Hilfe für Bedürftige in Ungarn

[Heilige Elisabeth von Ungarn: Simone Martini, ca. 1325]

Vor Kurzem hat das Martinuswerk e.V., der Förderverein der Nordisch-katholischen Mission in Deutschland, ein neues caritatives Projekt begonnen: Wir sammeln hier in Deutschland neue und gut erhaltene gebrauchte Kleidung, um sie nach Ungarn zwecks Verteilung an Bedürftige zu senden. (Perspektivisch ist auch an weitere Gegenstände des täglichen Gebrauches zu denken.) Der nordisch-katholische Geistliche in Szombathely, dem Geburtsort des heiligen Martin, und ein Gemeindeglied seines Vertrauens werden persönlich sicher stellen, dass alles auch dort ankommt, wo es wirklich benötigt wird. Am heurigen Tag der heiligen Elisabeth von Thüringen und Ungarn, bitten wir besonders herzlich um Unterstützung dieses Werkes, sei es durch Gebet, Sachspenden oder Geldzuwendung. Gott segne Geber und Gaben!

Ansprechpartner in Deutschland und Ungarn:

Priester Péter Kováts

Licht der Hoffnung in dunkler Zeit

Speyerer Evangelistar (Codex Bruchsaliensis 1) um 1200

Ich bin das Licht der Welt: wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern das Licht des Lebens haben.

Johannesevangelium 8,12

In unseren Gedanken und in unserer Fürbitte sind wir bei allen Menschen, die sich in diesen Tagen und Wochen um ihre Gesundheit, ihre wirtschaftliche Existenz oder das Wohl ihrer Angehörigen sorgen — und bei all jenen, die das Menschenmögliche tun, damit auch in dieser Lage das Leben weitergeht. Wir gedenken der Opfer der islamistischen Anschläge in Paris, Nizza und Wien sowie ihrer Angehörigen — und aller Opfer von Krieg, Verfolgung und Gewalt weltweit.

Gebetsvorschläge

In Zeiten von Epidemien

Allmächtiger und allbarmherziger Gott! In dieser Zeit schwerer Krankheit fliehen wir zu Dir, unserem Beistand. Wir ersuchen Dich: Errette uns aus der Gefahr; gib allen, die sich der Kranken annehmen, Kraft und Geschick; schenke Erfolg beim Einsatz jeglicher Heilmittel. Und lass uns erkennen, wie hinfällig und ungewiss unser Leben ist, damit wir unser Herz ausrichten auf die himmlische Weisheit, die zum ewigen Leben führt. Durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

Um die Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit

Herr, himmlischer Vater. Durch Deinen einzig gezeugten Sohn Jesus Christus hast Du uns gelehrt, Dich um das tägliche Brot anzurufen. Du gibst allen Speise zur rechten Zeit. Blicke gnädig auf unsere Arbeit und unsere Sorge; lass unsere Mühen nicht vergeblich sein; gib Gedeihen dem, was wir pflanzen; segne in Deiner Huld, was Du uns spendest. Und stärke unser Vertrauen auf Deine väterliche Führung und Leitung, damit wir uns stets an Deine Güte erinnern. Durch Jesus Christus, Deinen Sohn, unseren Herrn. Amen.

Um den Frieden

Himmlischer Vater. Du lässt Deine Sonne aufgehen über Gute und Böse und lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte. Gib Deinen Kindern den Frieden, den die Welt nicht geben kann. Lass uns an Deinen Geboten festhalten und, durch Deine Gnade beschützt vor allen Gefahren des Leibes und der Seele, unsere Tage in Ruhe zubringen. Durch Jesus Christus, Deinen Sohn, unseren Herrn. Amen.

Der heilige Lukas — Arzt des Leibes und der Seele

[St. Lukas schreibt die erste Ikone (Hodegetria): Russland, frühes 15.Jh.]

Gedanken zum Lukasfest (18. Oktober) 2020

Nach einer Woche, die vor allem von Sorge um die aktuellen SARS-CoV-2-Infektionszahlen geprägt war, feiert die Kirche das diesjährige Fest ihres vielleicht berühmtesten Arztes: das Fest des heiligen Evangelisten Lukas, vielseitig begabter Reisebegleiter des Völkerapostels Paulus. Nicht nur die kirchliche Tradition, sondern auch bedeutende zeitgenössische Neutestamentler wie Martin Hengel (1926–2009) erkennen in Lukas den Autor des nach ihm benannten Evangeliums und der Apostelgeschichte — zwei Bücher des Neuen Testaments, deren (schon in den Vorworten angedeuteter) Anspruch die besondere Genauigkeit und Verlässlichkeit der Darstellung ist. Das Lukasevangelium zeichnet sich zudem aus durch das charakteristische Interesse an der Geburts- und Kindheitsgeschichte Jesu — ferner auch durch einen besonderen Kunstsinn, der in der Überlieferung der Cantica Magnificat, Benedictus und Nunc dimittis, des Ave Maria und des Beginns des Gloria in excelsis (Große Doxologie) zum Vorschein kommt. Wenn man nun noch die anatomische Vorbildung in Rechnung stellt, die Lukas als Arzt auch bereits in der Antike gehabt haben muss, wird sehr plausibel, warum er in der kirchlichen Überlieferung als erster Ikonograph gilt. So soll er als Erster (und mit Kunstfertigkeit) die Gottesmutter mit Jesuskind — im Typus der Hodegetria (Wegweiserin) — gemalt haben.

Gerade in diesen Tagen dürfen wir uns nun vom Glaubensvorbild des heiligen Lukas inspirieren lassen. Denn als Arzt lag ihm die physische Gesundheit der ihn umgebenden Menschen besonders am Herzen, und so wurde er (wie die heutige Epistel lehrt) zum treuesten Reisebegleiter des heiligen Paulus von Tarsus. Zugleich wird er jedoch durch das Vorbild des Völkerapostels immer wieder daran erinnert worden sein, dass die Gesundheit der Seele, angesichts ihrer Unsterblichkeit, sogar ein noch höheres Gut ist. So kam es, dass er seine vielfältige Begabung in den Dienst der Verkündigung der Frohen Botschaft Jesu Christi gestellt hat, um

seinem Volk die Kenntnis des Heils zu verschaffen
durch Vergebung ihrer Sünden […],
um denen Licht zu spenden, die in Finsternis und Todesschatten sitzen,
und unsere Füße auf den Weg des Friedens zu leiten.

Lk 1,77.79

Wie können nun auch wir von Lukas, dem Arzt des Leibes und der Seele lernen? Es liegt im Grunde auf der Hand; es ist in mancherlei Hinsicht erschreckend einfach: Indem wir in diesen Tagen nicht nur auf Abstand, Hygiene und Alltagsmaske (AHA) achten, sondern uns auch immer wieder daran erinnern, dass dieses Leben endlich und vorläufig ist — und dass es uns und auch den Menschen in unserer Umgebung als Vorbereitung auf die Ewigkeit dienen soll.

Wir dürfen das diesseitige Leben, als Teil von Gottes guter Schöpfung, ganz gewiss nicht geringschätzen. Aber um es in seiner ganzen Tragweite zu verstehen, müssen wir es von der Ewigkeit her betrachten. Warum? Weil unsere Seele unsterblich, für die Ewigkeit geschaffen ist. Diese Ewigkeit nun können wir nur entweder auf ewig in versöhnter Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott verbringen — oder aber in ewiger Trennung von Ihm, dem ewigen Licht und Quell des Lebens; ein Drittes gibt es nicht! Die Krankheit der Seele besteht nun gerade darin, nicht die versöhnte Gemeinschaft mit Gott durch Vergebung ihrer Sünden (Lk 1,77) zu suchen, sondern allzu kurzsichtig anderes für scheinbar dringlicher, wichtiger und kurzfristig bequemer zu erachten. Die gute Nachricht, die Frohe Botschaft (griech. euaggelion, davon lat. evangelium), aber ist dies: dass wir von jener Krankheit der Seele geheilt werden können — und zwar, indem wir den Sinn unseres Lebens bei Jesus Christus, dem menschgewordenen Wort (Logos) des lebendigen Gottes, suchen. Unser Leben im Diesseits und im Jenseits Ihm anzuvertrauen, ist daher die große Chance unseres irdischen Lebens — eine vergleichbare gibt es nicht und wird auch nicht kommen! Versäumen wir daher nicht, diese Chance zu ergreifen und auch immer wieder neu zu ergreifen, wenn sie uns zu entgleiten droht — damit unser Leben nicht länger ohne bleibenden Sinn verrinnt. Und enthalten wir auch den Menschen in unserem Umfeld diese rettende Botschaft nicht vor. Denn: In keinem andern ist die Rettung zu finden; denn es ist auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir gerettet werden sollen. (Apg 4,12)

Unser Vertrauen immer wieder auf Jesus Christus, den wesensgleichen Sohn Gottes, zu setzen, können wir einüben. Denn selbst wenn uns einmal die Worte versagen sollten angesichts von Sorge und Anfechtung, können wir zu Ihm rufen mit den einfachen Worten des Evangeliums:

Herr Jesus, ich glaube,
hilf meinem Unglauben!
Gott, sei mir Sünder gnädig.

Her.

Eigentexte zum Lukastag

Tagesgebet

Allmächtiger Gott! Du beriefst Lukas den Arzt, der um seines Evangeliums willen gepriesen wird, zum Arzt der Seele. Lass es Dir wohlgefallen, durch die heilsame Arznei seiner Lehre die Krankheiten unserer Seelen zu heilen. Durch Deinen Sohn, Jesus Christus, unseren Herrn, der mit Dir und dem Heiligen Geist, ein einiger Gott, lebt und herrscht, jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen.

Epistel

2 Tim 4,5–15

Du aber bleibe nüchtern in jeder Hinsicht, nimm die Leiden auf dich, richte die Arbeit eines Predigers der Heilsbotschaft aus und versieh deinen Dienst voll und ganz. 6Denn was mich betrifft, so wird mein Blut nunmehr als Trankopfer ausgegossen, und die Zeit meines Abscheidens ist da. 7Ich habe den guten Kampf gekämpft, habe den Lauf vollendet, den Glauben unverletzt bewahrt: 8fortan liegt für mich der Siegeskranz der Gerechtigkeit bereit, den der Herr, der gerechte Richter, mir an jenem Tage zuteilen zuerkennen wird; jedoch nicht nur mir, sondern überhaupt allen, die sein Erscheinen mit Liebe erwartet haben. 9Komm möglichst bald zu mir, 10denn Demas hat mich aus Liebe zur jetzigen Weltzeit verlassen und ist nach Thessalonike abgereist, Crescens nach Galatien, Titus nach Dalmatien; 11nur Lukas ist noch bei mir. Nimm Markus zu dir und bringe ihn mit; denn ich kann ihn zu Dienstleistungen gut gebrauchen. 12Tychikus aber habe ich nach Ephesus gesandt. 13Den Reisemantel, den ich in Troas bei Karpus zurückgelassen habe, bringe mir mit, wenn du kommst, auch die Bücher, besonders die Pergamentblätter. 14Der Schmied Alexander hat mir viel Böses angetan: der Herr wird ihm nach seinem Tun vergelten. 15Nimm auch du dich vor ihm in acht, denn er ist unsern Aussagen mit Entschiedenheit entgegengetreten.

Evangelium

Lk 10,1–7a

Hierauf aber bestellte der Herr noch siebzig andere (Jünger) und sandte sie paarweise vor sich her in alle Städte und Ortschaften, in die er selbst zu gehen gedachte. 2Er sagte zu ihnen: »Die Ernte ist groß, aber klein die Zahl der Arbeiter; darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter auf sein Erntefeld sende! 3Geht hin! Seht, ich sende euch wie Lämmer mitten unter Wölfe. 4Nehmt keinen Geldbeutel mit euch, auch keine Reisetasche und keine Schuhe, und lasst euch unterwegs mit niemand in lange Begrüßungen ein. 5Wo ihr in ein Haus eintretet, da sagt zuerst: ›Friede (sei) mit diesem Hause!‹ 6Wenn dann dort ein Sohn des Friedens wohnt, wird der Friede, den ihr ihm gewünscht habt, auf ihm ruhen; andernfalls wird euer Friedensgruß zu euch zurückkehren. 7In demselben Hause bleibt dann und esst und trinkt, was man euch bietet; denn der Arbeiter ist seines Lohnes wert.«

Neue Etappe für die nordisch-katholische Mission in Deutschland

Generalvikar Dr. Daniel Gerte

Diesen Sommer hat die 2012 gegründete deutsche Administratur der Nordisch-katholischen Kirche ein wichtiges Etappenziel erreicht: All ihre grundlegenden liturgischen und theologischen Texte sind nun abschließend redigiert und publiziert, insbesondere das deutschsprachige nordisch-katholische Sakramentar (Missale & Rituale) samt Ergänzungsband (Kurzfassung des Pontificale und Kalendarium) sowie deutsche Übersetzungen der Bekenntnistexte der Union von Scranton. (Zu Letzteren zählt natürlich auch das orthodox-altkatholische Konsensdokument Koinonia auf altkirchlicher Basis; dieses erschien bereits 1989 als authentische Fassung auf Deutsch; Hrsg. Urs v. Arx, IKZ 79 Beiheft zu Nr. 4). Die deutsche Administratur der Nordisch-katholischen Kirche hat hierdurch ein neues Kapitel in ihrer jungen Geschichte aufgeschlagen. Insbesondere kann die theologisch-liturgische Konsolidierung der Administratur, welche ihr im Juni 2018 von Bischof Dr. Roald Nikolai Flemestad nach turbulenten Anfangsjahren verordnet wurde, nun im Grundsatz als abgeschlossen gelten.

Daraus folgt eine erfreuliche Schwerpunktverlagerung in der künftigen Arbeit der Administratur im Allgemeinen und ihrer örtlichen Leitung im Besonderen. Hinfort können alle personellen und finanziellen Ressourcen der Administratur in die praktische Umsetzung der besagten liturgischen und theologischen Leitlinien fließen: neben der Evangelisierung und Seelsorge werden Katechese und Verkündigung sowie der Aufbau und Ausbau von Gottesdienst-Standorten einschließlich Online-Seelsorge im Vordergrund stehen, perspektivisch auch begleitet von Projekten der Diakonie bzw. Caritas. Diese neuen Arbeitsschwerpunkte werden der örtlichen Leitung der Administratur etwas andere Charismen als bisher und insbesondere eine ausgeprägte organisatorische Kompetenz und hohe Belastbarkeit abverlangen.

Vor diesem Hintergrund hat der seit 2018 amtierende örtliche Leiter der Administratur, Bischofsvikar Prof. F. Irenäus Herzberg, bei Bischof Dr. Roald N. Flemestad um Entbindung von seinem Amt nachgesucht. Bischof Flemestad hat dieser Bitte mit Bedauern einerseits und Dank sowie großer Wertschätzung andererseits entsprochen. Nach Rücksprache mit dem Primas der Union von Scranton, Erzbischof Dr. Anthony A. Mikovsky hat er am Hochfest Kreuzerhöhung die örtliche Leitung der deutschen Administratur in die Hände ihres bisherigen Archidiakons, des Priesters und promovierten Pastoraltheologen Dr. Daniel Gerte, gelegt.

Zugleich hat Bischof Dr. Flemestad, in Anerkennung der gelungenen Konsolidierung der deutschen Administratur, ihrem neuen örtlichen Leiter wieder den Amtstitel eines Generalvikars verliehen. Dies stellt eine Rückkehr zur früheren Praxis (vor Juni 2018) dar und ist auch im Kirchenrecht so vorgesehen.

Schon seit Juni 2018 ist Gerte Archidiakon der deutschen Administratur und somit deren Verwaltungsleiter gewesen. Zusätzlich obliegt ihm nun auch die geistliche Leitung der Administratur in Abwesenheit des Bischofs. Amtsvorgänger Herzberg wird weiterhin die Funktion eines Bischofsvikars für theologische Fragen versehen, welche ihm Bischof Flemestad im November 2016 übertragen hat.

Mariä Geburt 2020

Einsichten des byzantinischen Ritus

Geburt der Gottesgebärerin: Kloster Studenica, 12. Jh.
[Foto Mihailo Maletic CC-BY NC SA]

Deine Geburt, Gottesgebärerin, hat dem ganzen Erdkreis Freude beschert.

aus dem Tropar zum Fest der allheiligen Gottesgebärerin

Rückblick auf das Fest der Entschlafung

Das größte aller Feste der Gottesgebärerin ist noch nicht allzu lange vergangen. Am 15. August gedenken wir ihres Todes und ihres Einzuges in den Himmel. Das Fest hat Öffentlichkeitscharakter. Alle Apostel kommen zusammen, um die Allheilige zu bestatten. Das Exapostilarion im Morgenamt erinnert uns daran, wenn es dreimal gesungen wird: „Apostel, von den Enden der Erde hier zusammengekommen, im Flecken Gethsemani, beerdigt meinen Leib; und du mein Sohn und Gott empfange meinen Geist.“ Auch in den Zwischentexten der Makarismen (Seligpreisungen) der eucharistischen Liturgie zum 15. August singen wir: „Die Schar der Theologen eilte herbei von den Enden und aus der Höhe die Menge der Engel zum Sion auf den Wink des Allgewaltigen, um bei deinem Begräbnis, Gebieterin, würdig zu dienen.“ Ein Leichenzug zieht vom Christenviertel des Sion nach Gethsemani, um die Mutter Gottes zu beerdigen. Bis heute wird dort ihr Grab verehrt. Neben den Griechen besitzen auch die Armenier in der unterirdischen Kirche Altäre. Die Franziskaner verloren diese vor Jahrhunderten. Die Festfeier des 15. August halten sie aber bis heute in Gethsemani in der modernen Todesangst-Christi-Basilika („Kirche aller Nationen“).

Zum Datum des Festes

Ein anderes Gebäude hat mit dem Fest des 8.September zu tun. Es ist das Haus der heiligen und gerechten Gottesahnen Joachim und Anna. In ihm wird Maria geboren. Im August und September sehen wir das Sternbild der Jungfrau am Himmel leuchten. Ein Stern kündet die Geburt Jesu an und führt die Weisen zur Krippe. Jetzt leuchten die Sterne, denn „die Jungfrau“ wird geboren. Wir begehen ihr Geburtsfest, weil sie uns Christus geboren hat. Das Fest Maria Geburt steht in Zusammenhang mit dem Fest Christi Geburt. Das neue Kirchenjahr beginnt in Byzanz am 1. September. Eine Woche später, am Oktavtag, wird die Annenkirche unter dem Titel Maria Geburt geweiht. Der 8. September ist die Kirchweih der Annenkirche in Jerusalem, während der 15. August die Kirchweih des Kathismaklosters war. Das Sternbild der Jungfrau und der Beginn des neuen Jahres gaben das Datum. Die heutige Annenkirche ist ein Kreuzfahrerbau und gilt als die Kirche mit der besten Akustik unter den Kirchen Jerusalems.

Das Jakobusevangelium

Joachim und Anna, die Eltern der Allheiligen, waren verzweifelt. Sie waren kinderlos und dies galt als Strafe Gottes. Joachims Opfergabe im Tempel wird verweigert. Er flieht in die Wüste. Sie hörten nicht auf, zu Gott zu flehen. Das Protoevangelium des Jakobus berichtet uns darüber. Es scheint, dass es gerade in Jerusalem doch eine gewisse Verehrung und Bedeutung hatte:

„…dort schlug er (Joachim) sein Zelt auf und fastete vierzig Tage und vierzig Nächte; und er sagte bei sich: „Ich werde nicht hinuntergehen, weder um Speise, noch um Trank, bis Gott, mein Herr, mich heimgesucht hat; das Gebet soll mir Speise und Trank sein.“ Und Anna betet: „O Gott unserer Väter, segne mich und erhöre meine Bitte, wie du den Mutterleib Saras gesegnet und ihr einen Sohn, den Isaak, geschenkt hast.“ Beide haben dann Engelserscheinungen. Ihnen wird versichert, ihr Gebet ist erhört. Sie begegnen einander an der Goldenen Pforte des Tempels. Als die Monate erfüllt sind gebiert Anna Maria.

Zur Liturgie des Festes

In Jerusalem wurde das Fest wohl schon im 5. Jahrhundert begangen. In Rom wurde es um 700 unter Sergius I. eingeführt. Die älteste Hymnendichtung, die uns überliefert ist, stammt von Romanos dem Meloden (5./6. Jahrhundert). Er greift das Jakobusevangelium auf und dichtet einen Hymnus von 12 Strophen zum Fest. Eine jede Strophe endet mit dem Ruf: „Die Unfruchtbare gebiert die Gottesgebärerin, unseres Lebens Nährerin.“ Das Prooimion dieser Dichtung bildet bis heute im byzantinischen Ritus das Kontakion des Festes. Das Festtropar „Deine Geburt Gottesgebärerin hat dem ganzen Erdkreis Freude beschert“ ist über alle Reformen hinweg als Antiphon auch im römischen Stundengebet im Morgengebet erhalten und somit in beiden Riten ein gemeinsamer Gesang des Tages. Den Grund der Freude finden wir im nächsten Satz. Aus Maria ging uns die Sonne der Gerechtigkeit auf, Christus unser Gott. Mit dem Entstehen der Feste nach dem Kalendertag und der Einführung des Festes Christi Geburt wurde auch das Geburtsfest der Gottesmutter in den Kalender aufgenommen. Es geht um die Menschwerdung des Gottessohnes. Er ist Mensch geworden und hat sein Menschsein von dem Menschen Maria genommen. Der jüdische Religionswissenschaftler Pinchas Lapide (1922–1977) sagte deshalb „Gott ist Jude geworden“. Im römischen Ritus wurde früher stets an Maria Geburt der Stammbaum Jesu Christi nach dem Matthäusevangelium gelesen. Heute begnügt man sich meist mit den anschließenden Versen „Mit der Geburt Jesu Christi war es so.“ Schöner als durch den langen Stammbaum kann man wohl kaum auf die Menschwerdung Gottes verweisen. Unser Gott kam zu uns, „allen Fluch von uns zu nehmen und Segen zu spenden. Er zerstört den Tod und schenkt uns ewiges Leben“ (aus dem Fest-Tropar).

Grund des Festes

Der heilige Andreas von Kreta gibt den Grund des Festes an: „Dieses so strahlend aufscheinende Wohnen Gottes bei den Menschen musste der Freude Eingang verschaffen, weil uns hier das große Geschenk des Heiles zuteil wird. Das meint das heutige Fest, dessen Anlass die Geburt der Gottesmutter ist, dessen Ziel und Ende jedoch die Vereinigung des Wortes mit dem Fleisch ist.“

Romanos der Melode betonte, dass die unfruchtbare Anna unseres Lebens Nährerin gebiert. Gott lässt neues Leben entstehen, wo es nicht mehr zu erwarten ist. Wo alles verloren und vergeblich scheint, weckt Gott das Leben. Dies gilt nicht nur für Joachim und Anna. Dies gilt auch für uns, für unser Leben. Aus Unfruchtbarkeit wächst reiche Frucht, wenn Gott an uns handelt. Das Geburtsfest der Allheiligen will unseren Glauben daran stärken. Maria nährt uns mit dem Wort Gottes, denn „das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Sie gebiert uns Christus, „den Menschenliebenden“, „der das Fremde zum Freund macht und für die Verirrten das Heil wirkt“ (aus den Stichera zur Großen Vesper). Ihre Festfeier schenkt uns Freude und Frieden. „Maria ist uns zum Himmel geworden, da sie Gott trägt“ (Ephräm der Syrer, + 373).

Da.

2-mal druckfrisch: Fortsetzung des Sakramentars + Grundlagentexte

[Augustinus: Fresko, Lateran, 6. Jh.]

SYNODOS 2 & 3: Von Liturgie und Musik bis Dogmatik und Kirchenrecht

Fast gleichzeitig konnten in diesem Spätsommer zwei lange vorbereitete Buchprojekte zum Abschluss gebracht werden: Der Ergänzungsband zum Sakramentar — mit Pontifikal-Liturgien, Festkalender und Liedanhang — sowie ein Band mit grundlegenden theologischen und kirchenrechtlichen Dokumenten der Nordisch-katholischen Kirche und der Union von Scranton. Sie führen damit die — mit dem Nordisch-katholischen Sakramentar als Band 1 begonnene — Schriftenreihe SYNODOS auf natürliche Weise fort.

Zugleich erfüllen die beiden neuen Bände völlig unterschiedliche Zwecke. Der Sakramentar-Ergänzungsband ist natürlich ein liturgisches Buch, dessen größerer Teil nur bei seltenen Anlässen Verwendung finden wird. Der Grundlagen-Band hingegen gibt allen einschlägig Interessierten eine — mit allen erforderlichen Erläuterungen versehene — deutschsprachige Quellensammlung zu Kirchenrecht und Theologie der Union von Scranton im Allgemeinen und der Nordisch-katholischen Kirche im Besonderen an die Hand. Ergänzt wird dies durch eine zwar relativ knappe, aber mit allen wichtigen Literatur- und Quellenverweisen gespickte Zeitachse zur (Vor-) Geschichte des Altkatholizismus, in welcher ein besonderes Gewicht auf dessen Bezüge zum Augustinismus gelegt wird.

[Wohl bemerkt: Eine umfassende kirchenamtliche Darstellung der Dogmatik unserer Kirche würde den Rahmen des besagten Grundlagen-Bandes sprengen. Hierzu sei vielmehr verwiesen auf die Konsenstexte des orthodox-altkatholischen theologischen Dialogs von 1975–1987. Diese Texte sind, im Rahmen eines universitären Zeitschriften-Digitalisates, abrufbar unter: http://doi.org/10.5169/seals-404765 (persistenter Link).]

SYNODOS, Band 2:
Sakramentar-Ergänzungsband

Der Titel Nordisch-katholisches Sakramentar. Ergänzungsband enthält entsprechend seinem Untertitel — Pontificale parvum & Kalendarium, — nicht nur den Kalender der unbeweglichen kirchlichen Feste, sondern auch die Liturgien der wichtigsten bischöflichen Amtshandlungen, die in deutscher Sprache benötigt werden. Dazu zählen insbesondere die bischöfliche Eucharistiefeier („Pontifikalamt“), die Diakonen- und Priesterweihe, die Beauftragung eines Subdiakons sowie die Kirch- und Altarweihe. Den Pontifikale-Teil beschließt ein kirchenmusikalischer Anhang mit den zentralen liturgischen Gesängen und Kirchenliedern, die sich für festliche bischöfliche Liturgien besonders eignen.

Der Band kann direkt vom Verlag oder im Buchhandel (ISBN 9783751989084; gebunden mit Fadenheftung, großenteils farbig) bezogen werden. Die Lieferzeit beträgt gewöhnlich ca. 4 Tage; durch die Pandemie sowie die gehobene Ausstattung bedingt derzeit etwas länger.

SYNODOS, Band 3:
Grundlegende Rechts- und Bekenntnistexte

Dieser Band bietet deutsche Übersetzungen für Bekenntnis- und Rechtstexte der Union von Scranton insgesamt sowie auch speziell der Nordisch-katholischen Kirche. Getreu dem — in anderer Formulierung auf Prosper von Aquitanien zurück gehenden — theologischen Grundsatz lex orandi lex est credendi („Die Norm des Betens ist die Norm des Glaubens“) wurden auch die beiden wichtigsten Eucharistiegebete der Union von Scranton aufgenommen. Die Texte sind jeweils, wo dies nötig ist, kommentiert; abgerundet werden die Kommentare durch einen historischen Abriss des Altkatholizismus aus traditionsverbundener Sicht.

Der Band kann direkt vom Verlag oder im Buchhandel (ISBN 9783751921435; Taschenbuch, schwarz-weißer Druck) bezogen werden. Die Lieferzeit beträgt gewöhnlich ca. 4 Tage; durch die Pandemie bedingt derzeit etwas länger.

Sicherheit?! — Vertrauen!

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von Gabriele Gerte

„Sicherheiten gibt es nicht, es gibt nur Vertrauen“

Diesen Satz habe ich einmal in einem Buch von Luise Rinser (Die vollkommene Freude) gelesen. Egal, wie man zur Autorin steht, dieser Satz drückt eine tiefe Wahrheit aus: Nichts ist sicher. Nichts bleibt wie es einmal war. Selbst die Natur hat uns dies in den letzten Tagen vor Augen geführt. Die warmen Sommertage und ihre lauen Nächte verabschieden sich und der Herbst mit seinen Herbststürmen naht. Ja, auch die Natur ist den wechselnden Jahreszeiten unterworfen. Die Blütenpracht im Sommer und Herbst vergeht, um nach der Ruhe des Winters im Frühling neu zu erwachen, sprichwörtlich aufzublühen. Dies gilt auch für andere Pflanzen wie z.B. den Gemüse- und Obstpflanzen bzw. -bäumen.

So ist es auch in unserem Leben. Der Säuglings- und Kinderzeit folgt die Jugendzeit. Die Jugendzeit wird von der Erwachsenenzeit abgelöst. Lebensabschnitte enden und neue beginnen. Der Geborgenheit der ersten Lebensjahre folgt die erste Abnabelung des Kindes von der Mutter, wenn es in den Kindergarten und dann in die Schule kommt. Die Umwelt des Kindes verändert sich. Es muss lernen mit anderen, fremden, Menschen auszukommen, es muss lernen, sich selbst und anderen zu vertrauen. Das Kind wird dabei gute und schlechte Erfahrungen machen. Es wird schöne Erlebnisse erleben aber auch Enttäuschungen. Diese werden es für sein weiteres Lebens prägen, heilsam sein, aber auch Narben hinterlassen.

Sollte das Kind in den ersten Lebensjahren in einer liebevollen Umgebung aufwachsen, sich angenommen und geliebt fühlen, ist schon viel gewonnen. Gerade die ersten Lebensjahre sind sehr wichtig für die Entwicklung eines Urvertrauens. Wer glaubt, dass er geliebt und angenommen wird, hat ein stärkeres Selbstvertrauen. Er traut sich und seinem Handeln mehr zu. Das Kind und später der Erwachsene wagt den Schritt in die Welt erwartungsvoller und mutiger. Misserfolge hauen ihn sprichwörtlich nicht so schnell um. Hat ein Mensch ein gesundes Selbstvertrauen entwickelt, kann er besser mit Enttäuschungen, sei es, dass zwischenmenschliche Beziehungen zerbrechen, ihn Krankheiten heimsuchen usw., umgehen. Er nimmt die Schicksalsschläge an und erlernt den Umgang damit. Diese Erfahrungen lassen ihn reifen, im besten Fall lernt er sogar aus ihnen.

Zurück zu unserem Ausgangspunkt: Sicherheiten im Leben gibt es nicht. Der Mensch meint zwar, sich gegen alles mögliche absichern zu können. Er versichert sich und sein Hab und Gut. (Kapitalversicherung, Auto- und Gebäudeversicherung etc.). Aber worauf es wirklich ankommt, nämlich Gesundheit, Freundschaften und Partnerschaften, lassen sich nicht ver- und absichern. Unsicherheiten begleiten uns unser ganzes Leben: Behalte ich meine Arbeit? Bleibe ich gesund? Gelingt meine Lebensplanung? Nein, nichts ist wirklich sicher.

Was bleibt aber, wenn nichts sicher ist? Wenn nichts mehr so ist, wie es einmal war? Die Welt sprichwörtlich auf den Kopf gestellt wurde? Planungen sinnlos geworden sind (oder zumindest als sinnlos erscheinen). Da hilft nur noch Vertrauen. Vertrauen darauf, dass es auch wieder weiter geht. Das auch in der Unsicherheit alles seinen Sinn hat. Dass wir gerade in der Unsicherheit noch etwas lernen können und uns reifen lassen. Denn gerade dann, wenn wir uns in Sicherheit wiegen, geschieht oft etwas Unvorhergesehenes.

Diese Erfahrungen sammelten auch die Apostel. Eben noch voller Hoffnung auf eine vielversprechende Zukunft, waren sie plötzlich durch die grausame Kreuzigung ihres Herrn verängstigt, mutlos und auf sich allein gestellt. Ihre Welt war nicht mehr wie sie einmal war. In dieser großen Unsicherheit fassten sie aber nach der Auferstehung Jesu (mit Hilfe des Heiligen Geistes) neuen Mut. Ihr Vertrauen zu Jesus und an das Evangelium kam unverbrüchlich wieder. Sie spürten die Liebe Jesu und ihr Angenommensein von ihm, trotz ihrer Schwächen. Dieses Vertrauen und der Glaube an Jesus führte die Apostel durch all die Unsicherheiten, Risiken und Gefahren ihres Lebens, und dies Tag ein, Tag aus. Verfolgung, Gefängnisaufenthalte, Hunger u.a. waren für sie eine ständige Bedrohung (Röm 8,35; 2 Kor 11,25-27). Und trotzdem gingen die Apostel mutig und voller Vertrauen zu Jesus ihren Weg der Glaubensverkündigung.

Sicherheit gibt es nicht in unserer Welt, aber es gibt Vertrauen. Vertrauen darauf, dass Jesus uns liebt, er für uns da ist und an unserer Seite bleibt in all den Unsicherheiten unseres Lebens und auch in unserer schwersten Stunde und danach. Vertrauen und bauen wir auf Jesus und beten wir gerade auch in den unsicheren Zeiten: Herr nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Ich weiß, es ist ein schwerer aber auch ungemein tröstlicher Satz. Er drückt unser Vertrauen auf Jesus aus, dass er es schon richtig machen wird — auch in unseren unsicheren Zeiten.

Gratulation an die Abtei St. Severin

[Brüder beim Gottesdienst; Gemeindeausflug 2020]

Es ist Zeit, dem Abt und den Brüdern der Zisterzienserabtei St. Severin (Orden von Port Royal = OPR) zu gratulieren: nicht nur allgemein zum Gedenktag des Zisterzienser-Gründers St. Bernhard von Clairvaux (20. August), sondern auch speziell zum zehnjährigen Jubiläum ihres Umzugs nach Kaufbeuren (Ostallgäu) im April 2010, das durch die Pandemie überschattet war. Die Stadt Kaufbeuren hat eine besondere altkatholische Geschichte, da sich dort nach dem Zweiten Weltkrieg viele sudetendeutsche Altkatholiken aus Gablonz (Bistum Warnsdorf) ansiedelten und den Stadtteil Neu-Gablonz gründeten.

Das geräumige Gebäude der Abtei gehörte früher der Bundeswehr, die dort Funker ausbildete. Was ungewöhnlich anmutet, ist jedoch keineswegs ungeheuerlich: Man kann darin eine Reminiszenz an die Ursprünge des koinobitischen Mönchtums beim heiligen Pachomios (+346) erkennen, welcher bewusst frühchristliche Askese und antike römische Militärdisziplin zusammen führte.

Im Jahrzehnt seit ihrem Umzug hat die Abtei manchen Segen und leider auch manche Entbehrung erlebt, unter anderem den Heimgang ihres Generalabts Klaus Schlapps. Bis 2010 im Katholischen Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland beheimatet, hat sich die Abtei 2011 der Nordisch-katholischen Kirche (Union von Scranton) unterstellt. Fest im Glauben und in der Liebe darf die Abtei St. Severin voll Hoffnung in die Zukunft blicken.

Ad multos annos!

[Firmung in der Klosterkapelle durch Bischof Roald 2019; rechts Abt Michael]
[Gebäude der Abtei St. Severin; ehemalige Bundeswehr-Funkerschule]

Entschlafen der Gottesmutter — eine Annäherung

[Entschlafen der Gottesgebärerin: El Greco, ca. 1565]

Eine geistliche „Bestandsaufnahme“

Eine ausgeprägte Marienfrömmigkeit ist im Altkatholizismus bekanntlich nicht überall zu finden. In einigen Regionen gibt es sie durchaus und auch sehr hingebungsvoll — gerade auch in der Polnisch-katholischen Nationalkirche Nordamerikas, mit der wir durch die Union von Scranton verbunden sind. Andernorts herrscht dagegen unter Altkatholiken große Zurückhaltung bei der Verehrung der Gottesmutter — sicher auch unter dem Eindruck ungesunder Übertreibungen wie der Forderung nach einem Corredemptrix-Dogma (Maria als „Miterlöserin“) durch gewisse römisch-katholische Kreise.

Derartige Auswüchse können aber natürlich kein Grund sein, eine gesunde, christologisch fundierte Verehrung der Gottesmutter zu vermeiden. Das Folgende ist der bescheidene Versuch einer ersten Annäherung an das Festgeheimnis der Entschlafung der Gottesmutter im Rahmen klassischer altkatholischer Theologie.

Verbindliche Lehraussagen

Der Heimgang (bzw. die Entschlafung) der heiligen Maria wird weder durch die Entscheide der Ökumenischen Konzilien noch durch den mariologischen Abschnitt des orthodox-altkatholischen Konsensdokuments (Koinonia auf altkirchlicher Basis, II/3 = IKZ 79, Beiheft zu Nr. 4, 56–58) definiert — geschweige denn durch die Utrechter Erklärung. Gelehrt wird dort lediglich, dass die Gottesmutter in sichtbarer Seligkeit in die Ewigkeit eingegangen ist.

Die Erklärung von Scranton allerdings bekräftigt, dass es katholische Lehre ist (wenngleich nicht auf der Ebene eines Dogmas), die heilige Jungfrau Maria sei am Ende ihres irdischen Lebens leiblich in den Himmel aufgenommen worden. (Der Kommentar zur Erklärung präzisiert: mit Leib und Seele.) Aber wie genau dies geschehen ist, wird offen gelassen – z.B. ob sie gestorben ist und ob ihre Seele am dritten Tage in den Körper zurückgekehrt ist, damit sie auferweckt in den Himmel eingehe. (Dies suggeriert die byzantinische Liturgie; altkirchliche Schriften zum Transitus Sanctae Mariae widersprechen sich: das Decretum Gelasianum kennt wohl nur eine und verwirft sie, PG 59,163C.)

Ansatzpunkte in Schrift und Tradition

Keines von beidem — weder die Auferweckung noch die leibliche Aufnahme in den Himmel — ist theologisch beweisbar, beides aber ist sehr plausibel. Denn Jesus hat ja das (auf Seine eigene Auferstehung verweisende) Wunder der Auferweckung auch an einer weiteren Ihm nahe stehenden Person vollbracht, nämlich an Lazarus (Joh 11,5.36.43). Und selbst die leibliche Aufnahme in den Himmel wurde noch anderen herausragenden Heiligen bzw. Gerechten zuteil: Henoch „ging mit Gott, dann war er nicht mehr da; denn Gott hatte ihn aufgenommen“ (Gen 5,24), ähnlich Elija (2 Kön 2,11).

Die sehr stark ausgeschmückten Legenden zur Entschlafung der Gottesgebärerin (Urtext-Ausgabe bei C. v. Tischendorf (Hrsg.): Apocalypses apocryphae, Leipzig 1866, 95–136) — die unter anderem eine gemeinsame Wolkenreise der Apostel zur Todesstunde der Gottesgebärerin vorsehen — sind nicht in die Textgestalt der byzantinischen Liturgie eingegangen, wohl aber in ihre Ikonographie. Ein ergreifendes — und im Unterschied zu manch anderem auch plausibles — Detail der Dormitio-Legenden ist die eingangs berichtete schwere Sehnsucht der heiligen Maria nach ihrem Sohn seit Seiner Himmelfahrt.

Eine Mittelposition zwischen westlicher Nüchternheit (vgl. die Ablehnung der Transitus-Legenden im Decretum Gelasianum) und byzantinischer legendarischer Ausschmückung nimmt interessanterweise das koptische Synaxarium ein (das Buch der in der Liturgie zu verlesenden Heiligenlegenden). Im koptisch-orthodoxen Patriarchat von Alexandria wird, wie einst in Gallien auch, das Fest der Entschlafung der Gottesmutter Ende Januar gefeiert (Synaxarium, 21. Tuba); dabei wird so wie in der byzantinischen Orthodoxie auch der besonderen Rolle des Apostels Thomas gedacht. Die Aufnahme in den Himmel hingegen begeht man als davon unterschiedenes Ereignis Mitte August und gedenkt hierbei eines Erscheinens der Gottesmutter zur Rechten ihres göttlichen Sohnes (Synaxarium, 16. Misra) in Gegenwart aller Apostel.

Die Entschlafung, ein österliches Geheimnis

Insofern handelt es sich beim Fest der Dormitio oder Assumptio Sanctae Mariae — im Unterschied zu anderen, eher weihnachtlich geprägten, die Menschwerdung Gottes vertiefenden Festen der Gottesmutter — um ein zutiefst österliches, die Auferstehung Christi entfaltendes Fest. Das selige Entschlafen der heiligen Maria und ihre Aufnahme in den Himmel sollen uns verdeutlichen, welche Macht die Auferstehung Christi an einem Menschen, der Ihm fest verbunden ist, entfalten wird. Alle Erzählungen von der Aufnahme der Gottesmutter in den Himmel lehren zugleich, dass sie allein durch das Eingreifen ihres gepriesenen Sohnes aus dem Tod befreit wird und zur ewigen Seligkeit gelangt.

Die allheilige Maria (Panagia) wird zuweilen als zweite Eva angesehen, als Mutter des Gottesvolkes — insofern sie ja insbesondere den Leib Christi zur Welt gebracht und genährt hat. Ihre Mutterschaft ist für den einzelnen Christen natürlich nicht so direkt und augenfällig wie die Mutterschaft der Kirche mit ihrer sakramentalen Zuwendung. Dafür aber kann es sich in geheimnisvoller Weise um eine persönlichere Mutterschaft handeln, insofern ihr jeder am Herzen liegt, der mit ihrem Sohn verbunden ist. Und so dürfen wir uns mit ihr in Ausgelassenheit über ihren Eingang in den Himmel freuen. Wir dürfen dabei auch ihrer Fürbitte und ihres Vorbilds eingedenk sein. Und bei alledem dürfen wir ihren göttlichen Sohn preisen, nachdem sie sich so sehr gesehnt hat, denn Er ist das Leben (Joh 14,6) und hat „jenen in den Gräbern das Leben geschenkt“ (Ostertroparion).

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Oration

(aus dem Formular zur Kräutersegnung zu Mariä Entschlafung)

O Gott! Wir feiern diesen Tag, da die Mutter Deines hochgeliebten Sohnes verstorben, aber unbesiegt vom Tod in den Himmel aufgenommen worden ist. Daher bitten wir Dich: Lass diese Feier uns zum Heil gereichen. Sei mit uns, dass wir dem Herrn Jesus Christus treu sind bis in den Tod – und auf diese Weise ebenfalls die Krone des Lebens erlangen. Durch denselben Jesus Christus, unsern Herrn, der mit Dir und dem Heiligen Geist, ein einiger Gott, lebt und herrscht, jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen.

Lied

(nach dem Konstanzer Gesangbuch, 1600)

Freu dich du Himmelskönigin, / freu dich, Maria!
freu dich, das Leid ist all dahin. Halleluja!
Bitt‘ Gott für uns, Maria.

Den du zu tragen würdig warst, / freu dich, Maria!
der Heiland lebt, den du gebarst. / Halleluja!
Bitt‘ Gott für uns, Maria.

Bitt‘ Gott für uns, so wird’s geschehn, / freu dich, Maria!
dass wir mit Christus aufersteh’n. / Halleluja!
Bitt‘ Gott für uns, Maria.

Verwandlung des Herrn — damit auch wir uns wandeln

[Theophan der Grieche: Verklärung des Erlösers, ca. 1340]

Wir begehen heute das Fest der Verklärung des Herrn, welches in der Nordisch-katholischen Kirche – so wie in den Ostkirchen und in älterer Zeit auch im Westen – ein Fest von sehr hohem Rang ist. Leider spielt dieses wichtige Fest in den Kirchen des Westens gemeinhin eine eher untergeordnete Rolle. Feste wie die Entschlafung der Gottesmutter oder auch Peter und Paul werden sehr viel stärker wahrgenommen als das Fest der Verklärung des Herrn — obwohl hier das Festgeheimnis sogar direkt im biblischen Kanon zu finden ist.

Woran das wohl liegen mag? Nun, schon der Name, die Bezeichnung des Festes ist – insbesondere im Deutschen – ein Stolperstein:

„Verklärung“ kennen wir heute nur noch in der Bedeutung einer übertriebenen, gar verfälschenden Verherrlichung, wie etwa die „Verklärung der Vergangenheit“. Treffender wäre, in Anlehnung an das Evangelium, die Bezeichnung Verwandlung, so wie in den meisten anderen europäischen Sprachen, wo von Christi transfiguratio oder μεταμόρφωσις metamórphosis die Rede ist. Das Wort „Verklärung“ entstammt der Lutherbibel und hat sich auch im katholischen und orthodoxen Sprachgebrauch für dieses Fest festgesetzt, obwohl es heute ansonsten eine ganz andere Bedeutung als zu Luthers Zeiten hat.

Wollen wir nun etwas genauer dem Grund und der Bedeutung dieser Verwandlung Christi nachgehen. Denn ein Grund für die geringe Popularität dieses Fests im Westen mag auch der relative theologische Anspruch dieses Festgeheimnisses sein. Wie können wir uns diesem Ereignis und seiner tieferen Bedeutung nähern?

Nun, manchmal geht es uns so, dass uns ein Mensch, den wir gut zu kennen glauben, völlig überrascht, geradezu verblüfft. „Warum ist ihm dieses oder jenes wichtig?“, fragen wir dann. Oder auch: „Woher weiß/kann sie dies jetzt?“

Wir können solche Verblüffung in ganz verschiedenen Kontexten erleben: Wer z.B. Kinder oder Enkel hat, die nicht mehr ausschließlich zu Hause betreut werden, kennt solche Überraschungen. Wir haben vielleicht so etwas auch auf der Arbeit erlebt, wenn ein Kollege auf einmal auf eine Frage zu sprechen kommt, über die wir vorher noch nie mit ihm geredet haben – und er sich ganz anders äußert als wir erwartet hätten. In beiden Fällen sind wir verblüfft, dass wir unser bisheriges Bild von der jeweiligen Person korrigieren müssen. Wir haben eine ganz neue Seite von ihr kennen gelernt.

Beim Hochfest der Verklärung bzw. Verwandlung Christi geht es um ein solches überraschendes Erlebnis einiger Jünger mit Jesus. Nun könnte man meinen, wer mit Jesus zusammen war, den konnte gar nichts mehr überraschen, hat er doch unzählige Heilungen, die Speisungen der 5000 und der 4000, die Stillung des Sturms oder den Gang Jesu auf dem Wasser erlebt. Doch dem ist nicht so. Was war das Besondere an der Verwandlung?

Dazu müssen wir uns etwas mehr in die Evangelien vertiefen. Die Verwandlung Christi wird von Matthäus, Markus, Lukas (den synoptischen Evangelien) mit sehr ähnlicher Akzentsetzung berichtet. Entscheidend zum richtigen Verständnis des Geschehens ist natürlich wie immer der Zusammenhang (Kontext). In den Evangelien (besonders den synoptischen) ist es hilfreich, genau zu schauen, in welchem Stadium der Wirksamkeit Christi sich der jeweilige Abschnitt (Perikope) des Evangeliums zuträgt.

In unserem Fall lesen wir wenige Verse zuvor:

  1. Den Bericht vom Bekenntnis Petri im Kreis der Jünger, wo Petrus zu Jesus sagt: „Du bist Christus (= der Messias)“ (Mk 8,29), „der Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt 16,16). Petrus hat erkannt, dass Jesus nicht einfach ein charismatischer Rabbi und Wunderheiler ist, sondern dass Er die Krönung der Heilsgeschichte ist.
  2. Die erste Leidensankündigung Jesu, die Prophezeiung Seines Todes (Mk 8,31). Denn: Sein Reich ist „nicht von dieser Welt“ (Joh 18,36); Er lässt sich nicht bestechen, und Er setzt sich auch nicht mit Gewalt ins Recht. Dies ist für die Jünger zunächst schwer zu akzeptieren; meist haben sie einen Messias erwartet, der eine Revolution anzetteln und einen Gottesstaat errichten wird. Da beschleicht (Mk 8,32f) Petrus die fast diabolische Frage (sinngemäß): Was für ein Messias soll das sein, der leiden will und Seine Leute mit Ihm leiden lässt?!
  3. Jesu Aufforderung zur Selbstverleugnung, zur Treue zu Christus und Seiner Lehre auch bei Widerstand (Mk 8,34f).

Es ist offenkundig eine Situation mit hoher Anspannung (zwischen der ersten und zweiten Leidensankündigung und nicht lange vor dem Aufbruch nach Judäa und Jerusalem). Da beschließt Jesus, mit dem engsten Jüngerkreis auf einen Berg zu gehen. Nicht alle Apostel sind dabei, nur der härteste Kern: Petrus, Jakobus und der Lieblingsjünger Johannes. Sogar der Bruder des Petrus, Andreas (an anderer Stelle auch zum inneren Kreis der Apostel gezählt), bleibt diesmal außen vor. Als Ort der Verwandlung gilt traditionell der Berg Tabor.

Was erlebt dieser engste Apostelkreis nun dort? Dreierlei:

  1. Die eigentliche Verwandlung Jesu zu einer teils natürlichen (als Mensch erkennbaren), teils übernatürlichen Gestalt;
  2. die Anerkennung Jesu durch Mose und Elija als Prophet von mindestens gleichem, d.h. höchstem Rang;
  3. die Bestätigung der Vollmacht Jesu durch eine göttliche Stimme aus der Wolke, ähnlich wie bei Jesu Taufe.

Dies entspricht den drei Ämtern, für die man im alten Israel gesalbt wurde und welche der Messias (haMaschiach = der Gesalbte) in einer Person zusammenführen würde:

  1. das Priesteramt* – Mittler zwischen Himmel und Erde;
  2. das Prophetenamt – Offenbarer von Gottes Willen;
  3. das Königsamt – Richter/Regent mit höchster Autorität.

(Mancher fragt sich vielleicht, was es mit den drei Hütten auf sich hat, die Petrus errichten will. Aus der Einordnung des Bekenntnis Petri vor Cäsarea Philippi im Johannesevangelium ergibt sich, dass die Verklärung bzw. Verwandlung Jesu zur Zeit des Laubhüttenfestes stattgefunden haben muss.)

Und in der Tat, unser Herr Jesus Christus hat in unterschiedlichem Grade alle drei Ämter bereits angetreten:

  1. Priester: Am Kreuz von Golgatha hat Er ein Sühnopfer für die Sünden der ganzen Welt dargebracht.
  2. Prophet: Er hat uns den wahren Willen Gottes aufgezeigt, insbesondere in dem Doppelgebot der Liebe (zu Gott und dem Nächsten) und in der Bergpredigt.
  3. König: Sein Reich hat schon begonnen – überall dort, wo man auf Ihn hört, d.h. wo der Heilige Geist Menschen zu einem Leben mit Christus führt. Und am Ende der Zeit, so schärft Er es kurz vor dem Gang auf den Tabor ein, wird Er in großer Herrlichkeit, begleitet von Engeln, zurückkehren.

Aber da gibt es noch etwas: Die Verwandlung zeigt, dass Er eben nicht ein bloßer Mensch ist, kein einfacher Wunderheiler und Weisheitslehrer. Die Evangelien berichten hier etwas, aus dem ganz deutlich wird: Christus ist nicht nur moralisch, sondern auch wirklich wesensmäßig Gottes Sohn.

Zurück an den Fuß des Tabor: Sind die Jünger nun gestärkt, ihrem Meister weiter treu zu folgen, auch bei Spott, Leid und Verfolgung? Allerdings: Jakobus besiegelt 12 Jahre später seine Treue zu Christus mit dem Tod, 20 Jahre später ebenso Petrus.

Und wir? Wir können die Verwandlung nicht mehr „live“ auf dem Tabor erleben. Doch können wir die Herrlichkeit Christi auch in den Worten und Taten, die die Evangelien berichten, erahnen. Gerade das Johannesevangelium bietet sich dafür an – gerade auch jetzt, wo wir wegen Covid-19 mehr Zeit daheim verbringen. Wer weiß, vielleicht werden am Ende auch wir verwandelt?

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* In diesem strengen Sinne ist Christus auch der einzige Priester, den es im Christentum gibt. Ein christlicher Geistlicher kann das Opfer Christi in der Eucharistie lediglich vergegenwärtigen, nicht aber wiederholen — und auch die Vergegenwärtigung ist nur möglich aufgrund (a) der ausdrücklichen Einsetzung Christi beim Letzten Abendmahl und (b) eines jeweils besonderen göttlichen Eingreifens durch den Heiligen Geist.