Notizen zur orthodox-altkatholischen Lehre, III/1–II: Eigenschaften der Kirche

Christus und die Apostel: Antependium, Kathedrale von Urgell/Katalonien, um 1200

Die orthodoxen und die altkatholischen Kirchen haben zwischen 1975–1987 einen umfassenden theologischen Konsens erarbeitet — mit dem Ziel einer kanonischen Vereinigung. Während sich einige altkatholische Kirchen (besonders in Westeuropa) hiervon später distanziert haben, hält die Union von Scranton an diesem altkirchlichen Glauben weiterhin fest. Wir dokumentieren hier weitere Notizen zur Katechesenreihe (von F. Irenäus Herzberg) über das orthodox-altkatholische Konsensdokument Koinonia auf altkirchlicher Basis (= IKZ 79/4 Beiheft, 1989, Hrsg. Urs von Arx). 

Bisher erschienen in der Katechesenreihe die folgenden Teile: 

III/1–II. Wesentliche Eigenschaften der Kirche

(II.) Wo wird das Wesen der Kirche dogmatisch definiert, und mit welcher Formel?

Das Symbol (= Glaubensbekenntnis) des Zweiten Ökumenischen Konzils (Konstantinopel 381) lehrt, aufbauend auf dem Symbol des Ersten Ökumenischen Konzils (Nizäa 325), „die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“. Es wurde vom Vierten Ökumenischen Konzil (Chalkedon 451) bestätigt. [Mit dem Begriff „Ökumenisches Konzil“ ist hier eine Versammlung von Bischöfen aus der gesamten bewohnten Welt (oikoumene) gemeint, in Abgrenzung von den Provinzial- oder Regionalsynoden; gelegentlich verwendet man hierfür auch den Begriff „Ökumenische Synode“.]

(II.1.) In welchem Sinne ist die Kirche „eine“?

  • Die Kirche ist der Leib Christi und hat ein Haupt, nämlich Christus. Daher gibt es auch nur einen zu Christus gehörenden und vom Heiligen Geist beseelten Leib; in diesem Leib ist Christus mit allen Gläubigen als Gliedern vereinigt.
  • Die Ortskirchen als Teile dieses Leibes sind miteinander verbunden durch
    1. die Einheit des Glaubens,
    2. die Einheit des Gottesdiensts und
    3. die Einheit der Ordnung. [Vgl. Apg 2,42]
  • Durch den Glauben und Gottesdienst werden die Gläubigen mit Christus und untereinander verbunden; umgekehrt bringen sie ihre Verbindung durch das Bekennen desselben Glaubens und das Feiern des desselben Gottesdiensts (soweit dieser den Glauben zum Ausdruck bringt), zum Ausdruck.
  • Die Einheit der Ordnung zeigt sich
    • in den Grundsätzen, nach welchen die Leitung ausgeübt wird, und
    • in der Anerkennung eines Leitungsamts durch die Gläubigen, als Autorität gemäß Kirchenrecht, nämlich der Gemeinschaft der Bischöfe.

Widerspricht die Vielfalt der Sichtweisen in der Kirche ihrer Einheit?

Die gleichen ewigen Wahrheiten des Glaubens werden von den Gläubigen zuweilen auf verschiedene Weise erkannt. Darüber hinaus ist die Kirche oft geduldig mit verirrten Gliedern und schließt diese nicht sofort aus. In alledem liegt kein Widerspruch zur Einheit des Glaubens.

Worin gründet die Einheit der Kirche?

  • Die Kirche bildet als Leib Christi eine Einheit, in der die vielen Glieder vereinigt sind.
  • Der Herr hat für die Einheit der Kirche gebetet – und zwar als Einheit, die jener von Gott-Vater und Gott-Sohn entspricht (Joh 17,21).
  • Die Einheit der Kirche ist somit ein Abbild der Einheit der heiligen Dreifaltigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist.
  • Die Glieder der Kirche sind berufen, durch die Einheit ihres Willens dieses Abbild erkennbar werden zu lassen.

(II.2.) In welchem Sinne ist die Kirche „heilig“?

[Heiligkeit bedeutet in der Schrift: ausgesondert zu sein für Gott – und dadurch auch den sündhaften Zusammenhängen dieser Welt entrissen.] Die Heiligkeit der Kirche besteht in ihrer Verbindung mit Christus:

  • Er, der absolut Heilige, ist ihr Haupt und gibt ihr Anteil an Seinem göttlichen Leben.
  • Er hat sich für sie aufgeopfert und sie dadurch für sich geweiht. (Eph 5,25-27)
  • Er hat sie ausgesondert zum „Haus Gottes“. (1 Tim 3,15, Hebr 3,6)
  • Er hat alle ihre Glieder, nämlich das Volk Gottes, mit Seinem Blut besprengt und so geweiht und geheiligt (Hebr 13,12); diese heißen daher „Heilige“ (Apg 9,13).

Widerspricht die Sündhaftigkeit ihrer Glieder der Heiligkeit der Kirche?

  • Nein, da die Heiligkeit der Kirche in der Heiligkeit Christi gründet (siehe oben).
  • Die Behauptung, die Kirche bestehe nur aus vollkommen heiligen Menschen, ist eine irrige Übertreibung asketischer Strenge; sie wurde von den Kirchenvätern einmütig verurteilt [z.B. von Augustinus in Auseinandersetzung mit den Donatisten].

(II.3) In welchem äußeren Sinne ist die Kirche „katholisch“?

  • [„Katholisch“ heißt wörtlich: dem Ganzen gemäß, all-umfassend.]
  • Die Kirche hat den Herrn des Alls zum Haupt.
  • Dieser hat ihr verheißen, sie werde sich durch alle Zeiten, Nationen und Kulturen erstrecken (Mt 28,20, Mk 16,15, Apg 1,8 [Offb 7,9]).
  • Diesen äußeren Sinn der Katholizität nennt man auch „quantitativ“.

In welchem inneren Sinne ist die Kirche „katholisch“?

  • Die Kirche vertritt durch Raum und Zeit hindurch stets die gleiche Fülle der Lehre.
  • Sie bewahrt „was überall, was immer und was von allen geglaubt worden ist“ (Vinzenz von Lérins, Commonitorium 2, Migne PL 50, 640 [BKV I, 20, 165]).
  • Die katholische Kirche zu sein, heißt, die rechtgläubige [griechisch: „orthodoxe“], authentische und wahre Kirche zu sein. Dies ist der qualitative Sinn von Katholizität.

Wie kann die Katholizität der Kirche noch beschrieben werden?

In den Worten des heiligen Kyrill von Jerusalem (Katechesen 18, 23; Migne PG 33, 1044; BKV² I, 41, 351f.): „Die Kirche heißt katholisch, weil sie auf dem ganzen Erdkreis, von dem einen Ende bis zum anderen, ausgebreitet ist, weil sie allgemein und ohne Unterlass all das lehrt, was der Mensch von dem Sichtbaren und Unsichtbaren, von dem Himmlischen und Irdischen wissen muss, weil sie das ganze Menschengeschlecht, Herrscher und Untertanen, Gebildete und Ungebildete, zur Gottesverehrung führt, weil sie allgemein jede Art von Sünden, die mit der Seele und dem Leibe begangen werden, behandelt und heilt, endlich weil sie in sich jede Art von Tugend, die es gibt, besitzt, mag sich dieselbe in Werken oder Worten oder in irgendwelchen Gnadengaben offenbaren.“

(II.4) Inwiefern ist die Kirche „apostolisch“?

  • Der Herr der Kirche ist laut der Schrift (Hebr 3,1, vgl. Gal 4,4) selbst der erste „Apostel“ [d.h. ein von Gott dem Vater zu den Menschen Gesandter].
  • Die Kirche ist „aufgebaut auf dem Grund der Apostel und Propheten, wobei Christus Jesus selbst der Eckstein ist“ (Eph 2,20).

Lässt sich auch hier ein innerer und ein äußerer Sinn der Apostolizität unterscheiden?

  • So wie der Vater den Sohn in die Welt gesandt hat, sandte Christus die Apostel zur Verkündigung Seiner Lehre aus (Joh 20,21, Lk 10,16 [Mt 28,20]); die Apostel wiederum gaben den anvertraute Schatz der Wahrheit an ihre Nachfolger weiter.
  • Die Kirche ist apostolisch im inneren Sinn, da sie treu, unverkürzt und unverfälscht diese Lehre bis zum heutigen Tag weitergibt.
  • Die Kirche ist apostolisch im äußeren Sinn, da ihre Hirten und Lehrer, die Bischöfe, in einer ununterbrochenen Reihe der Nachfolge stehen, die bis auf die Apostel zurückreicht [= apostolische Sukzession].

Lassen sich die beschriebenen vier dogmatischen Eigenschaften der Kirche [notae ecclesiae] voneinander trennen?

Nein, denn sie bedingen einander notwendig und verbürgen zusammen die Unüberwindlichkeit [Mt 16,18] und Unfehlbarkeit der Kirche als „Säule und Grundfeste der Wahrheit“ (1 Tim 3,15).

Fortsetzung in Vorbereitung: III/2 Die Einheit der Kirche und die Ortskirchen

Katechetische Notizen zur orthodox-altkatholischen Lehre, III/1–I: Grundlagen der Ekklesiologie

Pfingstwunder: Rabbula-Evangeliar (syrisch, 6. Jh.)

Im Folgenden dokumentieren wir hier weitere Notizen zur Katechesenreihe (von F. Irenäus Herzberg) über das orthodox-altkatholische Konsensdokument Koinonia auf altkirchlicher Basis (= IKZ 79/4 Beiheft, 1989, Hrsg. Urs von Arx). Bisher erschienen in der Reihe die folgenden Teile: 

III/1–I. Das Wesen der Kirche

[Vorbemerkung: Die Ausführungen zur Ekklesiologie (Kapitel III) im orthodox-altkatholischen Konsensdokument bilden dessen mit Abstand längstes Kapitel und nehmen ein ganzes Drittel des gesamten Dokuments ein. Die Ekklesiologie bildet gewissermaßen das Herzstück orthodoxer (und altkatholischer) Dogmatik — ja, deren inhaltlichen Angelpunkt: Die Ekklesiologie stellt das wesentliche Bindeglied zwischen Fundamentaltheologie, Gotteslehre sowie Christologie einerseits und Soteriologie, Sakramentenlehre sowie Eschatologie andererseits dar. Der erste und grundlegende Abschnitt des orthodox-altkatholischen Konsenstexts zur Ekklesiologie (Abschnitt III/1: „Wesen und Eigenschaften der Kirche“) ist noch einmal in zwei Teilabschnitte untergliedert. Im Folgenden sollen die Inhalte des ersten dieser beiden Unterabschnitte vorgestellt werden — wie gewohnt als inoffizielle Lesehilfe und Diskussionsbegleitung, welche die Beschäftigung mit den Originaltexten erleichtern, aber nicht ersetzen will.]

(I.1.) Lässt sich die Lehre von der Kirche unabhängig von Gotteslehre und Christologie behandeln?

Nein: Denn das Wesen der Kirche steht in engstem Zusammenhang mit der Selbstoffenbarung des dreifaltigen Gottes im Gott-Menschen Jesus Christus und im Heiligen Geist. [Ein primär soziologisches Verständnis der Kirche wird daher ihrem eigentlichen Wesen nicht gerecht.]

In welcher Form beschreiben Schrift und Überlieferung die Kirche ihrem Wesen nach?

In Schrift und Überlieferung findet sich keine allgemeine abstrakte Definition der Kirche. Vielmehr werden dort zahlreiche Bilder bzw. bildhafte Bezeichnungen derselben gegeben.

Welches sind Bilder und Bezeichnungen für die Kirche in der Schrift?

Die Kirche ist:

  • der „Leib Christi“ (1 Kor 12,13.27),
  • das „Volk Gottes“ (1 Petr 2,10),
  • das „Haus“ bzw. der „Bau“ oder „Tempel Gottes“ (1 Tim 3,15; 1 Kor 3,9.16),
  • die „königliche Priesterschaft“ (1 Petr 2,9),
  • die „Braut“ Christi (Mk 2,20, Offb 21,2),
  • der „Weinberg“ Gottes (Jes 5,7).

[Die Kirche ist somit nicht selbst schon das Gottesreich, sondern sie stellt dessen fortschreitende Verwirklichung dar. Das Reich Gottes wird erst am Ende der Zeiten bei Christi Wiederkunft seine vollendete Gestalt annehmen.]

Wie wird die Kirche in der Überlieferung beschrieben?

In der Überlieferung werden jeweils verschiedene Wesenszüge der Kirche betont; sie ist:

  • bischöflich geleitet,
  • priesterlich und charismatisch,
  • Gemeinschaft der Gläubigen,
  • Vereinigung der Rechtgläubigen aller Zeiten und
  • die im Gott-Menschen Christus geeinte Menschheit.

(I.2.) Wie ist die Kirche entstanden?

  • Die Kirche gründet als Gottesvolk in Gottes ewigem Ratschluss.
  • Die Kirche wurde bereits im Alten Bund vorgebildet und als dessen Erneuerung verheißen (Jes 2,2; Jer 31,31).
  • In der „Fülle der Zeit“ [Gal 4,4], am Angelpunkt der Heilsgeschichte, wurde die Kirche verwirklicht durch:
    • die Menschwerdung des Wortes Gottes in Christus Jesus,
    • Seine Verkündigung des Evangeliums,
    • Seine Berufung der Zwölf Apostel,
    • Seine Einsetzung des Heiligen Abendmahls,
    • Seinen Kreuzestod und Seine Auferstehung und
    • die Sendung des Heiligen Geistes durch Ihn am Pfingsttag.
  • [Für das richtige Verständnis der Kirche ist somit sowohl eine christologische als auch eine pneumatologische Perspektive bedeutsam. Das lutherische Verständnis der Kirche als creatura verbi beispielsweise steht in der Gefahr, die pneumatologische Dimension zu vernachlässigen.]

(I.3.) Was sind die beiden grundlegenden Aspekte des Wesens der Kirche?

  • Die Kirche ist der Leib Christi, ihr Haupt ist Christus selbst.
  • Die Kirche ist somit ein gottmenschlicher Organismus; ihr Leben besteht in der Verbindung der Glieder zum göttlichen Haupt und untereinander.
  • Als gottmenschlicher Organismus hat die Kirche einen göttliche, ewigen und daher unsichtbaren Aspekt, zugleich aber ist sie sichtbarer Teil der Geschichte; die Wanderung des Gottesvolks ist Teil der allgemeinen Menschheitsgeschichte.
  • Sichtbare Merkmale der Kirche sind:
    • das von den Aposteln her überlieferte Amt (und somit auch die Unterscheidung von Klerus und Laien),
    • die bleibenden Grundsätze der Lehre,
    • die feststehende Ordnung des Gottesdiensts.
  • Zur Kirche gehören sowohl die schon im Himmel Vollendeten als auch die noch auf Erden den „guten Kampf“ (2 Tim 4,6) kämpfenden Gläubigen.
  • [Für diese beiden Teile der Kirche kennt die lateinische Tradition die Begriffe ecclesia triumphans und ecclesia militans. Da die Orthodoxie keine allgemein anerkannte Lehre vom Reinigungsort hat – obgleich sich in der byzantinischen liturgischen Tradition manche Ansätze dafür finden –, wird die ecclesia expectans hier nicht eigens erwähnt.]

Was vollzieht sich in der Kirche an ihren Gliedern?

  • In der Kirche findet das neue Leben aus der Kraft Christi und gemäß Seiner Weisung statt – das Leben im Heiligen Geist.
  • In der Kirche wird allen Gliedern Anteil gegeben am göttlichen Leben Christi, welcher ja ihr Haupt ist, damit sie geheiligt und gerettet werden.
  • [Damit ist nicht ausgeschlossen, dass Gott in Seinem unergründlichen Ratschluss auch zuweilen außerhalb der Kirche wirken kann; wohl aber ist das Leben in und mit der Kirche der sichere Weg zum Heil.]

(I.4) Manche behaupten, die wahre Kirche sei unsichtbar oder sie sei ein unbestimmbares Ideal, dem keine Kirche auf Erden vollkommen entspräche.

  • Wie wir gesehen haben (I.3), hat die vom Herrn gegründete Kirche – neben einem unsichtbaren Aspekt – durchaus auch eine sichtbare Seite.
  • Aus diesem Grund ist die wahre Kirche auch kein unbestimmbares Ideal, sondern vielmehr eine sichtbare geschichtliche Größe mit definierbaren Merkmalen.
  • Dies zu leugnen [wie es in manchen protestantischen Traditionen geschieht], widerspricht sowohl der Heiligen Schrift als auch der Überlieferung – und stellt letztlich die Authentizität der in Christus ergangenen Offenbarung in Frage.

Sie hielten aber beharrlich fest an der Lehre der Apostel und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten.

Apg 2,42

Fortsetzung folgt: III/1–II. Wesentliche Eigenschaften der Kirche

Katechetische Notizen zur orthodox-altkatholischen Lehre, II/3 (Mariologie)

[Verkündigung an die heilige Maria: Emmanuel Tzanfournaris 1575-1630]

Mit den besten Wünschen zum morgigen Hochfest der Verkündigung des Herrn und zur bevorstehenden Heiligen Woche dokumentieren wir hier weitere Notizen zur Katechesenreihe (von F. Irenäus Herzberg) über das orthodox-altkatholische Konsensdokument Koinonia auf altkirchlicher Basis (= IKZ 79/4 Beiheft, 1989, Hrsg. Urs von Arx). 

Bisher erschienen in der Reihe die folgenden Teile: 

II/3 Die Gottesmutter

Darf und soll die heilige Jungfrau Maria „Gottesgebärerin“ bzw. „Gottesmutter“ genannt werden?

Ja! Begründung:

  • Wie zuvor dargelegt (II/2, 1), sind in der Person (Hypostase) Jesus Christus die göttliche und die menschliche Natur vereinigt: er ist Gottmensch – wahrer Gott und wahrer Mensch. [Der Mensch Jesus von Nazareth war von seiner Empfängnis im Mutterleib an bereits das fleischgewordene Wort Gottes.]
  • Folglich hat die heilige Jungfrau Maria eben nicht bloß einen Menschen geboren, sondern den Gottmenschen. Daher gebührt ihr der Titel Gottesgebärerin (theotókos 3. Ökumenisches Konzil, Ephesos 431) – [und nicht nur jener der christotókos, d.h. Christusgebärerin, wie von der häretisch-nestorianischen Partei vorgeschlagen].
  • Der Titel der ,Gottesgebärerin‘ bzw. ,Gottesmutter‘ für die heilige Jungfrau Maria bringt die gesamte Erlösungslehre auf den Punkt [und gilt daher oft als Lackmustest bzw. Schibboleth der Rechtgläubigkeit]; dieser Titel „stellt das ganze Geheimnis des Heilsplanes dar“ (Johannes von Damaskus, Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens, III, 12; BKV I, 44: 142).

(1.) Wie vereinte sich der Erlöser mit dem menschlichen Geschlecht?

  • Die Allmacht Gottes bewirkte durch den Heiligen Geist die Empfängnis der heiligen Jungfrau Maria, mithin ihre wahre Mutterschaft, als die „Kraft des Höchsten [sie] überschattete“ (Lk 1,35).
  • Das göttliche Wort nahm die menschliche Natur mit Leib und Seele an und wurde Fleisch (Joh 1,14).

Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Einheit der Person Christi und dem Titel der Gottesmutterschaft Mariens?

Beide Glaubenswahrheiten stehen in einem engen logischen Zusammenhang:

  • Die unvermischte Vereinigung der göttlichen und der menschlichen Natur in dem einen Herrn Jesus Christus kommt dadurch zustande, dass Gott das Wort bei der Empfängnis der Jungfrau aus ihr einen Tempel nimmt und mit sich selbst vereinigt. (Formula unionis von 433 der antiochenischen und der alexandrinischen Partei)
  • Weil die göttliche und die menschliche Natur unvermischt vereinigt wurden, können wir sagen: Unser Herr Jesus Christus ist der eine Sohn Gottes, „aus dem Vater gezeugt der Gottheit nach, […] aus der Jungfrau [geboren] der Menschheit nach.“ (4. Ökumenisches Konzil, Chalkedon 451)

(2.) Was meint die Jungfräulichkeit der heiligen Maria?

  • Es ist damit nicht nur die Jungfräulichkeit bei der Empfängnis, sondern auch bei (!) [virginitas in partu] und nach der Geburt [virginitas post partum] gemeint.
  • Schon der heilige Ignatius von Antiochien nennt die Geburt der Jungfrau Maria [neben ihrer jungfräulichen Mutterschaft und dem Tod des Herrn] eines von „drei laut rufenden Geheimnissen“ (ad Eph. 19, BKV I, 35: 124)
  • Die Väter des 4. Ökumenischen Konzils sprechen gegenüber Kaiser Markian vom „herrlich versiegelten“ Leib der Jungfrau Maria; die Entscheidungen des [5.und] 7. Ökumenischen Konzils ehren sie als „stete Jungfrau“ [aeiparthenos].
  • Schon der heilige Augustinus lehrt: „Eine Jungfrau empfing, eine Jungfrau gebar und blieb auch nach der Geburt Jungfrau“ (de symb. ad cat. 1,3; BKV I, 37: 359). [Dass eine solche Merkformel Eingang in einen katechetischen Diskurs findet, deutet ebenso wie die Aussage der Väter des 4. Ökumenischen Konzils auf eine sehr gefestigte Tradition hierzu schon im 5 Jahrhundert hin.]
  • [Die virginitas in partu Mariens widerspricht natürlich – ebenso wie die leibhaftige Auferstehung – dem im 19. und frühen 20. Jahrhundert üblichen deterministischen Verständnis der Naturgesetze. Hierzu ist das Folgende zu sagen. (a) Seit mehr als einem Jahrhundert erklärt die Physik das Verhalten von Materie mit dem Welle-Teilchen-Dualismus, wobei nach herrschender Meinung (Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik) der Ortsvektor von Teilchen eine Zufallsvariable ist (vgl. Tunneleffekt); demzufolge sind die genannten wundersamen Phänomene zwar statistisch extrem unwahrscheinlich, aber nicht einmal physikalisch ausgeschlossen. (b) Da es hier um einmalige Ereignisse der Heilsgeschichte geht, deren Wiederholbarkeit die Kirche ja gerade bestreitet, kommt ein bloß statistisch begründeter Zweifel an ihnen einer petitio principii nahe. (c) Philosophisch ist zudem zu sagen, dass selbst eine physikalische Unmöglichkeit keine metaphysische oder gar logische ist. (d) Theologisch ist unabhängig von Punkt (a) zu bemerken: Selbst unter der Annahme eines deterministischen Weltbildes wird die Gesetzmäßigkeit der Schöpfung durch einige wenige Suspendierungen der physikalischen Kräfte keineswegs so weit beeinträchtigt, dass daraus ein anderes Gottesbild entstünde.]
  • [Ähnlich kann auch eine Apologie der jungfräulichen Geburt entfaltet werden. Das Inkarnationsdogma ist somit nicht unvernünftig, sondern übervernünftig, wenngleich für den begrenzten menschlichen Verstand stets offene Fragen bleiben werden.]
  • [Mt 1,25 widerspricht der virginitas post partum nicht, da es hier nur um die Geburt Jesu geht; die Präposition heôs deutet eine Mindestdauer, keine Höchstdauer an.]
  • [Der semitische Sprachgebrauch bezeichnet Cousins und entferntere männliche Verwandte ebenfalls als „Brüder“. Die im Neuen Testament mehrfach bezeugten „Brüder Jesu“ müssen daher nicht dieselbe Mutter wie er gehabt haben, sie könnten Cousins oder Stiefbrüder (Kinder des heiligen Josef aus einer früheren Ehe) sein.]

(3.) Wofür verehrt die Kirche die Gottesmutter, was sind ihre Titel?

  • Die Kirche zollt der heiligen Maria große Verehrung [doulia, hyperdoulia]; wirkliche Anbetung [latreia] aber gebührt nur Gott.
  • Sie ehrt die Gottesmutter als auserwähltes Gefäß, insofern sie das Wort Gottes gläubig, demütig und gehorsam angenommen hat.
  • Sie ist Begnadete, Erste der Heiligen [panagia, Allheilige], Allreine, insofern lässt sich bei ihr von einer relativen Sündlosigkeit aus Gnaden sprechen, „zumal von der Herabkunft des Heiligen Geistes auf sie an“ (Koinonia, 57).
  • Absolute Sündlosigkeit eignet jedoch nur dem Herrn Jesus Christus.

Wie steht die Kirche zu den neuzeitlichen Mariendogmen?

  • Das Dogma der Unbefleckten Empfängnis Mariens [passiv!, d.h. von der heiligen Anna] wird mit Blick auf die Form der Dogmatisierung (päpstlicher Lehrentscheid) abgelehnt. Inhaltlich wird es so weit zurückgewiesen wie damit eine absolute Sündlosigkeit der heiligen Jungfrau Maria gelehrt werden soll (siehe oben II/3, 3) .
  • [Im Offiziellen Kommentar zur Erklärung von Scranton wird die immaculata conceptio zwar nicht als Dogma, aber doch als wiederkehrender Bestandteil kirchlicher Lehre – auch der eigenen Kirche – gewürdigt (SYNODOS 3: 22). Hierzu werden allerdings keine Quellen genannt. Es ist jedoch bekannt, dass schon Thomas von Aquin (Summa theologiæ III, q. 27, a. 1) – übereinstimmend mit der herrschenden Meinung ostkirchlicher Theologen – lehrte: Die heilige Maria wurde noch im Mutterleib durch den Heiligen Geist von der Erbsünde gereinigt (und vor Tatsünden bewahrt). Allerdings räumt auch Thomas ein, dass diese Reinigung erst stattfand, nachdem sie bereits – somit erlösungsbedürftig – ins Dasein getreten war (a. 2). Ferner lehrt er, dass sie nach der Verkündigung der Geburt des Herrn abermals gereinigt wurde (a. 3), so wie es ja auch der heilige Johannes von Damaskus bezeugt (Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens, III, 2, PG 94, 985B = BKV² I, 44: 115).]
  • Das zweite neuzeitliche römisch-katholische Mariendogma lehrt, die heilige Jungfrau Maria sei am Ende ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden. Dieses Dogma lehnt die Kirche ebenfalls im Hinblick auf die Form der Dogmatisierung ab. Zugleich ist sie überzeugt, dass die heilige Jungfrau Maria in großer Seligkeit entschlafen ist und feiert daher den Tag ihres Heimgangs.
  • [Der Offizielle Kommentar zur Erklärung von Scranton hält zudem daran fest, dass die Aufnahme Mariens im obigen Sinne wiederkehrender Bestandteil kirchlicher Lehre – auch der eigenen Kirche – ist (SYNODOS 3: 22). Auch hier werden keine Quellen genannt. Gleichwohl berichtet bereits das Alte Testament bekanntermaßen von Henoch und Elija eine leibliche Aufnahme in den Himmel. Dass diese Gnade auch der Mutter des Erlösers der Menschheit zuteil wurde, ist daher nur plausibel. Da die Überlieferung dazu jedoch nicht eindeutig ist, erkennen Orthodoxe und Altkatholiken hierin auch keinen unumstößlichen Glaubenssatz.]

(4.) Darf die Gottesmutter als „Mittlerin“ angerufen werden?

Nein:

  • Die heilige Maria leistet stets Fürbitte für die Kirche bei ihrem Sohn und wird daher in der (byzantinischen) liturgischen Tradition auch als „Vermittlerin“ (mesítria) bezeichnet.
  • Sie ist aber weder „Mittlerin“ (commediatrix), noch „Miterlöserin“ (corredemptrix)!
  • [Mittler und Erlöser ist allein der Gottmensch: unser Herr Jesus Christus.]

Fortsetzung folgt: III/1 Wesen und Eigenschaften der Kirche

Katechetische Notizen zur orthodox-altkatholischen Lehre, II/1–2 (Christologie)

[Christus mit Abba Mina: koptische Ikone, 8. Jahrhundert]

Mit herzlichen Segenswünschen für das Jahr 2021 an alle Leserinnen und Leser dokumentieren wir hier weitere Notizen zur Katechesenreihe (von F. Irenäus Herzberg) über das orthodox-altkatholische Konsensdokument Koinonia auf altkirchlicher Basis (Hrsg. Urs von Arx; Sonderheft zu IKZ 79/4, 1989). 

Bisher erschienen in der Reihe die folgenden Teile: 

II Christologie

II/1 Die Menschwerdung des Wortes Gottes

(1.) Wie ist Gott (der Sohn) Mensch geworden?

  • Der einzige Sohn Gottes, der zugleich das einzige Wort Gottes ist, wurde ein Mensch, indem Er „zu unserem Heil herabgestiegen ist vom Himmel und Fleisch geworden vom Heiligen Geist aus Maria, der Jungfrau“ (Nizänum).
  • Der ewige und zeitlose Gott trat also als ein Mensch, nämlich Jesus Christus, in die Geschichte ein.
  • Es war Gottes Absicht, „das Menschengeschlecht wieder zu einen, in sich als seinem Haupt“ (Kyrill von Alexandrien, PG 76,17).

Ist „Gott-sein“ und „Mensch-sein“ ein Widerspruch?

Nein, denn Jesus Christus ist sowohl vollkommener Gott als auch vollkommener Mensch:

  • Ihm eignet alles, was auch der Vater hat; ausgenommen ist nur die hypostatische Eigenschaft des Ungezeugtseins.
  • Zugleich ist Jesus Christus ein Mensch mit Leib und Seele so wie wir.

Was unterscheidet Jesus Christus von den übrigen Menschen?

Seine Sündlosigkeit und seine übernatürliche Geburt:

  • Seine Fleischwerdung geschah durch den Heiligen Geist aus der Jungfrau Maria.
  • Er war von der Erbsünde und jeder persönlichen Sünde frei.

(2.) Wie verhalten sich göttliche und menschliche Natur Jesu Christi zu einander?

Auf der Grundlage der Heiligen Schrift und der heiligen Überlieferung lehrt die Kirche: Göttliche und menschliche Natur sind auf hypostatische, personale Weise vereinigt worden, nämlich in der Hypostase oder Person Gottes des Wortes. Von dieser Vereinigung lehrt das Vierte Ökumenische Konzil, dass sie „ungeschieden, ungetrennt, unvermischt und unverändert“ ist. [Diese Beschreibung, die mit der Methode negativer (apophatischer) Theologie gewonnen wurde, zeigt in ihrer paradoxen Spannung die Grenzen menschlichen Verstehens des Heilsgeheimnisses, wird aber unten näher expliziert.]

Wie lässt sich die Vereinigung der Naturen in Jesus Christus näher beschreiben?

  • Jesus Christus ist Gottmensch. Die Kirche lehrt, dass er eine göttliche Person in zwei Naturen ist, mit zwei Willen und Wirkweisen (energeiai).
  • Dies ist jedoch so zu verstehen, dass die Wirkweisen selbst gottmenschlich sind, da eine wechselseitige Durchdringung und Einwohnung [Perichoresis] der Naturen, Willen und Wirkweisen stattfindet. Christus „wirkte nämlich weder das Menschliche [bloß] auf menschliche Weise, er war ja nicht bloßer Mensch, noch das Göttliche bloß auf göttliche, er war kein bloßer Gott, sondern Gott und Mensch zugleich.“ (Johannes von Damaskus, de fide orthodoxa, PG 94, 1060 = BKV 1. Reihe Bd. 44, [München 1923], 173)

(3.) Welche Folge hat die hypostatische Vereinigung der beiden Naturen für die heilige Dreifaltigkeit?

Zweierlei:

  1. Zwar hat sich in Christus die ganze göttliche Natur mit der menschlichen vereinigt. Dennoch wurde nicht die ganze heilige Dreifaltigkeit Mensch, sondern nur die zweite Person.
  2. Die Menschwerdung hat keinen Wandel und keine Veränderung in Gott selbst gezeigt; dieser ist unwandelbar und unveränderlich.

(4.) Welche Folgen hat die hypostatische Vereinigung für die Person Jesu Christi?

  1. Die wechselseitige Durchdringung und Einwohnung bedingt auf Grund der Einheit der Person Jesus Christus eine wechselseitige Mitteilung der Eigentümlichkeiten [communicatio idiomatum] der göttlichen und der menschlichen Natur.
  2. Auch die menschliche Natur Christi wird vergottet (theosis), obgleich sie „in der ihr eigenen Grenze und ihrer Art“ (Sechstes Ökumenisches Konzil, Konstantinopel 680/1) verbleibt.
  3. Christus ist sündlos.
  4. Christus kann auch seiner menschlichen Natur nach angebetet werden, denn die Anbetung gilt der Person des Herrn, welche gottmenschlich ist.
  5. Der Herr, den die heilige Jungfrau Maria geboren hat, ist eine einzige gottmenschliche Person; folglich ist sie wahrhaft Gottesgebärerin und in diesem Sinne auch Gottesmutter.

(5.) Kann man die Inkarnation umfassend mit dem Verstand begreifen?

Nein: Die Menschwerdung des ewigen Wortes Gottes ist ein unbegreifliches Geheimnis. Sie ist zudem ein Akt unfassbarer göttlicher Liebe. Die menschliche Antwort darauf muss zuvörderst in gläubigem Vertrauen bestehen.

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II/2 Die hypostatische Union

Was meint die hypostatische Union?

Die hypostatische Vereinigung meint die Vereinigung der zwei Naturen, nämlich der göttlichen und der menschlichen, in der einen Person (oder Hypostase) Jesus Christus.

(1.) Wann ist es zur hypostatischen Union gekommen, wer oder was genau wurde dabei vereinigt?

  • Durch die Hypostase (oder Person) Gottes des Wortes – im Unterschied zu Gott dem Vater und dem Heiligen Geist – vereinigte sich die göttliche Natur mit der menschlichen.
  • Diese Vereinigung fand nicht mit dem ganzen Menschengeschlecht statt, sondern mit einer individuellen und vollständigen menschlichen Natur.
  • Diese individuelle menschliche Natur hatte jedoch keine Existenz außerhalb der Person Jesu Christi. Vielmehr trat diese menschliche Natur erst in dem Moment ins Dasein, als die Fleischwerdung Gottes des Wortes geschah, nämlich durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria.
  • Ab diesem Moment war diese individuelle menschliche Natur auch zugleich mit der göttlichen Natur in der Hypostase oder Person Gottes des Wortes vereinigt. Die individuelle menschliche Natur, die Gott das Wort angenommen hat, hatte nie eine andere Hypostase als die des Gottmenschen Jesus Christus.

(2.) Darf man sich die hypostatische Union als Vermischung der Naturen vorstellen?

  • Nein. Man spricht deshalb auch von einer Hypostase „in zwei Naturen“ und nicht „aus zwei Naturen“, da es sich nicht um eine Vermischung der Naturen handelt. Vielmehr bleibt die Eigentümlichkeit der beiden Naturen auch nach ihrer Vereinigung gewahrt.
  • Die Vereinigung fand im Augenblick der Empfängnis durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria statt, wobei es weder zu einer Vermischung noch zu einer Trennung der Naturen kam. Die Vereinigung ist in Ewigkeit unauflöslich: „Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und in Ewigkeit“ (Hebr 13,8)

(3.) Hatte Jesus Christus nur einen Willen oder gar einen geteilten Willen?

  • Nein: Beide Naturen wollen und wirken jeweils auf eigene Weise das ihrer Art entsprechende.
  • Jesus Christus hat sowohl einen menschlichen als auch einen göttlichen Willen, eine menschliche und eine göttliche Wirkungsweise (energeia), ferner auch menschliches und göttliches Wissen.
  • Allerdings folgt der schwache menschliche Wille dem starken göttlichen Willen durch Unterordnung. Das Wollen und Wirken der menschlichen Natur findet in Gemeinschaft mit der göttlichen Natur statt. Ja: Das Wollen und Wirken beider Naturen geschieht stets „in Einheit … zum Heil des Menschengeschlechts zusammenwirkend “ (Sechstes Ökumenisches Konzil, Konstantinopel 680/1).

War der menschliche Wille Jesu Christi also aufgehoben?

  • Nein, „der vergottete menschliche Wille wurde nicht aufgehoben, sondern blieb vielmehr bestehen“ (ebd.).
  • Das Wollen und Wirken der beiden Naturen geschieht in der je eigenen (göttlichen oder menschlichen) Weise, gleichwohl stets in Gemeinschaft mit der jeweils anderen Natur.
  • [So erklärt sich auch die Lehre des heiligen Kyrill von Alexandrien, wonach es „nur eine fleischgewordene Natur des Wortes Gottes“ (mia physis tou theou logou sesarkomenè) gibt und die beiden Naturen nur gedanklich, d.h. in der „Theorie“ bzw. der menschlichen Vorstellung (tè theoría mónè), zu unterscheiden sind. Auf dieser Basis wurde zwischen den chalcedonensisch-orthodoxen und den orientalisch-orthodoxen Kirchen 1990 in Chambésy/Genf ein christologischer Lehrkonsens erreicht.]

Fortsetzung folgt: II/3 Die Gottesmutter (Mariologie)

Katechetische Notizen zur orthodox-altkatholischen Lehre I/3

Ikone der allerheiligsten Dreifaltigkeit: Andrej Rubljow (1360-1430)
[Das Motiv greift den Besuch der drei Engel bei Abraham zu Mamre auf, vgl. Gen 18]

Wir dokumentieren hier in unregelmäßigen Abständen die Notizen zur Katechesenreihe (von Bischofsvikar Prof. Herzbergüber das orthodox-altkatholische Konsensdokument Koinonia auf altkirchlicher Basis (Hrsg. Urs von Arx; Sonderheft zu IKZ 79/4, 1989). Zuvor erschienen die Teile I/2 Der Kanon der Heiligen Schrift und I/1 Die göttliche Offenbarung und ihre Überlieferung (mit Vorbemerkungen).

I/3 Die Heilige Dreifaltigkeit

Was bekennen wir von dem Wesen Gottes?

  • Wir bekennen
    • einen Gott [Monotheismus],
    • in drei Seinsweisen, auch genannt Hypostasen (griechisch) [bzw. lateinisch Personen;gemeint ist hier aber nicht der alltägliche Personenbegriff, eine persona in diesem Sinne ist nicht notwendigerweise auch ein Individuum!],
    • nämlich der Vater, der Sohn [= „das Wort“, vgl. Joh 1,1] und der Heilige Geist.
  • Der Vater hat den Sohn „geliebt vor Grundlegung der Welt“ (Joh 17,24) und sich offenbart im Heiligen Geist, der die Liebe personifiziert (Mt 3,16f, Gal 4,6); in diese Gemeinschaft der Liebe will Gott uns mit hinein nehmen (Joh 17,26, Gal 4,6).
  • Diese Drei-Einheit ist also ein Geheimnis der Liebe und wird nur in Liebe erkannt; denn Gott ist Liebe (1 Joh 4,8).

(1.) Was verstehen wir unter der heiligen Dreifaltigkeit?

  • Gott ist dem Wesen (griechisch ousia, lateinisch substantia) nach einzig, aber dreifaltig nach den Seinsweisen (Hypostasen) bzw. Personen (wobei „Person“ hier, wie oben bemerkt, im ursprünglichen lateinischen Sinne zu verstehen ist).
  • Vater, Sohn und Heiliger Geist sind ewige und anfangslose Personen (im ursprünglichen lateinischen Sinne, also nicht als Individuen!), die jedoch ungeschieden in dem einen Wesen Gottes miteinander geeint sind.
  • Deshalb „beten wir an die Einheit (monas) in der Dreiheit (Trias) und die Dreiheit in der Einheit, in ihrer paradoxen Unterschiedenheit und Einigkeit (enosis)“ (Gregor von Nazianz, Migne PG 35,1221).

(2.) Worin besteht die Einheit der Hypostasen der heiligen Dreifaltigkeit?

  • Die Einheit besteht:
    • einerseits aufgrund der Einheit und Identität des göttlichen Wesens;
    • andererseits aufgrund der Einheit und Identität der Eigenschaften, der Energien (Wirkweisen) und des Willens.
  • Der Vater ist der eine Ursprung und Grund von Sohn und Heiligem Geist.
  • Die drei göttlichen Hypostasen sind eines Wesens und durchdringen einander ohne Vermischung, ohne Teilung des Wesens und ohne rangmäßige Unterordnung.
  • „Die Wesensgleichheit aber und das Durchdringen der Hypostasen und die Identität des Willens, der Wirksamkeit, der Kraft, der Macht und der Tätigkeit lassen uns sozusagen die Untrennbarkeit und Einheit Gottes erkennen. Denn nur einer ist in Wahrheit Gott, der Gott[-Vater] und das Wort und sein Geist.“ (Johannes von Damaskus, Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens, I, 8; BKV I, 44: 23).

(3.) Worin besteht die Verschiedenheit der Hypostasen?

  • Vorab: Die drei Hypostasen (Personen) haben gleiche Fülle der Gottheit; die Einheit und Unzertrenntheit des göttlichen Wesens bleibt dabei gewahrt, da die Hypostasen (Personen) zwar zu unterscheiden sind, aber doch ungeschieden sind!
  • Die Unterschiede der Hypostasen bestehen in den ewigen Beziehungen untereinander:
    • Der Vater zeugt von Ewigkeit her den Sohn und lässt den Heiligen Geist hervorgehen. Er ist „Wurzel und Quelle des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Basilius der Große, 24. Predigt, gegen die Sabellianer, Arius und die Anomöer, Migne PG 31, 609).
    • Der Sohn hat also seinen Grund im Vater, denn er ist ja „vor aller Zeit“ (Credo) durch diesen gezeugt,
    • und auch der Heilige Geist hat seinen Grund im Vater, denn er ist ja aus diesem hervorgegangen – wiederum anfangslos und zeitlos;
    • der Vater aber hat keinen Ursprung oder Grund (griechisch aitios), er ist sich selbst Grund.
  • Der Vater ist ungezeugt und ursprungslos, der Sohn ist gezeugt, der Heilige Geist hervorgebracht – allein in diesen unmittelbaren Eigenschaften besteht der geheimnisvolle und doch wirkliche Unterschied der drei Hypostasen.
  • So beschreibt es Johannes von Damaskus: „Nur in diesen persönlichen Eigentümlichkeiten unterscheiden sich die heiligen drei Personen voneinander. Nicht durch die Wesenheit, sondern durch das Merkmal der eigenen Hypostase sind sie ohne Trennung unterschieden.“ (Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens, I, 8; BKV I, 44: 22)
  • Ebenso: „Unterscheidungsweise [sind in Bezug auf die göttlichen Personen] die Ausdrücke: Vater, Sohn, Geist, […], ungezeugt, gezeugt und hervorgegangen [zu gebrauchen]. Denn diese bezeichnen nicht das Wesen, sondern die gegenseitige Beziehung und die Seinsweise.“ (Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens, I, 10; BKV I, 44: 29)

In welchem Sinne geht der Heilige Geist allein vom Vater aus?

  • Der ewige Ausgang des Heiligen Geistes, sprich: sein Hervorgehen, geschieht allein vom Vater (Joh 15,26).
  • Davon zu unterscheiden ist die Aussendung des Heiligen Geistes in die Welt, denn diese geschieht vom Vater durch den Sohn (Joh 15,26) bzw. vom Vater in des Sohnes Namen [Joh 14,26].
  • Dann – und nur dann –, wenn man unter ,Ausgang‘ lediglich die zeitliche Sendung des Geistes in die Welt versteht, kann man von einem Ausgang des Geistes aus dem Vater durch den Sohn bzw. einen Ausgang des Geistes aus dem Vater und dem Sohn sprechen.

Was lehrt Johannes von Damaskus über die Beziehung des Heiligen Geistes zum Vater und zum Sohn?

  • „Gleicherweise glauben wir auch an ,an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater hervorgeht‘ (Credo) […] Er geht vom Vater aus, wird durch den Sohn mitgeteilt und von jeglichem Geschöpf empfangen.“ (Johannes von Damaskus, Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens, I, 8; BKV I, 44: 21-22)
  • „Dagegen behaupten wir nicht, dass er aus dem Sohne ist. […] Auch bekennen wir, dass er uns durch den Sohn geoffenbart worden ist und mitgeteilt wird.“ (Johannes von Damaskus, Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens, I, 8; BKV I, 44: 27).
  • „Der Heilige Geist ist der [Geist] Gottes und des Vaters, insofern er aus ihm hervorgeht; ferner wird er auch [Geist] des Sohnes genannt, insofern er durch ihn erschienen ist und der Schöpfung mitgegeben wird, aber nicht aus ihm das Dasein hat.“ (Johannes von Damaskus, Predigt zum Karsamstag, Migne PG 96, 605).

Was ist das Filioque – und was lehren die altkatholischen Kirchen dazu?

  • [Filioque ist lateinisch „und dem Sohn“ und meint den entsprechenden Zusatz im dritten Artikel des Glaubensbekenntnisses des Konzils von Nizäa-Konstantinopel (381) [ratifiziert auf dem Konzil von Ephesus 431], wo es heißt: „Wir glauben an den Heiligen Geist, … der aus dem Vater [!] hervorgeht.“ Die Konzilsväter hatten zu Beginn des dritten Artikels offenbar – so wie auch jeweils zu Beginn der ersten beiden Artikel des Credo (die sich mit dem Vater und dem Sohn befassen) – die ewigen Beziehungen der göttlichen Hypostasen bzw. Personen im Blick.]
  • [Ähnliche Formulierungen wie das filioque finden sich zwar auch bei älteren lateinischen Vätern, im Credo begegnet es aber erst im 5. Jahrhundert in Spanien, wo die Gottheit des Sohnes (gegen die Arianer) verteidigt werden musste. Die fränkischen Herrscher forderten seine Einführung in der ganzen westlichen Kirche; der römische Papst aber widersprach noch 809!]
  • „Wir lehnen darum den Zusatz des filioque, der im Westen während des 11. Jahrhunderts ohne Anerkennung durch ein ökumenisches Konzil gemacht wurde, mit Entschiedenheit ab. Diese Ablehnung bezieht sich nicht nur auf die unkanonische Weise der Hinzufügung, trotzdem schon diese Form einen Verstoß gegen die Liebe als das Band der Einheit darstellt. Wir weisen vielmehr entschieden auch jede theologische Lehre ab, die den Sohn zur Mitursache des Geistes macht.“ (Glaubensbrief der Internationalen Altkatholischen Bischofskonferenz an den Ökumenischen Patriarchen Athenagoras I., IKZ 61 (1971), Nr. 2: 66)
  • „Ferner halten wir daran fest, dass es in der allerheiligsten Dreifaltigkeit nur ein Prinzip und eine Quelle gibt, nämlich den Vater.“ (Erklärung der Internationalen Altkatholischen Bischofskonferenz zur Filioque-Frage, IKZ 61 (1971), Nr. 2: 66)