Osterjubel Anno Domini 2019: „Christus ist erstanden … Halleluja!“

Rückseite des Evangeliars mit Darstellung des Auferstandenen,
Vorderseite mit Kreuzigungsdarstellung (Foto: NKK; Material: Messing)

Orthodoxes Oster-Troparion:

Χριστὸς ἀνέστη ἐκ νεκρῶν,
θανάτῳ θάνατον πατήσας,
καὶ τοῖς ἐν τοῖς μνήμασι,
ζωὴν χαρισάμενος!

Transliteration:

Christós anésti ek nekrón,
thanáto thánaton patísas,
ké tís en tís mnímasi,
zoín charisámenos!

Übersetzung:

Christus ist auferstanden von den Toten
hat den Tod durch den Tod zertreten
und denen in den Gräbern
das Leben geschenkt!

Die Nordisch-Katholische Kirche wünscht allerseits frohe und gesegnete Ostern!

Der Einzug Jesu ins Allerheiligste. Zur Karwoche 2019 — Teil 1

Abb. 1: Jesu Weg vom Ölberg nach Jerusalem

Durch welches Stadttor zog Jesus am Palmsonntag nach Jerusalem ein?
Eine vielleicht überraschende Frage, die weder oft gestellt noch erörtert wird. Dabei verrät die Antwort viel über das Selbstverständnis Jesu und darüber, als wer er in Jerusalem gekreuzigt werden und auferstehen wird.

Wenn Jesus in der Einzugserzählung als der Messias, der Gesalbte des Herrn, der Christus, hervorgehoben werden soll – so die Annahme dieses Beitrags –, dann ist er zugleich entsprechend der alttestamentlich-jüdischen Überlieferung als doppelgesichtige Gestalt anzusehen, insofern sowohl nach den konkreten politischen Erwartungen an ihn im Rahmen des wieder bzw. neu zu errichtenden davidischen Königtums als auch nach seinem religiösen Anspruch, der eng mit dem Tempel verbunden ist, zu fragen ist.

Dementsprechend wird dieser Beitrag mit einer Betrachtung der synoptischen Erzählungen des Einzugs Jesu nach Jerusalem samt der darauffolgenden Tempelreinigung, die beide gleichsam die Ouverture der Passionsgeschichte bilden, beginnen, wobei auf der markinischen bzw. vormarkinischen Erzähltradition das Hauptaugenmerk liegen wird (1.).

Der biblische Befund wird helfen, das Lokalkolorit zur Zeit Jesu genauer zu verstehen, damit speziell die aufgeworfene Frage nach dem sog. Goldenen Tor als dem konkreten Ort des Einzugs in Jerusalem entlang der modernen Archäologie eine Antwort finden kann (2.).

Die Antwort führt – wie bereits angeklungen – zurück zur Messiasgestalt mit ihren doppelten Erwartungen. Da die Judenchristen allerdings die Erwartung an ein politisches Königtum aufgaben oder umdeuten mussten, konnten sie sich auf die zweite Dimension, also auf die religiöse Verheißung, konzentrieren. Sie wird aus der Perspektive des Tempels und seinen Funktionen gedeutet werden (3.).

Schließlich stellt sich die Bedeutung des messianischen Einzugs Jesu in sein Heiligtum für uns Heutige auch als eine Frage nach dem Selbstverständnis von Religion, insofern Religion per definitionem streng mit der Frage nach dem angemessenen Umgang mit dem Heiligen und Allerheiligsten verbunden ist (4.).

1. Der Einzug in Jerusalem

Von den Evangelien, die den Einzug nach Jerusalem erzählen (Mt 21,1-9; Mk 11,1-10; Lk 19,28-40; Joh 12,12 -19) und – bei den Synoptikern unterbrochen durch Lk 19,41-44 (Jesus weint über Jerusalem) und die Verfluchung des Feigenbaums (Mk 11,12-14, während sie Mt 21,18-19 der Tempelreinigung nachordnet und Lk 13,6-9 sie in einen ganz anderen Kontext stellt) – unmittelbar mit der Tempelreinigung fortfahren (Mt 21,10-17; Mk 11,15-17; Lk 19,45-46), bietet Lk zwar die längste Version, doch darin auch nicht mehr an Informationen als das ältere Mk-Evangelium.
Folgen wir daher der Darstellung bei Mk in ihren Details.

1.1 … nach Markus

Nach Mk 11,1 steigt Jesus, von Betfage und Betanien her kommend, vom östlich gelegenen Ölberg hinunter nach Jerusalem und wird – so ist gemäß der dem Sachverhalt innewohnenden Logik anzunehmen – die Stadt auf der befestigten Straße aus Betanien durch das nächstgelegene Tor betreten haben.

Dies schränkt die Auswahl an Toren ein, zumal es viele Stadttore wie das Stephanustor (15. Jh.) und das Löwentor (1. Jh.), die der heutige Jerusalembesucher kennt, zu Jesu Zeit noch nicht gab.
Die aus der Offb 21,12 bekannte Vision vom himmlischen Jerusalem mit seinen zwölf Toren greift dagegen wohl auf Neh 3; 8,16 und 12,39 zurück und stammt aus einer Zeit, nachdem die Römer den Jerusalemer Tempel zerstört hatten (70 n. C.) und bevor sie die Mauern und Tore Jerusalems fast völlig schleiften, um aus der nun für Juden verbotenen Stadt ein Heerlager namens Colonia Aelia Capitolina zu machen (ab 130 bis 135 n. C.).

Doch schon vor den Römern erfuhr Jerusalem unter herodianischen König Agrippa I. (40-44 n. C.) eine derartige umfassende Umgestaltung durch Prunkbauten und eine gewaltige Stadterweiterung im Norden, dass ein Zeitgenosse Jesus sich dort danach kaum mehr zurecht gefunden haben dürfte.

Viele Tore wurden, wie gesagt, erst nach Jesu Tod gebaut. So unter Agrippa I. (40-44 n. C.) etwa im Westen ein Tor, das erst viel später den Namen Jaffator erhielt. Es wäre nun müßig, weitere Tore aufzuzählen, die zwar dem heutigen Jerusalembesucher bekannt sind, aber in den fernen Jahrhunderten nach Jesus unter römischer, byzantinischer, frühislamischer oder osmanischer Herrschaft erbaut wurden – nicht zu vergessen die Jahrzehnte, in denen die Kreuzfahrer in Jerusalem regierten.

Da zudem davon auszugehen ist, dass Jesus vom Ölberg über die Straße von Betanien kommend (vgl. Abb. 1 die rote Linie) eher eines der nächstgelegenen Stadttor durchschritten oder -ritten haben dürfte, engt dies die Auswahl weiterer ein.
Daher ist Küchler (101) überzeugt, dass Jesus durch das Osttor unweit der innerstädtischen Nordmauer des Tempels in die Stadt kam (in Abb. 1 Nr. 21a, deutlich in der kleineren rechten Abb. darin, fehlt ein solches Tor, da fraglich ist, ob sich die Stadtmauer dort schon unter Herodes oder erst unter Agrippa I. erstreckte).
Seit dem 15. Jh. trägt es auch den Namen Stephanustor, da es seitdem als Ort der Steinigung des aus der Apg 7 bekannten Diakons galt, was zuvor dem Damaskustor zugeschrieben wurde.
Dasselbe Tor wird aufgrund von dort zu sehenden Tierdarstellungen seit osmanischer Zeit bis heute auch Löwentor genannt, obwohl es sich nachweislich um Pantherfiguren handelt (Küchler 101).

Küchler schreibt darüber unter Verweis auf Mk 11,1.15: „Zur Zeit des 1. und 2. Tempels begann der Abstieg in das Kedrontal auf einem z. T. mit Stufen versehenen Sträßchen. Dies ist wohl der Weg, der in ntl. Zeit benutzt wurde, wenn man vom Ölberg her in die Stadt ging, wie dies in den Evv. oft von Jesus und seinen Jüngern erzählt wird (z. B. Mk 11,1.15 parr). Die typische sprachliche Doppelung »und sie gehen nach Jerusalem hinein. Und hineingehend in den Tempel …« (Mk 11,15) ist ein unbeabsichtigter Hinweis darauf, dass man zuerst den Bereich der Stadt und erst danach denjenigen des Tempels betrat“ (101).

Wäre Jesus also durch das Osttor in die Stadt gekommen, hätte er auf direktem Weg kurz danach links abbiegen und durch ein Tor in der Nordmauer des Tempelbezirks (s. Abb. 1 Nr. 21a) mit seinen erstaunlich gewaltigen Steinen (vgl. Mk 13,2 parr) zum strahlenden, weil mit massiven Goldplatten belegten Tempel aufsteigen können (vgl. die Darstellung bei Küchler 138 in Verbindung mit Plan A,1).

Doch „zur Zeit des Herodes“, so Küchler, „bestand hier nur ein einziges Tor, das sozusagen den Dienstzugang darstellte, weil man nur hier die Opfertiere und die für den Kult benötigten Materialien herbeischaffen konnte, ohne über Treppenaufgänge die z. T. beachtlichen Höhendifferenzen zu überwinden“ (205.207).
Was es den Durchgang jedoch im Grunde unmöglich macht, beschreibt Küchler selbst, denn „nach der Mischna Middot 1,3 »diente dieses Tor Todi im Norden zu gar nichts«, nach 1,9 verließen die durch Samenerguss unrein gewordenen Priester durch dieses Tor den heiligen Bezirk, um sich zu waschen“ (207).
Dieses Tor ist heute nicht mehr erhalten, alle vorhandenen Tore an der Nordseite des Haram (arabische Bezeichnung des Tempelbezirks) stammen aus früharabische Zeit (Küchler 207.223, Abb. 108; die Beschreibung dazu 306f.). Damit wird allerdings auch das Osttor als Einzugsgebiet Jesu unwahrscheinlicher.

Es gibt weitere Möglichkeiten, in den heiligen Bezirk zu gelangen. Zwei von ihnen befinden sich an seiner Südmauer: Das Zweier- oder Huldator mit seinen beiden durch eine Säule getrennten Eingängen; und das ein paar Meter weiter östlich gelegenen Dreiertor (zu beiden Toren: Küchler 174f., Abb. 88, und 291, Abb. 132,30).
Beide gehen auf herodianische Toranlagen zurück (Küchler 306). Das Huldator ist 12,8 m breit, das Dreiertor 15 m. Obwohl das Dreiertor mit seinem erhöhten mittleren Eingang würdiger wirkt, ist das Huldator geschichtsträchtiger. Denn hier soll nach 2 Kön 22,14 und 2 Chr 34,22 nicht bloß die Prophetin gelebt haben; auch der Prophet Mohammed soll vor seiner Nachtreise den Tempelplatz hierdurch betreten haben.
Zu diesen beiden Toren an der durch den Aufstieg über breite Treppen imposanten Südseiten, die gleichsam den Haupteingang ins Heiligtum darstellen, gelangt man aber erst innerhalb der Stadtmauern, so dass Jesus zunächst durch ein südöstliches oder südliches Tor die Stadt betreten haben müsste.

Schließlich gibt es noch das sog. Goldene Tor in der östlichen Stadtmauer (s. Abb. Nr. 21), die zugleich auch die östliche Begrenzung des Tempelbezirks bildet. Es liegt am Ende des Wegs aus Betanien und führt unmittelbar zum Tempelvorplatz, allerdings 50 m nördlicher als der Tempeleingang.

Der Neutestamentler Max Küchler, der bis 2012 im Schweizerischen Freiburg lehre, äußerte sich in seinem enorm gelehrten wie informativen über 1200-seitigen „Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt“, worin kaum ein historisch relevanter Stein in und um Jerusalem unerwähnt bleiben dürfte, auch zur Frage nach dem Ort des Einzugs Jesu.
Im Hinblick auf den in der Darstellung wirksamen Messianismus gibt Küchler mit Blick auf Mk 1,1-11.15-10 parr einen wichtigen Hinweis: „Diese messianisch durchwirkte Szene, die mit prophetisch-provokativen Zeichenhandlungen den Einzug Jesu in seine königliche Stadt und in sein Heiligtum erzählt […], hat in den Evangelien einen recht unterschiedlichen Ablauf“ (Küchler 197).
In drei Kolumnen stellt Küchler dann Mk 1,11, Mt 21,10-12 und Lk 19,45 vergleichend nebeneinander. Er kommt zu folgendem Schluss: „Die Evangelien geben offensichtlich keine topographisch auswertbaren Angaben: Jesus kommt bei Mk und Mt zuerst in die Stadt und geht erst danach in den Tempel (vgl. Joh 2,13; 5,1.14; → Betesda), betritt also mit der Stadt nicht gleichzeitig auch den Tempelplatz, wie dies beim Goldenen Tor der Fall wäre. Lukas macht diese Unterscheidung nicht. Keiner der Texte nennt ein Tempeltor. Die byz. Tradition vom Einzug Jesu durch das »Goldene Tor« wird somit von den ntl. Texten nicht gedeckt“ (Küchler 197).

Demgegenüber fällt Mehreres auf: 1. Nach Lk 19,45 betritt Jesus die Stadt durch den Tempel. Warum „unterschlägt“ Lk den Schlenker durch die Stadt?
2. Bei Mk wundert einen die innere Logik der Darstellung. So heißt es in Mk 11,1: „Als sie in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage und Betanien am Ölberg, schickte er zwei seiner Jünger aus“; die Jünger bekommen nun den Auftrag, ein Fohlen zu suchen und zu bringen (Mk 11,2-7).
3. Es macht stutzig, dass gemäß Mk 11,8-10 die Huldigungen durch Kleiderausbreiten, Wedeln mit Büscheln und Hosanna-Rufen vor dem eigentlichen Betreten der Stadt und offenbar kurz vor der Dämmerung erfolgen (Mk 11,11: „Und er zog nach Jerusalem hinein, in den Tempel; nachdem er sich alles angesehen hatte, ging er spät am Abend mit den Zwölf nach Betanien hinaus“).

In Mk 11,12 verlässt Jesus mit den Jüngern wieder Betanien – es folgt in Mk 11,13f. die Verfluchung des Feigenbaums –, um mit einer lapidaren Erwähnung in Mk 11,15 erneut, jedoch diesmal scheinbar unbeachtet, in Jerusalem einzuziehen und direkt den Tempel aufzusuchen: „Dann kamen sie nach Jerusalem. Jesus ging in den Tempel und begann, die Händler und Käufer aus dem Tempel hinauszutreiben“.
Nach der sog. Tempelreinigung verlässt Jesus mit den Jüngern zum zweiten Mal die Stadt (vgl. Mk 11,19), um sie nach der Episode mit dem Feigenbaum (Mk 11,20-25) zum dritten Mal, unspektakulär wie zuvor, für einen weiteren Tempelbesuch zu betreten. Mk 11,27f.: „Sie kamen wieder nach Jerusalem. Als er im Tempel umherging, kamen die Hohepriester, die Schriftgelehrte und die Ältesten zu ihm und fragten ihn […]“.

Um sich den gesamten Ablauf nochmals vor Augen zu halten, wie er nach Mk 11 gewesen sein soll: Vor dem ersten Betreten der Stadt erfolgt ein Massenandrang („viele“ nach Mk 11,8) samt Huldigungen, wonach Jesus in den Tempel geht, sich dort umschaut und nicht weiter tut; dann zieht er sich wieder ins 3 km entfernte Betanien (vgl. Küchler 920) zurück.
Bei einer zweiten Begehung der Stadt zieht Jesus erneut von Betanien aus – diesmal ohne Massenbeteiligung – in Jerusalem ein (Mk 11,12.15), um direkt im Tempel aufzuräumen; danach zieht er sich an einen nicht genannten Ort außerhalb der Stadt zurück (Mk 11,19).
Schließlich betritt er zum dritten Mal Jerusalem und zum zweiten Mal den Tempel, in dem er tags zuvor aufgefallen sein dürfte, um in alle Ruhe Fragen der jüdischen Autoritäten zu beantworten, die ihm Anlass geben, seinen messianischen Anspruch voll zu entfalten (Mk 11,27-12,44).

Abb. 2: Einzug Jesu in Jerusalem

Erklärungsbedürftig ist hier Vieles: 1. Warum empfangen die „vielen“ (Mk 11,8) „Leute“ (Mk 11,9) Jesus vor der Stadt – übrigens gemäß allen Evangelien – und nicht in ihr, wie es sich nicht nur viele Kinder am Palmsonntag entsprechend der verbreiteten Ikonographie vorstellen?
2. Warum zieht er vor der Dämmerung ein und schaut sich nur kurz im Tempel um, bis die Tempeltore mit Anbruch der Dämmerung geschlossen werden (vgl. Mk 11,1; vgl. Pesch 186)?
3. Warum betritt Jesus dreimal Jerusalem, jedoch unter nur einer einmaligen Euphorisierung der Massen, obgleich sich nach Mk 12,37b wieder „eine große Menschenmenge“ um ihn im Tempel versammelt?
4. Wie kann Jesus an einem Tag im Tempel randalieren und am nächsten Tag – offenbar ohne Hausverbot durch die Tempelmiliz – den Tempel wieder betreten, um dort in Ruhe die jüdischen Autoritäten zu erstaunen (Mk 12,17), zu verärgern (Mk 12,12) und sie das Fürchten zu lehren (Mk 11,32; 12,12b)?

Schon jetzt lässt sich erkennen, dass die Einzugserzählung einerseits ein tatsächlich mehrtägiges Wirken in der Stadt – vermutlich aus Absicht – an einem Punkt verdichtet; andererseits ist über Jesu mehrfaches Erscheinen und Wirken im Tempel, worauf ohne Zweifel ein Gewicht der Erzählung liegt, auch aus der Perspektive der Emotionslagen derart viel zu berichten, dass es Mk nicht im zeitlich eng gesteckten Rahmen eines Tages oder eher weniger Stunden erfassen kann.

1.2 … gemäß dem vormarkinischen Passionsbericht

Nach seinem triumphalen Einzug – offen bleibt noch, wo genau er die Stadt betreten hat –, wird Jesus zum Tempel gegangen sein, dies dem Zeugnis nach mehr als einmal. Er wird tatsächlich mehrfach in die Stadt gekommen sein, wohl von Betanien aus, denn „dass Jesus während seines Jerusalemer Aufenthaltes in Betanien sein Quartier hatte […], darf“ – Rudolf Peschs Kommentar zum MkEv zufolge (HThK NT II/2) – „als gesichertes Datum gelten“ (Pesch 187).
Pesch geht ferner davon aus, „dass mit dem mk Text [sc.: des Einzugs in Jesu in Jerusalem] die älteste Überlieferungsgestalt unserer Szene [sc.: innerhalb der vier Evangelien] vorliegt“ (Pesch 187). Dies muss für Pesch schon deshalb gelten, da seines Erachtens die mk Darstellung im Kern auf einem vormarkinischen Passionsbericht basiert, dessen Entstehung er vor dem Jahr 37 n. Chr ansetzt.
Denn die Erwähnung des amtierenden Hohepriesters ohne Namensnennung, „welcher der Voraussetzung lokaler Kenntnisse bei den Hörern der Passionsgeschichte entspricht, legt den Schluss (nahezu zwingend) nahe, dass Kajafas als Hohepriester noch amtierte, als die vormk Passionsgeschichte zunächst gebildet und erzählt wurde“ (vgl. dazu insgesamt Pesch 1-27, hier Pesch 21).
Zusammen mit der Beobachtung, dass der vormk Passionsbericht genau vertraut mit Orts- wie Personenangaben aus dem Umfeld Jerusalems ist, kommt Pesch zu dem erstaunlichen Schluss, seine Entstehung der Jerusalemer Urgemeinde zuzuschreiben: „Alters- und Herkunftsindizien sprechen zusammen eindeutig für eine frühe Entstehung der vormk Passionsgeschichte in der aramäisch sprechenden Urgemeinde in Jerusalem“ (Pesch 21).

In Bezug auf die Schilderung des Einzugs nach Jerusalem (Mk 11,1-10) stellt Pesch fest: „11,1 mit dem Ortsanschluss im temporalen Nebensatz […] ohne Nennung Jesu (erst in 11,6) setzt offenbar einen voraufgehenden Erzählkontext vom Zug Jesu und seiner Jünger nach Jerusalem (dem ,sieʻ sich nun nähern) voraus“ (Pesch 12).
Am Ende seiner Rekonstruktion meint Pesch, den Umfang dieser vormk Vorlage anhand von literarkritischen, gattungs- und formkritischen nebst inhaltlich-sachlichen Kriterien (vgl. Pesch 11) „höchstwahrscheinlich“ angeben zu können: Mk 8,27-33; 9,2-13.30-35; 10,1.32-34.46-52; 11,1-23.27-33; 12,1-17.34c-37.41-44; 13,1-2; 14,1 bis 16,8 (Pesch 12).

Damit mag die Antwort auf manche Inkohärenz und oben gestellte Frage an den Text sich aus den theologischen Erzählabsichten ergeben, aus deren Perspektive der vormk Passionsbericht der Jerusalemer Urgemeinde Jesus als Messias und Menschensohn charakterisiert und unterstreicht (vgl. Pesch 24f.). Es lohnt sich somit vom Standpunkt der synoptischen Einzugserzählungen, besonders in ihrer vormk Version, die überlieferte Messiaserwartung genauer zu betrachten, um zu prüfen, welche Verheißungen die ntl. Schriften insgesamt mit dem Einzug Jesu in sein Heiligtum erfüllt sahen.

2. Das Goldene Tor

Abb. 3: Das Goldene Tor (vorne mittig in der Stadtmauer oberhalb der Rampe), nach einem Modell von Jerusalem im Jahr 66 n. C. – vier Jahre vor der völligen Tempelzerstörung

Unter den vielen Elementen der mündlichen wie schriftlichen Überlieferungen der Messiasverheißung nimmt das bereits oben erwähnte Goldene Tor eine zentrale Stellung ein. Nach christlicher Überlieferung (Küchler 197, s. o.) zog Jesus hierdurch in Jerusalem ein – und damit direkt in den Tempelbezirk.
Diese Vorstellung basiert allerdings auf der alttestamentlichen Beschreibung nach Hesekiel 44,1-3, dergemäß der Messias durch ein Osttor unverzüglich auf den Tempelberg steigen und von ihm Besitz ergreifen wird. Doch machen weitere erzählerische Attribute das Bild des kommenden Messias erst vollkommen.

2.1 … durch das der Messias …

Zum Auf(t)ritt des Messias gehören ferner nach 1 Makk 13,51 und 2 Makk 14,4 unbedingt Palmenzweige als Zeichen eines siegreichen König. Als Friedenskönig kommt ein solcher Messias nach Sach 9,9 auf dem Fohlen einer Eselin. Diese messianischen Attribute finden sich dementsprechend auch bei Mk: das Fohlen in Mk 11,3-7 samt dem Schwingen von Büscheln (Mk 11,8) oder Zweigen (Mt 21,8), die nur nach Joh 12,14 als Palmzweige identifizierbar sind. Damit muss für schriftkundige Ohren nicht eigens ausgesprochen werden, dass die Erzählung in Jesus eben jenen Friedenskönig (vgl. Jes 2,4; Jes 11,6; Mich 4,3) sieht.

Auch Hosannarufe dürfen entsprechend Ps 118,25f. nicht fehlen. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die Abweichung von Mt gegenüber Mk, denn Mt 21,14f. bietet: „14 Im Tempel kamen Lahme und Blinde zu ihm und er heilte sie. 15 Als nun die Hohepriester und die Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder im Tempel rufen hörten: Hosanna dem Sohn Davids!, da wurden sie ärgerlich“.
Offensichtlich gab es – zumindest unter den Kindern – eine Kontinuität der Hosannarufer von den Menschen auf dem Weg (Mt 21,8f.; Mk 11,8f.) bis zu den Kindern im Tempel (Mt 21,15). Durch diese nahtlose jubilatorische Fortsetzung erzeugt Mt eine zeitliche Einheitlichkeit, die die für Mk 11,11b scheinbar wichtige abendliche Unterbrechung und Fortsetzung am nächsten Tag schlichtweg überspringt.

Warum werden hier überhaupt die Kinder als jubelnde Gefolgschaft herausgehoben erwähnt? Stehen sie wie „die Leute“ in Mt 21,9 für den klugen und weisen Teil des Volkes Israel – den Teil, der den Messias als Sohn Gottes erkennt und dafür nicht genug danken und loben kann (vgl. Ps 8,3: „Aus dem Mund der Kinder […] schaffst du dir Lob“)?
Dafür spricht auch die in Mt 21,14 genannte Gruppe von Lahmen und Blinden, die zu Jesus strömen, damit er sie heilt: Denn lahm und blind sind wir alle im Glauben, obwohl wir doch unbefangen sein sollten wie ein Kind, das Jesus uns, seinen Jüngern, später vor Augen stellt (vgl. Mk 9,36: „Und er stelle ein Kind in ihre Mitte“).

Abb. 4: Jesus vertreibt die Händler aus dem Tempel

Nach dem in dürren Versen beschriebenen eigentlichen Einzug (Mk 11,11a.15; Mt 21,10.12; fehlt bei Lk) – das Meiste der Beschreibung gilt den äußeren Umständen und Vorbereitungen davor – schließt sich unmittelbar die Reinigung des Tempels an (Mk 11,15-17; Mt 21,12-17). Auf sie als eigentliches Ziel des Einzugs scheint die ganze Perikope bei Mk und Mt hingeführt zu werden.
Dabei geht es weniger um die schlechten Eigenschaften oder überhaupt das Vorhandensein der „Verkäufer und Käufer, […] der Geldwechsler und […] der Taubenhändler“ (Mk 11,15) im Tempel – die Parallelstelle bei Joh weiß in 2,14 als einzige zusätzlich von „Händlern, die Rinder und Schafe […] verkauften“ zu berichten.
Schon gar nicht geht es nach Roger Liebis typologischer Exegese oder wohl eher – wie sein Rezensent Helge Stadelmann schreibt – Eis-egese (Hineinlesen) um „eine wichtige Belehrung“, nach der „wahres Glaubensleben […] das Alltägliche [sc.: dargestellt in den Händlerbuden] nicht vom Göttlichen [sc.: dargestellt im Tempel]“ abschneidet (doch lobt Stadelmann an Roger Liebis Dissertation u. a. seine plastische Schilderung der archäologischen Befunde und seine reichen judaistisches Quellenzitate).
Sondern die Tempelszene spitzt sich in Mk 11,17 zu: „Steht nicht geschrieben: Mein Haus soll ein Haus der Gebetes für alle Völker genannt werden? Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht (vgl. Jes 56,7; Jer 7,11)“.

Äußerst geschickt verbindet diese mit messianischer Erwartung geladene Stelle zweierlei miteinander: Die Erfüllung der Verheißung, dass der Messias alle Völker in Gestalt aller jüdischen Stämme einen wird (vgl. Jes 11,12; Jes 27,12f.) verschmilzt mit der weiteren Verheißung, nach der die ganze Menschheit zum Glauben an den einen Gott gelangt (vgl. Jes 11,9; Jes 40,5; Zef 3,9).
Dies alles ist am besten aus johanneischem Blickwinkel zu verstehen, insofern Joh der Tempelreinigung einen wichtigen begründenden Einschub für Jesu Vollmacht mitgibt, die zugleich als österliche Vorankündigung erfolgt: Denn nach Joh 12,18-22 wird der (neue) Tempel der Leib des Auferstandenen sein, der folglich auch Heiden, also Nicht-Juden wie Griechen, Römern und wirklich allen Völkern „offen steht“ und zugänglich ist.
Auf diese Weise erfüllt sich – zunächst zwar metaphorisch, doch mit Blick auf eine weltweite Kirche erstaunlich konkret – nebenbei die Verheißung von Mich 4,1 über den Wiederaufbau bzw. den Wiederherstellung des Tempels.

Im Gang der Erzählung sind die Folgen dieser geradezu prophetisch-messianischen Zeichenhandlung nach Mk 11,18 (NEH) dramatisch: „Die Hohepriester und Schriftgelehrten hörten davon und suchten nach eine Möglichkeit, ihn umzubringen. Denn sie fürchteten ihn, weil das Volk außer sich war vor Staunen über seine Lehre“.
Ab da nimmt das Verhängnis also seinen Lauf, die Passionsgeschichte beginnt oder, christlich formuliert, der Heilsplan G’ttes nimmt an Fahrt auf.

2.2 … in den Tempel einzieht

Doch harren – es ist in der Darstellungsfülle dieses kleinen messianischen Panoramas keineswegs untergegangen – hinsichtlich des Goldenen Tors noch zwei Fragen ihrer Beantwortung: 1. Gab es das Goldene Tor zur Zeit Jesu schon, noch oder wieder? 2. Wenn die Antwort bejaht wird, bleibt die Frage: Zog Jesus durch es nach Jerusalem ein?

Abb. 5: Das Goldene Tor heute, zugemauert und mit zwei Bögen

Zu Frage 1: Vom Ölberg kann der heutige Jerusalembesucher zwei zusammenhängende Torbögen über einem zugemauerten Tor erkennen. Dies ist das Goldene Tor, das in seiner Grundform aus byz. Zeit stammt, was nicht bedeutet, dass es nicht einen Vorgänger zu Zeiten Jesu hatte.
Unter den Omaijaden wurde es reich ornamentiert und mit einer 15 m langen Zugangsrampe zum Doppeltor, dem Tor des Erbarmens (Bab al-Rahama) und dem Tor des Umkehr (Bab al-Tawba), ausgestaltet. Spätestens seit dem 15. Jh. finden Jerusalempilger es verschlossen und zugemauert; möglicherweise „aus Sicherheitsgründen oder zur Vermeidung messianischer Aspirationen“ (Küchler 203).

Gab es dieses Tor also zur Zeit Jesu? Diese Frage ist schwer endgültig zu entscheiden. Denn es ist unklar, inwiefern das Goldene Tor mit anderen Toren in der Ostmauer identisch ist: Die rabbinische Tradition nennt in Verbindung mit fünf Toren des Tempelberges ein Osttor, das mit dem seltsamen Sühneritus der Verbrennung der roten Kuh nach Num 19, der insgesamt aber nur sieben Mal vollzogen wurde, in Verbindung gebracht wird. Weil auf oder über ihm die Burg Susa (vgl. Dan 8,2; Est 1,2-5), die Residenz der persischen Könige, abgebildet war, heißt dieses archäologische nicht weiter nachweisbare Tor auch Susator (Küchler 108).
Ferner gab ein in der östlichen Tempelmauer ein, an dem am Jom Kippur (Versöhnungstag) der Sündenbock vom Tempel aus in die Wüste getrieben wurde (hier ist Küchler, 140, mit seiner Beschreibung der Tempelfeste recht einsilbig)? Ist es mit dem Susator gleichzusetzen?
Oder hatte vielmehr das sog. Schaftor diese Funktion? Dieses wird nach Neh 3,1.32; 12,39 und Joh 5,2 jedoch als Nordtor der Stadt und nicht des Tempels bezeichnet (Küchler 100). Oder ist es das Tor der Musterung oder, je nach Übersetzung, der Zuteilung (Miphkad-Tor), das seit Neh 3,31 immer wieder – aber nicht von Küchler, sondern etwa von Liebi – erwähnt wird?

Zur Frage 2: Leider kann auch die Frage, ob Jesus durch das Goldene Tor – seine Existenz vorausgesetzt – oder überhaupt durch ein östliches Tempeltor nach Jerusalem nicht abschließend beantwortet werden. Weitere archäologischen Untersuchungen und Grabungen könnten hier möglicherweise Auskunft geben, doch sind sie derart nah am Haram unmöglich.
Allerdings vermögen auch andere Antwortversuche, wie gesehen, nicht völlig zu überzeugen. Aus seinem messianischen Selbstverständnis heraus betrachtet, spricht wiederum Vieles dafür.

Da dieser messianische Anspruch Jesu auch unabhängig von jedweder Antwort auf die Frage seines Einzugs in Jerusalem unangefochten besteht, liegt im Anschluss die Frage auf der Hand, wie das Wirken des Messias im Tempel wohl aussehen würde. Würde er den Tempelkult für überflüssig erklären oder ihn — gar als neuer Hohepriester — in einem dritten Tempel fortsetzen? Hierzu ist es sinnvoll, sich im nächsten Kapitel (3.) zu vergegenwärtigen, was denn einen Hohepriester seiner Herkunft, seiner Funktion und seinen Aufgaben nach ausmacht. (RB)

(Teil 2 folgt)

Zitierte Literatur:

Aland, Kurt (Hg.): Synopse der vier Evangelien. Griechisch-Deutsche Ausgabe der Synopsis Quattuor Evangeliorum, Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft 1989.

Küchler, Max (Hg): Jerusalem. Ein Handbuch und Studienführer zur Heiligen Stadt (= Orte und Landschaften der Bibel IV,2), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2007.

Liebi, Robert: Der Messias im Tempel: Symbolik und Bedeutung des Zweiten Tempels im Licht des Neuen Testaments. Bielefeld: CLV, 2003 (= Dissertation).

Pesch, Rudolf: Das Markusevangelium. Zweiter Teil: Kommentar zu Kap. 8,27-16,20 (= HThK NT II/2), Freib. i. Br. et al.: Herder, 3. Aufl. 1984 (Sonderausgabe 2000).

Stadelmann, Helge: Rez. zu R. Liebi, in: JETh 24/2004, 357f., hier zitiert nach: https://www.betanien.de/buchbesprechung-der-messias-im-tempel/ (abgerufen am 12.04.19).

Sag Dich los! — Gedanken von Br. Maximilien OPR

Ja, liebe Brüder und Schwestern, Fastenzeit ist immer noch angesagt. Erstaunlich finde ich, dass in den öffentlichen Medien auch davon die Rede ist, ja, sogar kurz vor 22 Uhr ist auf Antenne Bayern ein täglicher Beitrag dazu zu hören. Dass so etwas in Deutschland immer noch existiert, wundert mich als Franzosen, denn bei uns ist es längst vorbei …

Also Fastenzeit ist wieder angesagt … und drüber sollte man sich freuen? – Ja, natürlich sollte man sich drüber freuen, denn wir sind ja gute Katholiken, und wir wollen Jesus nachfolgen, also dürfen wir uns freuen, wenn wir leiden müssen, denn dies macht uns Ihm ähnlich, juhu, wieder leiden!!!

Na ja … sicherlich nicht ganz falsch, aber nicht unbedingt meine Ansicht … Denn Fasten kann (sollte …) auch was Positives sein.
Als wir Kinder waren, haben wir mit Stroh gespielt. Ich sehe es noch vor mir; und genauso sinnlos, wie es mir damals schon erschien (ob ich denn so reif war oder einfach nur gelangweilt, sei bitte dahingestellt…), erscheint es mir heute noch: uns wurde von der alten Katechismus-Lehrerin ein Blatt Aluminium-Folie gegeben mit kleinen Strohstücken.

Die Idee war, dass man für jedes Opfer, jeden Verzicht, den man die Woche über gemacht hatte, ein Stück Stroh in die Folie tat.
Geprüft wurde am Mittwoch danach, wie viele Opfer von wem dargebracht wurde, dem Erfolgreichsten wurde dann gratuliert.

Sinnlos sagt Ihr? Mein´ ich eigentlich auch, aber zumindest hätte man es als Ermutigung betrachten können nach dem Motto: „Naja, es ist doch nicht so schwierig, Jesus nachzufolgen!“ Wäre dies jedoch der persönliche Schluss von jedem Einzelnen gewesen, dann wäre ich doch nicht so gelangweilt gewesen … , denn so wurde uns das Fasten nicht beigebracht.

Wollte man sich aber etwas vom Kindergarten-Gedöns lossagen, gäbe es eigentlich viel, worauf wir uns freuen könnten.
Ganz nebenbei gesagt: Fasten ist vor allem eine Art von Gebet. Als Erstes nenne ich einfach die Wiederholung: alle Jahre wieder, so schien es mir für lange Zeit zu sein.

Die katholischen Kirche, die hat ihren Rhythmus, und alle Jahre wieder „wiederholt“ sich das Ganze, zumindest für den Außenstehenden, denn der Christ kann es als Chance betrachten: Es tut gut zu wissen, dass es Dinge gibt, die das Zeitliche doch nicht ganz abgeschafft hat, die wiederkommen und doch jedes Mal immer wieder neu sind; wie eine Art Meditation durch das Jahr, ja, durch das Leben sogar, bekomme ich immer wieder die Chance, meine Beziehung zu Gott zu erneuern, mich aufs Wesentliche zurück zu besinnen. Die Welt dreht sich weiter, die Kirche nicht …

Dies zu wissen, tut gut! Was soll dann nach der Chance zur Erneuerung folgen? Die Erneuerung selber? So sehe ich das auch! Dies geschieht durch eine Infragestellung der Wichtigkeit von kleinen Dingen des Alltags, diese Dinge, die nur für mich was bedeuten, die mir wichtig sind, die mich vielleicht auch noch belasten? Fastenzeit als Wagnis: Muss dies unbedingt sein? Brauche ich jenes unbedingt? Ferner sogar: Was hat dies für einen Einfluss auf mich? Also probieren wir es mal ohne, mal sehen, was dann passiert …

Die Zeit ist gekommen, sagt uns die Kirche, und wenn andere schon dabei sind, dann mache ich das auch… und Schwuppdiwupp (Danke, Wilhelm Busch) verschwanden gestern sechs Computerspiele von meinem PC!
Was bleibt dann übrig, das Leiden? Hat es mir etwa Leidgetan? Wird es mir auch Leidtun, die DVDs in die Tonne zu schmeißen? (Da wird man sogar hellsichtig…)
Nein, es ist eine Befreiung, endlich konnte ich mich davon lossagen, von Sachen, die ich bis jetzt geliebt habe, stundenlang damit gespielt habe, an denen ich Spaß hatte, wie noch was, bye bye, auf Wiedersehen, und kommt nicht zurück!

Das ist Fastenzeit, das sind die kleinen Freuden des Alltags, die kleinen Wagnisse, die die Fastenzeit möglich macht. Als nächstes folgt ein Blick in die Zukunft: erstmal in die Mülltonne mit allem, was belastet.
Wer im Frühjahr sein Haus nicht putzt, aufräumt, auffrischt, den verstehen selbst seine Nachbarn nicht mehr. Wir sollen Christus nachfolgen und sind dazu eingeladen, im Gebet mit Gott enger in Kontakt zu treten. Gott kennt den Weg, Er weiß, was ihn uns erschwert, und Er, nur Er, kann uns dazu bringen, uns von irdischen Sachen loszusagen, die einfach ihre Zeit hatten, die einfach vorbei sind.

Denn es geht noch weiter, wir schauen hin zu Gott, zum Gekreuzigten, zu Dem, Der bald für jeden Einzelnen von uns Sein Leben hingeben wird, aber auch zu Dem, Der überhaupt für jeden Einzelnen ein irdisches Leben auf Sich genommen hat, zu Dem, Der es gewagt hat Sein Vertrauen in uns zu setzen, und da stellt sich die Frage: Wo werde ich dann sein, wenn es wieder passiert, denn wir wissen, dass es wieder passieren wird, dass Karfreitag kommt, und zwar schneller als gedacht!

Wo werde ich sein, in welcher Gruppe? Unter denen vielleicht, die schreien werden „Dieser soll nicht über uns herrschen! Ans Kreuz, und zwar sofort!“ Das bestimmt nicht. Werde ich den Mut haben, Sein Gesicht vor der ganzen Menschenmenge zu waschen? Werde ich unter dem Kreuz sein, wie Johannes, schön wär´s!

Aber es droht eine andere Gefahr: dass mir das alles egal sein könnte, die Gefahr, die die Dinge dieser Welt mit sich bringen, ja, man hat keine Zeit für sowas, man lebt doch nicht in einer verträumten Welt! Wie hätten die Jünger und Jesus selbst an meiner Stelle reagiert? Meine Probleme hatten sie doch nicht! Und Fastenzeit kommt nächstes Jahr wieder, also hab´ ich Zeit … naja, um diese Dinge geht es gerade, denn diese sind es, die es mir schwerer machen. Ich will zu Christus hin, wir wollen zu Christus hin, und je leichter, desto besser! Also sag Dich los, und viel Spaß bei der letzten Etappe dieser Fastenzeit!

Kanonischer Status und ökumenische Beziehungen unserer Kirche

Eucharistische Gemeinschaft: Erzbischof Anthony Mikovsky kommuniziert in einer von Bischofsvikar Frederik Herzberg geleiteten Eucharistiefeier (Abtei St. Severin, Februar 2019)

Aus Anlass aktueller Anfragen geben wir hier eine kurze Erläuterung unseres kanonischen Status und unserer ökumenischen Beziehungen. Allen Leserinnen und Lesern wünschen wir ein gesegnetes Fest Mariä Verkündigung.

Einbindung in die Union von Scranton

Die Nordisch-Katholische Kirche bildet zusammen mit der Polnisch-Katholischen Nationalkirche Amerikas (PNCC) die altkatholische Union von Scranton — eine altkatholische Kirchengemeinschaft, die grundsätzlich auch für andere Kirchen offen ist. Die Union von Scranton definiert sich als „Gemeinschaft von Kirchen in Sakramentengemeinschaft mit der Polnisch-Katholischen Nationalkirche“ (Statuten der Union von Scranton, Überschrift).

Grundlage dieser vollen, sakramentalen und kanonischen Kirchengemeinschaft ist die Übereinstimmung in der katholischen Lehre und Liturgie (Statuten, C, Art. 1a,b), die wechselseitige Anerkennung der Ämter in apostolischer Sukzession (Statuten, C, Art. 1b,d) und die eucharistische Gemeinschaft (Statuten, C, Art. 1c). In ihrer inneren Ordnung kann die am Besten mit einem orthodoxen Patriarchat, das autonome Teilkirchen besitzt, verglichen werden; das Wirken der autonomen Teilkirchen wird durch die Statuten der Union von Scranton reguliert.

Kanonische Wirklichkeit der Union von Scranton

Das höchste Organ der Union ist die Bischofssynode, die als Internationale Katholische Bischofskonferenz (ICBC) der Union of Scranton bekannt ist. Das Amt des Erzbischofs der Union von Scranton und des Vorsitzenden ihrer Bischofskonferenz nimmt verfassungsgemäß der Leitende Bischof der Mutterkirche der Union, also der Prime Bishop der PNCC, ein (Statuten, D, Art. 1c) — derzeit ist dies Erzbischof Dr. Anthony Mikovsky. Die übrigen Mitglieder der Bischofskonferenz sind die Diözesanbischöfe der Mitgliedskirchen der Union of Scranton (Statuten, C, Art. 1f).

Jede Mitgliedskirche der Union von Scranton (derzeit sind dies die Polish National Catholic Church und die Nordisch-Katholische Kirche) genießt einen gewissen Grad an Autonomie. Zum Beispiel ist es der Nordisch-Katholischen Kirche gestattet, — sofern sie nicht von der offiziellen Theologie der Union (vor allem die Erklärung von Scranton und das orthodox-altkatholische Konsensdokument Koinonia auf altkirchlicher Basis = IKZ 79/4, 1989) abweicht — ein eigenes Kirchenrecht, eine eigene Liturgie und eigene Katechismen zu haben. Gleichwohl ist sie verpflichtet, ihr Kirchenrecht samt allen liturgischen und katechetischen Büchern sowie auch alle anderen offiziellen Dokumenten mit den Bischöfen der PNCC zu teilen (wie auch umgekehrt, Statuten, C, Art. 11).

Zwischen den Mitgliedern der Bischofskonferenz der Union von Scranton besteht ein hohes Maß an wechselseitiger Abhängigkeit: So kann beispielsweise kein Bischof der Union ohne Zustimmung der Bischofskonferenz an einer Bischofsweihe teilnehmen (Statuten, C, Art. 8d, 10b); darüber hinaus kann einem Bischof durch einen Mehrheitsbeschluss die Mitgliedschaft in der Bischofskonferenz (und damit der Union of Scranton) entzogen werden, wenn er gegen den synodalen Konsens handelt oder lehrt (Statuten, C, Art. 3h). Gegenwärtig bilden die Bischöfe der PNCC die überwältigende Mehrheit der Bischofskonferenz der Union von Scranton, da nur der nordisch-katholische Bischof Dr. Roald Nikolai Flemestad nicht der PNCC angehört. Bischof Roald Flemestad wurde 2011 von der PNCC für den Dienst in der Nordisch-Katholischen Kirche und als Missionsbischof für Europa konsekriert.

Dementsprechend wird die Katholizität und Orthodoxie der Nordisch-Katholischen Kirche durch jene der PNCC garantiert. Die deutsche Administratur der Nordisch-Katholischen Kirche, die der bischöflichen Leitung von Bischof Roald Flemestad untersteht, gehört zur kanonischen Jurisdiktion der Union von Scranton. Sie ist der kanonische Vertreter der Union von Scranton und damit ihrer Mutterkirche, der PNCC, hierzulande.

Beziehungen zur römisch-katholischen Kirche

In einer Gemeinsamen Erklärung zur Einheit (Joint Declaration on Unity) haben im Jahr 2006 die römisch-katholische Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten und die Polnisch-Katholische Nationalkirche (PNCC) die gegenseitige Anerkennung der Gültigkeit aller Sakramente sowie die communicatio in sacris (gemäß can. 844 §§ 2-3 CIC/1983) festgestellt. Daraus folgt aus zwingenden ekklesiologischen Gründen auch die Anerkennung der sakramentalen Validität der — 2006 noch als Tochterkirche unselbständigen — Nordisch-Katholischen Kirche.

Diese Entscheidung wurde 2015 von Papst Franziskus und der Glaubenskongregation bestätigt. Aus Anlass der Inkardination des früheren nordisch-katholischen Priesters Erik Heyerdahl Holth in das römisch-katholische Bistum Oslo wurde damals beschlossen:

Mitteilung des Bistums Oslo

„Am 5. September 2015 entschied Papst Franziskus auf Empfehlung der Glaubenskongregation, dass die Priesterweihe von Erik Andreas Heyerdahl Holth in der Polish National Catholic Church gültig ist.“

Quelle: katolsk.no – Abruf 7. Dezember 2018

Beziehungen zu den chalcedonensisch-orthodoxen Kirchen

Die Polnisch-Katholische Nationalkirche (PNCC) war am Dialog der altkatholischen Kirchen mit den chalcedonensisch-orthodoxen Kirchen aktiv beteiligt. Darin wurde eine weitestgehende theologische Übereinstimmung festgestellt, dokumentiert in Koinonia auf altkirchlicher Basis (hg. U. von Arx, in: Internationale Kirchliche Zeitschrift 79/4, 1989).

Die PNCC war in dem orthodox-altkatholischen Dialog u.a. durch den späteren Bischof Thaddeus Peplowski vertreten, welcher von 1999 bis 2011 die Nordisch-Katholische Kirche als skandinavische Administratur der PNCC leitete. Die Bischöfe der Union von Scranton haben 2016 noch einmal geschlossen das Ziel der vollen sakramentalen und kanonischen Einheit mit den chalcedonensisch-orthodoxen Kirchen bekräftigt. Aus ekklesiologischen Gründen muss ja aus der gemeinsam erkannten theologischen Gemeinschaft auch die kanonische Einheit folgen:

Feststellung der Gemischten Orthodox-Altkatholischen Theologischen Kommission (Kavala, Oktober 1987)

„Folge und Ausdruck der gemeinsam erkannten Glaubensgemeinschaft ist die volle, liturgisch-kanonische Gemeinschaft der Kirchen,
die Verwirklichung der organischen Einheit in dem einen Leib Christi.“

Internationale Kirchliche Zeitschrift 79/4, 1989: 103

Multilaterales ökumenisches Engagement

Die PNCC ist seit 1948 Mitgliedskirche (Gründungsmitglied) des Weltkirchenrats. Sie gehört ferner zum Nationalen Kirchenrat der Vereinigten Staaten und zum Zusammenschluss Christian Churches Together. Die Nordisch-Katholische Kirche gehört seit 2015 als Vollmitglied zum Norwegischen Christenrat — dem dortigen Äquivalent der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen.

Weniger ist mehr. Ist die Fastenzeit heute noch ein Thema? Gedanken von Gabriele Gerte

Fasten bedeutet ein Mehr und zugleich ein Weniger. Ein Weniger an Nahrung. Einfache Nahrung statt aufwendig zuzubereitender Lebensmittel steht auf dem Speiseplan, zum Beispiel einfache Eintöpfe statt üppiger Bratengerichte. Manche Menschen verzichten beim Fasten auf Süßes oder Alkohol. Sie betrachten dies als Opfer. Aber ist der Verzicht bestimmter Lebensmittelmittel bei der heutigen Vielfalt schon Fasten? Ich denke eher nicht.

Denken wir einmal daran, wenn wir aufgrund einer Operation einige Tage gar nichts essen dürfen und endlich nach vier Tagen ein Weißbrot mit Käse bekommen. Wie fühlen wir uns dann? Das belegte Brot kommt uns nun wie eine Köstlichkeit vor.

Wir bemerken, wie gedankenlos und selbstverständlich wir mit den wertvollen Nahrungsmitteln umgehen. Wenn man dann für Aschermittwoch teuren Fisch statt Fleisch kauft, ist das für mich noch kein Verzichten. Verzichten auf was? Verzichten bedeutet, ich gebe etwas auf, ich überwinde meine Gier und mein Verlangen auf etwas Bestimmtes – meinen sprichwörtlichen inneren Schweinehund. Ist damit Fasten gemeint? Ich denke, es geht um noch mehr.

Die Wochen vor Ostern könnten auch dazu genutzt werden, einmal mehr Ruhe einkehren zu lassen, mehr in sich zu gehen, mehr zu lernen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und unseren Geist zu entrümpeln. Auch hier kann ein Weniger ein Mehr sein. So könnte man zum Beispiel mehr lesen, ein gutes Buch zur Hand nehmen anstatt TV zu sehen.

Ich habe einmal die Fastenzeit zum Anlass genommen, mehr in der Bibel zu lesen. Eine weitere Möglichkeit wäre, an Exerzitien teilzunehmen. Man gibt also etwas Sinnloses zu Gunsten von etwas mehr Sinngebendem auf. Egoismus, Unmenschlichkeit, üble Nachrede, Habgier, Neid usw. sind schlechte Eigenschaften, die Unfrieden und Leid auslösen. Die Aufgabe und der Verzicht darauf bedeuten schon viel. Auch hier bedeutet das Weniger ein Mehr. Aber die Umwandlung der bösen Kräfte in gute, sinnvolle Handlungen wie Menschlichkeit zeigen, Not lindern usw. ist noch um vieles mehr wert.

Was bedeuten jedoch genau Verzicht und Aufgabe? Zunächst einmal wird nachgedacht, abgewogen und die Bequemlichkeit überwunden. Was ist sinnvoll? Was bringt es mir? Habe ich die Zeit dazu? Sinnvoll ist etwas, wenn es mir mehr gibt, mich im geistlichen Sinn bereichert, anderen hilft und ihnen tut, uns reifen lässt, uns weiterbringt, Erkenntnis schenkt und ganz einfach zufrieden macht.

Was bedeuten jedoch genau Verzicht und Aufgabe? Zunächst einmal wird nachgedacht, abgewogen und die Bequemlichkeit überwunden. Was ist sinnvoll? Was bringt mir mehr? Habe ich die Zeit dazu? Sinnvoll ist etwas, wenn es mir mehr gibt, mich im geistlichen Sinn bereichert, anderen hilft und ihnen tut, uns reifen lässt, uns weiterbringt, Erkenntnis schenkt und ganz einfach zufrieden macht. In diesem Sinn ist Verzicht und Wandlung positiv.

Es ist bekannt, dass Gier und jegliches Übermaß schädlich sind. Das merken wir schon nach einem reichlichen Essen und Alkoholgenuss. Auch die Gier nach immer mehr Geld und Konsumgütern – koste es, was es wolle – bekommt uns nicht. Man verliert das Maß. Alles haben zu wollen, verdirbt den Menschen. Wir verlieren uns. Wir geben dem Materiellen mehr Raum als unsere seelischen Bedürfnisse – aber „der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein“.

Das Materielle befriedigt nicht unsere seelisch ganz tief in uns sitzenden Bedürfnisse. Daher sind wir trotz allen Besitzes nicht glücklich. Wer kennt das nicht?
Es musste unbedingt die neue Bluse, der neue Fernseher sein. Und wenn wir das haben? Was ist dann? Fühlen wir uns zufriedener, glücklicher? Aber wie fühlen wir uns, wenn wir etwas gespendet haben, jemanden behilflich sein konnten?

Oder wie fühlen wir uns, statt einen Abend geist- und sinnlos zu vergeuden, nach einem guten Vortrag? Ich für meinen Teil fühle mich dann lebendiger, belebter und bereichert. Geben, was uns gegeben. Schon ein freundlicher Gruß oder ein Lächeln kann die Stimmung des Tages heben. Menschlichkeit zeigen. Einfach alles, was anregt und bereichert, bringt Erkenntnis und Zufriedenheit.

Fazit: Fasten und Verzicht sind positiv, ein Weniger und ein Mehr. Verzicht kann bereichern und uns Erkenntnis bringen. Es ist gut, Verzicht zu üben, weniger anzusammeln, sinnbildlich unseren Kühlschrank, Kleiderschrank und auch unseren Geist zu entrümpeln, Ballast abzuwerfen, wieder Maß zu halten in allen Dingen. Schlechte Eigenschaften sollen in gute Eigenschaften verwandelt werden. Wir sollen geben, was uns gegeben ist. Wenn wir uns bemühen, uns „geistlich“ zu bereichern, bringt es uns letztlich auch wieder Gott näher. Dafür eignet sich die Fastenzeit, und darum ist die Fastenzeit auch heute noch ein Thema.

Warum die Frauenordination kein Problem löst, aber neue schafft. Ein Kommentar

Gemälde Le Sacerdoce de la Vierge Marie (Detail), Schule von Amiens, 1438, Frankreich.
Anmerkung: Die Jungfrau Maria als Priesterin, das Jesuskind als pontifex maximus am „Bassgeigen“-Zipfel der Mutter? Sie trägt eine Stola und teilt die Kommunion aus? Ein Ministrant hält jedenfalls eine Tiara. Eine schöne Allegorie, die nichts beweisen will.

In letzter Zeit und besonders um den neulich begangenen Weltfrauentag herum haben Internetportale, die sich katholisch nennen, durch Artikel verstärkt den Eindruck erweckt, der Ruf nach der Frauenordination (= FO), also der Diakonen- und Priesterweihe von Frauen, sei in der römisch-katholischen Kirche ein vordringliches Problem – wenn nicht sogar das vordringlichste.

Die Argumente von Schrift und Tradition als die beiden Prinzipien, denen katholische und orthodoxe Theologie gemäß ihrem Selbstverständnis verpflichtet ist und die dem postmodernen Wunsch nach der FO eine deutliche und begründete Absage erteilen, werden von ihren Befürworterinnen und Befürwortern regelmäßig teils ignoriert, teils durch ständiges Widersprechen wegzureden versucht.

Dies ist nun nicht der Ort, die Debatte erneut aufzukochen, zumal die FO keine Fragestellung ist, die die Union von Scranton weiterhin beschäftigt. Dennoch wird der Konflikt auch gelegentlich an uns herangetragen, insofern wir aufgrund unserer orthodoxen Katholizität in Haftung für die römisch-katholische und die orthodoxe Kirche genommen werden.

Die Diskussion über die FO ist hauptsächlich an fünf Aspekten aufgehängt: 1. am exegetischen (die Schrift); 2. am dogmatischen (die Tradition); 3. am feministischen (die Gleichstellung); 4. neuerdings auch am juristischen (die vermeintliche Diskriminierung) und 5. am funktionalen (die Gewährleistung der Sakramentenspendung in Zeiten des Priestermangels). Zwangsläufig überlagern sich einzelne Aspekte.
Während der exegetische Befund zusammen mit dem dogmatischen andernorts kompetent erörtert ist (etwa hier), soll es im Weiteren überwiegend um den funktionalen Aspekt gehen, der analog auch auf die Zölibatsdiskussion angewendet wird: Gäbe es die FO bzw. einen freigestellten Zölibat, dann könnten überall die Sakramente oft genug und ausreichend gespendet werden – so die Behauptung.
Daher sei vorab der Hinweis erlaubt, dass es sich mindestens bei diesem Punkt der Diskussion um eine Sicht von gestern handelt, die in mittlerweile überholten Kirchenträumen vergangener Jahrzehnte hängen geblieben ist. Und wer sich damit noch lange aufhält, verschläft, dass es bald keine Gläubigen mehr gibt, die in ihren Gemeinden aktiv sind und denen Seelsorge dienen könnten.  

Der Blick auf die evangelische Kirche in Deutschland bestätigt dies: Obwohl es dort seit 1958 Pfarrerinnen gibt, mangelt es ihr an beidem — Christenmenschen wie Geistlichen (s. den Artikel vom 3. März 2019 in ideaDer evangelischen Kirche gehen die Pfarrer aus“ — und auch die Pfarrerinnen, darf man korrekterweise ergänzen).

Auch der Alt-Katholischen Kirche in Deutschland (AKD) der Utrechter Union geht es rund zwei Jahrzehnte nach der Weihe von Frauen zu sog. Diakoninnen und Priesterinnen ähnlich.
In seiner Rede am 4. Oktober 2018 über die „großen Herausforderungen“, vor denen die alt-katholische Kirche steht, machte der leitende Bischof während der Synode deutlich, „dass mittlerweile ein Personalmangel bestehe“ und  „diese Situation“ dazu nötige, „sich über das geistliche Amt, über den Beruf [der] Pfarrerin bzw. des Pfarrers Gedanken zu machen“.

Bekanntlich hat auch die römisch-katholische Kirche eine Reihe von Problemen, die immer wieder für „Austrittswellen“ sorgen. Jedes für sich ist geeignet, in Europa und den USA ihre Existenz zu bedrohen, doch sind die Folgen des Priestermangels am ehesten in Zahlen fassbar. 
Die umfassende Aufdeckung von Missbräuchen sexueller aber auch finanzieller Art und der vereinzelten tiefen Verstrickung der Hierarchie in sie kann nur als Dienst an der Wahrheit, die frei macht (vgl. Joh 8,32), begrüßt werden.
Dennoch könnte keines dieser Probleme, zuvorderst der Priestermangel, durch die FO gelöst werden. Im Gegenteil: Es würde die weltweite römische Kirche an den Rand der Kirchenspaltung und voraussichtlich darüber hinaus treiben, da die ständige Diskussion über die FO außerhalb gewisser Gegenden Nordamerikas und Europas überwiegend als Luxus- und Scheinproblem degenerierter Teilkirchen betrachtet wird.
Für die Zukunft der Kirchen bietet die FO jedenfalls keine Lösung. Sie kann auch — der Blick auf die evangelische Kirche wie auf die alt-katholische Kirche der Utrechter Union zeigt es — kein Mittel sein, um nachhaltig den Mangel an katholischen Priestern zu beseitigen.

Denn wie die Zukunft in Deutschland und Europa wahrscheinlich aussieht, mit der sich Theologen beiderlei Geschlechts besser beschäftigen sollten, statt sich in rückwärtsgewandte Diskussionen zu verstricken, die zudem auf einem unhaltbaren Besitzstandsdenken beruhen, zeigt ein Blick in folgende Prognosen für die Entwicklung der römisch-katholischen Kirche bis ins Jahr 2040/50:
– Anteil der Katholiken an der Bevölkerung: Von 44% (um 1970) bis 22% (2040)
– Entwicklung der Gottesdienst-„Besucher“: Von 4.400.000 (2000) über 2.500.000 (2016) bis 300.000 [sic!] (2040)
– Anteil der Katholiken im Sonntagsgottesdient im Verhältnis zur Gesamtzahl der Katholiken: Etwa 50% (1950) über noch 10 % (2016) bis – nach konservativer Prognose – ca. 0,6% (2040)
– Zahl der erwerbsfähigen Katholiken: 13,5 Mio. (2016) auf 8,9 Mio. (2031) bis 5,9 Mio. (2041)
– Bestand an Priestern: 12.571 (2000) über 8.786 (2016) bis 3.872 (2050)
– Zahl der Priesteramtskandidaten: Von 470 (für Diözesen und Orden 1990) über 156 (2016, insgesamt) bis zu 0 (für Diözesen 2026) bzw. 0 (2036, insgesamt)
– Zahl der Kirchen und Kapellen: Von 24.500 (bei geringster Nutzung von 123 Gläubigen pro Sa./So. im Jahr 2011) bis zu 882 (2040) 
– Einzig wachsend ist bis 2016 die Entwicklung der Kirchensteuern – unter Berücksichtigung der Inflationsrate und anderer Faktoren – von netto ca. 2,8 Mrd. DM (1967: EKD: 1,6 Mrd. + RKK 1,23 Mrd.) auf 11,5 Mrd. € (2016: EKD 5,4 Mrd. + RKK 6.1 Mrd.) (Statik: FOWID anhand der Statistischen Jahrbücher)

Angesicht dieses auch die letzten Jahrzehnte überblickenden Faktenchecks, der für alle drei kirchensteuerpflichtigen Großkirchen ähnlich verheerend ausfällt, könnte naiv die Frage entstehen, ob es gar einen Zusammenhang zwischen dem Abwärtstrend der genannten Kirchen als gesellschaftliche Institutionen und der Einführung von Pfarrerinnen oder Priesterinnen gibt, zumal beide Phänomene ungefähr zeitgleich entstanden sind. Doch verbieten sich monokausale Erklärungen komplexer Prozesse meist.
Allerdings gibt es auch umgekehrt keinen einzigen Beleg dafür, dass die Negativentwicklung der „Glaubensverdunstung“ durch die FO gestoppt oder bloß gemindert worden wäre.

Als Fazit lassen sich somit folgende Argumente festhalten und ergänzen, die begründen: Die Forderung der FO …
1. … ist von gestern und ein „feministischer Ladenhüter“. Zeitgeschichtlich sind bestimmte Vorstellungen von FO aus dem Kontext der Frauenbewegung zu verstehen, die zu ihrer Zeit ihre Berechtigung hatten. Heute sind ihre wesentlichen Ziele aber soweit erreicht, dass in bestimmten Bereichen sogar eine Gleichstellung der Männer gefordert wird (s. etwa den Artikel „Wo Männer leiden“, in der SZ vom 9. Januar 2019). Auch im Zusammenhang mit manchen Kirchenträumen vergangener Jahrzehnte gehört die FO zu dem, was sie schon damals waren: romantisierende Träumereien vorbei an der Realität, Spiritualität und Geschichte einer Weltkirche. Ein Menschenrecht auf kirchliche Weihen kennt auch die weltliche Rechtsprechung nicht.
2. … ist gemäß Schrift und Tradition unbegründet. Nach biblischer Theologie sind Mann und Frau bereits „gleichgestellt“, weil sie als Ebenbilder G’ttes gleich-wertig geschaffen sind (vgl. Gen 1,27). In dem durch Christus gestifteten Neuen Bund sind zudem die kultischen Reinheitsgebote des Alten Bundes abgeschafft, und Männer wie Frauen haben jederzeit gleichen Zutritt zum Haus Gottes (Gal 3,28). Ferner ist bekannt, dass auch Jüngerinnen Jesus folgten (vgl. etwa Lk 8,1-3). Daraus jedoch samt anderem und aus den Spuren von — in der Eucharistiefeier nicht aktiven — frühchristlichen Diakonissen einen unbegrenzten Zugang aller Getauften zu allen Ämtern abzuleiten, die übrigens auch nicht jedem Mann offenstehen, entspricht einem naturalistischen Fehlschluss, insofern vom Sein (Ebenbild-G’ttes-Sein bzw. Getauftsein) auf das Sollen (alle Ämter für alle öffnen) geschlossen wird. Dementsprechend stellte auch die Internationale Altkatholische Bischofskonferenz 1976 fest, dass sie  „… in Übereinstimmung mit der alten, ungeteilten Kirche, einer sakramentalen Ordination von Frauen zum katholisch-apostolischen Amt eines Diakons, Presbyters und Bischofs nicht zustimmen“ kann. Ferner stellten die altkatholischen Kirchen der Union von Utrecht zusammen mit den orthodoxen Bischöfen in der Koinonia auf altkirchlicher Basis noch 1987 – ein Jahr vor der ersten Diakoninnenweihe und neun Jahre vor der ersten Priesterinnenweihe in der AKD –  fest (S. 94, 4. Abschn.): „Die ungeteilte Kirche hat, abgesehen von der nicht geklärten Einrichtung der Diakoninnen, die Ordination von Frauen nicht zugelassen“.
3. … löst keines der aktuell drängenden Probleme einer Kirche, auch nicht den Priestermangel. Vor allem ist sie keine Antwort auf die Entchristlichung Europas. Wie die römisch-katholische Kirche leiden überraschenderweise auch die protestantische und die alt-katholische Kirche — trotz Pfarrerrinnen und abgeschafftem Zölibat — unter einem Mangel an Geistlichen.
4. … bindet und verschleißt stattdessen benötigte Kräfte, die besser zum missionarisch offensiven und überzeugenden Werben für den christlichen Glauben eingesetzt werden sollten — egal, ob dies als Mann oder Frau geschieht. Denn ohne Gläubige hat keine Kirche eine Zukunft.
5. … spaltet garantiert jede Kirche: Dort, wo im Protestantismus, Anglikanismus und Altkatholizismus die FO durchgeboxt wurde, entstanden immer in Folge gravierende Kirchenspaltungen. Jesus will aber, dass wir eins sind (vgl. Joh 17,21f.). Eine Kirchenspaltung ist ein zu hoher Preis zur Erfüllung unberechtigter Forderungen.
6. … ist zutiefst klerikal. Paradoxerweise fordern oft die Stimmen am lautesten die FO, die gleichzeitig den Klerikern „Klerikalismus“ vorwerfen, ferner im Sinne basisdemokratischer Gemeindestrukturen die kirchlichen Leitungsämter abschaffen wollen und aufgrund des „gemeinsamen Priestertums aller Gläubigen“ (manchmal verwechselt mit Luthers „allgemeinem Priestertum“) eine verstärkte Beteiligung aller Laien an Gremien wie Entscheidungsprozessen verlangen. Das sind jedoch Forderungen, die einander ausschließen. Dass zu Diakoninnen und Priesterinnen geweihte Frauen dann nämlich ebenfalls zum Klerus gehören und ihn somit samt den klerikalen Strukturen verstärken, wird entweder bewusst übersehen oder opportunistisch gerne in Kauf genommen.
7. … ist zutiefst anti-ökumenisch, insofern alle orthodoxen Kirchen (chalzedonische wie nicht-chalzedonische), die strikt und aus guten Gründen am überlieferten Priestertum festhalten, entweder als Gesprächspartner auf Augenhöhe ignoriert werden oder in eine Schublade mit dem Etikett „fundamentalistisch-veraltet-minderbemittelt“ gesteckt werden, was ebenfalls kein angemessener Umgang mit Millionen von Christinnen und Christen anderer Konfessionen ist.

Eine einfache Frau hat vermocht, was kein Mann auf natürlichem Weg zustande bringen könnte: Sie hat IHM das Leben gegeben, der uns das ewige Leben gibt.
Jeder Mann könnte diese Frau zurecht um jenes Wunder beneiden.
Ist sie damit nicht bedeutender oder wichtiger als alle Päpste, Priester und Propheten zusammen?
Sollten wir uns nicht alle, Männer wie Frauen, auch im Hinblick auf sinnlose Debatten diese Frau zum Vorbild nehmen und Christus in uns tragen und dem Glauben ins Leben verhelfen, statt die Kirche zu spalten und die Problemlösungen auf morgen zu verschieben?

(RB)

Ökumenischer Glaubenskreis in Düsseldorf am 16.03.19

Als das Gründungstreffen am 16. Februar endete, schloss sich bald hinter den sieben Interessierten die große Seitentür der Johanneskirche. Denn die Zeit war im Nu vergangen, und das Café im Foyer stellte für heute seinen Betrieb ein.

Nach drei Stunden voll anregenden Gesprächen über tiefe und wesentliche Fragen des Glaubens, waren sich alle einig, dass dies nach einer Fortsetzung verlange.

Daher wird der Gesprächsfaden entlang des ursprünglichen Glaubens der frühen Christen wieder aufgenommen am 16. März um 15 Uhr in der Johanneskirche (Martin-Luther-Platz, Nähe der Düsseldorfer Kö).

Am Aschermittwoch ist alles vorbei? Bruder Joes Kolumne

Es hätte so schön weiter gehen können – ein Leben im Paradies.

„Du darfst essen von allen Bäumen im Garten.“ Zu Anfang lebte der Mensch von der Großzügigkeit Gottes, und es war kein Problem, dass Gott gesagt hatte: „Von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollst du nicht essen.“ Es gab reichlich Anderes. Es war buchstäblich paradiesisch im Garten Eden. Der Mensch war nackt, und er konnte ganz unbefangen Gemeinschaft mit Gott haben. Alles war gut.

Es bedurfte zum Zusammenleben keiner 613 in der Tora enthaltenen Mitzwot (Gesetze), keiner Zehn Gebote und auch nicht des Gebotes Jesu, das „neue Gebot“, das er uns gab: „Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben“ (Joh 13,34-35), brauchte es nicht, denn die Liebe war allgegenwärtig. Alles war gut!

Es gab für die Menschen im Garten Eden nur ein einziges Gebot, welches gleichzeitig auch ein Verbot darstellte: „Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen …!“ (Gen 2,16-18).

Wir wissen, wie es danach weiter ging … Der Mensch musste das Paradies verlassen. Vorbei war es nun mit dem schönen Leben und der unbeschwerten Zeit, in der der Mensch ganz selbstverständlich und unbefangen Umgang mit Gott hatte. Außerhalb vom Garten Eden ist der Mensch der Vergänglichkeit ausgeliefert und wird täglich mit ihr konfrontiert.

Ich schaue mir erneut die Geschichte in der Genesis an: … Nachdem der Mensch von der Frucht isst, erkennt er, dass er nackt ist vor Gott, er erkennt, dass er bloßes Geschöpf ist und entwickelt Scham. Er versteckt sich vor Gott, und er erkennt den Unterschied zwischen dem, was dem Wesen Gottes entspricht, und dem, was dem Wesen Gottes entgegensteht!

In der Bibel heißt es: „Sie erkannten Gut und Böse!“ Vorbei war es mit dem unbeschwerten und sorglosen Leben. Was dem Menschen geblieben war, das war die Erinnerung an vergangene unbeschwerte Zeiten, und wie sehr wünscht sich der Mensch ins Paradies zurück, während er mühevoll den Alltag bewältigt, er sich kümmert und sorgt und versucht seinen Lebensunterhalt zu bestreiten … und das bis heute.

Der Karneval war eine willkommene Abwechslung zum Ende des Winters. Für ein paar Tage, ein paar Stunden den Sorgen des Alltags entfliehen, feiern, lachen, tanzen und unbeschwert sein, das hat manch einer während den letzten Tagen genossen. Am Aschermittwoch ist es aber vorbei. Runter mit den Masken, raus aus der Verkleidung, ungeschminkt zurück in den Alltag. …wir könnten doch so ein unbeschwertes Leben haben, wenn die ersten Menschen nur nicht diese Frucht gegessen hätten…

Ich hatte erst vor kurzem morgens nach den Laudes die entsprechende Passage in der Genesis gelesen und noch abends vor dem Einschlafen ging sie mir dauernd im Kopf herum. Ich fragte mich, warum es ausgerechnet ein Speiseverbot gewesen ist, warum etwas Essbares, was der Mensch nicht zu sich nehmen durfte? Immer wieder stellte ich mir die Frage, warum es beispielsweise kein Stein gewesen ist, den man nicht berühren oder betreten durfte, etwa einen „Stein“ der Erkenntnis?

Am nächsten Morgen kurz nach dem Aufwachen hatte sich das Thema verlagert und zwar vom Kopf in den Bauch, und genau dort vermutete ich auch meine Antwort. Die Erkenntnis von Gut und Böse, das hat etwas mit meinem Bauch zu tun. Im Bauch entwickelt sich das Gefühl. Es ist ein Bauchgefühl. Es entsteht eine Wechselwirkung zwischen Kopf und Bauch und beide bedingen einander.

Ganz klar, Gedanken, Gefühle und Emotionen spielen sich im Kopf ab. Ich kann mich an Situationen erinnern, in denen ich entweder überglücklich war, beispielsweise als ich verliebt war oder zutiefst traurig usw. Aber wie haben sich diese Gefühle bei mir bemerkbar gemacht? Waren die Schmetterlinge im Bauch oder im Kopf? Schlagen mir schlechte Nachrichten auf den Magen oder auf den Kopf? Aus diesen Alltagsbeobachtungen wird deutlich, dass in meinem Bauch Prozesse ablaufen, die mit meinem Gefühlshaushalt zusammenhängen.

Ist denn jetzt der Magen-Darm-Trakt lediglich von Signalen aus dem Kopf abhängig oder beeinflusst er möglicherweise sogar Prozesse in meinem Gehirn? Wir wissen heute, dass ein reger Austausch herrscht zwischen dem Nervensystem des Darms und dem sogenannten Vagus-Nerv.
Dieser ist der zehnte Gehirnnerv und die Verbindung zwischen Darm und Stammhirn, und was noch interessanter ist, dieser Nervus vagus ist für den Herzschlag verantwortlich.

Wie jetzt erst vor kurzem festgestellt wurde, erfolgt der Großteil der Informationsübertragung vom Nervensystem des Darms hin zum Gehirn und nicht umgekehrt, wie man zuvor vermutete. Die Forschung spricht hier inzwischen vom zweiten Gehirn. Im Hinblick auf die Entdeckung dieses sogenannten „zweiten Gehirns“ im Verdauungssystem, finde ich es äußerst interessant, dass es für Adam und Eva ein Speiseverbot gab.

Mir kommt der Gedanke, dass die Erkenntnis von Gut und Böse nicht nur im Gehirn meines Kopfes, sondern auch im Gehirn meines Bauches stattfindet, und ich beginne, mir ganz neue Gedanken über den Sinn und Zweck des Fastens zu machen.
Über viele Jahre hinweg dachte ich, dass das Fasten zunächst mal nur eine Praktik in der geistlichen Lebensführung eines Christen sei, nicht mehr – aber auch nicht weniger. Eigentlich betrachtete ich das Fasten lediglich als eine Art „Hilfsmotor“ für den Christen, ohne mir nähere Gedanken darüber zu machen (abgesehen von der Solidarität, die ich beim Fasten empfinde mit armen Menschen, die geistlich oder materiell nicht so reich begütert sind, wie ich es bin, und vielleicht auch ein wenig, um abzuspecken oder einfach mal weniger zu rauchen). Nun aber mache ich mir plötzlich Gedanken darüber, was das Fasten tatsächlich bewirkt und wie die Enthaltsamkeit wirk-lich wirkt!

Erneut lese ich die Passage in der Genesis … Dass der Mensch im Garten Eden keinesfalls von der Frucht dieses Baumes essen sollte, das hat Gott nicht gesagt, um klar zu machen, dass er es ist, der sagt wo´s lang geht. Gott wollte damit nicht „die Fronten abklären“. Gott hat nicht willkürlich ein Gebot verhängt! Dadurch dass Gott verboten hatte vom Baum der Erkenntnis zu essen, bewahrte er den Menschen davor, seine reine Herzenshaltung zu verlieren.

Infolge der menschlichen Schwäche und der daraus resultierenden Erkenntnis von Gut und Böse wurde das innige Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen nachhaltig gestört. Aber Gott hat seine Haltung zum Menschen dadurch nicht verändert, doch die Haltung des Menschen gegenüber Gott veränderte sich.

Äußerlich lässt mich das Fasten nach wie vor Solidarität empfinden mit Menschen, die nicht so umfänglich begütert sind wie ich, mit Menschen, die sich nicht jeden Tag satt essen können, die nicht in mitten einer intakten Infrastruktur leben, die sich nicht jeden Abend in ein warmes, frisch gemachtes Bett legen können. Aber innerlich verändert es meine Haltung gegenüber Gott. Das Fasten hilft mir, meine Herzenshaltung zu prüfen. Das Fasten führt mich ernsthaft auf den Weg der Nachfolge Christi. Ich bin gespannt, wie es sein wird. Jesus hat es uns vorgelebt, und ich will es ihm gleich tun, indem ich den Weg in und durch die „Wüste“ wähle.

… Fasten und Wüste, darum geht es dann auch in meinem Beitrag am kommenden ersten Fastensonntag, und ich bin gespannt, was mir bis dahin zum Thema noch so durch den Kopf und den Bauch geht.

Bis dahin, Euer Josef (Steffen Obl.OPR)