‚Herr, öffne meine Lippen — damit mein Mund Deinen Ruhm verkünde‘

Nordisch-katholische Tagzeitenliturgie: Altkirchlich und aktuell

Das soeben in unserer Schriftenreihe erschienene Büchlein mit dem Titel „Abend- und Morgenlob“ will dazu einladen, das altkirchliche Gebet der Tagzeiten wiederzuentdecken — und zwar als gemeindliches, weder monastisches noch bloß auf Kathedralen beschränktes Morgen- und Abendlob. Dabei folgt es den frühesten Formen mit kontinuierlicher Tradition, wodurch sich auf natürliche Weise viele konfessionsverbindende Elemente ergeben — bis hin zu einer Harmonisierung alter west- und ostkirchlicher Formen.

Die enthaltenen Ordnungen für Morgen- und Abendlob folgen in ihrem Aufbau exakt den Vorgaben für Laudes und Vesper aus der Regel des heiligen Benedikt von Nursia. Diese bietet sich besonders an, da sie nicht nur vom stadtrömischen Stundengebet, sondern auch — vermittelt durch den heiligen Johannes Cassian — vom Tagzeitengebet orientalischer Klöster und Basiliken geprägt ist. Die benediktinischen Laudes an Sonntagen sind immer noch sehr nah am Morgen-Offizium altkirchlicher Kathedralen. (Die benediktinische Vesper ist dagegen eher monastisch geprägt.)

Es ergibt sich an einigen Stellen ein Auslegungsspielraum, der zum einen ein gewisses Maß an pastoraler Flexibilität erlaubt und zum anderen weitere Harmonisierungen zwischen ost- und westkirchlicher Tradition — wohlgemerkt ohne Ritenmischung — ermöglicht. Beispielsweise schreibt die Benediktsregel die Lesungen, Responsorien und Hymnen nicht genau vor, auch bei den vorgesehenen Lobgesängen (Cantica) aus dem Alten und dem Neuen Testament gibt es Auswahlmöglichkeiten. Ferner kennt schon die Benediktsregel eine gewisse Variabilität der Psalmenauswahl bei den großen Horen Laudes und Vesper, zumindest nach Wochentagen; dies wurde hier weiter verallgemeinert.

Bei der Einteilung der Psalmen- und Schriftlesungen findet (optional) eine Anleihe beim klassischen anglikanischen Ritus statt. Schon die englische Liturgiereform von 1549 verfolgte ja eine Wiederbelebung des zweimal täglichen Gemeinde-Offiziums, indem sie die benediktinischen Horen zusammenlegte und den Psalter über einen Monat verteilte. Dieser Monatspsalter ist hier — zusätzlich zur ursprünglichen benediktinischen Auswahl der Laudes- und Vesper-Psalmen — ebenfalls als Tabelle aufgenommen; dabei wurde zudem die altkirchliche Zuordnung bestimmter Psalmen zum Abend- oder zum Morgenlob (auf der Grundlage neuerer liturgiewissenschaftlicher Studien) berücksichtigt. Die anglokatholische Liturgiereform der englischen Staatskirche von 1928 schuf darüber hinaus eine Perikopenordnung für das Tagzeitengebet, die dem traditionellen westlichen Kirchenjahr folgt und einmal jährlich durch den größten Teil der Heiligen Schrift führt; auch dieses Lektionar ist hier in Tabellenform abgedruckt. Wichtige Heiligenfeste bleiben dabei keineswegs unberücksichtigt.

Selbstverständlich sind die liturgischen Ordnungen für Abend- und Morgenlob auch für den Gesang eingerichtet. Vor dem abschließenden Gebetsteil, der sich teils ostkirchlicher Tradition, teils älterer altkatholischer Tradition verdankt, findet sich eine kleine Auswahl kirchlicher Abend- und Morgenlieder einschließlich deutscher Übertragungen der wichtigsten überlieferten Hymnen des Tagzeitengebets. Dies ermöglicht eine Anpassung des Offiziums an die jeweilige Zeit im Kirchenjahr und an allfällige pastorale Besonderheiten.

Lassen auch Sie sich anstecken von der Freude am Feiern der Tagzeitenliturgie!

Abend- und Morgenlob.
Offizium der Tagzeiten altkirchlicher Tradition
Herausgeber: F. Irenäus Herzberg

Gebundenes Buch mit Fadenheftung, 120 Seiten.
Kleinformat (12cm x 19cm); 24,00 € inkl. MwSt.
Beziehbar direkt vom Verlag oder im Buchhandel:
ISBN 9783754340059

„Vor Deinem Kreuze, o Herrscher, werfen wir uns nieder …“

Kreuzigung unseres Herrn Jesus Christus: Meister der Schule von Nowgorod, ca. 1360

Ein Beitrag zum Hochfest Kreuzerhöhung

1. Vom Hauptfest des capitolinischen Jupiters in Rom zum Fest Kreuzerhöhung in Jerusalem

Fragen wir uns, warum das Fest „Kreuzerhöhung“ gerade auf den 14. September fällt, so müssen wir zuerst auf das vorchristliche Hauptfest des capitolinischen Jupiters schauen. Denn am 13. September war ein hoher Feiertag für den höchsten Gott in Rom. Diesen altehrwürdigen Festtag zu Ehren des größten und besten Gottes wollte Konstantin der Große erhalten. Er legte deshalb fest, dass die Einweihung der Grabeskirche am 13. September zu erfolgen hätte. Diese fand statt im Jahr 335. Wir müssen freilich bedenken, dass es sich um zwei große Kirchen handelte. Die eine stand auf Golgatha. Die andere überdeckte das Grab des Herrn. Beide wurden gemeinsam geweiht. Bereits die Pilgerin Egeria berichtet uns gegen Ende des vierten Jahrhunderts über die Kirchweihfeierlichkeiten, wie sie jährlich in Jerusalem begangen werden: Ca. 40–50 Bischöfe sind versammelt. Die Kirchen sind geschmückt wie zu Epiphanie und Ostern. Eine Festoktav mit täglichen Prozessionen wird abgehalten. Viele Pilger kommen aus verschiedenen Ländern.

Berühmt ist die Teilnahme der öffentlichen Sünderin Maria von Ägypten. Aus Neugierde will sie wissen, was die Gläubigen nach Jerusalem führt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten bekehrt sie sich und lebt fortan in der Wüste. Der heilige Zosimas aus dem Gerasimuskloster brachte ihr jedes Jahr zum Fest der Auferstehung das Abendmahl.

Bis heute kommen Pilger aus Ägypten zum Kirchweihfest der Grabeskirche, die nach dem julianischem Kalender am 27. September gefeiert wird. Wenn Ende September die Anastasis nach Basilikum duftet, das Ostertroparion „Christ ist erstanden“ erklingt und der Allerseligste, der Patriarch von Jerusalem, hinunter in die Helenakapelle zieht, dann ist die Kirchweih der Grabeskirche, bzw. es wird deren zweiter Feiertag begangen, das Fest „Kreuzerhöhung“. Im Rahmen der Festwoche war es üblich, dass am zweiten Feiertag das Kreuzesholz zur Verehrung gereicht wurde. Aus diesem Brauch entwickelte sich das Fest Kreuzerhöhung. Egeria gibt als Grund für das große Fest die Auffindung des heiligen Kreuzes an.

2. Das lebenspendende Kreuz Deiner Güte

Mit der Anrufung „Das lebenspendende Kreuz Deiner Güte, das Du uns Unwürdigen gewährt hast, o Herr, bringen wir Dir herbei in Verehrung …“ beginnt das Troparion am Vorabend des 14. September im Ritus von Byzanz. Das Kreuz kann zur Verehrung gezeigt werden, da die heilige Helena, die Mutter Kaiser Konstantins, es gefunden hat. Die Legende berichtet, dass Kranken verschiedene Hölzer aufgelegt wurden. Wenn eine Heilung erfolgte, war gesichert, dass es sich um das Kreuz des Erlösers, um das Kreuz Jesu Christi, handelte.

Konstantin und Helena: altrussisches Relief, 13. Jh.

Das Fest Kreuzerhöhung ist also eine Erinnerung an die Auffindung des heiligen Kreuzes durch Kaiserin Helena. Es ist auch Gedächtnis der Rückeroberung der Kreuzesreliquie durch Kaiser Heraklion am 3. Mai 628. Der Perserkönig Chosroes hatte das Reliquiar an sich genommen. Seine Frau war ostsyrische (nestorianische) Christin. Ihr wollte er es zum Geschenk machen. Kaiser Heraklion verwandte die ganze Schaffenskraft seiner Amtszeit darauf, das Kreuz zurückzuerobern. Wahrscheinlich um 628 brachte er es zunächst nach Konstantinopel und im März 630 nach Jerusalem. Wieder konnte das heilige Kreuz zur Verehrung gezeigt werden. Es war die Regierungszeit des Patriarchen Sophronius. 637 fiel Jerusalem in die Hände des Islam, nachdem das kaiserliche byzantinische Heer abgezogen war. Patriarch Sophronius hatte die Verteidigung der Stadt auf das Beste organisiert. Doch nach der Flucht des Heeres übergab er in aussichtsloser Situation die Stadt. Er führte die Verhandlungen. Unter ungeklärten Umständen kam er ums Leben, vielleicht, weil er Soldaten ermunterte nicht zum Islam überzutreten.

Kaiser Konstantin hatte im Traum das Kreuzzeichen gesehen. Nach Eusebius von Caesarea erschien ihm im Sonnenlicht das Kreuz mit der Inschrift En touto nika, in diesem (Zeichen) siegst du! Er hat seinen Sieg an der Milvischen Brücke oder bei Saxa Rubra im Oktober 312 dieser Erscheinung zugeschrieben. Auch dieser Aspekt ist Teil des Kreuzgedächtnisses. Später ließ Konstantin einen seiner Söhne töten: Crispus wurde durch seinen Vater Konstantin ermordet, da er ihn als Regierungskonkurrenten fürchtete. Seine Frau teilte sein Schicksal. Er war der Lieblingsenkel der Kaiserin Helena. Angesichts dieses schweren Leides macht sie sich auf die Suche nach dem Kreuz des Herrn. Das ist die Botschaft der Kreuzauffindungslegende. Nach dem Vorbild der heiligen Helena suchen wir in unserem Kreuz das Kreuz Christi. Im Leid und in der Not unseres Lebens finden wir Hilfe, Heil und Rettung, wenn wir auf das Kreuz Christi schauen.

Die alte Kirche hat das Kreuz stets als Siegeszeichen gesehen und das gemmengeschmückte Siegeskreuz bevorzugt. Es ist Hinweis auf den, der am Holz den Tod besiegt hat. „Im Tode bezwang er den Tod“, heißt es im Ostertroparion. Das Kreuz Christi steht für das Leben, für das ewige Leben. Das Fest Kreuzerhöhung entwickelte sich aus der Kirchweihe der Grabeskirche und der Auffindung des Kreuzesholzes. Letztlich ist es aber doch Hinweis auf den am Kreuz gestorbenen König, der durch den Tod ging und auferstanden ist. Sehr schön kommt der Zusammenhang von Kreuz und Leben im Hymnus „Christi Auferstehung haben wir geschaut“ zum Ausdruck. Er wird in der byzantinischen Osternacht und nach Verkündigung des sonntäglichen Auferstehungsevangeliums in der Nachtwache gesungen. „Vor Deinem Kreuze fallen wir nieder, o Christus, und Deine heilige Auferstehung besingen und preisen wir … Denn siehe durch das Kreuz kam Freude in alle Welt … Denn das Kreuz hat er erduldet um unseretwillen und durch den Tod vernichtet den Tod.“

3. „Wir aber müssen uns rühmen im Kreuze…“

Mit den Worten „Wir aber müssen uns rühmen im Kreuze unseres Herrn Jesus Christus; in Ihm ist für uns das Heil, das Leben und die Auferstehung“ (nach Gal 6,14) beginnt der Introitus der römischen Messe zum Fest Kreuzerhöhung. In Rom wurde das Fest ab dem 7. Jahrhundert übernommen. Wohl aus gallikanischer Tradition kam das Kreuzfest am 3. Mai in den römischen Kalender. Es erinnerte an die Kreuzauffindung durch Helena. Für den 14. September war der Sieg über die Perser der Ausgangspunkt. Als Doppelung wurde das Gedächtnis am 3. Mai in der Liturgiereform gestrichen. Im Kalender der nordisch-katholischen Kirche ist es auch heute zu finden. In Rom hat das Fest Kreuzerhöhung nie die Bedeutung wie in Byzanz erlangt. Es gibt den Titel, bisweilen auch von Wallfahrtskapellen. Zum Beispiel wird das Fest in der Abtei Chevetogne festlich als Patrozinium gefeiert, freilich im byzantinischen Ritus. In Byzanz ist es Festtag und strenger Fasttag. Es zählt zu den zwölf Hochfesten. Das in der eucharistischen Liturgie ansonsten übliche Trishagion wird durch den Ruf „Vor Deinem Kreuze, o Herrscher, werfen wir uns nieder und Deine heilige Auferstehung preisen wir“ ersetzt. Besonders eindrucksvoll ist die pankosmische Kreuzerhöhungszeremonie. Ein mit Blumen reichgeschmücktes Kreuz wird in alle vier Himmelsrichtungen erhoben und unter dem Gesang von 40 Kyrie eleison langsam bis auf den Boden gesenkt. Die Erhöhung des Gottessohnes ist seine Erniedrigung. Die Väter lehren, Gott konnte nicht mehr wachsen, nicht mehr größer werden. Größer als Gott geht nicht. Allein in seiner Menschwerdung, in seiner Erniedrigung, in seinem Tod am Kreuz (vgl. den Philipperhymnus Phil 2,6–11) konnte seine Größe noch gemehrt werden.

So ist das Kreuz Zeichen des Lebens des Lebens, das der Lebensspender Christus gewährt. Es wird gerettet, wer zu ihm aufschaut. „Darum wollen wir zu ihm aufschauen, um von den Bissen der Sünde geheilt zu werden“, schreibt Augustinus in seinem Johanneskommentar. Vorbild ist die von Moses erhöhte Schlange in der Wüste. (Vgl. Num 21,6f.)

Das Kreuz ist augenfälliges Zeichen der Liebe Gottes und jede große Liebe ist deshalb stets gekreuzigte Liebe sagt Paul Ewdokimow. Romanos der Melode dichtet: „Das Kreuzesholz bringt uns an jedem Tag und zu jeder Zeit unermesslichen Reichtum, denn es führt uns alle erneut ins Paradies.“

So möge uns die Liebe des Gekreuzigten zuteil werden, wenn wir gleich Maria von Ägypten und der heilige Helena auf das kostbare und lebenspendende Kreuz schauen. Christi Licht, das einst Konstantin ergriffen hat und das allen leuchtet, leuchte auch uns in diesen schweren Zeiten der Pandemie, vor allem, wenn wir die Weihe des Hauses der Auferstehung und das Kreuzfest begehen. „Rette uns o Kreuz, durch Deine Macht, heilige uns durch Deinen Glanz, Du kostbares Kreuz und gib uns Kraft durch Deine Erhöhung. Denn als Licht wurdest Du uns gegeben und als Rettung unserer Seelen.“

Weihe der Anastasis 2021

Joachim Danz,
Dipl.-Theol. (Univ.)

Ein nordisch-katholischer „Schott“

Missale & Kalender im Kleinformat

Seit diesem Monat sind zentrale liturgische Texte des nordisch-katholischen Ritus in einer kleinformatigen Ausgabe zu erschwinglichem Preis erhältlich — nicht unähnlich den von Anselm Schott OSB begonnenen Volksausgaben römischer Messbücher. Der Sonderband „Nordisch-katholisches Messbuch — Studienausgabe“ unserer Schriftenreihe SYNODOS enthält die meistverwendeten Teile sowohl des Nordisch-katholischen Sakramentars als auch seines Ergänzungsbands (beide 2020 erschienen).

In dem neuen Band enthalten sind insbesondere die vollständige eucharistische Liturgie (Vorbereitungsgebete, Ordinarium sowie alle Auswahl- und Eigentexte) samt den gregorianischen Gesangsweisen für die Zelebranten, ferner die wichtigsten Benediktionen sowie der Kalender der Heiligenfeste samt deren Rangordnung. Wie auch im Sakramentar sind die biblischen Perikopen (Introitus, Lesung/-en, Evangelium) des Proprium in aller Regel nicht abgedruckt; sie sind jedoch stets versgenau angegeben, so dass sie direkt aus der Bibel gelesen werden können.

Es würde den Rahmen sprengen, den nordisch-katholischen Ritus an dieser Stelle im Detail zu erläutern. Nur so viel sei gesagt: Seine liturgischen Formulare knüpfen an die ältesten noch lebendigen Traditionen der Westkirche an (z.B. die Kartäusermesse). Insbesondere im Ordinarium gibt es nur minimale Abweichungen von diesen Quellen — etwa die Tilgung des Filioque im Credo. Diese Abweichungen sind stets liturgiehistorisch und dogmatisch — im Sinne der orthodoxen Theologie, die von der Nordisch-katholischen Kirche vertreten wird — begründet; das Vorwort des Bandes gibt hierüber genaue Rechenschaft.

Kurz gefasst: Die über anderthalb Jahrtausende alte eucharistisch-liturgische Tradition der Westkirche wird hier, auf der Grundlage orthodoxer Theologie, in organischer Weise fortgeschrieben für unsere Zeit.

Gebundenes Buch mit Fadenheftung, 216 Seiten.
Kleinformat (12cm x 19cm); 27,00 € inkl. MwSt.
Beziehbar direkt vom Verlag oder im Buchhandel:
ISBN 9783754317150

[F.I.H.]

Eine Firmpredigt

Bischöflich geweihtes Salböl (Chrisam) vor Kelch und Patene, darunter Korporale und Antimension

Lieber Pfarrer Daniel, liebe Firmkandidatin,
liebe Brüder und Schwestern!

An diesem festlichen Tag freue ich mich sehr, euch jemanden vorstellen zu dürfen. Nein, es handelt sich nicht um die Firmkandidatin: Sie kann gut für sich selbst sprechen … und ihr habt sie ja bereits kennen gelernt!

Es handelt sich um eine Person, die etwas zurückhaltend ist, sich nicht in den Vordergrund drängt. Zuweilen wird sie deshalb auch unterschätzt und missverstanden. Manche halten sie gar für eine bloße unpersönliche Kraft. [Andere wiederum meinen, sie müsse unbedingt als weibliche Person angeredet werden, unter Berufung auf das Genus des hebräischen Wortes ruach.]

Die Person, von der ich spreche, ist zwar zurückhaltend, doch durch ihr Handeln durchaus wahrnehmbar – ganz besonders von Menschen guten Willens. Manche würden sagen, sie sei die Kreativität in Person; das ist auch nicht ganz unzutreffend, aber doch eine ziemlich unvollständige Beschreibung.

Wie gesagt, trotz mancher Parallelen: Es handelt sich nicht um unsere heutige Firmkandidatin. Bevor ich das Geheimnis lüfte, nenne ich noch die Haupttätigkeit der Person: Sie ist ein Sachwalter, ein Beistand, nicht unähnlich einem Rechtsbeistand. Sie ist ein Advokat, im wörtlichen Sinne eines „(zur Hilfe) Herbeigerufenen“ – wofür der Urtext des Neuen Testaments das Wort parakletos verwendet. Aber um welchen Advokaten handelt es sich hierbei? Doch nicht etwa um den sprichwörtlichen advocatus diaboli? Natürlich nicht, das sei ferne! Vielmehr geht es um dessen genaues Gegenstück: um den Beistand der Christgläubigen, den Heiligen Geist.

Betrachten wir nun dessen Eigenschaften: Wie jeder gute Anwalt drängt Er sich nicht in den Vordergrund; Er wird nicht tätig, ohne mit einem klaren Mandat herbeigerufen oder ausgesandt worden zu sein. Deshalb ruft Ihn die Kirche bei allen Sakramenten (explizit oder implizit) herab. [Die Theologen bezeichnen dies mit dem griechischen Lehnwort Epiklese.]

Der Heilige Geist ist eine Person, nicht bloß eine kreative Kraft. So schön und richtig es ist, Ihn mit Ps 104* als Lebensspender zu feiern, darf man Sein Wirken nicht auf das rein Schöpferische reduzieren. Eine Kraft, und sei es eine kreative Kraft, kann wohl kaum in dem Sinne lehren und trösten, wie Jesus es in unserem Evangelium beschreibt (Joh 14,26*). [Wäre der Heilige Geist eine bloße Kraft, könnte man auch nicht erklären, dass Jesus hier und anderswo männliche Pronomina für Ihn verwendet, obgleich es doch im griechischen Urtext – wo das Wort für Geist, pneuma, sächlich ist – grammatikalisch einfacher wäre, Ihn als Neutrum zu behandeln.] Obgleich Er körperlos ist, muss der Heilige Geist im Lichte des Neuen Testaments männlich angeredet werden.

Das Werk des Heiligen Geistes, Sein Beistehen, kann wahrgenommen werden – jedenfalls von Menschen guten Willens, zuweilen sogar öffentlich. Sonst hätten Petrus und Johannes ja in der Begebenheit unserer Lesung (Apg 8,14–17*) gar nicht wissen können, dass der Heilige Geist seitens der (durch Diakon Philippus) Neugetauften in Samarien noch nicht empfangen worden war. [Sonst hätte auch Petrus nicht erkannt, dass die Hörer seiner Predigt im Hause des Kornelius den Heiligen Geist bereits empfangen hatten, vgl. Apg 10,47.] Gelegentlich ist Sein Wirken sogar spektakulär: Man denke nur an das Pfingstwunder (Apg 2,6) — und an die zahlreichen anderen erstaunlichen Begebenheiten, die sich in der Kirchengeschichte immer dann ereignet haben, wenn das Evangelium zum ersten Mal unter einem Volk verkündet wurde.

Das Werk des Heiligen Geistes in den Gläubigen ist keinesfalls mit Ekstase gleichzusetzen. Vielmehr besteht es zuvörderst darin, die Gläubigen mit besonderen Gaben auszurüsten. In Jes 11,2f werden diese sieben Gaben aufgezählt [und wurden von dort — über Septuaginta und Vulgata, also die griechische und die lateinische Übersetzung des Alten Testaments — in die traditionelle westliche Firmliturgie übernommen]: Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit / Gottesfurcht.

[Diese Gaben können übrigens nicht eindeutig gegenseitig abgegrenzt werden, die semantischen Bereiche überlappen; z.B. ist ja die Furcht des Herrn der Anfang der Weisheit laut Ps 111,10, Spr 9,10. In der hebräischen Bibel sind es in Jes 11,2 eigentlich nur sechs Gaben, obgleich von Gottesfurcht in Jes 11,3 ein zweites Mal die Rede ist — möglicherweise eine Dittographie. Die Sieben als symbolische Zahl der Vollkommenheit drängt sich im Zusammenhang mit dem Heiligen Geist natürlich geradezu auf, vgl. auch z.B. Offb 1,4.]

Alle sieben Gaben verweisen auf geistige Aktivitäten. Damit stimmt überein, dass Jesus das Lehren und Vertiefen von Christi Botschaft als zentrales Wirken des Heiligen Geistes herausstellt. Dabei müssen allerdings die Begriffe recht verstanden werden. Mit ,Erkenntnis‘ [in der Vulgata, also der lateinischen Übersetzung des Alten Testaments, und in der Firmliturgie: scientia, „Wissenschaft“] ist hier das Ergründen, Systematisieren, Durchdringen von Gottes Offenbarung gemeint — sowohl der Offenbarung Gottes in der Schöpfung wie auch der Offenbarung Gottes in der Geschichte Israels und vor allem in Seinem fleischgewordenen Wort Jesus Christus, wovon die Schriften des Alten und Neuen Testaments zeugen.

Diese Art von Erkenntnis bzw. Wissenschaft ist nicht bloß graue Theorie. Wirkliche theologische Einsicht erweist sich darin, den Willen des Schöpfers und Erlösers sowohl zu erkennen als auch umzusetzen. Sie zeigt sich also nicht nur im Wissen über Gott und Sein Wesen — und auch nicht nur in der korrekten Verehrung Gottes im religiösen Rahmen. Vielmehr zeigt sie sich gerade auch darin, wie wir den Menschen begegnen, die Gott als Seine Abbilder (Gen 1,27) in unser Leben gestellt hat; diese sind gewissermaßen Ikonen Gottes – zuweilen durch die Sünde entstellt, doch nie völlig unkenntlich.

Die Fülle der Gaben des Heiligen Geistes, die heute unsere Kandidatin erhalten soll, ist wie der Setzling eines Baumes. Ein solcher Setzling bedarf einer gewissen Aufmerksamkeit. Er muss in eine Umgebung gepflanzt werden, wo er nicht von Unkraut erstickt oder gar niedergetrampelt wird. Für den Heiligen Geist ist eine förderliche Umgebung das gereinigte Herz, welches ja, liebe Kandidatin, dein Firmspruch erbittet: Ps 51,12. Dann aber bringt der Setzling gewiss die gute Frucht, an der man einen guten Baum erkennen kann (vgl. Mt 12,33). Als Früchte des Heiligen Geistes zählt der Apostel Paulus denn auch wunderbare Tugenden auf (Gal 5,22f): Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung.

Wie erlangen wir nun diese Gaben, woher können wir einen solchen Setzling nehmen, der solche Frucht zeitigt? Will heißen: Wie können wir heute noch den Heiligen Geist empfangen? Nun, wie wir eben gehört haben, hat Christus der apostolischen Kirche den Heiligen Geist als bleibenden Beistand verheißen (Joh 14,27) – und dieser Beistand wird, wie die Lesung bezeugt, seit ältester Zeit durch die Apostel bzw. ihre Nachfolger mittels Handauflegung und Gebet den einzelnen Gläubigen mitgeteilt. Mit anderen Worten: Die Firmung durch einen Apostelnachfolger/Bischof oder einen hierzu von ihm beauftragten Priester ist die sakramentale Garantie für die Versiegelung mit dem Heiligen Geist.

Um es noch deutlicher zu sagen: Aus eigener Kraft wird es uns nicht gelingen, ein Leben zu führen, dass stets und uneingeschränkt tugendhaft ist. Dazu bedarf es [zumindest seit dem Sündenfall] einer ganz besonderen Gnade. Eben hierzu dienen die Gaben des Heiligen Geistes. Wenn wir denn unser Herz reinigen (z.B. auch durch das Sakrament der heiligen Beichte) und uns mit Dankbarkeit an die Gaben des Heiligen Geistes erinnern, um sie zu erwecken, können wir alsbald erste Früchte ernten. So werden wir ein tugendhaftes Leben sowohl anstreben (durch die Gabe der Einsicht) als auch in die Tat umsetzen (durch die Gabe der Stärke).

Dank Jesu Verheißung dürfen wir nun darauf vertrauen, dass derselbe Geist auch heute dem neuen Mitglied unserer Kirchengemeinde zuteil wird. So mögest auch du, liebe Firmkandidatin, durch die Gaben des Heiligen Geistes die wunderbare Erfahrung machen, wie Gott in dir wirkt und gute Frucht wachsen lässt. Mit den Worten des Apostels Paulus: Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt. (Phil 2,13) Amen.

* Votivmesse um die Gnade des Heiligen Geistes;
biblische Texte/Perikopen: Ps 104; Apg 8,14–17; Joh 14,23–31a.

Gehalten am 5. September 2021 in der nordisch-katholischen Mission St. Willibrord im Sauerland.

[F.I.H.]