Lex orandi lex est credendi

Reinhard Thöle: Geheiligt werde dein Name

Eine Buchbesprechung mit aktuellem Anlass

Lex orandi lex est credendi — Das Gesetz des Betens ist das Gesetz des Glaubens.“ So lautet eine alte theologische Regel, die sinngemäß mindestens bis auf Prosper von Aquitanien zurückgeht (legem credendi lex statuat supplicandi, Migne PL 51,209). Was eine Kirche zu beten lehrt, das lehrt sie auch zu glauben. Was eine Kirche betreffs ihrer Liturgie anordnet, ist ein sicherer Anhaltspunkt für ihre Dogmatik. Im Umkehrschluss: Wo der Glaube an christliche Grundwahrheiten verdunstet, wird das Allerlei liturgischer Belanglosigkeit nicht fern sein — und umgekehrt.

Eine ebenso konzise wie tiefschürfende — und trotz des gewichtigen Inhalts sehr gut lesbare — konfessionsübergreifende Analyse liturgischer Abirrungen sowie ihrer Hintergründe hat jüngst Professor Dr. theol. habil. Reinhard Thöle veröffentlicht. Thöle, vormals Direktor des Seminars für Ostkirchenkunde der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, gehört zu den bedeutendsten akademischen Experten für Ostkirchenkunde im deutschen Sprachraum. Seine vielfältige ökumenische Erfahrung und seine jahrzehntelange tiefe Vertrautheit mit dem byzantinischen Ritus (und mit den orientalischen Riten) versetzen ihn in die Lage, aktuelle liturgischen Entwicklungen in den christlichen Konfessionen sowohl aus der Innen- als auch aus der Außenperspektive vergleichend zu analysieren.

Thöle betrachtet dabei besonders kritisch sowohl den nachkonziliaren römisch-katholischen Ritus (Novus Ordo) als auch das liturgische Spektrum des in den evangelischen Landeskirchen organisierten Neuprotestantismus, das sich aus dem Evangelischen Gottesdienstbuch von 1999 ergibt. Dieses liturgische Spektrum bezeichnet er auch als „Neo-Usus“ (S. 89) in Abgrenzung von den traditionellen, in der Reformationszeit entstandenen und überwiegend die westliche Liturgietradition organisch fortschreibenden lutherischen Liturgien. Insoweit er alles Mögliche an heiligen und weniger heiligen Texten und Riten integrieren und vermischen kann, ist der Neo-Usus „die liturgische Symphonie der protestantischen Individualisten und Spezialisten“ (90).

Es ist diese besondere Unverbindlichkeit und Offenheit, welche den Novus Ordo und noch mehr den neuprotestantischen „Neo-Usus“ im Vergleich zu allen älteren liturgischen Formen kennzeichnet. Der Eindruck drängt sich auf, dass dies das liturgische Korrelat eines religiösen Relativismus oder gar Indifferentismus darstellt. Ihre Grenze findet diese Unverbindlichkeit jedoch in dem unübersehbaren Unwillen zur Bewahrung tradierter Formen, in denen die „vertikale“ Dimension des Gottesdienstes als dialektisch-dialogisches Geschehen zwischen Gott und Mensch zum Ausdruck kommt. So ist die Zelebrationsrichtung versus populum nur eine Kann-Bestimmung in der Allgemeinen Einführung zum Römischen Messbuch und verdankt sich überdies dem mittlerweile überwundenen Irrtum, die gemeinsame Gebetsrichtung von Zelebrant und Gläubigen ad orientem sei in der christlichen Antike nicht die Norm gewesen. Dennoch ist und bleibt die Zelebration mit dem Rücken zum Hochaltar das ikonographische Charakteristikum des Novus Ordo wie auch des von diesem „inspirierten“ Neo-Usus. „Offensichtlich sind die äußerliche und die innere Ausrichtung des Gebetes nicht mehr kongruent. Es […] wird deutlich, dass das, was man sagt, nicht getrennt werden kann, von dem, was man tut“ (61).

Hinzu kommt im Novus Ordo die Option eines gänzlich selbst erdichteten Eucharistiegebetes („Hochgebet III“), das im Unterschied zum „Hochgebet I“ (Canon Romanus), „Hochgebet II“ (abgewandelte Traditio apostolica) und „Hochgebet IV“ (sehr stark gekürzte und überarbeitete Basilius-Anaphora) in keiner historischen Liturgie wurzelt. Aus altkatholischer Sicht sei hier angemerkt: Durch die Approbation des Missale Romanum von 1970 hat die römische Hierarchie einmal mehr versucht, sich von der treuen Bewahrerin der Tradition zu deren gewalttätiger Herrin aufzuschwingen. Die architektonische Verunstaltung historischer Kirchen durch den meist disharmonischen Kontrapunkt von „Volksaltar“-Ambo-Ensembles ist folgerichtiger Teil dieses liturgischen Abrissunternehmens. Dazu gehört auch die weitestgehende Tilgung des gregorianischen Chorals und dessen Ersetzung durch „vermeintlich eingängige, hölzern daherkommende deutschsprachige Kehrverse“ (58). Letztere widerspricht übrigens ebenso wie die gänzliche Verdrängung der lateinischen Sprache dem erklärten Willen des Zweiten Vatikanischen Konzils (vgl. z.B. SC, 36, 54, 116).

Was ist alledem positiv entgegenzusetzen: Zunächst und vor allem die Einsicht, dass die „geistliche Grundgestalt“ der Eucharistiefeier „ererbt“ und „geschenkt“ ist, mithin etwas dank göttlicher Vorsehung Vorgefundenes. Reinhard Thöle beschreibt sie als liturgia abscondita, als verborgene Liturgie, die einen Offenbarungscharakter in sich trägt. In ihr findet ein Offenbarungsgeschehen statt, zu dem das Gedächtnis der Heilstaten Gottes (Anamnese) und die Herabrufung Seines Geistes (Epiklese) ebenso wie die Darbringung an Ihn und die Feier Seiner Gegenwart im Leib Christi gehören (120). „Die im Unterbewussten vorhandene Empfängnisfähigkeit der Seele kann sich von Natur aus mit der sich offenbarenden eschatologischen Dimension des Gottesdienstes vereinigen. Dies ist das verborgene Fundament, auf dem das Gebäude des öffentlichen Gottesdienstes errichtet wird.“ (121)

Deshalb stellt Thöle fest, unter Verweis auf eine Bemerkung des römisch-katholischen Ostkirchenkundlers Michael Schneider (Sakrament, 297): „Das schwierigste Werk der Kirche ist die Feier des heiligen Gottesdienstes. ‚Keiner kann im Glauben mehr erfahren, als er in der Liturgie feiert'“ (161). Denn, mit dem rumänisch-orthodoxen Religionswissenschaftler Mircea Eliade gesprochen „gehört der Gottesdienst in den Bereich der Hierophanie und Theophanie“ (167). Der Gottesdienst ist ein dialektisches Geschehen, insoweit es sich um die zutiefst asymmetrische Begegnung zwischen Gott und Mensch handelt. Darin liegt die Verheißung und existenzielle Bedeutsamkeit des christlichen Gottesdienstes: „Gefährlich ist es, Gott im Gottesdienst zu begegnen. noch gefährlicher ist es, ihm im Gottesdienst nicht [mehr] zu begegnen.“ (166)

Trotz der überschaubaren Länge (178 S. mit Literaturverzeichnis) dieses sehr einladend geschriebenen Buches ist es hier nicht möglich, all die vielen darin enthaltenen wertvollen Gedanken auch nur summarisch wiederzugeben. Reinhard Thöle lässt den Leser teilhaben an seiner tiefgehenden akademischen Fachkenntnis, seinem jahrzehntelangem Erfahrungsschatz in der Ökumene, einem sehr großen intellektuellen Weitblick und erstaunlichem geistlichen Tiefgang. Geheiligt werde dein Name sollte in keinem Bücherschrank derer fehlen, denen Gottesdienst „am Herzen“ liegt.

[F.I.H.]

Geistlich auftanken: Neue Angebote im Südwesten

Wohnhaft an Mosel, Saar oder Mittelrhein? — Herzliche Einladung!

Termine in der Region Trier/Mittelmosel

Mittwoch, 30.06.21
16-18 Uhr: Pastoral-/Seelsorgegespräche
19.00 – 21.00 Uhr: Hauskreis

Samstag, 03.07.21
17-18 Uhr: Wort-Gottes-Feier

Mittwoch, 14.07.21
16-18 Uhr: Pastoral-/Seelsorgegespräche
19-21 Uhr: Hauskreis

Samstag, 17.07.21
17-18 Uhr: Wort-Gottes-Feier

Samstag, 14.08.21
17-18 Uhr: Wort-Gottes-Feier

Samstag, 28.08.21
17-18 Uhr: Wort-Gottes-Feier

Termine in der Region Koblenz/Mittelrhein

Mittwoch, 07.07.21
16-18 Uhr: Pastoral-/Seelsorgegespräche
19-21 Uhr: Hauskreis

Mittwoch, 04.08.21
16-18 Uhr: Pastoral-/Seelsorgegespräche
19-21 Uhr: Hauskreis

Willkommen ist jeder Christ und Menschen, die sich für Christus interessieren.

Br. Josef OPR
Pastoraler Mitarbeiter
in Rheinland-Pfalz

Hinweis: Wer gerne an den Hauskreisen und/oder Gottesdiensten teilnehmen möchte oder ein Seelsorgegespräch wünscht, wendet sich bitte per E-Mail an Br. Josef (br.josef@nordischkatholisch.de); die einzelnen Zusammenkünfte finden an unterschiedlichen, wechselnden Orten statt.

Krankenkommunion und Hausbesuche

Für Menschen die aufgrund eingeschränkter Mobilität oder aus gesundheitlichen Gründen nicht an einer Eucharistiefeier teilnehmen können und die Heilige Kommunion empfangen möchten, besteht die Möglichkeit des Hausbesuchs mit Empfang der heilige Kommunion (in der Regel sonntags nach der Heiligen Messe). Ich bringe Ihnen die heilige Kommunion nach Hause. Hierzu kontaktieren Sie mich bitte via E-Mail an br.josef@nordischkatholisch.de, damit wir einen genauen Termin vereinbaren können.

Christophorus-Dienst

Sie möchten an einer Heiligen Messe in der Nähe Ihres Wohnortes teilnehmen, haben aber niemanden, der Sie dorthin bringt oder begleitet? Dann können Sie sich ebenfalls per E-Mail an br.josef@nordischkatholisch.de mit mir in Verbindung setzen, um einen genauen Termin zu vereinbaren.

Veni Sancte Spiritus! — Komm, Heiliger Geist!

[Herabkunft des Heiligen Geistes: aus einem englischen Missale, ca. 1310]

Allen Lesern dieser Seite seien vorab gesegnete, gnadenreiche Pfingsten gewünscht. Es lohnt, an diesen Festtagen einen näheren Blick auf zwei der schönsten und bedeutendsten Gebete zum Heiligen Geist aus der westlichen und der östlichen Tradition zu werfen. Dabei handelt es sich zum einen um das Einleitungsgebet des byzantinischen Ritus, zum anderen um den festlichen Zwischengesang (Sequenz) der römischen Messliturgie zu Pfingsten, der dort zwischen Lesung und (Ruf vor dem) Evangelium erklingt.

Das erste Gebet wird im byzantinischen Ritus zu Beginn eines jeden Gottesdienstes und zu Beginn jeder Gebetszeit gesprochen. Es ist zudem auch in den altorientalischen Kirchen bekannt; so erscheint es zum Beispiel im koptischen Stundenbuch, der Agpeya. Bei dem zweiten Gebet handelt es sich um die Pfingstsequenz des englischen Erzbischofs Stephen Langton (ca. 1200). Diese gehört zu den wenigen Zwischengesängen der Messliturgie, die auch nach der römisch-katholischen Liturgiereform von 1970 verbindlich geblieben sind.

Obgleich also ihr liturgischer „Sitz im Leben“ ganz verschieden ist, fallen doch mehr inhaltliche Parallelen als Unterschiede auf: Beide Gebete richten sich ganz klar an eine göttliche Person, nicht an eine undefinierte „kreative Kraft“. Beide adressieren den Heiligen Geist als „Tröster“ (parakletes bzw. consolator). Beide wissen um die Rolle des Heiligen Geistes bei der Vermittlung der Offenbarung und Erleuchtung der Menschheit, indem sie ihn als „Geist der Wahrheit“ (to pneûma tês aletheías, Joh 16,13) und „Licht der Seligkeit“ (lux beatissima, wörtlich: „seligstes Licht“) anreden. Beide erkennen im Geist den Hort oder Schatz (thesaurós) und Spender (dator) aller guten Gaben. Beide sprechen, ob direkt wie im byzantinischen Einleitungsgebet oder wie in der lateinischen Pfingstsequenz eher indirekt-poetisch (vorletzte Doppelstrophe), von der lebenspendenden Wirkung des Heiligen Geistes, wie sie im Credo definiert ist.

Hier ist natürlich nicht bloß „das nackte Leben“ im Sinne der Biologie, also das Gegenteil vom leiblichen Tod, gemeint. Beide Gebete ersuchen den Heiligen Geist darum, den jeweiligen Beter wahrhaft aufzusuchen und ihm bleibend einzuwohnen (skenoson, eigentlich: „schlag das Zelt auf“ bzw. reple cordis intima, wörtlich: „fülle des Herzens Innerstes“). Beide Gebete wissen nämlich um die zentrale Rolle des Heiligen Geistes bei der Aneignung des Heils durch den einzelnen Gläubigen: Sie bekennen nicht nur die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen in Form von (moralischer oder auch religiöser) Unreinheit und existenziellem Makel, sondern schließen hoffnungsvoll mit der Bitte um das ewige Heil.

In diesem Sinne bitten auch wir in diesen festlichen Tagen — sowohl für uns als auch für die uns Nahestehenden: Komm, Du Geist der Wahrheit, Spender guter Gaben, wohne uns inne. Amen.

Einleitungsgebet des byzantinischen Ritus

Himmlischer König,
Du Tröster und Geist der Wahrheit,
der Du überall bist
und alles erfüllst;
Hort aller guten Gaben
und Spender des Lebens,
komm und wohne uns inne,
reinige uns von allem Makel
und rette, Gütiger, unsere Seelen.
Amen.

Pfingstsequenz des lateinischen Ritus

Melodie: gregorianisch, Übersetzung: Heinrich Bone

F.I.H.

„… aus der Synagoge“

[Christus, der Wurzelspross Isais (Jes 11,10, Mt 1,6):
Kapuziner-Bibel, Ende des 12. Jh. (Paris, BNF lat. 16746, fol. 7v)]

Das Evangelium an diesem Sonntag Rogate (Joh 15,26–16,4) bezeugt — obgleich sein Schwerpunkt anderswo liegt — in Joh 16,2 die tiefe Verwurzelung der Kirche im Judentum. Die ersten Christen verstanden sich selbstverständlich als Teil des Judentums, wenngleich gewissermaßen als eschatologische Avantgarde. (Erst nach 70 n.Chr. — mit der sogenannten „Schule von Jamnia“ — kam es zum Ausschluss der Judenchristen aus den Synagogen, da insbesondere die Sadduzäer in Jesus von Nazareth nicht den verheißenen Messias erkannten.) Jesus Christus, die heilige Maria, der Zwölferkreis, die Siebzig Jünger, die gesamte Jerusalemer Urgemeinde — sie alle kamen aus jüdischen Familien und praktizierten die jüdische Religion ihrer Eltern.

Warum etwas so Selbstverständliches gesagt werden muss? Um zu verdeutlichen, dass Christen unmöglich schweigen können, wenn in diesen Tagen ausgerechnet hierzulande wieder Davidsterne angezündet, Synagogen vom Mob bestürmt und antisemitische Parolen gebrüllt werden. Es ist keine Islamophobie darauf hinzuweisen, dass die Tatverdächtigen, wie jüngst in Gelsenkirchen, offensichtlich auch ein Teil der muslimischen Gemeinschaft sind — wenngleich sie ganz sicher nicht für diese in ihrer Gesamtheit sprechen. Um dem neuen wie dem alten Antisemitismus entgegenzutreten, ist es wichtig, etwaige ideologische Katalysatoren zu kennen und öffentlich zu benennen. Den Respekt vor anderen Buchreligionen, der in der islamischen Überlieferung ja durchaus vorkommt, haben die „Demonstranten“ von Gelsenkirchen jedenfalls in ihrem Umfeld nicht gelernt.

Israel hat wie jeder andere Staat selbstverständlich das Recht und die Pflicht, seine Bevölkerung gegen Angriffe von außen zu verteidigen. Wer konkrete Anfragen zur Politik der amtierenden israelischen Regierung hat, kann sich an die israelische Botschaft und ihre Außenstellen wenden. Deutsche Synagogen und die jüdischen Gemeinden in Deutschland, die es trotz der Schoa glücklicherweise wieder gibt, sind dafür ganz gewiss nicht der richtige Ort.

F.I.H.

Osterbotschaft von Bischof Roald Nikolai

[Christi Auferstehung: Fresko, Chora-Kirche Konstantinopel/Istanbul, 14. Jh.]

Christus ist auferstanden!

In seiner Prophezeiung über den Ostertag (Ps 118,24) sagt der Psalmist: „Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat.“ Auch wenn wir jeden Tag „jubeln und uns freuen“ (Ps 90,14), so gilt dies für den Tag der Auferstehung umso mehr. Denn dies ist, wie uns der heilige Johannes der Evangelist sagt, der „Tag des Herrn“, welcher der Menschheit eine neue Zukunft eröffnet (Offb 1,10).

Die zentrale Bedeutung des Ostertages wird weiter entfaltet vom heiligen Kirchenvater Ignatius, der in seinem Brief an die Kirche von Magnesia schreibt, dass die Christen ihr Leben nach dem Tag des Herrn richten, „an dem auch unser Leben aufgesprossen ist durch ihn und seinen Tod […], ein Geheimnis, durch das wir den Glauben erhielten und wegen dessen wir ausharren“ (Brief an die Magnesier 9, 1). Paradoxerweise wird die Zeit selbst erlöst durch ein geschichtliches Ereignis, welches dem Leben eine neue Grundlage gibt.

Somit tritt nun die Auferstehung an die Stelle des hebräischen siebten Tages (Sabbat) aus dem ersten Schöpfungsbericht (Genesis 2,2). Der Tag des Herrn ist gleichzeitig der erste und der achte Tag. An ihm brachte Gott alles zur Ruhe und schuf zugleich den Beginn einer anderen Welt. Diesen Gedanken finden wir bereits beim heiligen Barnabas, einem anderen apostolischen Kirchenvater, der anschließend schreibt: „Deshalb begehen wir auch den achten Tag in Freude, an dem Jesus von den Toten auferstanden ist“ (Barnabasbrief 15, 8f.). Seit ältester Zeit hat die christliche Kirche am ersten Tag der Woche die Eucharistie gefeiert: als lebensspendendes Zeichen der Auferstehung Christi (Apg 20,7).

Daher ist der Ostersonntag immer noch als Sonntag aller Sonntage in besonderer Weise ausgezeichnet. Er ist der feierlichste, festlichste Tag des Kirchenjahres: Denn an diesem Tag erfüllte Gott seine Verheißungen durch seinen Sohn Jesus Christus, unseren Erlöser.

In diesem Sinne — ungeachtet der Pandemie: Frohe Ostern!

+ Roald Nikolai

Dr. Roald Nikolai Flemestad ist Bischof der Nordisch-katholischen Kirche und Missionsbischof der Union von Scranton für Kontinentaleuropa und Großbritannien.

Katechetische Notizen zur orthodox-altkatholischen Lehre, II/3 (Mariologie)

[Verkündigung an die heilige Maria: Emmanuel Tzanfournaris 1575-1630]

Mit den besten Wünschen zum morgigen Hochfest der Verkündigung des Herrn und zur bevorstehenden Heiligen Woche dokumentieren wir hier weitere Notizen zur Katechesenreihe (von F. Irenäus Herzberg) über das orthodox-altkatholische Konsensdokument Koinonia auf altkirchlicher Basis (= IKZ 79/4 Beiheft, 1989, Hrsg. Urs von Arx). 

Bisher erschienen in der Reihe die folgenden Teile: 

II/3 Die Gottesmutter

Darf und soll die heilige Jungfrau Maria „Gottesgebärerin“ bzw. „Gottesmutter“ genannt werden?

Ja! Begründung:

  • Wie zuvor dargelegt (II/2, 1), sind in der Person (Hypostase) Jesus Christus die göttliche und die menschliche Natur vereinigt: er ist Gottmensch – wahrer Gott und wahrer Mensch. [Der Mensch Jesus von Nazareth war von seiner Empfängnis im Mutterleib an bereits das fleischgewordene Wort Gottes.]
  • Folglich hat die heilige Jungfrau Maria eben nicht bloß einen Menschen geboren, sondern den Gottmenschen. Daher gebührt ihr der Titel Gottesgebärerin (theotókos 3. Ökumenisches Konzil, Ephesos 431) – [und nicht nur jener der christotókos, d.h. Christusgebärerin, wie von der häretisch-nestorianischen Partei vorgeschlagen].
  • Der Titel der ,Gottesgebärerin‘ bzw. ,Gottesmutter‘ für die heilige Jungfrau Maria bringt die gesamte Erlösungslehre auf den Punkt [und gilt daher oft als Lackmustest bzw. Schibboleth der Rechtgläubigkeit]; dieser Titel „stellt das ganze Geheimnis des Heilsplanes dar“ (Johannes von Damaskus, Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens, III, 12; BKV I, 44: 142).

(1.) Wie vereinte sich der Erlöser mit dem menschlichen Geschlecht?

  • Die Allmacht Gottes bewirkte durch den Heiligen Geist die Empfängnis der heiligen Jungfrau Maria, mithin ihre wahre Mutterschaft, als die „Kraft des Höchsten [sie] überschattete“ (Lk 1,35).
  • Das göttliche Wort nahm die menschliche Natur mit Leib und Seele an und wurde Fleisch (Joh 1,14).

Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Einheit der Person Christi und dem Titel der Gottesmutterschaft Mariens?

Beide Glaubenswahrheiten stehen in einem engen logischen Zusammenhang:

  • Die unvermischte Vereinigung der göttlichen und der menschlichen Natur in dem einen Herrn Jesus Christus kommt dadurch zustande, dass Gott das Wort bei der Empfängnis der Jungfrau aus ihr einen Tempel nimmt und mit sich selbst vereinigt. (Formula unionis von 433 der antiochenischen und der alexandrinischen Partei)
  • Weil die göttliche und die menschliche Natur unvermischt vereinigt wurden, können wir sagen: Unser Herr Jesus Christus ist der eine Sohn Gottes, „aus dem Vater gezeugt der Gottheit nach, […] aus der Jungfrau [geboren] der Menschheit nach.“ (4. Ökumenisches Konzil, Chalkedon 451)

(2.) Was meint die Jungfräulichkeit der heiligen Maria?

  • Es ist damit nicht nur die Jungfräulichkeit bei der Empfängnis, sondern auch bei (!) [virginitas in partu] und nach der Geburt [virginitas post partum] gemeint.
  • Schon der heilige Ignatius von Antiochien nennt die Geburt der Jungfrau Maria [neben ihrer jungfräulichen Mutterschaft und dem Tod des Herrn] eines von „drei laut rufenden Geheimnissen“ (ad Eph. 19, BKV I, 35: 124)
  • Die Väter des 4. Ökumenischen Konzils sprechen gegenüber Kaiser Markian vom „herrlich versiegelten“ Leib der Jungfrau Maria; die Entscheidungen des [5.und] 7. Ökumenischen Konzils ehren sie als „stete Jungfrau“ [aeiparthenos].
  • Schon der heilige Augustinus lehrt: „Eine Jungfrau empfing, eine Jungfrau gebar und blieb auch nach der Geburt Jungfrau“ (de symb. ad cat. 1,3; BKV I, 37: 359). [Dass eine solche Merkformel Eingang in einen katechetischen Diskurs findet, deutet ebenso wie die Aussage der Väter des 4. Ökumenischen Konzils auf eine sehr gefestigte Tradition hierzu schon im 5 Jahrhundert hin.]
  • [Die virginitas in partu Mariens widerspricht natürlich – ebenso wie die leibhaftige Auferstehung – dem im 19. und frühen 20. Jahrhundert üblichen deterministischen Verständnis der Naturgesetze. Hierzu ist das Folgende zu sagen. (a) Seit mehr als einem Jahrhundert erklärt die Physik das Verhalten von Materie mit dem Welle-Teilchen-Dualismus, wobei nach herrschender Meinung (Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik) der Ortsvektor von Teilchen eine Zufallsvariable ist (vgl. Tunneleffekt); demzufolge sind die genannten wundersamen Phänomene zwar statistisch extrem unwahrscheinlich, aber nicht einmal physikalisch ausgeschlossen. (b) Da es hier um einmalige Ereignisse der Heilsgeschichte geht, deren Wiederholbarkeit die Kirche ja gerade bestreitet, kommt ein bloß statistisch begründeter Zweifel an ihnen einer petitio principii nahe. (c) Philosophisch ist zudem zu sagen, dass selbst eine physikalische Unmöglichkeit keine metaphysische oder gar logische ist. (d) Theologisch ist unabhängig von Punkt (a) zu bemerken: Selbst unter der Annahme eines deterministischen Weltbildes wird die Gesetzmäßigkeit der Schöpfung durch einige wenige Suspendierungen der physikalischen Kräfte keineswegs so weit beeinträchtigt, dass daraus ein anderes Gottesbild entstünde.]
  • [Ähnlich kann auch eine Apologie der jungfräulichen Geburt entfaltet werden. Das Inkarnationsdogma ist somit nicht unvernünftig, sondern übervernünftig, wenngleich für den begrenzten menschlichen Verstand stets offene Fragen bleiben werden.]
  • [Mt 1,25 widerspricht der virginitas post partum nicht, da es hier nur um die Geburt Jesu geht; die Präposition heôs deutet eine Mindestdauer, keine Höchstdauer an.]
  • [Der semitische Sprachgebrauch bezeichnet Cousins und entferntere männliche Verwandte ebenfalls als „Brüder“. Die im Neuen Testament mehrfach bezeugten „Brüder Jesu“ müssen daher nicht dieselbe Mutter wie er gehabt haben, sie könnten Cousins oder Stiefbrüder (Kinder des heiligen Josef aus einer früheren Ehe) sein.]

(3.) Wofür verehrt die Kirche die Gottesmutter, was sind ihre Titel?

  • Die Kirche zollt der heiligen Maria große Verehrung [doulia, hyperdoulia]; wirkliche Anbetung [latreia] aber gebührt nur Gott.
  • Sie ehrt die Gottesmutter als auserwähltes Gefäß, insofern sie das Wort Gottes gläubig, demütig und gehorsam angenommen hat.
  • Sie ist Begnadete, Erste der Heiligen [panagia, Allheilige], Allreine, insofern lässt sich bei ihr von einer relativen Sündlosigkeit aus Gnaden sprechen, „zumal von der Herabkunft des Heiligen Geistes auf sie an“ (Koinonia, 57).
  • Absolute Sündlosigkeit eignet jedoch nur dem Herrn Jesus Christus.

Wie steht die Kirche zu den neuzeitlichen Mariendogmen?

  • Das Dogma der Unbefleckten Empfängnis Mariens [passiv!, d.h. von der heiligen Anna] wird mit Blick auf die Form der Dogmatisierung (päpstlicher Lehrentscheid) abgelehnt. Inhaltlich wird es so weit zurückgewiesen wie damit eine absolute Sündlosigkeit der heiligen Jungfrau Maria gelehrt werden soll (siehe oben II/3, 3) .
  • [Im Offiziellen Kommentar zur Erklärung von Scranton wird die immaculata conceptio zwar nicht als Dogma, aber doch als wiederkehrender Bestandteil kirchlicher Lehre – auch der eigenen Kirche – gewürdigt (SYNODOS 3: 22). Hierzu werden allerdings keine Quellen genannt. Es ist jedoch bekannt, dass schon Thomas von Aquin (Summa theologiæ III, q. 27, a. 1) – übereinstimmend mit der herrschenden Meinung ostkirchlicher Theologen – lehrte: Die heilige Maria wurde noch im Mutterleib durch den Heiligen Geist von der Erbsünde gereinigt (und vor Tatsünden bewahrt). Allerdings räumt auch Thomas ein, dass diese Reinigung erst stattfand, nachdem sie bereits – somit erlösungsbedürftig – ins Dasein getreten war (a. 2). Ferner lehrt er, dass sie nach der Verkündigung der Geburt des Herrn abermals gereinigt wurde (a. 3), so wie es ja auch der heilige Johannes von Damaskus bezeugt (Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens, III, 2, PG 94, 985B = BKV² I, 44: 115).]
  • Das zweite neuzeitliche römisch-katholische Mariendogma lehrt, die heilige Jungfrau Maria sei am Ende ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden. Dieses Dogma lehnt die Kirche ebenfalls im Hinblick auf die Form der Dogmatisierung ab. Zugleich ist sie überzeugt, dass die heilige Jungfrau Maria in großer Seligkeit entschlafen ist und feiert daher den Tag ihres Heimgangs.
  • [Der Offizielle Kommentar zur Erklärung von Scranton hält zudem daran fest, dass die Aufnahme Mariens im obigen Sinne wiederkehrender Bestandteil kirchlicher Lehre – auch der eigenen Kirche – ist (SYNODOS 3: 22). Auch hier werden keine Quellen genannt. Gleichwohl berichtet bereits das Alte Testament bekanntermaßen von Henoch und Elija eine leibliche Aufnahme in den Himmel. Dass diese Gnade auch der Mutter des Erlösers der Menschheit zuteil wurde, ist daher nur plausibel. Da die Überlieferung dazu jedoch nicht eindeutig ist, erkennen Orthodoxe und Altkatholiken hierin auch keinen unumstößlichen Glaubenssatz.]

(4.) Darf die Gottesmutter als „Mittlerin“ angerufen werden?

Nein:

  • Die heilige Maria leistet stets Fürbitte für die Kirche bei ihrem Sohn und wird daher in der (byzantinischen) liturgischen Tradition auch als „Vermittlerin“ (mesítria) bezeichnet.
  • Sie ist aber weder „Mittlerin“ (commediatrix), noch „Miterlöserin“ (corredemptrix)!
  • [Mittler und Erlöser ist allein der Gottmensch: unser Herr Jesus Christus.]

Fortsetzung folgt: III/1 Wesen und Eigenschaften der Kirche

Attende, Domine, et miserere — Merk auf, o Herr, und hab Erbarmen (UPDATE)

[Maiestas Domini, Apsis-Fresko: San Clemente, Tahull, Katalonien, ca. 1123]

Einer der schönsten Gesänge der Großen Fastenzeit (vorösterlichen Bußzeit) in der westlichen Tradition ist das Attende Domine et miserere, welches sich der hispano-mozarabischen Kirche verdankt und mehr als ein Jahrtausend alt ist. Bislang mangelte es an einer (gereimten) Übertragung dieses Hymnus in die deutsche Sprache. Überhaupt ist dieser Hymnus in deutscher Übersetzung oder Übertragung bisher wohl kaum gesungen worden. Denn der landläufig auf die spätgregorianische Melodie des Attende gesungene Text „Bekehre uns, vergib die Sünde“ von Josef Seuffert (1926–2018) ist gerade keine Übertragung des Attende, sondern eine Neuschöpfung, die sich vom existenziellen Ernst des lateinischen Originals in Form und Inhalt bewusst abhebt — und dabei leider auch eine deutliche Bezugnahme auf den Kreuzestod Jesu meidet. Eine flüssige Übersetzung dieses Hymnus ins Deutsche, idealerweise in Reimform, ist derzeit mithin noch ein Desiderat. Zur Anregung der Diskussion hierüber veröffentlichen wir nach der lateinischen Fassung auch einen aktuellen Entwurf aus der Werkstatt unserer liturgischen Kommission.

4. Tibi fatemur crimina admissa:
contrito corde pandimus occulta:
tua, Redemptor, pietas ignoscat. ℟

5. Innocens captus, nec repugnans ductus,
testibus falsis pro impiis damnatus:
quos redemisti, tu conserva, Christe. ℟

Deutsche Übertragung
auf die gleiche Melodie

Strophen 4-5:

Anmerkung

In der 5. Strophe wurde von der lateinischen Vorlage am stärksten abgewichen: Denn laut den kanonischen Evangelien spielten die falschen Zeugenaussagen aufgrund ihrer Widersprüchlichkeit nicht die entscheidende Rolle bei der Verurteilung Jesu. Der unmittelbare Kontext (testibus falsis pro impiis) legt nahe, dass es sich hierbei um eine implizite antijüdische Spitze handelt. Die obige deutsche Übertragung der 5. Strophe greift den Gedanken von Röm 5,8 auf — und lenkt zugleich den Blick direkt auf den Gipfel der heiligen Vierzig Tage, das Opfer von Golgatha. Der Hymnus kann somit, wo dies ansonsten passend ist, auch während der gesamten Karwoche noch gesungen werden.

F.I.H.

Wussten Sie, dass es in Ungarn Altkatholiken gibt?

Interview mit dem altkatholischen Priester Péter Kováts.

31. Januar 2021 – IstvanNy

Péter Kováts ist seit 2015 Priester der Nordisch-Katholischen Kirche
(Bildquelle: Ungarische Mission)

Was bedeutet „Altkatholizismus“? Was hat er mit bekannten katholischen Riten gemeinsam und was sind Ihrer Meinung nach die Hauptmerkmale?

Die Altkatholiken sind von Rom unabhängige und ökumenisch engagierte Katholiken mit einer Kirchenverfassung, die sowohl bischöflich als auch synodal ist; d.h. in ihren Kirchenverfassungen kommen gleichsam demokratische Elemente vor, welche die Mitwirkung der Laien in der Kirchenverwaltung sehr betonen. Die Altkatholiken orientieren sich an der – im Großen und Ganzen – noch ungeteilten Christenheit, der „Alten Kirche“, so wie sie im ersten Jahrtausend bestanden hatte. Sie vertreten das theologische, spirituelle Erbe dieser „Alten Kirche“, im Westen „katholisch“, im Osten „orthodox“ genannt, und versuchen, dieses Erbe in die heutige Sprache zu übersetzen und einen Dialog mit der Welt zu führen. Sie wollen nicht einfach die alten Zustände konservieren, sondern akzeptieren und unterstützen auch die organische Entwicklung ihrer äußeren Formen vor dem Hintergrund (ur)alter Fundamente.

Für den Außenstehenden ist sofort ersichtlich, dass die Altkatholiken keinen obligatorischen priesterlichen Zölibat haben – eine Familie kann gebildet werden und bei uns kann sogar ein Bischof ein Familienvater sein. Die Bischöfe werden von einer Synode, die aus Laien und Geistlichen besteht, gewählt.

Der Altkatholizismus wollte ursprünglich keine unabhängige Konfession werden. Die Bewegung formierte sich im Zeichen des Widerstandes gegen die Dogmatisierung der Lehre von der Unfehlbarkeit und des universalen Jurisdiktionsprimats des Papstes, die im Jahre 1870 auf dem Ersten Vatikanischen Konzil geschah. Da die offizielle römisch-katholische Kirche die Mitglieder der Bewegung exkommunizierte, waren diese gezwungen, eine unabhängige Hierarchie aufzubauen und autonome Kirchen zu schaffen. Dabei ging es ihr nicht um eine zentralisierte „Weltkirche“. Sie bewahrte die apostolische Sukzession; die Gültigkeit der altkatholischen Weihen wird auch von Rom anerkannt, mit Ausnahme der Weihen für Frauen, die ein Teil der altkatholischen Kirchen eingeführt hat. Nach dem klassischen altkatholischen Konzept sind wir eine „Notkirche“: unser ursprüngliches Ziel war und ist, dass wir uns der römischen Gemeinschaft wieder anschließen können. Damit das tatsächlich geschehen kann, müsste aber Rom vieles verändern (im Sinne einer Rückkehr zur „Alten Kirche“).

Die einzelnen altkatholischen Kirchen haben ihre eigenen Liturgien. Diese zeigen gewisse Differenzen, doch überwiegend sind sie dem Novus Ordo der römisch-katholischen Kirche recht ähnlich, obwohl es auch „konservativere“ altkatholische Liturgien gibt. Die Liturgie in der Landessprache wurde von den Altkatholiken jedoch viel früher, bereits ab den 1880er Jahren, eingeführt.

Warum sind Sie eben altkatholisch?

Ich war ursprünglich römisch-katholisch und wollte römisch-katholischer Priester werden. Für eine kurze Zeit war ich auch Ordenszögling und Priesteramtskandidat im Prämonstratenserorden. Ich begann mich mit Theologie und Kirchengeschichte schon als Gymnasiast zu beschäftigen. Aufgrund meiner Lektüren, Studien und Erfahrungen mit der Praxis der römischen Kirche hatte ich dann zunehmend das Gefühl, dass die von Rom vertretene Form des Katholizismus in mehrfacher Hinsicht problematisch ist. Ich lernte den Altkatholizismus kennen und fühlte, dass diese Richtung den ursprünglichen katholischen Glauben am besten widerspiegelt. Da die Konfession in Ungarn nicht präsent war, trat ich 2012 einer ausländischen altkatholischen Kirche, die ihren Sitz in Norwegen hat, bei. Sie ist die Nordisch-Katholische Kirche, die europäische Gliedkirche der altkatholischen Union von Scranton. Unter der Fahne der Nordisch-Katholischen Kirche begann ich mit einigen Gefährten den Missionsdienst in Ungarn. Dank dem Vertrauen meiner kirchlichen Vorsteher wurde ich später zum Diakon und dann zum Priester geweiht.

Mit Blick auf die Welt: In welcher Weise sind die beiden bekannten Zweige der Altkatholiken, die Utrechter Union und die Union von Scranton, offen hinsichtlich der Suche nach der ökumenischen Einheit miteinander und mit anderen Konfessionen?

Beide Unionen sind sehr offen für die Ökumene. Dies war schon immer eine Herzensangelegenheit der Altkatholiken. Sie spielten bereits Ende des 19. Jahrhunderts eine Vorreiterrolle im Dienst der Annäherung der Kirchen und christlichen Konfessionen.

Die liberalere Utrechter Union pflegt eher mit der Anglikanischen Kirchengemeinschaft enge Beziehungen. Im Zeichen des Bonner Abkommens von 1931 sind die beiden Gemeinschaften und ihre Gliedkirchen seit vielen Jahrzehnten in voller Sakramentengemeinschaft miteinander. Vor kurzem schloss die Union mit der Kirche von Schweden, die ehemalige schwedische lutherische Staatskirche, die viele katholische Elemente bewahrt hat, eine volle Sakramentengemeinschaft. Auch die Union von Scranton führt einen Dialog mit kleineren Kirchen in anglikanischer Tradition, bzw. legt einen sehr großen Wert auf den Dialog mit den orthodoxen Kirchen und sucht die Möglichkeit der engeren Zusammenarbeit mit ihnen. Die Mutterkirche der Union, die von polnischen Einwanderern in Nordamerika gegründete Polnisch- Nationalkatholische Kirche (PNCC), befindet sich in einer begrenzten Sakramentengemeinschaft mit der römisch-katholischen Kirche: in gewissen Fällen kann man einige Sakramente auch bei der jeweils anderen Kirche empfangen.

Wer sind Ihre kirchlichen Autoritäten?

Auch für uns ist der Bischof von Rom der erste Bischof, der Primas der Kirche Christi, aber keineswegs ihr allgewaltiger irdischer Leiter. In der Praxis sind meine Vorsteher der Erzbischof der Union von Scranton – seine Person ist identisch mit der des jeweiligen Ersten Bischofs unserer amerikanischen Schwesterkirche – und unmittelbar der Bischof der Nordisch-Katholischen Kirche. 

Wie sehen Sie den Reformgeist von Papst Franziskus?

Als eine solche Person, die die römisch-katholische Kirche aus Gewissensgründen verlassen hat, fühle ich mich nicht dazu berufen, um zu den inneren Angelegenheiten meiner ehemaligen Kirche – die ich übrigens auch heute hochschätze – Stellung zu beziehen. Ich würde nur so viel sagen, dass ich einen Teil der Tätigkeit von Papst Franziskus für prophetisch halte, gegen einen anderen aber habe ich ernsthafte Vorbehalte.

Welchen Kirchen stehen Sie nahe, die weder mit den (römischen) Katholiken noch mit den Orthodoxen eine volle Gemeinschaft haben?

Ich sehe den Altkatholizismus am Schnittpunkt von römischem Katholizismus – womit ich die gesamte Gemeinschaft unter der Führung des Papstes meine –, Orthodoxie und Anglikanismus. Es gibt gewisse Anknüpfungspunkte in alle drei Richtungen und sogar in Richtung Protestantismus.

Welche nächsten Schritte erhoffen Sie sich in Richtung einer möglichen Wiedervereinigung – entweder zwischen den beiden Unionen oder mit einer anderen Gemeinschaft – und was wäre von beiden Seiten erforderlich?

Zwischen den beiden altkatholischen Unionen Utrecht und Scranton sehe ich derzeit, aus menschlicher Sicht, keine Möglichkeit, zusammenzukommen. Der theologische Liberalismus der Mehrheit der Gliedkirchen der Utrechter Union und der Konservativismus der Union von Scranton lassen dies nicht zu. Darüber hinaus ist die Existenz der Union von Scranton auch ein Zeichen für eine Kluft innerhalb der altkatholischen Welt, da die amerikanische Mutterkirche der Union vor ungefähr zwei Jahrzehnten die Utrechter Union verließ, gerade wegen der dortigen liberalen Veränderungen. Natürlich sind wir Schwestern und Brüder in Christus, es gibt immer die Möglichkeit für das gemeinsame Gebet und gute persönliche Beziehungen. Und das ist schon nicht wenig.

Was die Annäherung an andere Gemeinschaften betrifft, müssen wir unbedingt betonen, dass eine geistliche Gemeinschaft unter den Christen bereits gegeben ist, wir sind Schwestern und Brüder. Auf der Ebene der Pfarreien, Gemeinden und Einzelpersonen hat der Dialog bereits unzählige und konkret gelebte Ergebnisse auf der ganzen Welt erzielt.

Wen würden Sie für das 20. und 21. Jahrhundert als Beispiel nennen, Personen, die Sie für ihr heiliges Leben hochschätzen?

Ich würde der „unbekannten Heiligen“ des 20. und 21. Jahrhunderts gedenken, der vielen, vielen heiligen Nachfolger/innen Christi, der Frauen und Männer, Mütter und Väter, Alleinstehenden, weltlichen Christen und Priester, Pastoren, Mönche, Lebenden und schon Verstorbenen, die nicht heiliggesprochen wurden und zum größten Teil auch in Zukunft nicht heiliggesprochen werden, die außerhalb ihrer unmittelbaren Umgebung zumeist völlig unbekannt sind oder waren, die – aus der Sicht der Welt – meistens nichts Spektakuläres getan haben oder tun, aber wirkliche Helden der Liebe und des Dienstes für Gott und den Nächsten sind, wirklich ein heiliges Leben führende Personen.

Worin sind Sie / Altkatholiken, „modern“?

Unsere „Modernität“ – um diesen Begriff im positiven Sinne zu verwenden – besteht vielleicht darin, dass wir versuchen, einen Dialog mit der Welt zu führen, den Menschen mit ihren Fragen, Problemen, Sorgen und Anliegen in allen Lebensbereichen mit Liebe und Offenheit Aufmerksamkeit zu schenken. Wir wollen die Menschen nicht aus einer Machtposition heraus ansprechen, nicht mit „klerikaler Vormachtstellung“, sondern mit brüderlicher, dienender Liebe. Wir nehmen ihre Fragen ernst und wollen ihnen keine nichtssagenden oder besserwisserischen „Konserveantworten“ geben, sondern nach richtigen, authentischen Antworten suchen. Natürlich sind wir nicht perfekt, oft sind wir auch nicht auf dem Höhepunkt der Situation, aber mit der Hilfe Gottes versuchen wir, unseren Idealen so nahe wie möglich zu kommen.

Wie kann man Sie erreichen?

Interessierten empfehle ich, unsere Website und unsere Facebook-Seite zu studieren. Sie können eine Nachricht an okatolikusok@gmail.com senden. Im vergangenen Herbst waren wir gezwungen, unsere Tätigkeit in organisierten Rahmen – als Altkatholische Kirche Ungarns, die als Teil der Nordisch-Katholischen Kirche fungierte – zu beenden. Aber es besteht die ernsthafte Hoffnung, dass wir 2021 den Seelsorgedienst und das Gemeinschaftsleben auf einer altkatholischen Basis in irgendeiner Form auch offiziell und organisiert fortsetzen können. Informell, als ungarische Vertretung der Nordisch-Katholischen Kirche, sind wir auch weiterhin präsent, man kann uns kontaktieren.

Webseite: https://okatolikus.weebly.com/  FB-Seite: https://www.facebook.com/okatolikus

(Veröffentlichungshinweis: Wir danken Herrn István Nyőgér, Redakteur und unabhängiger Journalist, für die Bereitstellung des Interviews. Das Original befindet sich auf der Seite: https://zoldkereszteny.blog.hu/. Der blog-Betreiber ist erreichbar über: zoldkereszteny@gmail.com. Die Übersetzung des Textes erfolgte aus dem Ungarischen. Der Inhalt spiegelt nicht notwendigerweise in allen Punkten die Ansicht der Nordisch-katholischen Mission in Deutschland wieder.)

„Auf Sion, schmücke dein Gemach!“

Die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind. Bild von Dimitris Vetsikas auf Pixabay (gemeinfrei)

Gedanken zum Fest „Mariä Lichtmess“ von J. Danz

1. Das Gesetz ist durch Mose gegeben

Vierzig Tage nach der Geburt unseres Herrn, Heilandes und Gottes Jesus Christus im Fleisch begehen wir ein Fest, das noch einmal das Göttliche Kind in den Mittelpunkt stellt. Sehr frühe Bezeichnungen sind Begegnungsfest (im Osten und im Westen) oder Fest der Reinigung. Es ist ein Fest, das Altes und Neues Testament verbindet. Maria und Josef machen sich auf den Weg zum Tempel, um das Gesetz des Mose zu erfüllen. In den Vesperprophetien des byzantinischen Ritus werden die entsprechenden Schriftstellen gelesen: „Weihe mir alle Erstgeburt!“ (Ex. 13,2). Weitere Verse sprechen davon, dass  der Herr sein Volk aus Ägypten herausführt. Dem Gottesvolk wird jetzt und heute ein neuer Moses gegeben, der sein Volk führt und leitet. Von der Unreinheit der Frau durch die Geburt spricht Lev.12, 1ff. Wenn die Zeit ihrer Reinigung vorüber ist, soll sie zum Offenbarungszelt kommen und eine junge Taube oder Turteltauben opfern. In Num. 8, 16 und 17 sagt Gott, alle Erstgeborenen unter den Israeliten bei Mensch und Vieh habe ich mir geweiht. In der zweiten Prophetie (Jes. 6,1-12) schreibt Jesaja: „Denn den König, den Herrn der Herrscharen, haben meine Augen gesehen“ (Jes.6,5). Jetzt sieht Simeon den Herrn. Er muss deshalb nicht mehr sterben wie Menschen vor ihm, die Gott sahen. Er findet Heil und Rettung. Die dritte Prophetie ist ebenfalls aus Jesaja (Jes. 19, 1-5,12,16,19-21) und gipfelt in den Vers: „Der Herr wird sich den Ägyptern kundtun. Sie erkennen den Herrn an“ (vgl. V. 21). Eben dies geschieht jetzt. Gottes Heil gilt allen. Er ist ein Licht zur Erleuchtung, auch der Heiden. Simeon bekennt dies. Simeon und Hanna erwarten das Kind und begrüßen es. Greis und Messias treffen sich, als Maria und Josef  das gegebene Gesetz erfüllen und  ihre Opfergaben in den Tempel bringen.

2. Ein Gott zum Anfassen

„Simeon nahm ihn in seine Arme und verkündete den Völkern, dass er der Herr über Leben und Tod sei und der Erlöser der Welt“ (Apostichon der Vesper: „Schmücke dein Brautgemach, Sion).

Simeon preist Gottes Heil, das allen gilt. Gott ist Licht für die Heiden und Herrlichkeit für sein Volk Israel (vgl. Lk. 2.22 ff.). Der Herr besucht sein Volk und schafft ihm Erlösung. Auf ewig bestimmt er einen Bund (vgl. Ps. 111,9). Simeon wird zum Gottesträger. Seine Hände werden gesegnet. Nicht nur Menschwerdung und Kreuzestod sind Erlösung. Auch dies ist Erlösung, wenn Gott sich nehmen und tragen lässt: „Lauf Alter. Lauf (…) nimm das Kind in den Thron deiner Arme“, ruft Hesychios im fünften Jahrhundert in einer Predigt zum Tag Simeon zu. Das Kontakion im byzantinischen Ritus fasst zusammen: „Der du den Mutterschoß der Jungfrau durch deine Geburt hast geheiligt und Simeons Hände nach Gebühr hast gesegnet, bist auch jetzt gekommen, um uns Christus Gott zu retten (…).“ Mit Simeon und Hanna begegnet Gott zum ersten Mal seinem Volk. Er begegnet jenen, die an ihn glauben.  Dass Gott alle retten will, beschreibt die Epistel des vierten Jahrhunderts, die in Jerusalem am Begegnungsfest aus dem Galaterbrief vorgetragen wurde: „(…) ihr alle seid Söhne Gottes durch den Glauben in Christus Jesus; alle nämlich, die ihr auf Christus getauft wurdet, habt das Gewand Christi angezogen. Da gilt nicht mehr Jude und Hellene, nicht Sklave und Freier, nicht Mann und Frau; denn alle seid ihr eins in Christus Jesus (…)“ (Gal.3,24-29). Das Gesetz ist durch den Glauben überwunden. Sion hat Grund sich zu schmücken. Allen Völkern soll es das Licht kund tun: „Auf, Sion, schmücke dein Gemach,…nun mache allen Völkern kund das Licht, das ihnen leuchten soll.“ (römischer Vesperhymnus)

3. Wem sonst hätte sein Licht leuchten sollen, als denen, die da sind in der Finsternis?

Das Februarfest gehört zu den ältesten und frühen im sich ausbildenden Kirchenjahr. Es wird in Jerusalem bereits im vierten Jahrhundert begangen. Das Datum war Mitte Februar, denn man rechnete 40 Tage ab dem 6. Januar, dem Tag der Theophanie. Es stand  immer im Zusammenhang mit dem Geburtsfest Christi, das ja ursprünglich auch mit dem 6. Januar verbunden war. Die Heiligland Pilgerin Aetheria bezeugt es uns in ihrem Reisebericht aus dem Ende des vierten Jahrhunderts: „Doch der 40. Tag nach Epiphanie wird hier mit allen Ehren gefeiert. Denn an diesem Tag geht die Prozession in die Anastasis und alle ziehen mit und alles wird nach seiner Ordnung mit höchster Festfreude wie beim Osterfest gefeiert.“ Justinian verlegte es in Konstantinopel 542 auf den 2. Februar. 541 war eine Pestzeit zu Ende gegangen. Auch legte er die Kindertaufe verbindlich fest. Evtl. waren dies Hintergründe, um das Fest neu in den Mittelpunkt zu stellen. Das Geburtsfest Jesu am 25. 12. war inzwischen eingeführt. Man zählte nun die 40 Tage ab dem 25.12. Das Begegnungsfest zählt in Byzanz zu den 12 Hochfesten. In Rom wird der 2. Februar seit dem 7. Jahrhundert als Feiertag begangen. Im 5. Jahrhundert wird es in Jerusalem um einen Lucernariumsritus erweitert. Die Stifterin des Kathismaklosters, zwischen Jerusalem und Bethlehem gelegen, die fromme und reiche Matrone Hikelia, regte um 450 an, brennende Kerzen zu tragen. Die Gläubigen Jerusalems ziehen nun gen Bethlehem, um ihren König in seine Stadt zu geleiten. Die Straße von Bethlehem nach Jerusalem wird an diesem Tag zur Prozessionsstraße. Sammelpunkt war vielleicht das Kathismakloster. Die Gemeinde geht dem wahren Licht entgegen und trägt es nach Jerusalem wie Maria das Kind, das Licht, getragen hat. Es ist der erste Besuch Jesu in der Hl. Stadt. Gott selbst, der König aller, kommt in die Stadt. „Er begründet das neue christliche Jerusalem.“ (Hesychios) Der Prophet Habakuk sagte, von Teman her kommt Gott, unter ihm Glanz gleich dem Licht, Strahlen ihm zur Seite (vgl. Hab. 3,3 f.). Dies erfüllt sich nun. Die klugen Jungfrauen nehmen ihre Lampen und machen sich auf zur Begegnung mit ihrem Bräutigam (vgl. Mt. 25,1 f.). Licht aus der Höhe lenkt unsere Schritte auf den Weg des Friedens (vgl. Lk. 1,78 f.). Für die Gläubigen des Jerusalems byzantinischer Zeit war das Kommen Gottes Anlass zu großer Freude und Dankbarkeit.  Die alte römische Liturgie forderte uns im Prozessionsgesang auf: „Schmücke dein Brautgemach, Sion! Christus den König nimm auf. Umfange Maria; sie ist die Pforte des Himmels; ganz ähnlich formulieren es die oben erwähnten byzantinischen Vesperstichiren. Auch uns ruft der frühchristliche Prediger Hesychios zu: „Lauf Alter. Lauf!“ Laufen wir dem Licht entgegen, das uns zu Lichtes Kindern macht! Denn Christus ist „das Licht der Welt. Wer ihm nachfolgt, wandelt nicht in der Finsternis, sondern  hat das Licht des Lebens“ (vgl. Joh. 8,12).

Benutzte Literatur

Brakmann H., Christi Lichtmess im frühchristlichen Jerusalem, Orientalia Christiana Analecta 260, Rom 2000
Egeria, Itinerarium, Freiburg 1995 (= Fontes Christiani, Bd. 20)
Keel O./Küchler M., Orte und Landschaften der Bibel, Bd. 2, Zürich, Einsiedeln, Köln 1982
Lektionar zum Stundenbuch, Freiburg 1978
Vretska Karl, Die Pilgerreise der Aetheria, Klosterneuburg 1958

 

Als die Zeit erfüllt war

Wort zur Weihnacht von Bischof Roald Nikolai Flemestad

[Anbetung der Weisen: Menologion Basileios‘ II., 10. Jh.]

Im Advent 2020

Als aber die Erfüllung der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn, der von einer Frau geboren und dem Gesetz unterworfen wurde.“ (Gal 4,4) Mit diesem kurzen, aber wesentlichen Satz fasst der heilige Apostel Paulus das Geheimnis der Inkarnation — der Menschwerdung Gottes — zusammen.

Bei diesem Zitat gilt es zunächst, die Vergangenheitsform zu bemerken (welche sich auch im griechischen Urtext des Neuen Testamentes findet). Der heilige Paulus betrachtet die Geburt Christi im Lichte einer Verheißung Gottes an das Volk Israel, die Jahrhunderte zuvor durch den Propheten Jesaja ergangen war: „Darum wird der Allherr selbst euch ein Zeichen geben: Seht, die Jungfrau wird guter Hoffnung werden und einen Sohn gebären, dem sie den Namen Immanuel geben wird.“ (Jes 7,14) Somit offenbart die Jungfrau Maria — durch die Geburt Jesu in Bethlehem — dies: dass Gott zur Erfüllung seines göttlichen Planes handelte, als Jahrhunderte später die Zeit dafür gekommen war. Ja, obschon es in einem Stall, von einer Frau aus einfachen Verhältnissen geboren wird, ist das Kind Jesus bereits Gottes Sohn. In ihm ist der göttliche Logos Mensch geworden! Unser Erretter teilt unser Menschsein (die conditio humana) und ist daher unser Bruder:  „So hat sich die Gnade Gottes und die Gnadengabe des einen Menschen Jesus Christus erst recht für die Vielen überreich erwiesen.“ (Röm 5,15)

Dies ist an und für sich schon eine erstaunliche Behauptung; hierdurch wird die Geburt Jesu zum Epizentrum der Weltgeschichte. Auf den ersten Blick mögen uns die Ereignisse, aus denen sich die Geschichte der Menschheit zusammensetzt, wie ein sinnloses Verfließen der Zeit erscheinen; jetzt aber bekommen wir gesagt, dass alles einen eigenen ihm innewohnenden Sinn hat. Denn auf geheimnisvolle Weise ist in alledem, was damals, heute und in Zukunft geschieht, auch die Geschichte unserer Erlösung verwoben: die Heilsgeschichte. Letztlich hält Gott das Schicksal der ganzen Welt in seinen Händen.

Die weltumfassende Bedeutsamkeit der Geburt Jesu kommt in der Geschichte von den Weisen aus dem Osten zum Ausdruck, die den Weg nach Bethlehem beschritten, um dem Jesuskind in der Krippe Tribut zu zollen; sie „warfen sich vor ihm nieder und beteten ihn an; alsdann taten sie ihre Schatzbeutel auf und brachten ihm Geschenke dar: Gold, Weihrauch und Myrrhe.“ (Mt 2,11)  

Ebenso lautet die Botschaft an uns am Christfest, dass wir unser Herz für Jesus auftun und ihn anbeten sollen, indem wir ihm uns selbst als Geschenk und Gabe darbringen. So können wir trotz all des Sonderbaren und Verdrießlichen, das sich rings um uns ereignet, mit Zuversicht unseren eigenen Platz in der Heilsgeschichte einnehmen.

Gesegnete Weihnachten!

+ Roald Nikolai

Dr. Roald Nikolai Flemestad (Oslo) ist Bischof der Nordisch-katholischen Kirche.