Kirche: Haben oder Sein?

Symbol Notre Dame

Ist der Kirchenbrand und Beinahezusammenbruch von Notre symbolisch deutbar oder gar ein Vorbote? Wenn ja, was könnte sich hierin ankündigen?
Es gibt Ereignisse, die im Rückblick als Auftakt eines Untergangs und als drohende Vorboten einer neuen Zeit gedeutet werden, während sie zugleich Denkmal einer sich dem Ende neigenden Epoche sind.

So ist es mit der Titanic, die schon im Namen die gigantische Vermessenheit des technikbesessenen homo fabers anzeigt und mit deren Untergang die Hoffnung des industriellen Zeitalters Schiffbruch erlitt, mit der geradlinige fortschreitenden Evolution der Technik auch den Schlüssel zur Lösung aller menschlichen Probleme in die Hand zu bekommen.

Das Sinken der Titanic gleich zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde zudem nachträglich als Prophezeiung verstanden, dass der einmal aus der Flasche gelassene Erfindergeist sich gegen seinen Schöpfer und das Leben überhaupt wenden und in Weltkriegen mit ungekannten Dimensionen technischer Vernichtungskraft entladen würde.

Für Ähnliches steht der Name Tschernobyl, doch hier ging die Gefahr nicht vom Gewitter glänzenden Stahls aus, sondern von der ungleich gewaltigeren Wucht des unsichtbaren Atoms.

Dem Vergehen der berühmtesten New Yorker Immobilie der Twintowers zu Beginn des Millenniums vor den Augen des erstarrten Zuschauers folgte schon bald der Zusammenbruch der Finanzmärkte nach dem Platzen einer Immobilienblase, wodurch der Mittelstand die Vorsorge seiner Zukunft verlor.

Notre Dame – Unsere liebe Frau von Welt

Aus der Asche des verkohlten und eingebrochenen Dachstuhls von Notre Dames den Zusammenbruch des christlichen Abendlandes insgesamt zu lesen, verbietet sich, da die Lage offensichtlich komplexer ist, schon allein deshalb, weil auch das christliche Abendland eine Landschaft aus unterschiedlichen Regionen ist.

Denn in Frankreich sind die Kirchen als Gebäude im Grunde staatliche Museen, und dies bereits seit der Französischen Revolution.
Doch in den Ruinen blüht es, und neues geistliches Leben wächst heran. Um nur drei Beispiele zu nennen: die Gemeinschaft von Bethlehem (von 1950), die ökumenische Gemeinschaft von Taizé (gegr. 1942) und die Gemeinschaft von Jerusalem (gegr. 1975).
Es fällt zunächst auf, dass alle drei recht jungen Bewegungen sich eines großen Zulaufs erfreuen und dabei auf etablierte Bezeichnungen wie Orden, Bruderschaft oder Institut verzichten, sondern sich bescheiden „Gemeinschaft“ nennen.

Das Christentum ist im laizistischen Frankreich also keineswegs tot, sondern in seinem gesellschaftlichen Nischendasein höchst lebendig. Die Teilnahme am Gottesdienst ist in Frankreich nur minimal geringer verglichen mit Deutschland, dessen Kirchen vergleichsweise vor Finanzkraft strotzen, ohne jedoch ähnliche Regungen vorweisen zu können.

Diesem ihrem Reichtum ist den Kirchen in Deutschland freilich auch die Sorge um ihre Kirchen als Gebäude aufgetragen ist und um sich selbst als Organisation, als KödR – als „Körperschaft des öffentlichen Rechts“.
Diese schon seit der Weimarer Reichsverfassung (Art. 137) verankerte und ins Grundgesetz (Art. 140) überführte Sicht der Kirchen als quasi sinnstiftender und karitativer verlängerter Arm des neutralen Staats bei der Bildung und Erhaltung eines Wertekanons macht sie durch ihre enorme Privilegierung zu einer Art Staat im Staat, der nicht nur Steuern einziehen kann, sondern auch neben Steuerbefreiungen, Siegelrecht, eigenem Arbeitsrecht, eigenen Schulen, Religionsunterricht an staatlichen Schulen u.a. Staatsleistungen mit Ewigkeitsrecht als Kompensationen für unter Napoleon verstaatlichen Kirchenbesitz genießt.

Wie sehr die KödR die deutschen Kirchen in ihrem Bestand schützt, zeigte kürzlich der Fall der „Rue Daru“ in Paris, in der das „Exarchat der orthodoxen Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa“ seine Heimat hat. Oder hatte, muss man fast sagen, denn seit ihr der Phanar seine Fittiche in Form des Tomos entzogen hat, ist diese Kirche als Exarchat (als orthodoxes Erzbistum) quasi vogelfrei: Ohne Schutz droht es zur potentiellen Beute eines imperial-expansionistischen Patriarchats zu werden, das mit der anachronistischen Behauptung auftritt, seine Gläubigen aus der Zerstreuung heimholen zu müssen – so stellen es zumindest Kritiker dar. Einzig ein dürres, aber offenbar effektives und klugerweise von den Gründern niedergelegtes Vereinsrecht garantiert das ungewisse Fortbestehen des Erzbistums als Institution.

Woran das Christentum krankt

Doch zurück zum verkohlten Notre Dame. Damit es als Symbol eines degenerierten Christentums taugt, ist zunächst zu fragen, woran denn der Patient Christentum eigentlich krankt?
Dabei wird doch das Christentum unausgesprochen mit Kirchesein gleichgesetzt – und dies zu Recht. Denn Christen suchen per definitionem die Gemeinschaft, schon allein, um dem letzten und in seiner Bedeutung ersten Auftrag Jesu im Plural gerecht zu werden: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22,19; 1 Kor 11,24), woraus sich letztlich die cura animarum – die Seelsorge – mit der Sorge um alle weiteren Sakramente ableitet.

Ein vereinzeltes Christentum, ein unverbindliches Single-Christentum sozusagen, grenzt dagegen an Esoterik und wird diese Grenz zwangsläufig überschreiten. Die Diagnose lautet dagegen, dass das Christentum an Apathie, mangelnder geistlicher Bewegung und fehlendem Wissen um seine psychologische wie theologische Seelenhygiene krankt.

Fangen wir mit dem Letztgenannten an. Es geht um weitaus mehr als das, was von staats- bzw. verfassungsrechtlicher Seite der Jurist und Rechtsphilosoph Böckenförde in seinem berühmten Diktum umrissen hat: Dass der freiheitliche Staat von Voraussetzungen lebe, die er selbst nicht garantieren bzw. erschaffen könne.
Dazu gehören zum einem scheinbar simple Tugenden wie Respekt, Anstand, Ehrlichkeit, Rücksicht u.a., doch zum anderen auch anspruchsvollere wie Wahrhaftigkeit, Sittlichkeit, Treue, Ehrfurcht und – besonders – Gewissen, das aus Konventionen erst Tugenden macht.

Das alles ist doch ein schwacher Nachhall dessen, was einst glauben bedeutet, nämlich „Glaube – Liebe – Hoffnung: diese drei“ (1 Kor 13,3).

Wir sind hoffnungslos, wenn wir so leben, als ob es kein morgen gäbe für uns und andere. Diesen Zynismus bloßzustellen, mag als die erste ethische Leistung solcher ökologischer Jugendbewegungen wie „Fridays for Future“ gelten, da Ökologie zukünftig ausblickt, obwohl zugleich hier und heute Maßnahmen und Haltungen gefordert sind.
Vor allem fehlt uns die christliche Hoffnung auf eine Fortsetzung der Geschichte in der Ewigkeit der Anschauung Gottes.

Wir sind lieblos. Nicht ohne Sentimentalität, aber ohne die christliche Liebe, die im Gott im Nächsten erkennt. Die haben wir an die Caritas delegiert. Der Nächste ertrinkt im Mittelmeer. Phantasievolle Lösungsvorschläge, um das zu verhindern, gibt es nur wenig.

Wir sind gottlos. Wir glauben als scheinbar allmächtige Prothesengötter alles zu vermögen und tun zu dürfen, ja, auch alles tun zu müssen, was getan werden kann. Dabei löst sich die Pragmatik von der Ethik und die Ethik von Glauben. Doch auch dieser ambivalente Anspruch des Alleskönnens hat spätestens im 20. Jahrhundert Schiffbruch erlitten, wie eingangs beschrieben. Und dennoch wird der ökonomische Druck immer größer, auch im Bereich der Gentechnik alles abzusegnen, was machbar ist.

Zugleich sind wir deistisch, oft auch als Christen: wir hängen der apathische Hoffnung an, dass es der verreiste Gott schon richten wird.
Und speziell in Deutschland weinen wir dazu einer institutionell aufgeblähten Körperschaftskirche nach, die sich vor Kraft nicht bewegen kann, weil sie kaum einer mehr trägt. Herrscht daher in den deutschen Kirchen geistliche Windstille, während sie an den Orten lebendig ist, wo kein Finanzkorsett sie stützt?

Wenn der Brand von Notre Dame ein Symbol für etwas ist, dann dafür: Aus den Trümmern einer zerfallenden Kirche ragte das goldleuchtende Kreuz über dem Hochaltar heraus. Gott ist gestern, heute und in Ewigkeit derselbe (vgl. Hebr 13,8).
Es braucht bloß einen Altar, vor dem sich die Gemeinde versammelt. Kathedralen und Kirchen aus Stein und Gold sind schön, würdig und recht – aber zum Glauben braucht es beides nicht, sondern um den Eckstein herum, den die Bauleute verwarfen (vgl. Ps 118,22 in Mt 21,42), braucht es allein eine lebendige Gemeinschaft von Gläubigen, die ist, was sie empfängt: Leib Christi. © RB

Anm. d. Red.: Ein auf dieser Website veröffentlichter Beitrag gibt nicht unbedingt die Meinung der gesamten Redaktion wieder, um auch kontroverse Diskussionen anzustoßen. Leserbriefe sind willkommen.

Mehr zu der Thematik z. B. unter: „Es war kein Unfall und kein Anschlag“ (FAZ vom 10.06.19)

„Was schaut ihr in den Himmel“? von Br. Josef Obl.OPR

Als ich etwa 18 Jahre alt war, da las ich das Buch Ein Mensch namens Jesus, einen Roman von Gérald Messadié. Ich habe den Schinken regelrecht verschlungen.

Der Autor erzählt entlang von historischen und biblischen Ereignissen, die Geschichte eines Jesus, der im Laufe der Jahre, aufgrund seiner Herkunft und seiner Lebensumstände schrittweise in seine Bestimmung als Messias hineinwächst.

Viele Erzählungen des Buches unterliegen der dichterischen Freiheit, verschmelzen aber ganz selbstverständlich mit biblischen Erzählungen und Berichten aus den Apokryphen [Anm. d. Red.: Es gibt wissenschaftlich genauer gearbeitete Jesus-Bücher, z. B. vom Neutestamentler Gerd Theißen Der Schatten des Galiläers].

Messadié beschreibt einen Jesus, der seiner Zeit voraus, sehr auf- und abgeklärt wirkt. Einen Jesus, der in jungen Jahren viel ‚rumgekommen ist. Auf seinen Auslandsreisen hat sich die Romanfigur viel Wissen angeeignet, auch über Krankheit und Heilung, so dass die Leute in Galiläa schnell beeindruckt sind von seiner Wortgewalt und seine Heilungen als Wunder bezeichnen.

Der Jesus des Gérald Messadié ist ein „systemkritischer“ Jude, der bei seinen öffentlichen Auftritten zu sozialen Reformen und unkonventionellen Lebensweisen aufruft, was bei der Bevölkerung nicht nur auf Zustimmung sondern auch auf Ablehnung stößt. So kommt es, wie es kommen musste, Jesus wird zum Tode verurteilt.

In der Romanerzählung ist Jesus aber nicht tot, er überlebt die Kreuzigung schwer verletzt, aber er überlebt sie. Die Wachen am Grab werden von seinen Anhängern bestochen, die ihn daraufhin in einem Versteck gesund pflegen.

Die Erzählung endet damit, dass Jesus nach seiner Genesung zum Meer reist. Auf dem Weg dorthin begegnet er zwei seiner ehemaligen Jünger in Emmaus. Er isst mit ihnen zu Abend und reist am nächsten Morgen weiter nach Joppe, von wo er nach Asien einschifft.

Ich kann mich noch gut an die Gedanken und Gefühle erinnern, die ich damals hatte, als ich am Ende das Buch zuschlug. Es waren die Gefühle, die wohl jeden Menschen ergreifen, wenn jemand so definitiv verschwindet. Schrecken und Entsetzen, vertrauende Ergebenheit, beobachtende Faszination und Ratlosigkeit.

Die Erzählung Messadiés führte in mir unweigerlich zu der Frage, die sich die Menschen angesichts der Tage zwischen Karfreitag, Ostern und Himmelfahrt immer wieder stellen: „Was, wenn Jesus nicht Auferstanden und in den Himmel aufgefahren ist?“

Die Frage ist so alt, wie das Christentum selbst, und immer wieder wurde und wird diese Frage von Anhängern anderer Religionen, Atheisten und pluralistischen Theologen aufgegriffen und als denkbare Variante und aus rein medizinisch-biologischer Sicht als Möglichkeit mit der höchsten Wahrscheinlichkeit in den Raum gestellt.

„Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut in den Himmel hoch?“ (Apg 1,11)

Auch für die engsten Vertrauten um Jesus, seine Gefährten und Freunde, war es kaum zu glauben, dass Jesus am dritten Tag von den Toten auferstanden sei. Er begegnete nach seiner Auferstehung vielen von ihnen, aber sie erkannten ihn nicht. Fast alle Erzählungen in denen der auferstandene Jesus seinen Freunden begegnet berichten davon, dass ihn keiner erkennt. Am leeren Grab hält Maria Magdalena ihn für den Gärtner, die Jünger auf dem Weg nach Emmaus gehen stundenlang neben ihm und merken nichts, die Jünger am See Tiberias sehen einen Mann am Seeufer und wussten nicht, dass es Jesus war.

Auf die Frage, was ist, wenn Jesus nicht auferstanden und in den Himmel aufgefahren wäre, antwortet Paulus auf seine ihm ureigene Art: „… (dann) sind wir die bedauernswertesten unter allen Menschen!“ (vgl. 1 Kor 15,19).

Bedauerlich fand ich den Schluss im Roman von Messadié, bedauerlich finde ich, dass es sogar Menschen gibt, die sich selbst als Christen bezeichnen, aber eine pluralistische Religionstheologie vertreten, der zufolge jede Religion die gleiche Heilsfunktion erfüllen kann.
Bedauerlich finde ich, dass es Christen gibt, die die Worte Jesu nicht ernstnehmen, die er sagte, unmittelbar bevor er in den Himmel aufgenommen wurde (vgl. Mk 16,15-20):
– Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet allen das Evangelium!
– Führt die Menschen zum Glauben und tauft sie, damit sie das ewige Leben haben!
– Legt den Kranken die Hände auf und betet für sie.

Ich bin froh, dass wir nicht da stehen und mit offenem Mund nach oben schauen so wie die Jünger, als Christus in den Himmel aufgefahren ist. Zu ihnen sagten die Engel: „Ihr Männer aus Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel hoch?“
Ich bin froh, dass wir eine Kirche mit Herz und Eifer sind! Christus ist auferstanden und in den Himmel aufgefahren, das ist ein Grund zum Feiern, und das dürfen wir gleich zweimal feiern, morgen im Gottesdienst und nachmittags auf der Grillparty! … Denn er ist bei uns „alle Tage bis zum Ende der Welt“ (vgl. Mt 28,20).

Kritik an Bischofsweihe in „Christ-Katholischer Kirche“ (KNA)

Die Veröffentlichung des folgenden Artikels aus „Ökumenische Information“ (Nr. 21 vom 21.05.19, S. 2) erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Für die Erlaubnis zur Verwendung des Beitragsbildes bedanken wir uns bei der Firma Holyart.

Düsseldorf/Urspringen Die altkatholische „Union von Scranton“ hat die kirchenrechtliche Rechtmäßigkeit der Bischofsweihe der „Christ-Katholischen Kirche“ (CKK) in Deutschland bestritten. Am 19. Mai wurden in der Schlossparkhalle im unterfränkischen Urspringen Klaus Mass zum Bischof und Thomas Doell zum Weihbischof geweiht. Die Weihe spendeten nach einem Bericht der „Main-Post“ die Bischöfe Gerard Laplante (Hauptzelebrant) und Jürgen Schmode von der Altkatholischen Kirche von Britisch-Kolumbien sowie Hansjörg Peters (Altkatholische Kirche der Slowakei) und Adam Rosiek (Altkatholische Nationalkirche in Polen).

„Sakramental zweifelhaft“

Die Union von Scranton sprach von unerlaubten und „sakramental zweifelhaften“ Weihen. Weder ein Bischof der Union von Scranton noch der Utrechter Union, die den größeren Teil der Altkatholiken weltweit repräsentiert, sei beteiligt. Die CKK sei seit Juni 2018 nicht mehr mit der Union verbunden, betonte diese in einer Pressemitteilung. Im vergangenen Sommer hätten Mass, Doell und einige weitere deutschsprachige Geistliche und Gläubige sich von der zur Union gehörenden Nordisch-Katholischen Kirche losgesagt und die CKK als selbstständige Jurisdiktion gegründet. Diese werde aber von der Union nicht anerkannt.

Die altkatholischen Kirchen entstanden aus Protest gegen das Erste Vatikanische Konzil (1869/70), das die päpstliche Unfehlbarkeit in Fragen des Glaubens und der Sitte sowie die oberste Leitungsgewalt des Papstes in der Kirche festschrieb. Die Altkatholiken betrachten dies als Bruch mit alten Glaubensüberlieferungen. Zusammengeschlossen sind ihre Kirchen zum größeren Teil in der 1889 gegründeten Utrechter Union. 2003 zerbrach diese im Streit um die Ordination von Frauen und die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Um die Kirche der polnischen Altkatholiken in Nordamerika bildete sich ein neuer Zusammenschluss, die Union von Scranton. © KNA

Richtigstellung aus gegebenem Anlass vom 14. Mai 2019

Die Nordisch-Katholische Kirche veröffentlicht aus Anlass der für den 19. Mai 2019 vorgesehenen Bischofsweihen der „Christ-Katholischen Kirche in Deutschland“ folgende Richtigstellung:

1) Die sog. „Christ-Katholische Kirche in Deutschland“ (CKK) um Klaus Mass und Dr. Thomas Doell gehört bereits seit Juni 2018 nicht mehr zur altkatholischen Union von Scranton.

2) In Wirklichkeit ist einzige europäische Diözese der altkatholischen Union von Scranton die Nordisch-Katholische Kirche mit Bischofssitz in Norwegen.

3) Der Bischof der Nordisch-Katholischen Kirche hat im Juni 2018 Klaus Mass als Generalvikar ihrer deutschen Administratur, die bis dahin den Namenszusatz „Christ-Katholische Kirche in Deutschland“ trug, seines Amtes enthoben und vom Klerikeramt suspendiert.
Der Erzbischof der Union von Scranton hat diese Entscheidung der Nordisch-Katholischen Kirche uneingeschränkt befürwortet.

4) Im Juli 2018 haben sich Mass, Doell und einige weitere deutschsprachige Geistliche und Gläubige von der Nordisch-Katholischen Kirche losgesagt und die „Christ-Katholische Kirche in Deutschland“ als selbständige Jurisdiktion gegründet. Sie haben sich dann dem Schutz der „Altkatholischen Kirche von British Columbia“ unterstellt, deren kurzzeitige Gastmitgliedschaft in der Utrechter Union der altkatholischen Kirchen 2007 wegen offener Fragen zur Theologie und sakramentalen Gültigkeit dieser Kirche unfreiwillig beendet wurde.

5) Die Abtei St. Severin, der frühere alt-katholische Pfarrer von Frankfurt und der Notfallseelsorger für Einsatzkräfte beim Bayerischen Roten Kreuz, die vormals zur Alt-Katholischen Kirche der Utrechter Union gehörten, sind in der Nordisch-Katholischen Kirche und damit in der Union von Scranton bei ihrem Bischof geblieben.

6) Die Union von Scranton distanziert sich ausdrücklich von den geplanten unkanonischen „Bischofsweihen“ und ihrer spalterischen Vorgeschichte. Selbstverständlich wird weder ein Bischof der Union von Scranton noch der Utrechter Union der Einladung zu diesen „Konsekrationen“ folgen.

7) Klaus Mass und Thomas Doell werden sich als „Bischöfe“ daher außerhalb der beiden altkatholischen Kirchenunionen befinden. Ihre Weihen erfolgen sakramental zweifelhaft, im Hinblick auf die sehr überschaubare Größe ihres „Bistums“ und dessen Vorgeschichte zudem unerlaubt sowie nach den Maßstäben der Union von Utrecht aus diesen Gründen auch ungültig, weshalb vor ihnen als episcopi vagantes („Vagantenbischöfe“) zu warnen ist.

8) Die Nordisch-Katholische Kirche steht in voller Kirchengemeinschaft mit der Polish National Catholic Church of America und ist mit ihr auch kirchenrechtlich, als Mitgliedskirche der Union von Scranton, fest verbunden. Dagegen kann die „Christ-Katholische Kirche in Deutschland“ keineswegs als „Tochter“ der Nordisch-Katholischen Kirche gesehen werden. Sie ist eine — ohne ersichtlichen theologischen Grund erfolgte — Abspaltung, mit welcher die Union von Scranton keine Sakramentengemeinschaft pflegt.

Glaube bedeutet Vertrauen – Zum Marienmonat Mai. Br. Joe Obl. OPR

Dass viel auch in Puncto Hyperdulie hilft, darf jeder für sich hoffen und glauben,
solange der dreieine G’tt stets der alles bewegende Mittelpunkt bleibt.

Mal ehrlich, würdet Ihr mir zutrauen, dass ich den Motorschaden an Eurem Auto wieder reparieren könnte?
Ihr traut mir das nicht zu?
Ok, ich traue mir das selbst nicht zu!

Andere Frage: „Traue ich Gott zu, dass er von den Toten auferstanden ist?“, oder eine noch grundsätzlichere Frage: „Traue ich Gott zu, dass es ihn überhaupt gibt?“
Wenn ich diese Fragen eindeutig mit JA beantworten kann, dann frage ich mich, warum ich ihm oft so wenig vertraue?

Dass es aber im Leben des Christen grundsätzlich auf das sprichwörtliche Gottvertrauen, auf das Vertrauen auf die Existenz Gottes ankommt, das wird doch besonders deutlich, wenn wir das Wort „Glauben“ durch das Wort „Vertrauen“ ersetzen.

„Dein Glaube hat dir geholfen“ oder „Dein Glaube hat dich gerettet“, „…hat dich gesund gemacht“, so heißt es an verschiedenen Stellen im Neuen Testament …
Ich bin mal ganz bewusst hingegangen und habe in den Evangelien „rumgelesen“ und immer dann, wenn das Wort „Glauben“ auftauchte, habe ich es durch „Vertrauen“ ersetzt. Das war für mich spannend, lustig, ernüchternd, beschämend und frohmachend!

Im neuzeitlichen Sprachgebrauch bezeichnet „Glaube“ ein „Fürwahrhalten“ von etwas, was man nicht genau weiß, und allzu oft sagen wir spöttisch: „Was man nicht wissen kann, muss man halt glauben!“
Glauben bedeutet umgangssprachlich demnach eine ungewisse Vermutung. Für den Christen bezeichnet Glaube hingegen ein Festwerden im Vertrauen auf Gott.

Es ist Mai, der Wonnemonat, der Marienmonat. Ich denke an die „Maialtärchen“, die in meinen Kindertagen überall an und in den Häusern aufgestellt wurden, an die Maiandachten, die Wallfahrten, die blumenreich geschmückten Marienaltäre und Muttergotteskapellchen und an die vielen Titel, die Maria bereits verliehen wurden.

Darunter viele berechtigte Ehrentitel wie: Meerstern, allerseeligste Jungfrau, Trösterin der Betrübten, Lilie ohne gleichen, Rose ohne Dornen… Aber auch an viele Titel mit denen ich persönlich ein Problem habe, wie z.B. Zuflucht der Sünder, Heileshort, Mitterlöserin, … der man Gut, Blut und Leben und alles, was man hat und ist, geben soll… 

Bei solchen Anrufungen kommen mir Zweifel, ob sich alle Betenden darüber im Klaren sind, dass Maria keine „Miterlöserin“ ist, dass Anbetung, Gut, Blut und Leben nur Gott alleine gebühren und dass es einen Unterschied gibt, zwischen Anrufung, Verehrung und Anbetung.

Gott alleine gebührt die Verherrlichung und Anbetung, die sogenannte Latreia. Engel und Heilige hingegen, werden verehrt, was als Dulia bezeichnet wird.
Nun kommt Maria (biblisch durchaus begründet) die Hyperdulia, die höchste Verehrung zu, aber verehren und um Fürsprache bitten, sind etwas ganz anderes als Anbetung.  

Eine ältere Dame in meinem Heimatort war fest davon überzeugt, dass man am besten immer die Muttergottes bittet, wenn man ein Anliegen habe, denn seiner Mutter würde der Herrgott keinesfalls eine Bitte abschlagen und führte als „schriftlichen“ Beweis die unzähligen Danksagungen an, die überall an den Marienwallfahrtsorten angebracht sind.

Da stellen sich mir einige Fragen: „Wie groß ist denn mein Vertrauen in die gütige Allmacht Gottes? Wie groß ist mein Vertrauen in die grenzenlose Liebe Gottes, wie groß ist meine Angst vor Gott, wenn ich mich unter dem Mantel Marias verstecken muss und sie vorschieben muss, wenn ich Gott um etwas bitten will?“

Eines Tages fuhr ich (damals knapp 23) mit meinem ersten selbstgekauften, tiefergelegten, mit Spoilern, breiten Reifen und Bassboxen aufgewerteten Escort-Cabriolet zu schnell in eine scharfe Kurve, aus der das Auto dann hinausflog, sich jenseits der Leitplanke überschlug und schließlich in einer Viehweide wieder auf den vier Rädern stand.
Das Radio und ich waren noch ganz, alles andere war hinüber.

Meine Großtante meinte, dass ich gefälligst der Muttergottes zu danken habe, dass mir nichts passiert sei…!
…der daraufhin angeschaffte neue fahrbare Untersatz war eine alte, kleine, italienische Rostbeule, in die es reinregnete und ständig überbrückt werden musste, mit defekter Kopfdichtung, wahlweise Öl im Kühlwasser oder Kühlwasser im Öl.

Wenn dieses Auto mal wieder nicht ansprang, dann empfahl meine Oma mütterlicherseits, ich sollte mich mit meinem Autoproblem an die Muttergottes wenden… Was ich dann mit einem einsichtigen „Danke für den Tipp!“ kommentierte.

Ich habe keine Ahnung von Autos, aber ich habe einen Freund der KFZ-Meister ist … und wieder einmal hatte ich ein Auto, bei dem es an Zuverlässigkeit mangelte.
Eines Tages begann es zu stottern, anfänglich nur selten, dann öfter und immer häufiger, schließlich fuhr es gar nicht mehr … zweifellos, ich hätte schon viel früher meinen Freund aufsuchen müssen, aber naja, ich habe mal wieder gewartet bis nichts mehr ging.

Also machte ich mich zu Fuß auf den Weg zu ihm, er war aber nicht zu Hause. Seine Mutter ließ mich herein und bat mich, am Tisch Platz zu nehmen, um dort auf ihn zu warten.
Die Zeit des Wartens überbrückte ich damit, ihr zu erzählen, was mit meinem Auto los war.

Die Mutter meines Freundes hörte sich geduldig an, was ich ihr erzählte, aber mein Auto konnte sie nicht reparieren. Sie hatte von Autos ebenso wenig Ahnung wie ich. Aber sie tröstete mich immer wieder zwischendurch, indem sie auf ihren Sohn verwies, der das wieder in Ordnung bringen würde, und reichte mir einen vorzüglich schmeckenden Hefezopf und einen herrlich duftenden Kaffee.

Als schließlich mein Freund zur Tür herein kam, da sagte seine Mutter: „Komm erzähl mal, was mit Deinem Auto los ist!“
Mein Freund setzte sich zu mir an den Tisch, schüttete sich eine Tasse Kaffee ein, ich erzählte, was mit meinem Auto war, und er aß ein Stück Hefezopf. Danach holten wir meinen Wagen, und er brachte ihn in Ordnung.

Was ich damit sagen möchte ist, dass es eigentlich völlig egal war, ob die Mutter meines Freundes von meinem Autoproblem wusste oder nicht. Dadurch wurde es keinen Deut schneller wieder fahrtüchtig. Reparieren konnte es nur mein Freund selbst.

Aber die Mutter war da, ich musste nicht draußen stehen oder alleine zu Hause sitzen auf heißen Kohlen und darauf hoffen dass mein Auto bald wieder läuft. Es war tröstlich für mich, der Mutter meines Freundes meine Autosorgen erzählen zu können, und sie hörte mir geduldig zu und tröstete mich mit Hefezopf und Kaffee.

Mein Freund hätte mir das Auto selbstverständlich auch dann repariert, wenn ich vorher nicht bei seiner Mutter gewesen wäre. Aber dann hätte ich vielleicht draußen im Regen auf ihn gewartet. Repariert werden konnte das Auto allerdings erst, nachdem ich meinem Freund aus meiner Sicht schilderte, was mit dem Auto nicht stimmte, und die Mutter hat mir die Zeit des Wartens angenehm gestaltet.

Ich mag den Mai, den Wonnemonat, und zu Marienwallfahrtsorten gehe ich im Mai besonders gerne, um mich in schöner Umgebung mit Gott zu treffen. Maria sorgt an diesen Orten für eine angenehme Atmosphäre.
Bildlich gesprochen reicht sie den Hefezopf und den herrlich duftenden Kaffee.

Meinen Motor allerdings kann nur der Sohn reparieren, und ihm darf ich mich so nähern, wie ich bin, mit all meinen Macken, Fehlern und Nöten. Und wenn wieder irgendwo mal das Gerücht auftaucht, dass Maria Tränen weint, dann frage ich mich, ob sie so traurig ist, weil viele Menschen sich nicht trauen, mit ihren Sorgen, Ängsten und Nöten direkt zu Jesus zu kommen.

* Anm. der Redaktion: Mehr zum Thema altkatholische Marienverehrung gibt es z. B. hier (allgemein) oder hier (Fachbeitrag).

Osterjubel Anno Domini 2019: „Christus ist erstanden … Halleluja!“

Rückseite des Evangeliars mit Darstellung des Auferstandenen,
Vorderseite mit Kreuzigungsdarstellung (Foto: NKK; Material: Messing)

Orthodoxes Oster-Troparion:

Χριστὸς ἀνέστη ἐκ νεκρῶν,
θανάτῳ θάνατον πατήσας,
καὶ τοῖς ἐν τοῖς μνήμασι,
ζωὴν χαρισάμενος!

Transliteration:

Christós anésti ek nekrón,
thanáto thánaton patísas,
ké tís en tís mnímasi,
zoín charisámenos!

Übersetzung:

Christus ist auferstanden von den Toten
hat den Tod durch den Tod zertreten
und denen in den Gräbern
das Leben geschenkt!

Die Nordisch-Katholische Kirche wünscht allerseits frohe und gesegnete Ostern!

Der Einzug Jesu ins Allerheiligste. Zur Karwoche 2019 — Teil 1

Abb. 1: Jesu Weg vom Ölberg nach Jerusalem

Durch welches Stadttor zog Jesus am Palmsonntag nach Jerusalem ein?
Eine vielleicht überraschende Frage, die weder oft gestellt noch erörtert wird. Dabei verrät die Antwort viel über das Selbstverständnis Jesu und darüber, als wer er in Jerusalem gekreuzigt werden und auferstehen wird.

Wenn Jesus in der Einzugserzählung als der Messias, der Gesalbte des Herrn, der Christus, hervorgehoben werden soll – so die Annahme dieses Beitrags –, dann ist er zugleich entsprechend der alttestamentlich-jüdischen Überlieferung als doppelgesichtige Gestalt anzusehen, insofern sowohl nach den konkreten politischen Erwartungen an ihn im Rahmen des wieder bzw. neu zu errichtenden davidischen Königtums als auch nach seinem religiösen Anspruch, der eng mit dem Tempel verbunden ist, zu fragen ist.

Dementsprechend wird dieser Beitrag mit einer Betrachtung der synoptischen Erzählungen des Einzugs Jesu nach Jerusalem samt der darauffolgenden Tempelreinigung, die beide gleichsam die Ouverture der Passionsgeschichte bilden, beginnen, wobei auf der markinischen bzw. vormarkinischen Erzähltradition das Hauptaugenmerk liegen wird (1.).

Der biblische Befund wird helfen, das Lokalkolorit zur Zeit Jesu genauer zu verstehen, damit speziell die aufgeworfene Frage nach dem sog. Goldenen Tor als dem konkreten Ort des Einzugs in Jerusalem entlang der modernen Archäologie eine Antwort finden kann (2.).

Die Antwort führt – wie bereits angeklungen – zurück zur Messiasgestalt mit ihren doppelten Erwartungen. Da die Judenchristen allerdings die Erwartung an ein politisches Königtum aufgaben oder umdeuten mussten, konnten sie sich auf die zweite Dimension, also auf die religiöse Verheißung, konzentrieren. Sie wird aus der Perspektive des Tempels und seinen Funktionen gedeutet werden (3.).

Schließlich stellt sich die Bedeutung des messianischen Einzugs Jesu in sein Heiligtum für uns Heutige auch als eine Frage nach dem Selbstverständnis von Religion, insofern Religion per definitionem streng mit der Frage nach dem angemessenen Umgang mit dem Heiligen und Allerheiligsten verbunden ist (4.).

1. Der Einzug in Jerusalem

Von den Evangelien, die den Einzug nach Jerusalem erzählen (Mt 21,1-9; Mk 11,1-10; Lk 19,28-40; Joh 12,12 -19) und – bei den Synoptikern unterbrochen durch Lk 19,41-44 (Jesus weint über Jerusalem) und die Verfluchung des Feigenbaums (Mk 11,12-14, während sie Mt 21,18-19 der Tempelreinigung nachordnet und Lk 13,6-9 sie in einen ganz anderen Kontext stellt) – unmittelbar mit der Tempelreinigung fortfahren (Mt 21,10-17; Mk 11,15-17; Lk 19,45-46), bietet Lk zwar die längste Version, doch darin auch nicht mehr an Informationen als das ältere Mk-Evangelium.
Folgen wir daher der Darstellung bei Mk in ihren Details.

1.1 … nach Markus

Nach Mk 11,1 steigt Jesus, von Betfage und Betanien her kommend, vom östlich gelegenen Ölberg hinunter nach Jerusalem und wird – so ist gemäß der dem Sachverhalt innewohnenden Logik anzunehmen – die Stadt auf der befestigten Straße aus Betanien durch das nächstgelegene Tor betreten haben.

Dies schränkt die Auswahl an Toren ein, zumal es viele Stadttore wie das Stephanustor (15. Jh.) und das Löwentor (1. Jh.), die der heutige Jerusalembesucher kennt, zu Jesu Zeit noch nicht gab.
Die aus der Offb 21,12 bekannte Vision vom himmlischen Jerusalem mit seinen zwölf Toren greift dagegen wohl auf Neh 3; 8,16 und 12,39 zurück und stammt aus einer Zeit, nachdem die Römer den Jerusalemer Tempel zerstört hatten (70 n. C.) und bevor sie die Mauern und Tore Jerusalems fast völlig schleiften, um aus der nun für Juden verbotenen Stadt ein Heerlager namens Colonia Aelia Capitolina zu machen (ab 130 bis 135 n. C.).

Doch schon vor den Römern erfuhr Jerusalem unter herodianischen König Agrippa I. (40-44 n. C.) eine derartige umfassende Umgestaltung durch Prunkbauten und eine gewaltige Stadterweiterung im Norden, dass ein Zeitgenosse Jesus sich dort danach kaum mehr zurecht gefunden haben dürfte.

Viele Tore wurden, wie gesagt, erst nach Jesu Tod gebaut. So unter Agrippa I. (40-44 n. C.) etwa im Westen ein Tor, das erst viel später den Namen Jaffator erhielt. Es wäre nun müßig, weitere Tore aufzuzählen, die zwar dem heutigen Jerusalembesucher bekannt sind, aber in den fernen Jahrhunderten nach Jesus unter römischer, byzantinischer, frühislamischer oder osmanischer Herrschaft erbaut wurden – nicht zu vergessen die Jahrzehnte, in denen die Kreuzfahrer in Jerusalem regierten.

Da zudem davon auszugehen ist, dass Jesus vom Ölberg über die Straße von Betanien kommend (vgl. Abb. 1 die rote Linie) eher eines der nächstgelegenen Stadttor durchschritten oder -ritten haben dürfte, engt dies die Auswahl weiterer ein.
Daher ist Küchler (101) überzeugt, dass Jesus durch das Osttor unweit der innerstädtischen Nordmauer des Tempels in die Stadt kam (in Abb. 1 Nr. 21a, deutlich in der kleineren rechten Abb. darin, fehlt ein solches Tor, da fraglich ist, ob sich die Stadtmauer dort schon unter Herodes oder erst unter Agrippa I. erstreckte).
Seit dem 15. Jh. trägt es auch den Namen Stephanustor, da es seitdem als Ort der Steinigung des aus der Apg 7 bekannten Diakons galt, was zuvor dem Damaskustor zugeschrieben wurde.
Dasselbe Tor wird aufgrund von dort zu sehenden Tierdarstellungen seit osmanischer Zeit bis heute auch Löwentor genannt, obwohl es sich nachweislich um Pantherfiguren handelt (Küchler 101).

Küchler schreibt darüber unter Verweis auf Mk 11,1.15: „Zur Zeit des 1. und 2. Tempels begann der Abstieg in das Kedrontal auf einem z. T. mit Stufen versehenen Sträßchen. Dies ist wohl der Weg, der in ntl. Zeit benutzt wurde, wenn man vom Ölberg her in die Stadt ging, wie dies in den Evv. oft von Jesus und seinen Jüngern erzählt wird (z. B. Mk 11,1.15 parr). Die typische sprachliche Doppelung »und sie gehen nach Jerusalem hinein. Und hineingehend in den Tempel …« (Mk 11,15) ist ein unbeabsichtigter Hinweis darauf, dass man zuerst den Bereich der Stadt und erst danach denjenigen des Tempels betrat“ (101).

Wäre Jesus also durch das Osttor in die Stadt gekommen, hätte er auf direktem Weg kurz danach links abbiegen und durch ein Tor in der Nordmauer des Tempelbezirks (s. Abb. 1 Nr. 21a) mit seinen erstaunlich gewaltigen Steinen (vgl. Mk 13,2 parr) zum strahlenden, weil mit massiven Goldplatten belegten Tempel aufsteigen können (vgl. die Darstellung bei Küchler 138 in Verbindung mit Plan A,1).

Doch „zur Zeit des Herodes“, so Küchler, „bestand hier nur ein einziges Tor, das sozusagen den Dienstzugang darstellte, weil man nur hier die Opfertiere und die für den Kult benötigten Materialien herbeischaffen konnte, ohne über Treppenaufgänge die z. T. beachtlichen Höhendifferenzen zu überwinden“ (205.207).
Was es den Durchgang jedoch im Grunde unmöglich macht, beschreibt Küchler selbst, denn „nach der Mischna Middot 1,3 »diente dieses Tor Todi im Norden zu gar nichts«, nach 1,9 verließen die durch Samenerguss unrein gewordenen Priester durch dieses Tor den heiligen Bezirk, um sich zu waschen“ (207).
Dieses Tor ist heute nicht mehr erhalten, alle vorhandenen Tore an der Nordseite des Haram (arabische Bezeichnung des Tempelbezirks) stammen aus früharabische Zeit (Küchler 207.223, Abb. 108; die Beschreibung dazu 306f.). Damit wird allerdings auch das Osttor als Einzugsgebiet Jesu unwahrscheinlicher.

Es gibt weitere Möglichkeiten, in den heiligen Bezirk zu gelangen. Zwei von ihnen befinden sich an seiner Südmauer: Das Zweier- oder Huldator mit seinen beiden durch eine Säule getrennten Eingängen; und das ein paar Meter weiter östlich gelegenen Dreiertor (zu beiden Toren: Küchler 174f., Abb. 88, und 291, Abb. 132,30).
Beide gehen auf herodianische Toranlagen zurück (Küchler 306). Das Huldator ist 12,8 m breit, das Dreiertor 15 m. Obwohl das Dreiertor mit seinem erhöhten mittleren Eingang würdiger wirkt, ist das Huldator geschichtsträchtiger. Denn hier soll nach 2 Kön 22,14 und 2 Chr 34,22 nicht bloß die Prophetin gelebt haben; auch der Prophet Mohammed soll vor seiner Nachtreise den Tempelplatz hierdurch betreten haben.
Zu diesen beiden Toren an der durch den Aufstieg über breite Treppen imposanten Südseiten, die gleichsam den Haupteingang ins Heiligtum darstellen, gelangt man aber erst innerhalb der Stadtmauern, so dass Jesus zunächst durch ein südöstliches oder südliches Tor die Stadt betreten haben müsste.

Schließlich gibt es noch das sog. Goldene Tor in der östlichen Stadtmauer (s. Abb. Nr. 21), die zugleich auch die östliche Begrenzung des Tempelbezirks bildet. Es liegt am Ende des Wegs aus Betanien und führt unmittelbar zum Tempelvorplatz, allerdings 50 m nördlicher als der Tempeleingang.

Der Neutestamentler Max Küchler, der bis 2012 im Schweizerischen Freiburg lehre, äußerte sich in seinem enorm gelehrten wie informativen über 1200-seitigen „Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt“, worin kaum ein historisch relevanter Stein in und um Jerusalem unerwähnt bleiben dürfte, auch zur Frage nach dem Ort des Einzugs Jesu.
Im Hinblick auf den in der Darstellung wirksamen Messianismus gibt Küchler mit Blick auf Mk 1,1-11.15-10 parr einen wichtigen Hinweis: „Diese messianisch durchwirkte Szene, die mit prophetisch-provokativen Zeichenhandlungen den Einzug Jesu in seine königliche Stadt und in sein Heiligtum erzählt […], hat in den Evangelien einen recht unterschiedlichen Ablauf“ (Küchler 197).
In drei Kolumnen stellt Küchler dann Mk 1,11, Mt 21,10-12 und Lk 19,45 vergleichend nebeneinander. Er kommt zu folgendem Schluss: „Die Evangelien geben offensichtlich keine topographisch auswertbaren Angaben: Jesus kommt bei Mk und Mt zuerst in die Stadt und geht erst danach in den Tempel (vgl. Joh 2,13; 5,1.14; → Betesda), betritt also mit der Stadt nicht gleichzeitig auch den Tempelplatz, wie dies beim Goldenen Tor der Fall wäre. Lukas macht diese Unterscheidung nicht. Keiner der Texte nennt ein Tempeltor. Die byz. Tradition vom Einzug Jesu durch das »Goldene Tor« wird somit von den ntl. Texten nicht gedeckt“ (Küchler 197).

Demgegenüber fällt Mehreres auf: 1. Nach Lk 19,45 betritt Jesus die Stadt durch den Tempel. Warum „unterschlägt“ Lk den Schlenker durch die Stadt?
2. Bei Mk wundert einen die innere Logik der Darstellung. So heißt es in Mk 11,1: „Als sie in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage und Betanien am Ölberg, schickte er zwei seiner Jünger aus“; die Jünger bekommen nun den Auftrag, ein Fohlen zu suchen und zu bringen (Mk 11,2-7).
3. Es macht stutzig, dass gemäß Mk 11,8-10 die Huldigungen durch Kleiderausbreiten, Wedeln mit Büscheln und Hosanna-Rufen vor dem eigentlichen Betreten der Stadt und offenbar kurz vor der Dämmerung erfolgen (Mk 11,11: „Und er zog nach Jerusalem hinein, in den Tempel; nachdem er sich alles angesehen hatte, ging er spät am Abend mit den Zwölf nach Betanien hinaus“).

In Mk 11,12 verlässt Jesus mit den Jüngern wieder Betanien – es folgt in Mk 11,13f. die Verfluchung des Feigenbaums –, um mit einer lapidaren Erwähnung in Mk 11,15 erneut, jedoch diesmal scheinbar unbeachtet, in Jerusalem einzuziehen und direkt den Tempel aufzusuchen: „Dann kamen sie nach Jerusalem. Jesus ging in den Tempel und begann, die Händler und Käufer aus dem Tempel hinauszutreiben“.
Nach der sog. Tempelreinigung verlässt Jesus mit den Jüngern zum zweiten Mal die Stadt (vgl. Mk 11,19), um sie nach der Episode mit dem Feigenbaum (Mk 11,20-25) zum dritten Mal, unspektakulär wie zuvor, für einen weiteren Tempelbesuch zu betreten. Mk 11,27f.: „Sie kamen wieder nach Jerusalem. Als er im Tempel umherging, kamen die Hohepriester, die Schriftgelehrte und die Ältesten zu ihm und fragten ihn […]“.

Um sich den gesamten Ablauf nochmals vor Augen zu halten, wie er nach Mk 11 gewesen sein soll: Vor dem ersten Betreten der Stadt erfolgt ein Massenandrang („viele“ nach Mk 11,8) samt Huldigungen, wonach Jesus in den Tempel geht, sich dort umschaut und nicht weiter tut; dann zieht er sich wieder ins 3 km entfernte Betanien (vgl. Küchler 920) zurück.
Bei einer zweiten Begehung der Stadt zieht Jesus erneut von Betanien aus – diesmal ohne Massenbeteiligung – in Jerusalem ein (Mk 11,12.15), um direkt im Tempel aufzuräumen; danach zieht er sich an einen nicht genannten Ort außerhalb der Stadt zurück (Mk 11,19).
Schließlich betritt er zum dritten Mal Jerusalem und zum zweiten Mal den Tempel, in dem er tags zuvor aufgefallen sein dürfte, um in alle Ruhe Fragen der jüdischen Autoritäten zu beantworten, die ihm Anlass geben, seinen messianischen Anspruch voll zu entfalten (Mk 11,27-12,44).

Abb. 2: Einzug Jesu in Jerusalem

Erklärungsbedürftig ist hier Vieles: 1. Warum empfangen die „vielen“ (Mk 11,8) „Leute“ (Mk 11,9) Jesus vor der Stadt – übrigens gemäß allen Evangelien – und nicht in ihr, wie es sich nicht nur viele Kinder am Palmsonntag entsprechend der verbreiteten Ikonographie vorstellen?
2. Warum zieht er vor der Dämmerung ein und schaut sich nur kurz im Tempel um, bis die Tempeltore mit Anbruch der Dämmerung geschlossen werden (vgl. Mk 11,1; vgl. Pesch 186)?
3. Warum betritt Jesus dreimal Jerusalem, jedoch unter nur einer einmaligen Euphorisierung der Massen, obgleich sich nach Mk 12,37b wieder „eine große Menschenmenge“ um ihn im Tempel versammelt?
4. Wie kann Jesus an einem Tag im Tempel randalieren und am nächsten Tag – offenbar ohne Hausverbot durch die Tempelmiliz – den Tempel wieder betreten, um dort in Ruhe die jüdischen Autoritäten zu erstaunen (Mk 12,17), zu verärgern (Mk 12,12) und sie das Fürchten zu lehren (Mk 11,32; 12,12b)?

Schon jetzt lässt sich erkennen, dass die Einzugserzählung einerseits ein tatsächlich mehrtägiges Wirken in der Stadt – vermutlich aus Absicht – an einem Punkt verdichtet; andererseits ist über Jesu mehrfaches Erscheinen und Wirken im Tempel, worauf ohne Zweifel ein Gewicht der Erzählung liegt, auch aus der Perspektive der Emotionslagen derart viel zu berichten, dass es Mk nicht im zeitlich eng gesteckten Rahmen eines Tages oder eher weniger Stunden erfassen kann.

1.2 … gemäß dem vormarkinischen Passionsbericht

Nach seinem triumphalen Einzug – offen bleibt noch, wo genau er die Stadt betreten hat –, wird Jesus zum Tempel gegangen sein, dies dem Zeugnis nach mehr als einmal. Er wird tatsächlich mehrfach in die Stadt gekommen sein, wohl von Betanien aus, denn „dass Jesus während seines Jerusalemer Aufenthaltes in Betanien sein Quartier hatte […], darf“ – Rudolf Peschs Kommentar zum MkEv zufolge (HThK NT II/2) – „als gesichertes Datum gelten“ (Pesch 187).
Pesch geht ferner davon aus, „dass mit dem mk Text [sc.: des Einzugs in Jesu in Jerusalem] die älteste Überlieferungsgestalt unserer Szene [sc.: innerhalb der vier Evangelien] vorliegt“ (Pesch 187). Dies muss für Pesch schon deshalb gelten, da seines Erachtens die mk Darstellung im Kern auf einem vormarkinischen Passionsbericht basiert, dessen Entstehung er vor dem Jahr 37 n. Chr ansetzt.
Denn die Erwähnung des amtierenden Hohepriesters ohne Namensnennung, „welcher der Voraussetzung lokaler Kenntnisse bei den Hörern der Passionsgeschichte entspricht, legt den Schluss (nahezu zwingend) nahe, dass Kajafas als Hohepriester noch amtierte, als die vormk Passionsgeschichte zunächst gebildet und erzählt wurde“ (vgl. dazu insgesamt Pesch 1-27, hier Pesch 21).
Zusammen mit der Beobachtung, dass der vormk Passionsbericht genau vertraut mit Orts- wie Personenangaben aus dem Umfeld Jerusalems ist, kommt Pesch zu dem erstaunlichen Schluss, seine Entstehung der Jerusalemer Urgemeinde zuzuschreiben: „Alters- und Herkunftsindizien sprechen zusammen eindeutig für eine frühe Entstehung der vormk Passionsgeschichte in der aramäisch sprechenden Urgemeinde in Jerusalem“ (Pesch 21).

In Bezug auf die Schilderung des Einzugs nach Jerusalem (Mk 11,1-10) stellt Pesch fest: „11,1 mit dem Ortsanschluss im temporalen Nebensatz […] ohne Nennung Jesu (erst in 11,6) setzt offenbar einen voraufgehenden Erzählkontext vom Zug Jesu und seiner Jünger nach Jerusalem (dem ,sieʻ sich nun nähern) voraus“ (Pesch 12).
Am Ende seiner Rekonstruktion meint Pesch, den Umfang dieser vormk Vorlage anhand von literarkritischen, gattungs- und formkritischen nebst inhaltlich-sachlichen Kriterien (vgl. Pesch 11) „höchstwahrscheinlich“ angeben zu können: Mk 8,27-33; 9,2-13.30-35; 10,1.32-34.46-52; 11,1-23.27-33; 12,1-17.34c-37.41-44; 13,1-2; 14,1 bis 16,8 (Pesch 12).

Damit mag die Antwort auf manche Inkohärenz und oben gestellte Frage an den Text sich aus den theologischen Erzählabsichten ergeben, aus deren Perspektive der vormk Passionsbericht der Jerusalemer Urgemeinde Jesus als Messias und Menschensohn charakterisiert und unterstreicht (vgl. Pesch 24f.). Es lohnt sich somit vom Standpunkt der synoptischen Einzugserzählungen, besonders in ihrer vormk Version, die überlieferte Messiaserwartung genauer zu betrachten, um zu prüfen, welche Verheißungen die ntl. Schriften insgesamt mit dem Einzug Jesu in sein Heiligtum erfüllt sahen.

2. Das Goldene Tor

Abb. 3: Das Goldene Tor (vorne mittig in der Stadtmauer oberhalb der Rampe), nach einem Modell von Jerusalem im Jahr 66 n. C. – vier Jahre vor der völligen Tempelzerstörung

Unter den vielen Elementen der mündlichen wie schriftlichen Überlieferungen der Messiasverheißung nimmt das bereits oben erwähnte Goldene Tor eine zentrale Stellung ein. Nach christlicher Überlieferung (Küchler 197, s. o.) zog Jesus hierdurch in Jerusalem ein – und damit direkt in den Tempelbezirk.
Diese Vorstellung basiert allerdings auf der alttestamentlichen Beschreibung nach Hesekiel 44,1-3, dergemäß der Messias durch ein Osttor unverzüglich auf den Tempelberg steigen und von ihm Besitz ergreifen wird. Doch machen weitere erzählerische Attribute das Bild des kommenden Messias erst vollkommen.

2.1 … durch das der Messias …

Zum Auf(t)ritt des Messias gehören ferner nach 1 Makk 13,51 und 2 Makk 14,4 unbedingt Palmenzweige als Zeichen eines siegreichen König. Als Friedenskönig kommt ein solcher Messias nach Sach 9,9 auf dem Fohlen einer Eselin. Diese messianischen Attribute finden sich dementsprechend auch bei Mk: das Fohlen in Mk 11,3-7 samt dem Schwingen von Büscheln (Mk 11,8) oder Zweigen (Mt 21,8), die nur nach Joh 12,14 als Palmzweige identifizierbar sind. Damit muss für schriftkundige Ohren nicht eigens ausgesprochen werden, dass die Erzählung in Jesus eben jenen Friedenskönig (vgl. Jes 2,4; Jes 11,6; Mich 4,3) sieht.

Auch Hosannarufe dürfen entsprechend Ps 118,25f. nicht fehlen. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die Abweichung von Mt gegenüber Mk, denn Mt 21,14f. bietet: „14 Im Tempel kamen Lahme und Blinde zu ihm und er heilte sie. 15 Als nun die Hohepriester und die Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder im Tempel rufen hörten: Hosanna dem Sohn Davids!, da wurden sie ärgerlich“.
Offensichtlich gab es – zumindest unter den Kindern – eine Kontinuität der Hosannarufer von den Menschen auf dem Weg (Mt 21,8f.; Mk 11,8f.) bis zu den Kindern im Tempel (Mt 21,15). Durch diese nahtlose jubilatorische Fortsetzung erzeugt Mt eine zeitliche Einheitlichkeit, die die für Mk 11,11b scheinbar wichtige abendliche Unterbrechung und Fortsetzung am nächsten Tag schlichtweg überspringt.

Warum werden hier überhaupt die Kinder als jubelnde Gefolgschaft herausgehoben erwähnt? Stehen sie wie „die Leute“ in Mt 21,9 für den klugen und weisen Teil des Volkes Israel – den Teil, der den Messias als Sohn Gottes erkennt und dafür nicht genug danken und loben kann (vgl. Ps 8,3: „Aus dem Mund der Kinder […] schaffst du dir Lob“)?
Dafür spricht auch die in Mt 21,14 genannte Gruppe von Lahmen und Blinden, die zu Jesus strömen, damit er sie heilt: Denn lahm und blind sind wir alle im Glauben, obwohl wir doch unbefangen sein sollten wie ein Kind, das Jesus uns, seinen Jüngern, später vor Augen stellt (vgl. Mk 9,36: „Und er stelle ein Kind in ihre Mitte“).

Abb. 4: Jesus vertreibt die Händler aus dem Tempel

Nach dem in dürren Versen beschriebenen eigentlichen Einzug (Mk 11,11a.15; Mt 21,10.12; fehlt bei Lk) – das Meiste der Beschreibung gilt den äußeren Umständen und Vorbereitungen davor – schließt sich unmittelbar die Reinigung des Tempels an (Mk 11,15-17; Mt 21,12-17). Auf sie als eigentliches Ziel des Einzugs scheint die ganze Perikope bei Mk und Mt hingeführt zu werden.
Dabei geht es weniger um die schlechten Eigenschaften oder überhaupt das Vorhandensein der „Verkäufer und Käufer, […] der Geldwechsler und […] der Taubenhändler“ (Mk 11,15) im Tempel – die Parallelstelle bei Joh weiß in 2,14 als einzige zusätzlich von „Händlern, die Rinder und Schafe […] verkauften“ zu berichten.
Schon gar nicht geht es nach Roger Liebis typologischer Exegese oder wohl eher – wie sein Rezensent Helge Stadelmann schreibt – Eis-egese (Hineinlesen) um „eine wichtige Belehrung“, nach der „wahres Glaubensleben […] das Alltägliche [sc.: dargestellt in den Händlerbuden] nicht vom Göttlichen [sc.: dargestellt im Tempel]“ abschneidet (doch lobt Stadelmann an Roger Liebis Dissertation u. a. seine plastische Schilderung der archäologischen Befunde und seine reichen judaistisches Quellenzitate).
Sondern die Tempelszene spitzt sich in Mk 11,17 zu: „Steht nicht geschrieben: Mein Haus soll ein Haus der Gebetes für alle Völker genannt werden? Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht (vgl. Jes 56,7; Jer 7,11)“.

Äußerst geschickt verbindet diese mit messianischer Erwartung geladene Stelle zweierlei miteinander: Die Erfüllung der Verheißung, dass der Messias alle Völker in Gestalt aller jüdischen Stämme einen wird (vgl. Jes 11,12; Jes 27,12f.) verschmilzt mit der weiteren Verheißung, nach der die ganze Menschheit zum Glauben an den einen Gott gelangt (vgl. Jes 11,9; Jes 40,5; Zef 3,9).
Dies alles ist am besten aus johanneischem Blickwinkel zu verstehen, insofern Joh der Tempelreinigung einen wichtigen begründenden Einschub für Jesu Vollmacht mitgibt, die zugleich als österliche Vorankündigung erfolgt: Denn nach Joh 12,18-22 wird der (neue) Tempel der Leib des Auferstandenen sein, der folglich auch Heiden, also Nicht-Juden wie Griechen, Römern und wirklich allen Völkern „offen steht“ und zugänglich ist.
Auf diese Weise erfüllt sich – zunächst zwar metaphorisch, doch mit Blick auf eine weltweite Kirche erstaunlich konkret – nebenbei die Verheißung von Mich 4,1 über den Wiederaufbau bzw. den Wiederherstellung des Tempels.

Im Gang der Erzählung sind die Folgen dieser geradezu prophetisch-messianischen Zeichenhandlung nach Mk 11,18 (NEH) dramatisch: „Die Hohepriester und Schriftgelehrten hörten davon und suchten nach eine Möglichkeit, ihn umzubringen. Denn sie fürchteten ihn, weil das Volk außer sich war vor Staunen über seine Lehre“.
Ab da nimmt das Verhängnis also seinen Lauf, die Passionsgeschichte beginnt oder, christlich formuliert, der Heilsplan G’ttes nimmt an Fahrt auf.

2.2 … in den Tempel einzieht

Doch harren – es ist in der Darstellungsfülle dieses kleinen messianischen Panoramas keineswegs untergegangen – hinsichtlich des Goldenen Tors noch zwei Fragen ihrer Beantwortung: 1. Gab es das Goldene Tor zur Zeit Jesu schon, noch oder wieder? 2. Wenn die Antwort bejaht wird, bleibt die Frage: Zog Jesus durch es nach Jerusalem ein?

Abb. 5: Das Goldene Tor heute, zugemauert und mit zwei Bögen

Zu Frage 1: Vom Ölberg kann der heutige Jerusalembesucher zwei zusammenhängende Torbögen über einem zugemauerten Tor erkennen. Dies ist das Goldene Tor, das in seiner Grundform aus byz. Zeit stammt, was nicht bedeutet, dass es nicht einen Vorgänger zu Zeiten Jesu hatte.
Unter den Omaijaden wurde es reich ornamentiert und mit einer 15 m langen Zugangsrampe zum Doppeltor, dem Tor des Erbarmens (Bab al-Rahama) und dem Tor des Umkehr (Bab al-Tawba), ausgestaltet. Spätestens seit dem 15. Jh. finden Jerusalempilger es verschlossen und zugemauert; möglicherweise „aus Sicherheitsgründen oder zur Vermeidung messianischer Aspirationen“ (Küchler 203).

Gab es dieses Tor also zur Zeit Jesu? Diese Frage ist schwer endgültig zu entscheiden. Denn es ist unklar, inwiefern das Goldene Tor mit anderen Toren in der Ostmauer identisch ist: Die rabbinische Tradition nennt in Verbindung mit fünf Toren des Tempelberges ein Osttor, das mit dem seltsamen Sühneritus der Verbrennung der roten Kuh nach Num 19, der insgesamt aber nur sieben Mal vollzogen wurde, in Verbindung gebracht wird. Weil auf oder über ihm die Burg Susa (vgl. Dan 8,2; Est 1,2-5), die Residenz der persischen Könige, abgebildet war, heißt dieses archäologische nicht weiter nachweisbare Tor auch Susator (Küchler 108).
Ferner gab ein in der östlichen Tempelmauer ein, an dem am Jom Kippur (Versöhnungstag) der Sündenbock vom Tempel aus in die Wüste getrieben wurde (hier ist Küchler, 140, mit seiner Beschreibung der Tempelfeste recht einsilbig)? Ist es mit dem Susator gleichzusetzen?
Oder hatte vielmehr das sog. Schaftor diese Funktion? Dieses wird nach Neh 3,1.32; 12,39 und Joh 5,2 jedoch als Nordtor der Stadt und nicht des Tempels bezeichnet (Küchler 100). Oder ist es das Tor der Musterung oder, je nach Übersetzung, der Zuteilung (Miphkad-Tor), das seit Neh 3,31 immer wieder – aber nicht von Küchler, sondern etwa von Liebi – erwähnt wird?

Zur Frage 2: Leider kann auch die Frage, ob Jesus durch das Goldene Tor – seine Existenz vorausgesetzt – oder überhaupt durch ein östliches Tempeltor nach Jerusalem nicht abschließend beantwortet werden. Weitere archäologischen Untersuchungen und Grabungen könnten hier möglicherweise Auskunft geben, doch sind sie derart nah am Haram unmöglich.
Allerdings vermögen auch andere Antwortversuche, wie gesehen, nicht völlig zu überzeugen. Aus seinem messianischen Selbstverständnis heraus betrachtet, spricht wiederum Vieles dafür.

Da dieser messianische Anspruch Jesu auch unabhängig von jedweder Antwort auf die Frage seines Einzugs in Jerusalem unangefochten besteht, liegt im Anschluss die Frage auf der Hand, wie das Wirken des Messias im Tempel wohl aussehen würde. Würde er den Tempelkult für überflüssig erklären oder ihn — gar als neuer Hohepriester — in einem dritten Tempel fortsetzen? Hierzu ist es sinnvoll, sich im nächsten Kapitel (3.) zu vergegenwärtigen, was denn einen Hohepriester seiner Herkunft, seiner Funktion und seinen Aufgaben nach ausmacht. (RB)

(Teil 2 folgt)

Zitierte Literatur:

Aland, Kurt (Hg.): Synopse der vier Evangelien. Griechisch-Deutsche Ausgabe der Synopsis Quattuor Evangeliorum, Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft 1989.

Küchler, Max (Hg): Jerusalem. Ein Handbuch und Studienführer zur Heiligen Stadt (= Orte und Landschaften der Bibel IV,2), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2007.

Liebi, Robert: Der Messias im Tempel: Symbolik und Bedeutung des Zweiten Tempels im Licht des Neuen Testaments. Bielefeld: CLV, 2003 (= Dissertation).

Pesch, Rudolf: Das Markusevangelium. Zweiter Teil: Kommentar zu Kap. 8,27-16,20 (= HThK NT II/2), Freib. i. Br. et al.: Herder, 3. Aufl. 1984 (Sonderausgabe 2000).

Stadelmann, Helge: Rez. zu R. Liebi, in: JETh 24/2004, 357f., hier zitiert nach: https://www.betanien.de/buchbesprechung-der-messias-im-tempel/ (abgerufen am 12.04.19).

Sag Dich los! — Gedanken von Br. Maximilien OPR

Ja, liebe Brüder und Schwestern, Fastenzeit ist immer noch angesagt. Erstaunlich finde ich, dass in den öffentlichen Medien auch davon die Rede ist, ja, sogar kurz vor 22 Uhr ist auf Antenne Bayern ein täglicher Beitrag dazu zu hören. Dass so etwas in Deutschland immer noch existiert, wundert mich als Franzosen, denn bei uns ist es längst vorbei …

Also Fastenzeit ist wieder angesagt … und drüber sollte man sich freuen? – Ja, natürlich sollte man sich drüber freuen, denn wir sind ja gute Katholiken, und wir wollen Jesus nachfolgen, also dürfen wir uns freuen, wenn wir leiden müssen, denn dies macht uns Ihm ähnlich, juhu, wieder leiden!!!

Na ja … sicherlich nicht ganz falsch, aber nicht unbedingt meine Ansicht … Denn Fasten kann (sollte …) auch was Positives sein.
Als wir Kinder waren, haben wir mit Stroh gespielt. Ich sehe es noch vor mir; und genauso sinnlos, wie es mir damals schon erschien (ob ich denn so reif war oder einfach nur gelangweilt, sei bitte dahingestellt…), erscheint es mir heute noch: uns wurde von der alten Katechismus-Lehrerin ein Blatt Aluminium-Folie gegeben mit kleinen Strohstücken.

Die Idee war, dass man für jedes Opfer, jeden Verzicht, den man die Woche über gemacht hatte, ein Stück Stroh in die Folie tat.
Geprüft wurde am Mittwoch danach, wie viele Opfer von wem dargebracht wurde, dem Erfolgreichsten wurde dann gratuliert.

Sinnlos sagt Ihr? Mein´ ich eigentlich auch, aber zumindest hätte man es als Ermutigung betrachten können nach dem Motto: „Naja, es ist doch nicht so schwierig, Jesus nachzufolgen!“ Wäre dies jedoch der persönliche Schluss von jedem Einzelnen gewesen, dann wäre ich doch nicht so gelangweilt gewesen … , denn so wurde uns das Fasten nicht beigebracht.

Wollte man sich aber etwas vom Kindergarten-Gedöns lossagen, gäbe es eigentlich viel, worauf wir uns freuen könnten.
Ganz nebenbei gesagt: Fasten ist vor allem eine Art von Gebet. Als Erstes nenne ich einfach die Wiederholung: alle Jahre wieder, so schien es mir für lange Zeit zu sein.

Die katholischen Kirche, die hat ihren Rhythmus, und alle Jahre wieder „wiederholt“ sich das Ganze, zumindest für den Außenstehenden, denn der Christ kann es als Chance betrachten: Es tut gut zu wissen, dass es Dinge gibt, die das Zeitliche doch nicht ganz abgeschafft hat, die wiederkommen und doch jedes Mal immer wieder neu sind; wie eine Art Meditation durch das Jahr, ja, durch das Leben sogar, bekomme ich immer wieder die Chance, meine Beziehung zu Gott zu erneuern, mich aufs Wesentliche zurück zu besinnen. Die Welt dreht sich weiter, die Kirche nicht …

Dies zu wissen, tut gut! Was soll dann nach der Chance zur Erneuerung folgen? Die Erneuerung selber? So sehe ich das auch! Dies geschieht durch eine Infragestellung der Wichtigkeit von kleinen Dingen des Alltags, diese Dinge, die nur für mich was bedeuten, die mir wichtig sind, die mich vielleicht auch noch belasten? Fastenzeit als Wagnis: Muss dies unbedingt sein? Brauche ich jenes unbedingt? Ferner sogar: Was hat dies für einen Einfluss auf mich? Also probieren wir es mal ohne, mal sehen, was dann passiert …

Die Zeit ist gekommen, sagt uns die Kirche, und wenn andere schon dabei sind, dann mache ich das auch… und Schwuppdiwupp (Danke, Wilhelm Busch) verschwanden gestern sechs Computerspiele von meinem PC!
Was bleibt dann übrig, das Leiden? Hat es mir etwa Leidgetan? Wird es mir auch Leidtun, die DVDs in die Tonne zu schmeißen? (Da wird man sogar hellsichtig…)
Nein, es ist eine Befreiung, endlich konnte ich mich davon lossagen, von Sachen, die ich bis jetzt geliebt habe, stundenlang damit gespielt habe, an denen ich Spaß hatte, wie noch was, bye bye, auf Wiedersehen, und kommt nicht zurück!

Das ist Fastenzeit, das sind die kleinen Freuden des Alltags, die kleinen Wagnisse, die die Fastenzeit möglich macht. Als nächstes folgt ein Blick in die Zukunft: erstmal in die Mülltonne mit allem, was belastet.
Wer im Frühjahr sein Haus nicht putzt, aufräumt, auffrischt, den verstehen selbst seine Nachbarn nicht mehr. Wir sollen Christus nachfolgen und sind dazu eingeladen, im Gebet mit Gott enger in Kontakt zu treten. Gott kennt den Weg, Er weiß, was ihn uns erschwert, und Er, nur Er, kann uns dazu bringen, uns von irdischen Sachen loszusagen, die einfach ihre Zeit hatten, die einfach vorbei sind.

Denn es geht noch weiter, wir schauen hin zu Gott, zum Gekreuzigten, zu Dem, Der bald für jeden Einzelnen von uns Sein Leben hingeben wird, aber auch zu Dem, Der überhaupt für jeden Einzelnen ein irdisches Leben auf Sich genommen hat, zu Dem, Der es gewagt hat Sein Vertrauen in uns zu setzen, und da stellt sich die Frage: Wo werde ich dann sein, wenn es wieder passiert, denn wir wissen, dass es wieder passieren wird, dass Karfreitag kommt, und zwar schneller als gedacht!

Wo werde ich sein, in welcher Gruppe? Unter denen vielleicht, die schreien werden „Dieser soll nicht über uns herrschen! Ans Kreuz, und zwar sofort!“ Das bestimmt nicht. Werde ich den Mut haben, Sein Gesicht vor der ganzen Menschenmenge zu waschen? Werde ich unter dem Kreuz sein, wie Johannes, schön wär´s!

Aber es droht eine andere Gefahr: dass mir das alles egal sein könnte, die Gefahr, die die Dinge dieser Welt mit sich bringen, ja, man hat keine Zeit für sowas, man lebt doch nicht in einer verträumten Welt! Wie hätten die Jünger und Jesus selbst an meiner Stelle reagiert? Meine Probleme hatten sie doch nicht! Und Fastenzeit kommt nächstes Jahr wieder, also hab´ ich Zeit … naja, um diese Dinge geht es gerade, denn diese sind es, die es mir schwerer machen. Ich will zu Christus hin, wir wollen zu Christus hin, und je leichter, desto besser! Also sag Dich los, und viel Spaß bei der letzten Etappe dieser Fastenzeit!

Kanonischer Status und ökumenische Beziehungen unserer Kirche

Eucharistische Gemeinschaft: Erzbischof Anthony Mikovsky kommuniziert in einer von Bischofsvikar Frederik Herzberg geleiteten Eucharistiefeier (Abtei St. Severin, Februar 2019)

Aus Anlass aktueller Anfragen geben wir hier eine kurze Erläuterung unseres kanonischen Status und unserer ökumenischen Beziehungen. Allen Leserinnen und Lesern wünschen wir ein gesegnetes Fest Mariä Verkündigung.

Einbindung in die Union von Scranton

Die Nordisch-Katholische Kirche bildet zusammen mit der Polnisch-Katholischen Nationalkirche Amerikas (PNCC) die altkatholische Union von Scranton — eine altkatholische Kirchengemeinschaft, die grundsätzlich auch für andere Kirchen offen ist. Die Union von Scranton definiert sich als „Union von Kirchen in Sakramentengemeinschaft mit der Polnisch-Katholischen Nationalkirche“ (Statuten der Union von Scranton, Überschrift).

Grundlage dieser vollen, sakramentalen und kanonischen Kirchengemeinschaft ist die Übereinstimmung in der katholischen Lehre und Liturgie (Statuten, C, Art. 1a,b), die wechselseitige Anerkennung der Ämter in apostolischer Sukzession (Statuten, C, Art. 1b,d) und die eucharistische Gemeinschaft (Statuten, C, Art. 1c). In ihrer inneren Ordnung ähnelt die Union von Scranton jenen orthodoxen Patriarchaten, die autonome Teilkirchen besitzen; das Wirken der autonomen Teilkirchen wird durch die Statuten der Union von Scranton reguliert.

Kanonische Wirklichkeit der Union von Scranton

Das höchste Organ der Union ist die Bischofssynode, die als Internationale Katholische Bischofskonferenz (ICBC) der Union of Scranton bekannt ist. Das Amt des Erzbischofs der Union von Scranton und des Vorsitzenden ihrer Bischofskonferenz nimmt verfassungsgemäß der Leitende Bischof der Mutterkirche der Union, also der Prime Bishop der PNCC, ein (Statuten, D, Art. 1c) — derzeit ist dies Erzbischof Dr. Anthony Mikovsky. Die übrigen Mitglieder der Bischofskonferenz sind die Diözesanbischöfe der Mitgliedskirchen der Union of Scranton (Statuten, C, Art. 1f).

Jede Mitgliedskirche der Union von Scranton (derzeit sind dies die Polish National Catholic Church und die Nordisch-Katholische Kirche) genießt einen gewissen Grad an Autonomie. Zum Beispiel ist es der Nordisch-Katholischen Kirche gestattet, — sofern sie nicht von der offiziellen Theologie der Union (vor allem die Erklärung von Scranton und das orthodox-altkatholische Konsensdokument Koinonia auf altkirchlicher Basis = IKZ 79/Sonderheft, 1989) abweicht — ein eigenes Kirchenrecht, eine eigene Liturgie und eigene Katechismen zu haben. Gleichwohl ist sie verpflichtet, ihr Kirchenrecht samt allen liturgischen und katechetischen Büchern sowie auch alle anderen offiziellen Dokumenten mit den Bischöfen der PNCC zu teilen (wie auch umgekehrt, Statuten, C, Art. 11).

Zwischen den Mitgliedern der Bischofskonferenz der Union von Scranton besteht ein hohes Maß an wechselseitiger Abhängigkeit: So kann beispielsweise kein Bischof der Union ohne Zustimmung der Bischofskonferenz an einer Bischofsweihe teilnehmen (Statuten, C, Art. 8d, 10b); darüber hinaus kann einem Bischof durch einen Mehrheitsbeschluss die Mitgliedschaft in der Bischofskonferenz (und damit der Union of Scranton) entzogen werden, wenn er gegen den synodalen Konsens handelt oder lehrt (Statuten, C, Art. 3h). Gegenwärtig bilden die Bischöfe der PNCC die überwältigende Mehrheit der Bischofskonferenz der Union von Scranton, da nur der nordisch-katholische Bischof Dr. Roald Nikolai Flemestad nicht der PNCC angehört. Bischof Roald Flemestad wurde 2011 von der PNCC für den Dienst in der Nordisch-Katholischen Kirche und als Missionsbischof für Europa konsekriert.

Dementsprechend wird die Katholizität und Orthodoxie der Nordisch-Katholischen Kirche durch jene der PNCC garantiert. Die deutsche Administratur der Nordisch-Katholischen Kirche, die der bischöflichen Leitung von Bischof Roald Flemestad untersteht, gehört zur kanonischen Jurisdiktion der Union von Scranton. Sie ist der kanonische Vertreter der Union von Scranton und damit ihrer Mutterkirche, der PNCC, hierzulande.

Beziehungen zur römisch-katholischen Kirche

In einer Gemeinsamen Erklärung zur Einheit (Joint Declaration on Unity) haben im Jahr 2006 die römisch-katholische Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten und die Polnisch-Katholische Nationalkirche (PNCC) die gegenseitige Anerkennung der Gültigkeit aller Sakramente sowie die communicatio in sacris (gemäß can. 844 §§ 2-3 CIC/1983) festgestellt. Daraus folgt aus zwingenden ekklesiologischen Gründen auch die Anerkennung der sakramentalen Validität der — 2006 noch als Tochterkirche unselbständigen — Nordisch-Katholischen Kirche.

Diese Entscheidung wurde 2015 von Papst Franziskus und der Glaubenskongregation bestätigt. Aus Anlass der Inkardination des früheren nordisch-katholischen Priesters Erik Heyerdahl Holth in das römisch-katholische Bistum Oslo wurde damals beschlossen:

Mitteilung des Bistums Oslo

„Am 5. September 2015 entschied Papst Franziskus auf Empfehlung der Glaubenskongregation, dass die Priesterweihe von Erik Andreas Heyerdahl Holth in der Polish National Catholic Church gültig ist.“

Quelle: katolsk.no – Abruf 7. Dezember 2018

Beziehungen zu den chalcedonensisch-orthodoxen Kirchen

Die Polnisch-Katholische Nationalkirche (PNCC) war am Dialog der altkatholischen Kirchen mit den chalcedonensisch-orthodoxen Kirchen aktiv beteiligt. Darin wurde eine weitestgehende theologische Übereinstimmung festgestellt, dokumentiert in Koinonia auf altkirchlicher Basis (hg. U. von Arx, in: Internationale Kirchliche Zeitschrift 79/4, 1989).

Die PNCC war in dem orthodox-altkatholischen Dialog u.a. durch den späteren Bischof Thaddeus Peplowski vertreten, welcher von 1999 bis 2011 die Nordisch-Katholische Kirche als skandinavische Administratur der PNCC leitete. Die Bischöfe der Union von Scranton haben 2016 noch einmal geschlossen das Ziel der vollen sakramentalen und kanonischen Einheit mit den chalcedonensisch-orthodoxen Kirchen bekräftigt. Aus ekklesiologischen Gründen muss ja aus der gemeinsam erkannten theologischen Gemeinschaft auch die kanonische Einheit folgen:

Feststellung der Gemischten Orthodox-Altkatholischen Theologischen Kommission (Kavala, Oktober 1987)

„Folge und Ausdruck der gemeinsam erkannten Glaubensgemeinschaft ist die volle, liturgisch-kanonische Gemeinschaft der Kirchen,
die Verwirklichung der organischen Einheit in dem einen Leib Christi.“

Internationale Kirchliche Zeitschrift 79/4, 1989: 103

Multilaterales ökumenisches Engagement

Die PNCC ist seit 1948 Mitgliedskirche (Gründungsmitglied) des Weltkirchenrats. Sie gehört ferner zum Nationalen Kirchenrat der Vereinigten Staaten und zum Zusammenschluss Christian Churches Together. Die Nordisch-Katholische Kirche gehört seit 2015 als Vollmitglied zum Norwegischen Christenrat — dem dortigen Äquivalent der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen.