins Verderben.

Tagesgebet

Vom 1. Advent

Allmächtiger Gott! Dein ewiger Sohn Jesus Christus hat sich selbst dazu erniedrigt, an unserem vergänglichen Leben Anteil zu nehmen. Gewähre uns in diesem Leben die Gnade, die Werke der Finsternis abzulegen und die Waffen des Lichts anzulegen – damit am Jüngsten Tag, wenn Er in Seiner herrlichen Majestät wiederkommen wird, die Lebenden und die Toten zu richten, auch wir zum unsterblichen Leben auferstehen werden. Durch Ihn, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und herrscht, jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen.

Lesung

Röm 13,8–14

Aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer.

Brüder und Schwestern! 8Bleibt niemand etwas schuldig, außer dass ihr einander liebt; denn wer den anderen liebt, hat damit das Gesetz erfüllt. 9Denn das Gebot: »Du sollst nicht ehebrechen, nicht töten, nicht stehlen, lass dich nicht gelüsten!« und jedes andere derartige Gebot ist in diesem Wort einheitlich zusammengefasst (Lev 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!« 10Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses; demnach ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes. 11Und zwar (verhaltet euch auf diese Weise) in richtiger Erkenntnis der (gegenwärtigen) Zeit, dass nämlich die Stunde nunmehr für uns da ist, aus dem Schlaf zu erwachen; denn jetzt ist die Rettung uns näher als damals, als wir zum Glauben gekommen sind: 12die Nacht ist vorgerückt und der Tag nahegekommen. So lasset uns denn die Werke der Finsternis abtun, dagegen die Waffen des Lichts anlegen! 13Lasset uns sittsam wandeln, wie es sich am Tage geziemt: nicht in Schwelgereien und Trinkgelagen, nicht in Unzucht und Ausschweifungen, nicht in Streit und Eifersucht; 14nein, ziehet den Herrn Jesus Christus an, und seid dem Fleisch nicht so zu Diensten, dass böse Begierden dadurch erregt werden!

Evangelium

Mt 21,1–13

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus.

In jener Zeit, 1als sie sich Jerusalem näherten und nach Bethphage an den Ölberg gekommen waren, da sandte Jesus zwei von seinen Jüngern ab 2mit der Weisung: »Geht in das Dorf, das vor euch liegt! Ihr werdet dort sogleich (am Eingang) eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und bringt sie mir her! 3Und wenn euch jemand etwas sagen sollte, so antwortet ihm: ›Der Herr hat sie nötig, wird sie aber sofort zurückschicken.‹« 4Dies ist aber geschehen, damit das Wort des Propheten erfüllt werde, das da lautet (Jes 62,11; Sach 9,9)5»Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und auf einem Esel reitend, und zwar auf einem Füllen, dem Jungen des Lasttiers.« 6Als nun die Jünger hingegangen waren und den Auftrag Jesu ausgerichtet hatten, 7führten sie die Eselin mit dem Füllen herbei, legten ihre Mäntel auf sie, und er setzte sich darauf. 8Die überaus zahlreiche Volksmenge aber breitete ihre Mäntel auf den Weg aus, andere hieben Zweige von den Bäumen ab und streuten sie auf den Weg; 9und die Scharen, die im Zuge vor ihm her gingen und die, welche ihm nachfolgten, riefen laut: »Hosianna dem Sohne Davids! Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna in den Himmelshöhen!« 10Als er dann in Jerusalem eingezogen war, geriet die ganze Stadt in Bewegung, und zwar fragte man: »Wer ist dieser?« 11Da sagte die Volksmenge: »Dies ist der Prophet Jesus aus Nazareth in Galiläa!« 12Jesus ging dann in den Tempel Gottes, trieb alle hinaus, die im Tempel verkauften und kauften, warf die Tische der Geldwechsler und die Sitze der Taubenverkäufer um 13und sagte zu ihnen: »Es steht geschrieben (Jes 56,7): ›Mein Haus soll ein Bethaus heißen!‹ Ihr aber macht es zu einer ›Räuberhöhle‹!« (Jer 7,11)

„Vor Deinem Kreuze, o Herrscher, werfen wir uns nieder …“

Kreuzigung unseres Herrn Jesus Christus: Meister der Schule von Nowgorod, ca. 1360

Ein Beitrag zum Hochfest Kreuzerhöhung

1. Vom Hauptfest des capitolinischen Jupiters in Rom zum Fest Kreuzerhöhung in Jerusalem

Fragen wir uns, warum das Fest „Kreuzerhöhung“ gerade auf den 14. September fällt, so müssen wir zuerst auf das vorchristliche Hauptfest des capitolinischen Jupiters schauen. Denn am 13. September war ein hoher Feiertag für den höchsten Gott in Rom. Diesen altehrwürdigen Festtag zu Ehren des größten und besten Gottes wollte Konstantin der Große erhalten. Er legte deshalb fest, dass die Einweihung der Grabeskirche am 13. September zu erfolgen hätte. Diese fand statt im Jahr 335. Wir müssen freilich bedenken, dass es sich um zwei große Kirchen handelte. Die eine stand auf Golgatha. Die andere überdeckte das Grab des Herrn. Beide wurden gemeinsam geweiht. Bereits die Pilgerin Egeria berichtet uns gegen Ende des vierten Jahrhunderts über die Kirchweihfeierlichkeiten, wie sie jährlich in Jerusalem begangen werden: Ca. 40–50 Bischöfe sind versammelt. Die Kirchen sind geschmückt wie zu Epiphanie und Ostern. Eine Festoktav mit täglichen Prozessionen wird abgehalten. Viele Pilger kommen aus verschiedenen Ländern.

Berühmt ist die Teilnahme der öffentlichen Sünderin Maria von Ägypten. Aus Neugierde will sie wissen, was die Gläubigen nach Jerusalem führt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten bekehrt sie sich und lebt fortan in der Wüste. Der heilige Zosimas aus dem Gerasimuskloster brachte ihr jedes Jahr zum Fest der Auferstehung das Abendmahl.

Bis heute kommen Pilger aus Ägypten zum Kirchweihfest der Grabeskirche, die nach dem julianischem Kalender am 27. September gefeiert wird. Wenn Ende September die Anastasis nach Basilikum duftet, das Ostertroparion „Christ ist erstanden“ erklingt und der Allerseligste, der Patriarch von Jerusalem, hinunter in die Helenakapelle zieht, dann ist die Kirchweih der Grabeskirche, bzw. es wird deren zweiter Feiertag begangen, das Fest „Kreuzerhöhung“. Im Rahmen der Festwoche war es üblich, dass am zweiten Feiertag das Kreuzesholz zur Verehrung gereicht wurde. Aus diesem Brauch entwickelte sich das Fest Kreuzerhöhung. Egeria gibt als Grund für das große Fest die Auffindung des heiligen Kreuzes an.

2. Das lebenspendende Kreuz Deiner Güte

Mit der Anrufung „Das lebenspendende Kreuz Deiner Güte, das Du uns Unwürdigen gewährt hast, o Herr, bringen wir Dir herbei in Verehrung …“ beginnt das Troparion am Vorabend des 14. September im Ritus von Byzanz. Das Kreuz kann zur Verehrung gezeigt werden, da die heilige Helena, die Mutter Kaiser Konstantins, es gefunden hat. Die Legende berichtet, dass Kranken verschiedene Hölzer aufgelegt wurden. Wenn eine Heilung erfolgte, war gesichert, dass es sich um das Kreuz des Erlösers, um das Kreuz Jesu Christi, handelte.

Konstantin und Helena: altrussisches Relief, 13. Jh.

Das Fest Kreuzerhöhung ist also eine Erinnerung an die Auffindung des heiligen Kreuzes durch Kaiserin Helena. Es ist auch Gedächtnis der Rückeroberung der Kreuzesreliquie durch Kaiser Heraklion am 3. Mai 628. Der Perserkönig Chosroes hatte das Reliquiar an sich genommen. Seine Frau war ostsyrische (nestorianische) Christin. Ihr wollte er es zum Geschenk machen. Kaiser Heraklion verwandte die ganze Schaffenskraft seiner Amtszeit darauf, das Kreuz zurückzuerobern. Wahrscheinlich um 628 brachte er es zunächst nach Konstantinopel und im März 630 nach Jerusalem. Wieder konnte das heilige Kreuz zur Verehrung gezeigt werden. Es war die Regierungszeit des Patriarchen Sophronius. 637 fiel Jerusalem in die Hände des Islam, nachdem das kaiserliche byzantinische Heer abgezogen war. Patriarch Sophronius hatte die Verteidigung der Stadt auf das Beste organisiert. Doch nach der Flucht des Heeres übergab er in aussichtsloser Situation die Stadt. Er führte die Verhandlungen. Unter ungeklärten Umständen kam er ums Leben, vielleicht, weil er Soldaten ermunterte nicht zum Islam überzutreten.

Kaiser Konstantin hatte im Traum das Kreuzzeichen gesehen. Nach Eusebius von Caesarea erschien ihm im Sonnenlicht das Kreuz mit der Inschrift En touto nika, in diesem (Zeichen) siegst du! Er hat seinen Sieg an der Milvischen Brücke oder bei Saxa Rubra im Oktober 312 dieser Erscheinung zugeschrieben. Auch dieser Aspekt ist Teil des Kreuzgedächtnisses. Später ließ Konstantin einen seiner Söhne töten: Crispus wurde durch seinen Vater Konstantin ermordet, da er ihn als Regierungskonkurrenten fürchtete. Seine Frau teilte sein Schicksal. Er war der Lieblingsenkel der Kaiserin Helena. Angesichts dieses schweren Leides macht sie sich auf die Suche nach dem Kreuz des Herrn. Das ist die Botschaft der Kreuzauffindungslegende. Nach dem Vorbild der heiligen Helena suchen wir in unserem Kreuz das Kreuz Christi. Im Leid und in der Not unseres Lebens finden wir Hilfe, Heil und Rettung, wenn wir auf das Kreuz Christi schauen.

Die alte Kirche hat das Kreuz stets als Siegeszeichen gesehen und das gemmengeschmückte Siegeskreuz bevorzugt. Es ist Hinweis auf den, der am Holz den Tod besiegt hat. „Im Tode bezwang er den Tod“, heißt es im Ostertroparion. Das Kreuz Christi steht für das Leben, für das ewige Leben. Das Fest Kreuzerhöhung entwickelte sich aus der Kirchweihe der Grabeskirche und der Auffindung des Kreuzesholzes. Letztlich ist es aber doch Hinweis auf den am Kreuz gestorbenen König, der durch den Tod ging und auferstanden ist. Sehr schön kommt der Zusammenhang von Kreuz und Leben im Hymnus „Christi Auferstehung haben wir geschaut“ zum Ausdruck. Er wird in der byzantinischen Osternacht und nach Verkündigung des sonntäglichen Auferstehungsevangeliums in der Nachtwache gesungen. „Vor Deinem Kreuze fallen wir nieder, o Christus, und Deine heilige Auferstehung besingen und preisen wir … Denn siehe durch das Kreuz kam Freude in alle Welt … Denn das Kreuz hat er erduldet um unseretwillen und durch den Tod vernichtet den Tod.“

3. „Wir aber müssen uns rühmen im Kreuze…“

Mit den Worten „Wir aber müssen uns rühmen im Kreuze unseres Herrn Jesus Christus; in Ihm ist für uns das Heil, das Leben und die Auferstehung“ (nach Gal 6,14) beginnt der Introitus der römischen Messe zum Fest Kreuzerhöhung. In Rom wurde das Fest ab dem 7. Jahrhundert übernommen. Wohl aus gallikanischer Tradition kam das Kreuzfest am 3. Mai in den römischen Kalender. Es erinnerte an die Kreuzauffindung durch Helena. Für den 14. September war der Sieg über die Perser der Ausgangspunkt. Als Doppelung wurde das Gedächtnis am 3. Mai in der Liturgiereform gestrichen. Im Kalender der nordisch-katholischen Kirche ist es auch heute zu finden. In Rom hat das Fest Kreuzerhöhung nie die Bedeutung wie in Byzanz erlangt. Es gibt den Titel, bisweilen auch von Wallfahrtskapellen. Zum Beispiel wird das Fest in der Abtei Chevetogne festlich als Patrozinium gefeiert, freilich im byzantinischen Ritus. In Byzanz ist es Festtag und strenger Fasttag. Es zählt zu den zwölf Hochfesten. Das in der eucharistischen Liturgie ansonsten übliche Trishagion wird durch den Ruf „Vor Deinem Kreuze, o Herrscher, werfen wir uns nieder und Deine heilige Auferstehung preisen wir“ ersetzt. Besonders eindrucksvoll ist die pankosmische Kreuzerhöhungszeremonie. Ein mit Blumen reichgeschmücktes Kreuz wird in alle vier Himmelsrichtungen erhoben und unter dem Gesang von 40 Kyrie eleison langsam bis auf den Boden gesenkt. Die Erhöhung des Gottessohnes ist seine Erniedrigung. Die Väter lehren, Gott konnte nicht mehr wachsen, nicht mehr größer werden. Größer als Gott geht nicht. Allein in seiner Menschwerdung, in seiner Erniedrigung, in seinem Tod am Kreuz (vgl. den Philipperhymnus Phil 2,6–11) konnte seine Größe noch gemehrt werden.

So ist das Kreuz Zeichen des Lebens des Lebens, das der Lebensspender Christus gewährt. Es wird gerettet, wer zu ihm aufschaut. „Darum wollen wir zu ihm aufschauen, um von den Bissen der Sünde geheilt zu werden“, schreibt Augustinus in seinem Johanneskommentar. Vorbild ist die von Moses erhöhte Schlange in der Wüste. (Vgl. Num 21,6f.)

Das Kreuz ist augenfälliges Zeichen der Liebe Gottes und jede große Liebe ist deshalb stets gekreuzigte Liebe sagt Paul Ewdokimow. Romanos der Melode dichtet: „Das Kreuzesholz bringt uns an jedem Tag und zu jeder Zeit unermesslichen Reichtum, denn es führt uns alle erneut ins Paradies.“

So möge uns die Liebe des Gekreuzigten zuteil werden, wenn wir gleich Maria von Ägypten und der heilige Helena auf das kostbare und lebenspendende Kreuz schauen. Christi Licht, das einst Konstantin ergriffen hat und das allen leuchtet, leuchte auch uns in diesen schweren Zeiten der Pandemie, vor allem, wenn wir die Weihe des Hauses der Auferstehung und das Kreuzfest begehen. „Rette uns o Kreuz, durch Deine Macht, heilige uns durch Deinen Glanz, Du kostbares Kreuz und gib uns Kraft durch Deine Erhöhung. Denn als Licht wurdest Du uns gegeben und als Rettung unserer Seelen.“

Weihe der Anastasis 2021

Joachim Danz,
Dipl.-Theol. (Univ.)