Entschlafen der Gottesmutter — eine Annäherung

[Entschlafen der Gottesgebärerin: El Greco, ca. 1565]

Eine geistliche „Bestandsaufnahme“

Eine ausgeprägte Marienfrömmigkeit ist im Altkatholizismus bekanntlich nicht überall zu finden. In einigen Regionen gibt es sie durchaus und auch sehr hingebungsvoll — gerade auch in der Polnisch-katholischen Nationalkirche Nordamerikas, mit der wir durch die Union von Scranton verbunden sind. Andernorts herrscht dagegen unter Altkatholiken große Zurückhaltung bei der Verehrung der Gottesmutter — sicher auch unter dem Eindruck ungesunder Übertreibungen wie der Forderung nach einem Coredemptrix-Dogma (Maria als „Miterlöserin“) durch gewisse römisch-katholische Kreise.

Derartige Auswüchse können aber natürlich kein Grund sein, eine gesunde, christologisch fundierte Verehrung der Gottesmutter zu vermeiden. Das Folgende ist der bescheidene Versuch einer ersten Annäherung an das Festgeheimnis der Entschlafung der Gottesmutter im Rahmen klassischer altkatholischer Theologie.

Verbindliche Lehraussagen

Der Heimgang (bzw. die Entschlafung) der heiligen Maria wird weder durch die Entscheide der Ökumenischen Konzilien noch durch den mariologischen Abschnitt des orthodox-altkatholischen Konsensdokuments (Koinonia auf altkirchlicher Basis, II/3 = IKZ 79, Beiheft zu Nr. 4, 56–58) definiert — geschweige denn durch die Utrechter Erklärung. Gelehrt wird dort lediglich, dass die Gottesmutter in sichtbarer Seligkeit in die Ewigkeit eingegangen ist.

Die Erklärung von Scranton allerdings bekräftigt, dass es katholische Lehre ist (wenngleich nicht auf der Ebene eines Dogmas), die heilige Jungfrau Maria sei am Ende ihres irdischen Lebens leiblich in den Himmel aufgenommen worden. (Der Kommentar zur Erklärung präzisiert: mit Leib und Seele.) Aber wie genau dies geschehen ist, wird offen gelassen – z.B. ob sie gestorben ist und ob ihre Seele am dritten Tage in den Körper zurückgekehrt ist, damit sie auferweckt in den Himmel eingehe. (Dies suggeriert die byzantinische Liturgie; altkirchliche Schriften zum Transitus Sanctae Mariae widersprechen sich: das Decretum Gelasianum kennt wohl nur eine und verwirft sie, PG 59,163C.)

Ansatzpunkte in Schrift und Tradition

Keines von beidem — weder die Auferweckung noch die leibliche Aufnahme in den Himmel — ist theologisch beweisbar, beides aber ist sehr plausibel. Denn Jesus hat ja das (auf Seine eigene Auferstehung verweisende) Wunder der Auferweckung auch an einer weiteren Ihm nahe stehenden Person vollbracht, nämlich an Lazarus (Joh 11,5.36.43). Und selbst die leibliche Aufnahme in den Himmel wurde noch anderen herausragenden Heiligen bzw. Gerechten zuteil: Henoch „ging mit Gott, dann war er nicht mehr da; denn Gott hatte ihn aufgenommen“ (Gen 5,24), ähnlich Elija (2 Kön 2,11).

Die sehr stark ausgeschmückten Legenden zur Entschlafung der Gottesgebärerin (Urtext-Ausgabe bei C. v. Tischendorf (Hrsg.): Apocalypses apocryphae, Leipzig 1866, 95–136) — die unter anderem eine gemeinsame Wolkenreise der Apostel zur Todesstunde der Gottesgebärerin vorsehen — sind nicht in die Textgestalt der byzantinischen Liturgie eingegangen, wohl aber in ihre Ikonographie. Ein ergreifendes — und im Unterschied zu manch anderem auch plausibles — Detail der Dormitio-Legenden ist die eingangs berichtete schwere Sehnsucht der heiligen Maria nach ihrem Sohn seit Seiner Himmelfahrt.

Eine Mittelposition zwischen westlicher Nüchternheit (vgl. die Ablehnung der Transitus-Legenden im Decretum Gelasianum) und byzantinischer legendarischer Ausschmückung nimmt interessanterweise das koptische Synaxarium ein (das Buch der in der Liturgie zu verlesenden Heiligenlegenden). Im koptisch-orthodoxen Patriarchat von Alexandria wird, wie einst in Gallien auch, das Fest der Entschlafung der Gottesmutter Ende Januar gefeiert (Synaxarium, 21. Tuba); dabei wird so wie in der byzantinischen Orthodoxie auch der besonderen Rolle des Apostels Thomas gedacht. Die Aufnahme in den Himmel hingegen begeht man als davon unterschiedenes Ereignis Mitte August und gedenkt hierbei eines Erscheinens der Gottesmutter zur Rechten ihres göttlichen Sohnes (Synaxarium, 16. Misra) in Gegenwart aller Apostel.

Die Entschlafung, ein österliches Geheimnis

Insofern handelt es sich beim Fest der Dormitio oder Assumptio Sanctae Mariae — im Unterschied zu anderen, eher weihnachtlich geprägten, die Menschwerdung Gottes vertiefenden Festen der Gottesmutter — um ein zutiefst österliches, die Auferstehung Christi entfaltendes Fest. Das selige Entschlafen der heiligen Maria und ihre Aufnahme in den Himmel sollen uns verdeutlichen, welche Macht die Auferstehung Christi an einem Menschen, der Ihm fest verbunden ist, entfalten wird. Alle Erzählungen von der Aufnahme der Gottesmutter in den Himmel lehren zugleich, dass sie allein durch das Eingreifen ihres gepriesenen Sohnes aus dem Tod befreit wird und zur ewigen Seligkeit gelangt.

Die allheilige Maria (Panagia) wird zuweilen als zweite Eva angesehen, als Mutter des Gottesvolkes — insofern sie ja insbesondere den Leib Christi zur Welt gebracht und genährt hat. Ihre Mutterschaft ist für den einzelnen Christen natürlich nicht so direkt und augenfällig wie die Mutterschaft der Kirche mit ihrer sakramentalen Zuwendung. Dafür aber kann es sich in geheimnisvoller Weise um eine persönlichere Mutterschaft handeln, insofern ihr jeder am Herzen liegt, der mit ihrem Sohn verbunden ist. Und so dürfen wir uns mit ihr in Ausgelassenheit über ihren Eingang in den Himmel freuen. Wir dürfen dabei auch ihrer Fürbitte und ihres Vorbilds eingedenk sein. Und bei alledem dürfen wir ihren göttlichen Sohn preisen, nachdem sie sich so sehr gesehnt hat, denn Er ist das Leben (Joh 14,6) und hat „jenen in den Gräbern das Leben geschenkt“ (Ostertroparion).

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Oration

(aus dem Formular zur Kräutersegnung zu Mariä Entschlafung)

O Gott! Wir feiern diesen Tag, da die Mutter Deines hochgeliebten Sohnes verstorben, aber unbesiegt vom Tod in den Himmel aufgenommen worden ist. Daher bitten wir Dich: Lass diese Feier uns zum Heil gereichen. Sei mit uns, dass wir dem Herrn Jesus Christus treu sind bis in den Tod – und auf diese Weise ebenfalls die Krone des Lebens erlangen. Durch denselben Jesus Christus, unsern Herrn, der mit Dir und dem Heiligen Geist, ein einiger Gott, lebt und herrscht, jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen.

Lied

(nach dem Konstanzer Gesangbuch, 1600)

Freu dich du Himmelskönigin, / freu dich, Maria!
freu dich, das Leid ist all dahin. Halleluja!
Bitt‘ Gott für uns, Maria.

Den du zu tragen würdig warst, / freu dich, Maria!
der Heiland lebt, den du gebarst. / Halleluja!
Bitt‘ Gott für uns, Maria.

Bitt‘ Gott für uns, so wird’s geschehn, / freu dich, Maria!
dass wir mit Christus aufersteh’n. / Halleluja!
Bitt‘ Gott für uns, Maria.

Verwandlung des Herrn — damit auch wir uns wandeln

Theophan der Grieche: Verklärung des Erlösers, ca. 1340

Wir begehen heute das Fest der Verklärung des Herrn, welches in der Nordisch-katholischen Kirche – so wie in den Ostkirchen und in älterer Zeit auch im Westen – ein Fest von sehr hohem Rang ist. Leider spielt dieses wichtige Fest in den Kirchen des Westens gemeinhin eine eher untergeordnete Rolle. Feste wie die Entschlafung der Gottesmutter oder auch Peter und Paul werden sehr viel stärker wahrgenommen als das Fest der Verklärung des Herrn — obwohl hier das Festgeheimnis sogar direkt im biblischen Kanon zu finden ist.

Woran das wohl liegen mag? Nun, schon der Name, die Bezeichnung des Festes ist – insbesondere im Deutschen – ein Stolperstein:

„Verklärung“ kennen wir heute nur noch in der Bedeutung einer übertriebenen, gar verfälschenden Verherrlichung, wie etwa die „Verklärung der Vergangenheit“. Treffender wäre, in Anlehnung an das Evangelium, die Bezeichnung Verwandlung, so wie in den meisten anderen europäischen Sprachen, wo von Christi transfiguratio oder μεταμόρφωσις metamórphosis die Rede ist. Das Wort „Verklärung“ entstammt der Lutherbibel und hat sich auch im katholischen und orthodoxen Sprachgebrauch für dieses Fest festgesetzt, obwohl es heute ansonsten eine ganz andere Bedeutung als zu Luthers Zeiten hat.

Wollen wir nun etwas genauer dem Grund und der Bedeutung dieser Verwandlung Christi nachgehen. Denn ein Grund für die geringe Popularität dieses Fests im Westen mag auch der relative theologische Anspruch dieses Festgeheimnisses sein. Wie können wir uns diesem Ereignis und seiner tieferen Bedeutung nähern?

Nun, manchmal geht es uns so, dass uns ein Mensch, den wir gut zu kennen glauben, völlig überrascht, geradezu verblüfft. „Warum ist ihm dieses oder jenes wichtig?“, fragen wir dann. Oder auch: „Woher weiß/kann sie dies jetzt?“

Wir können solche Verblüffung in ganz verschiedenen Kontexten erleben: Wer z.B. Kinder oder Enkel hat, die nicht mehr ausschließlich zu Hause betreut werden, kennt solche Überraschungen. Wir haben vielleicht so etwas auch auf der Arbeit erlebt, wenn ein Kollege auf einmal auf eine Frage zu sprechen kommt, über die wir vorher noch nie mit ihm geredet haben – und er sich ganz anders äußert als wir erwartet hätten. In beiden Fällen sind wir verblüfft, dass wir unser bisheriges Bild von der jeweiligen Person korrigieren müssen. Wir haben eine ganz neue Seite von ihr kennen gelernt.

Beim Hochfest der Verklärung bzw. Verwandlung Christi geht es um ein solches überraschendes Erlebnis einiger Jünger mit Jesus. Nun könnte man meinen, wer mit Jesus zusammen war, den konnte gar nichts mehr überraschen, hat er doch unzählige Heilungen, die Speisungen der 5000 und der 4000, die Stillung des Sturms oder den Gang Jesu auf dem Wasser erlebt. Doch dem ist nicht so. Was war das Besondere an der Verwandlung?

Dazu müssen wir uns etwas mehr in die Evangelien vertiefen. Die Verwandlung Christi wird von Matthäus, Markus, Lukas (den synoptischen Evangelien) mit sehr ähnlicher Akzentsetzung berichtet. Entscheidend zum richtigen Verständnis des Geschehens ist natürlich wie immer der Zusammenhang (Kontext). In den Evangelien (besonders den synoptischen) ist es hilfreich, genau zu schauen, in welchem Stadium der Wirksamkeit Christi sich der jeweilige Abschnitt (Perikope) des Evangeliums zuträgt.

In unserem Fall lesen wir wenige Verse zuvor:

  1. Den Bericht vom Bekenntnis Petri im Kreis der Jünger, wo Petrus zu Jesus sagt: „Du bist Christus (= der Messias)“ (Mk 8,29), „der Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt 16,16). Petrus hat erkannt, dass Jesus nicht einfach ein charismatischer Rabbi und Wunderheiler ist, sondern dass Er die Krönung der Heilsgeschichte ist.
  2. Die erste Leidensankündigung Jesu, die Prophezeiung Seines Todes (Mk 8,31). Denn: Sein Reich ist „nicht von dieser Welt“ (Joh 18,36); Er lässt sich nicht bestechen, und Er setzt sich auch nicht mit Gewalt ins Recht. Dies ist für die Jünger zunächst schwer zu akzeptieren; meist haben sie einen Messias erwartet, der eine Revolution anzetteln und einen Gottesstaat errichten wird. Da beschleicht (Mk 8,32f) Petrus die fast diabolische Frage (sinngemäß): Was für ein Messias soll das sein, der leiden will und Seine Leute mit Ihm leiden lässt?!
  3. Jesu Aufforderung zur Selbstverleugnung, zur Treue zu Christus und Seiner Lehre auch bei Widerstand (Mk 8,34f).

Es ist offenkundig eine Situation mit hoher Anspannung (zwischen der ersten und zweiten Leidensankündigung und nicht lange vor dem Aufbruch nach Judäa und Jerusalem). Da beschließt Jesus, mit dem engsten Jüngerkreis auf einen Berg zu gehen. Nicht alle Apostel sind dabei, nur der härteste Kern: Petrus, Jakobus und der Lieblingsjünger Johannes. Sogar der Bruder des Petrus, Andreas (an anderer Stelle auch zum inneren Kreis der Apostel gezählt), bleibt diesmal außen vor. Als Ort der Verwandlung gilt traditionell der Berg Tabor.

Was erlebt dieser engste Apostelkreis nun dort? Dreierlei:

  1. Die eigentliche Verwandlung Jesu zu einer teils natürlichen (als Mensch erkennbaren), teils übernatürlichen Gestalt;
  2. die Anerkennung Jesu durch Mose und Elija als Prophet von mindestens gleichem, d.h. höchstem Rang;
  3. die Bestätigung der Vollmacht Jesu durch eine göttliche Stimme aus der Wolke, ähnlich wie bei Jesu Taufe.

Dies entspricht den drei Ämtern, für die man im alten Israel gesalbt wurde und welche der Messias (maschiach = Gesalbter) in einer Person zusammenführen würde:

  1. das Priesteramt* – Mittler zwischen Himmel und Erde;
  2. das Prophetenamt – Offenbarer von Gottes Willen;
  3. das Königsamt – Richter/Regent mit höchster Autorität.

(Mancher fragt sich vielleicht, was es mit den drei Hütten auf sich hat, die Petrus errichten will. Aus der Einordnung des Bekenntnis Petri vor Cäsarea Philippi im Johannesevangelium ergibt sich, dass die Verklärung bzw. Verwandlung Jesu zur Zeit des Laubhüttenfestes stattgefunden haben muss.)

Und in der Tat, unser Herr Jesus Christus hat in unterschiedlichem Grade alle drei Ämter bereits angetreten:

  1. Priester: Am Kreuz von Golgatha hat Er ein Sühnopfer für die Sünden der ganzen Welt dargebracht.
  2. Prophet: Er hat uns den wahren Willen Gottes aufgezeigt, insbesondere in dem Doppelgebot der Liebe (zu Gott und dem Nächsten) und in der Bergpredigt.
  3. König: Sein Reich hat schon begonnen – überall dort, wo man auf Ihn hört, d.h. wo der Heilige Geist Menschen zu einem Leben mit Christus führt. Und am Ende der Zeit, so schärft Er es kurz vor dem Gang auf den Tabor ein, wird Er in großer Herrlichkeit, begleitet von Engeln, zurückkehren.

Aber da gibt es noch etwas: Die Verwandlung zeigt, dass Er eben nicht ein bloßer Mensch ist, kein einfacher Wunderheiler und Weisheitslehrer. Die Evangelien berichten hier etwas, aus dem ganz deutlich wird: Christus ist nicht nur moralisch, sondern auch wirklich wesensmäßig Gottes Sohn.

Zurück an den Fuß des Tabor: Sind die Jünger nun gestärkt, ihrem Meister weiter treu zu folgen, auch bei Spott, Leid und Verfolgung? Allerdings: Jakobus besiegelt 12 Jahre später seine Treue zu Christus mit dem Tod, 20 Jahre später ebenso Petrus.

Und wir? Wir können die Verwandlung nicht mehr „live“ auf dem Tabor erleben. Doch können wir die Herrlichkeit Christi auch in den Worten und Taten, die die Evangelien berichten, erahnen. Gerade das Johannesevangelium bietet sich dafür an – gerade auch jetzt, wo wir wegen Covid19 mehr Zeit daheim verbringen. Wer weiß, vielleicht werden am Ende auch wir verwandelt?

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* In diesem strengen Sinne ist Christus auch der einzige Priester, den es im Christentum gibt. Ein christlicher Geistlicher kann das Opfer Christi in der Eucharistie lediglich vergegenwärtigen, nicht aber wiederholen — und auch die Vergegenwärtigung ist nur möglich aufgrund (a) der ausdrücklichen Einsetzung Christi beim Letzten Abendmahl und (b) eines jeweils besonderen göttlichen Eingreifens durch den Heiligen Geist.

Olavus — Rex et Martyr

Olafs-Altarmensale, Stabkirche Haltdalen, vor 1300
(Foto Eirik Irgens Johnsen CC BY-SA 4.0)
© 2020 Kulturhistorisk museum, UiO
Gedanken zum Fest des heiligen Olaf
von Bischof Dr. Roald Nikolai Flemestad

Wir nähern uns dem 29. Juli und somit dem Fest des heiligen Olaf. Hierbei ist zu sagen, dass die Erinnerung an den Schutzpatron Norwegens noch sehr lebendig ist. Olaf Haraldsson ist der König, dem die Verbreitung des Christentums in Skandinavien zugeschrieben wird, zumindest in den meisten (späteren) schriftlichen Quellen. Eine große Anzahl von Quellen berichtet aus seinem Leben. Olaf war ein Nachkomme von Harald I. Schönhaar, einem Fürsten aus Südostnorwegen, welcher — nach vorübergehender Unterwerfung der westnorwegischen Jarle in der Schlacht von Hafrsfjord 872 — ein fragiles Königreich errichtete. In einer ähnlichen Schlacht, die er — allerdings im Namen Christi — gegen die sogenannte Küstenaristokratie und die mit ihr verbündete Freibauernschaft von Trøndelag focht, wurde Olaf 1030 in Stiklestad, etwa 100 km nördlich von Trondheim, getötet.

Der Olafskult und die Pilgerfahrt nach Nidaros

Olaf wurde schnell Norwegens Schutzpatron. Seine Heiligsprechung wurde nur ein Jahr nach seinem Tod in Nidaros (Trondheim) vom englischen Bischof Grimketel vorgenommen. Der Olafskult vereinte nicht nur das Land, sondern besiegelte auch die Bekehrung der Nation zum Christentum, für die der König so hart gekämpft hatte.

1032 gingen die ersten Pilger nach Nidaros, um sein Grab zu besuchen, und der Kult des heiligen Olaf verbreitete sich mit überraschender Geschwindigkeit in den nordischen Ländern und anderen Teilen Europas. Der früheste schriftliche Bericht über eine Pilgerreise stammt aus dem Jahr 1108. Anfangs waren die Pilger nur ein Teil der Reisenden auf jener Straße, aber sie gingen als eigenständige Gruppe, in Pilgerkleidung und mit anderen Unterscheidungsmerkmalen. Um die Reisebedingungen entlang der Pilgerwege zu verbessern, sah die Kirche den Brückenbau als Bußübung vor und gewährte Ablässe dafür. Die Krone setzte nicht nur die Standards für den Straßenbau fest, sondern gewährte den Pilgern allgemeine Sicherheit, errichtete Unterkünfte zu ihrem Schutz und Rasthäuser in einer Entfernung von 30 bis 40 km entlang der Hauptstraßen. Die Pilger erhielten auch königliche Privilegien wie freies Futter und Weideland für die Pferde.

aus der Olaf-Kirche (Sankt Olof, Provinz Schonen, Schweden), Vorgängerbau 12. Jh.

St. Olaf war der erste Heilige, der in Skandinavien anerkannt wurde. Innerhalb der nordischen Region war der Schrein von St. Olaf in Nidaros das älteste bekannte und wichtigste Ziel für Pilger. Kirchen wurden seinem Namen von Grönland bis Konstantinopel gewidmet. Das älteste erhaltene Gemälde des Heiligen Olaf um 1160 befindet sich auf einer Säule in der Geburtskirche in Bethlehem. Die Anzahl der Olaf-Kirchen und -Kapellen erinnert uns daran, dass die Tradition des heiligen Olaf einst in ganz Nordeuropa blühte. Vor der Reformation waren mindestens 340 Olaf-Kirchen und Olaf-Kapellen bekannt, von denen 288 außerhalb Norwegens lagen. In Schweden waren mehr als 75 Kirchen dem Heiligen Olaf gewidmet, in Dänemark um die 20 und in Finnland mindestens 13.

Nicht zuletzt in England war dieser Heilige beliebt; allein in London waren ihm sieben Kirchen gewidmet. Es ist interessant festzustellen, dass die ältesten liturgischen Texte für St. Olaf in England geschrieben wurden. Typologisch gehört St. Olaf zu einer Gruppe königlicher Heiliger wie auch der englische König Eduard der Bekenner.

Politisch diente der Kult den Interessen der norwegischen Krone, da Olafs Status als Heiliger den Anspruch der Familie auf den norwegischen Thron legitimierte. Daher hatte die Verbreitung des St.-Olaf-Kultes in weiten Teilen Nordeuropas mehr als nur religiöse Auswirkungen. Er beeinflusste das soziale und politische Leben Skandinaviens, Englands, der Normandie und des Baltikums.

Niedergang der Pilgerfahrten im Mittelalter

Schätzungen zufolge nahmen im Mittelalter rund 40.000 Menschen an der jährlichen Pilgerfahrt zu seinem Grab im Dom zu Nidaros teil. 1292 bestätigte Papst Nikolaus IV. einen einjährigen Ablass für diejenigen, die Nidaros besuchten. Infolgedessen machte die große Beliebtheit von St. Olaf in Nordeuropa Nidaros neben Compostela, Jerusalem, Rom und Canterbury zu einem der meistbesuchten Pilgerziele. Die damalige Bedeutung von Pilgerfahrten wird an der Erklärung des Papstes Bonifatius VIII. deutlich, eine Ankunft in Rom im Jubiläumsjahr 1300 würde einen völligen Ablass erwirken; daraufhin wurde nämlich die Stadt wahrscheinlich von mehr als 200.000 Menschen besucht.

Der darauffolgende allgemeine Niedergang der Pilgerfahrten im Hochmittelalter wird gewöhnlich auf die Tatsache zurückgeführt, dass der Vatikan begonnen hatte, allgemeine Ablässe zu verkaufen. Auf diese Weise konnten sich die Büßer von den Unannehmlichkeiten, die eine Reise zu heiligen Orten bedeutete, loskaufen. In der Zwischenzeit wandelte sich der Charakter der Pilgerfahrten, und sie wurden zu einer Form der populären Unterhaltung. So geben Chaucers Canterbury Tales vom Ende des 14. Jahrhunderts wahrscheinlich ein realistisches Bild von der volkstümlichen Frivolität von Pilgerfahrten in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts.

Katastrophal für die Pilgerfahrten nach Nidaros war außerdem die Ankunft des Schwarzen Todes in Norwegen im Jahr 1350. Nachfolgende Epidemien der Beulenpest in den Jahren 1360 und 1370 reduzierten die Bevölkerung um die Hälfte. Trotz dieser Widrigkeiten scheint die Verehrung des heiligen Olaf bis zur Reformation, die als geistige und politische Bombe in Norwegen eintraf, in großem Umfang fortgesetzt worden zu sein.

Die Situation nach der Reformation

Das Ende der Pilgerreisen nach Nidaros steht daher in direktem Zusammenhang mit dem Jahr 1537, als der dänische König Christian III. in Norwegen einfiel und — ohne geistige Vorbereitung — erklärte, dass das Land von nun an ein Teil des lutherischen Dänemarks sein sollte. Er erkannte, dass die politische Bedeutung des heiligen Olaf — Rex Perpetuus Norvegiae — als Symbol der norwegischen Staatlichkeit zerstört werden musste, um dies zu erreichen. Darüber hinaus hatte er auch ein Auge auf den Reichtum des Domes von Nidaros geworfen.

Die Leiche des heiligen Olaf war vom letzten Erzbischof in Sicherheit gebracht worden. Nach seiner Abreise aus Norwegen im Jahr 1537 gelangte die Leiche später in den Besitz schwedischer Soldaten, die 1564 in Trondheim einmarschierten und den Heiligen im Chor des Domes an einem heute unbekannten Ort wieder begraben haben sollen. Zuvor hatten die neuen dänischen Behörden 1540 den großen Silberschrein des Heiligen mit zwei königlichen Kronen beschlagnahmt, die zusammen mit anderen liturgischen Schätzen des Domes nach Kopenhagen gebracht und später an den Markgrafen von der Pfalz verkauft wurden.

In der Zwischenzeit hielt die norwegische Bevölkerung weiterhin die Überlieferungen um St. Olaf in Ehren, jedoch größtenteils im Verborgenen. Aus Angst, die Kontrolle zu verlieren, erklärten die neuen dänischen Behörden auf der Fürstenversammlung (Herrentag) in Larvik 1611 die Pilgerfahrt bei Todesstrafe für untersagt. Bis zur zweiten Hälfte des Jahrhunderts gab es in Südnorwegen katholische Untergrundgemeinden. Ebenso sind unter den lutherischen Freibauern heimliche Feiern des heiligen Olaf einschließlich Prozessionen mit Ikonen und Kerzen belegt.

Die Situation heute

Erst im 20. Jahrhundert kamen die Menschen wieder als Pilger nach Trondheim, um den heiligen Olaf zu verehren, insbesondere im Zusammenhang mit der wiederbelebten liturgischen Feier des heiligen Olaf. Gruppen verschiedener Konfessionen begannen in den 1970er und 1980er Jahren auf eigene Initiative, den „St.-Olaf-Weg“ zum Nidaros-Dom in Trondheim zu beschreiten.

Kirchliche und weltliche Verantwortliche haben sich zusammengeschlossen, um diese Pilgerfahrt aus praktischer Sicht zu ermöglichen. Seit Beginn der Restaurierung und Beschilderung des Pilgerweges im Jahr 1993 wurden mehr als 5000 Kilometer entlang der neun Hauptrouten durch Dänemark, Schweden und Norwegen mit dem St.-Olaf-Logo gekennzeichnet. Am 29. Juli 1997 wurde der Hauptweg von Kronprinz Haakon offiziell eröffnet, und 2010 wurde der St.-Olaf-Weg mit allen nach Nidaros führenden Wegen als Kulturweg des Europarates zertifiziert.

Nach Angaben des Nationalen Pilgerzentrums hat die Zahl der Pilger in den letzten zehn Jahren zugenommen. Schätzungen zufolge nahmen 2019 mehr als 22.000 Pilger an den Wanderungen nach Nidaros teil, von denen mindestens 1.500 sogenannte „lange“ Pilger waren, hauptsächlich aus Deutschland.

Wer war St. Olaf?

Die Heiligenverehrung von St. Olaf zu dieser Zeit trug maßgeblich dazu bei, dass der Widerstand gegen das Christentum und die Vereinigung des Landes unter einem König aufgegeben wurde. Heute stößt Olaf Haraldssons Heiligkeit in einigen Bereichen auf Ironie und Skepsis. Die Frage ist: Kann ein Wikingersöldner, der in seiner dreißigsten großen Schlacht mit so viel Blut an den Händen starb, als Heiliger bezeichnet werden? Die mittelalterliche Kirche bewertete die Kriterien für Heiligkeit jedoch nicht unbedingt als Ausdruck persönlicher „Heiligkeit“. So wurde der heilige Olaf als Märtyrer geehrt und nicht für seine persönliche Frömmigkeit.

Die Heiligsprechung von Olaf durch Bischof Grimketel wurde 1164 von Papst Alexander III. bestätigt. Er ist auch in der Orthodoxie als Heiliger kanonisiert und daher einer der letzten berühmten westlichen Heiligen vor dem Großen Schisma.

Der St.-Olaf-Festtag wurde am 29. Juli, dem Tag seines Todes, als bedeutendes Kirchenfest in den nordischen Ländern bis zur Reformation begangen. Dann, im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, erwachte ein erneutes Interesse an Olsok („Olafsvigil“), und am 29. Juli 1930 wurde das Fest, im Zusammenhang mit der offiziellen Feier zum 900. Jahrestag des Todes von St. Olaf in Stiklestad wieder eingeführt.

Die komplexe Persönlichkeit des Wikingerkönigs kommt in der Ikonographie des heiligen Olaf deutlich zum Ausdruck. Seine Attribute sind eine Krone, eine Axt und eine allegorische Kreatur unter seinen Füßen. Die Krone reiht ihn unter die christlichen Monarchen wie Konstantin und Karl den Großen ein. Die Axt drückt einerseits seine Autorität als Gesetzgeber aus, dient aber auch zur Erinnerung daran, dass die Axt das Instrument seines Martyriums war. Der Drache unter seinen Füßen trägt ein Gesicht das seinem eigenen gleicht und wird gewöhnlich als allegorischer Ausdruck seines Kampfes um eine Besserung der eigenen Persönlichkeit gedeutet. Kurz gesagt wurde der heilige Olaf als Streiter für die Sache Gottes angesehen, der die Gesetze des Gemeinwesens schützte, als königlicher Märtyrer und als Heiliger, der über das Böse triumphierte.

Ora pro nobis, Sancte Olave!

+ Roald Nikolai

„Wie ich Gott fand … oder er mich zu sich führte“

Milliarden von Lichtjahren entfernte Galaxien
[Hubble-Teleskop; NASA, ESA, R. Thompson (Univ. Arizona)]

Ein Glaubenszeugnis

Liebe Leser und Leserinnen,

auf diesem Wege möchte ich gerne erzählen, wie ich Gott fand oder viel passender, wie er mich zu sich führte. Erst vor kurzem ist mir aufgefallen, dass Gott schon immer einen Platz in meinem Leben hatte. Ich erinnere mich an meine Kommunion. Die Geschichten aus der Bibel und die Aktivitäten in der Kinder-/Tischgruppe fand ich immer besonders spannend. Damals hatten wir das Thema „Ich bin da“ und ich ahnte nicht, wie wichtig mir dieses Thema zukünftig einmal werden würde.

Ich wurde Messdienerin. Immer wenn es mir schlecht ging oder ich mich mit jemandem gestritten habe, ging ich zum Gottesdienst um zu dienen. Danach war die Welt wieder heile. Zwischen Kommunion und Firmung spielte das Thema Glaube eher eine untergeordnete Rolle. Während der Firmung zog ich dann bei einem Treffen den Bibelvers: „Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt“ (Psalm 30,12). Dieser sowie weitere Bibelverse haben mir in dieser Zeit geholfen und mich aus einer ungesunden Situation der Entfremdung befreit. Das war das erste Mal, dass ich Gott bewusst wahrgenommen habe. Nach der Firmung im Mai 2017 verlor ich Gott wieder mehr aus den Augen, jedoch traf ich in dieser Zeit auf Menschen, die mir den Glauben offen, echt und direkt vorlebten und mir von Jesus erzählten. Dies fand seinen Höhepunkt auf der Freizeit einer Gemeinde. Nicht römisch-katholisch, aber christlich. Ich erlebte eine neue Welt, viel schöner, erfrischender, lebendiger als all das, was ich zuvor erlebt habe. Es war und ist so friedlich bei der Gemeinde. Die Sorgen verblassen und der Friede kehrt ins Herz. „Man fällt nie tiefer als in Gottes Hand.“ Genau das durfte ich erleben. Ich fühlte mich nur noch selten einsam und verlassen und wenn das doch einmal vorkam, besuchte ich meine Gemeinde oder erinnerte mich schlicht daran, dass Gott mich niemals alleine lässt. Ich erfuhr wie es in Psalm 23,4 steht: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und dein Stab trösten mich.”

[Foto Gugatchitchinadze, CC-BY-SA 4.0]

Gott ist und bleibt mein Orientierungspunkt, egal wie wackelig der Boden ist auf dem wir stehen. Richte deine Augen auf Jesus und er wird es wohl machen (Psalm 37,5). Mit Vertrauen und Liebe erlebt man eine neue Welt, ein neues Leben, eine andere Zukunft und Perspektive. Denn Jesus hat uns durch sein Blut errettet, durch ihn haben wir das ewige Leben und durch den Heiligen Geist bekommen wir ein neues Leben. Ich sehe meine Mitmenschen und Gott durch ganz neue Augen. Das Leid dieser Welt wird erträglicher. Ich vertraue auf Gott. Ich vertraue darauf, dass er mich führen wird. Wie ein Vater sein Kind nimmt er mich an seine Hand und führt mich in ein Land, wo Milch und Honig fließen.

Mit dieser neuen Perspektive auf die Welt und mein Leben eröffneten sich so viele Fragen, wie Sterne am Himmel. Ich war wieder ein Kind, das so unwissend, aber auch wissbegierig war. Alles zu entdecken war und ist ein Abenteuer: Die Geschichten der Bibel, Gott kennenzulernen, andere Gläubige, neue, mutmachende Verse, Lieder, Freunde. Die Gemeinde wurde zu meiner Familie in Christus.

[König David: Tschudow-Kloster Moskau, vor 1635]

In Corona-Zeiten habe ich das Kartenspielen wieder entdeckt. Dabei kommt mir oft der Gedanke, dass Gott mich doch eine bestimmte Karte oder einen Joker ziehen lassen könnte. Oft ziehe ich die dringend benötigte Karte nicht und wenn es doch vorkommt, freue ich mich um so mehr, da ich dann evtl. zwei Karten ziehe, die ich dringend benötigt habe. Und so ist das Leben vergleichbar mit einem Kartenspiel. Manchmal wünschen wir uns, dass Gott uns unsere Wünsche erfüllt und sind enttäuscht oder verzweifelt, wenn es nicht so kommt wie wir es uns wünschen. Dabei vergessen wir oft, dass Gott nur das Beste für uns möchte: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach dem Vorsatz berufen sind.” (Römer 8,28). Manchmal sollten wir uns ganz bewusst daran erinnern, dass Gott wirklich ganz und gar gut ist und uns nicht im Stich lässt, auch nicht wenn es mal schwierig wird. „Ist Gott für uns, wer kann gegen uns sein?” (Römer 8,31). Also schenken wir unserem Gott doch ein wenig Vertrauen und warten ab, welch guten Plan er für uns hat. Und vielleicht müssen wir dann angesichts der Komplexität dieser Welt wieder mit Kinderaugen auf die Dinge blicken.

Anna, 19

Expertenmeinung zum Sakramentar

Auf der Internetpräsenz eines bekannten Buch-Versandhändlers ist nun eine erste theologische Einschätzung unseres Sakramentars in Form einer Kurzrezension des Spezialisten für Ostkirchenkunde Professor Dr. Reinhard Thöle erschienen. Wir bedanken uns sehr für das Interesse, vor allem so kurz nach Veröffentlichung des Bandes, und geben die Kurzrezension hier wieder:

Leben aus dem Mysterium

Prof. Dr. Reinhard Thöle
(Foto RolFri65 CC BY-SA 3.0)

Das Nk Sakramentar kann als eines der wenigen gelungenen Projekte angesehen werden, bei denen die Ergebnisse der theologischen Dialoge zwischen ost- und westkirchlichen Traditionen rezipiert und umgesetzt wurden. Liturgiewissenschaftlich wurden die westliche Kartäusermesse und für die anderen Sakramente altkatholische Entwürfe aus dem 19. Jahrhundert behutsam überarbeitet, um für das Empfinden der orthodoxen Liturgik die Bereiche von Epiklese, Spendeformeln und Exorzismus zu berücksichtigen. Die gottesdienstlichen Formulare sind sprachlich einheitlich und angemessen verfasst, und das Buch kann vom Druckbild, Notenbild und der liebevollen Ausstattung mit ikonographischen Lithographien gut als Altarbuch und Rituale verwendet werden. Es wäre zu kurz gegriffen, hier die ideologischen Maßstäbe eines ängstlichen Traditionalismus anlegen zu wollen, der Liturgie wie einen besitzheischenden Automatismus betrachtet oder die seiner Gegenspielart, des Novus-Participatio-Stiles, die Liturgie nicht selten in populistisches Wohlfühlerleben auflöst. Vielmehr scheint hier der Ansatz der eucharistischen Ekklesiologie hindurch, der die Eucharistie primär als Offenbarungsgeschehen ansieht, das auch konfessionelle Besonderheiten oder Engführungen auf die sekundäre Ebene verweisen könnte.

Prof. (em.) Prof. h.c. Dr. Reinhard Thöle D.D., Theologische Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

St. Barnabas: „Erfüllt mit heiligem Geist und mit Glauben“

Die siebzig Jünger, ebenfalls genannt „Apostel“ (Lk 10,1-24)

Anmerkung: So wie auch den orthodoxen Kirchen ist der Nordisch-katholischen Kirche das von Papst Urban IV. 1264 eingeführte Fest Fronleichnam (Corpus Christi) unbekannt. Im Jahr 2020 ist der Donnerstag nach Trinitatis (11. Juni) daher das Hochfest des heiligen Apostels Barnabas. Wo örtliche Gewohnheit dies nahelegt, kann jedoch im Laufe der zweiten Woche nach Pfingsten eine Votivmesse von der heiligen Eucharistie („Abendmahlsamt“, Sakramentar S.273) gefeiert werden.

Grab des heiligen Barnabas, Zypern
(Wikimedia, Ukdamian, Lizenz CC BY-SA 4.0)

Hausandacht vom heiligen Apostel Barnabas, Apostel & Martyrer (11. Juni)

Trinitarisches Votum

Im Namen + des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen.

Psalm 142

Ich schreie zum HERRN mit meiner Stimme; *
ich flehe zum HERRN mit meiner Stimme;

ich schütte meine Rede vor ihm aus *
und zeige an vor ihm meine Not.

Wenn mein Geist in Ängsten ist, *
so nimmst du dich meiner an.

Sie legen mir Stricke *
auf dem Wege, darauf ich gehe.

Schaue zur Rechten und siehe! *
da will mich niemand kennen.

Ich kann nicht entfliehen; *
niemand nimmt sich meiner Seele an.

HERR, zu dir schreie ich und sage: / Du bist meine Zuversicht, *
mein Teil im Lande der Lebendigen.

Merke auf meine Klage, *
denn ich werde sehr geplagt;

errette mich von meinen Verfolgern, *
denn sie sind mir zu mächtig.

Führe meine Seele aus dem Kerker, *
dass ich danke deinem Namen.

Die Gerechten werden sich zu mir sammeln, *
wenn du mir wohltust.

Ehre sei dem Vater und dem Sohn *
und dem Heiligen Geist.

Wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit *
und in Ewigkeit. Amen.

Apg 11,21–30

Die Hand des Herrn war mit ihnen, so dass eine große Anzahl gläubig wurde und sich zum Herrn bekehrte. 22 Die Kunde hiervon kam der Gemeinde in Jerusalem zu Ohren, die dann den Barnabas nach Antiochia entsandte. 23 Als dieser nach seiner Ankunft dort die Gnade Gottes wahrnahm, freute er sich und ermahnte alle, mit festem Herzen dem Herrn treu zu bleiben; 24 er war nämlich ein trefflicher Mann, erfüllt mit heiligem Geist und mit Glauben. So wurde denn eine ansehnliche Menge für den Herrn hinzugewonnen. 25 Barnabas begab sich dann von dort nach Tarsus, um Saulus aufzusuchen; 26 und als er ihn gefunden hatte, nahm er ihn mit nach Antiochia; und es fügte sich dann so, dass sie ein ganzes Jahr hindurch als Gäste in der Gemeinde tätig waren und eine beträchtliche Menge unterwiesen und dass man in Antiochia zuerst den Jüngern den Namen ›Christen‹ [Christianoi] beilegte. 27 In dieser Zeit kamen Propheten von Jerusalem nach Antiochia hinab. 28 Einer von ihnen namens Agabus trat auf und weissagte auf Eingebung des Geistes, dass eine große Hungersnot über den ganzen Erdkreis kommen würde, die dann auch wirklich unter der Regierung des (Kaisers) Klaudius eintrat. 29 Da beschlossen die Jünger, jeder von ihnen solle nach Maßgabe seines Vermögens den im jüdischen Lande wohnenden Brüdern eine Unterstützung zukommen lassen. 30 Sie führten diesen Beschluss auch aus und ließen es (den Ertrag der Sammlung) durch Vermittlung des Barnabas und Saulus an die Ältesten (der Gemeinde) gelangen.

Loblied / Glaubensbekenntnis

Fürbitten / Kyrie

Gebet des Herrn

Tagesgebet

Allmächtiger Herr und Gott! Du hast Deinen heiligen Apostel Barnabas mit besonderen Gaben des Heiligen Geistes ausgerüstet. Wir bitten Dich: Lass es uns weder an Deinen mannigfaltigen Gaben ermangeln noch an der Gnade, dieselben stets auch zu Deiner Ehre und Verherrlichung zu gebrauchen. Durch Jesus Christus, unseren Herrn, der mit Dir und dem Heiligen Geist, ein einiger Gott, lebt und herrscht, jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen.

Segen

Der Herr + segne uns,
Er bewahre uns vor Unheil
und führe uns zum ewigen Leben. Amen.

Der Geist und die Kirche

Gedanken zum Pfingstfest

von Bischof Dr. Roald Nikolai Flemestad
[Herabkunft des Heiligen Geistes:
Kirillo-Belosersk-Kloster, ca. 1500]

Es ist nicht immer einfach, sich mit der Rolle des Heiligen Geistes in unserem Leben als Christen auseinanderzusetzen. Manchmal scheint unsere Auffassung so „hochfliegend“, dass sie unbestimmt — nebulös — wird. In der folgenden kleinen Meditation werde ich versuchen, die Rolle des Geistes in unserem Leben durch drei Fragen zu beleuchten: Wer ist der Geist? Was wirkt der Geist? Wie ist die Beziehung zwischen dem Geist und der Kirche?

Der Heilige Geist

Der Apostel Paulus erklärt: „Der Geist erforscht alles, selbst die Tiefen Gottes. […] So hat auch niemand das innere Wesen Gottes erkannt als nur der Geist Gottes.“ (1Kor 2,10f) Der Apostel Petrus erhellt dies weiter mit der Feststellung, dass „Gott Jesus von Nazareth mit heiligem Geist […] gesalbt hat“ (Apg 10,38). In der Heilsgeschichte wird die Gegenwart des Heiligen Geistes jedoch nicht in personaler Form, sondern mit Hilfe symbolischer Bilder dargestellt. Bei der Taufe Jesu kam auf ihn der Geist herab wie eine „Taube“ (Mt 3,16; Joh 1,32). Beim Pfingstwunder war der Geist zugegen wie ein „gewaltiger Wind“ und in Form von „Zungen wie von Feuer“ (Apg 2,2f).

Was wirkt der Geist für uns?

Dieser Wechsel an Metaphern hilft uns zu verstehen, dass der Geist nicht von sich selbst aus — nicht in eigenem Namen — wirkt. Der Geist bleibt gewissermaßen „anonym“, da er zu uns kommt, um auf Christus als Retter aller Menschen hinzuweisen. Der heilige Johannes zitiert Jesus mit den Worten: „Er wird nicht von sich selbst aus reden, sondern was er hört, das wird er reden“ (Joh 16,13). Auf diese Weise können wir anhand seines Wirkens erkennen, wer der Geist ist: Der Geist ist das Licht, in dem Jesus als der Sohn des Vaters erkannt wird. Der Geist erhält vom Vater die Vollmacht und Kraft, den Sohn mitzuteilen. Daher ist der Geist in der Heilsökonomie gleichzeitig Gottes Geist und der Geist Christi (Röm 8,9).

Der Geist und die Kirche

Im Dienste unseres Heils kommt der Geist zu uns als unser Anwalt, welcher der Welt ihren Irrtum in Bezug auf die Sünde nachweist (Joh 16,7f) und uns an alles erinnert, was Christus die Apostel gelehrt hat (Joh 14,26). Ebenso kommt der Geist „unserer Schwachheit zu Hilfe“ und tritt „mit unaussprechlichen Seufzern“ für uns ein (Röm 8,26). Ferner führt und leitet der Geist die Kirche in ihrem Dienst an der Welt (Apg 10,19f; Apg 13,2).

Während der Geist für uns wirkt und betet, sind wir gleichzeitig aufgerufen, uns in den Dienst des Geistes zu stellen. Der heilige Paulus belehrt uns freiheraus: „Wandelt im Geist“ (Gal. 5,16). Und anderswo ermahnt er uns, „voll Geistes“ zu werden, damit wir „zueinander mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern“ reden und den Herrn preisen (Eph 5,18f). Die „Seufzer“ des Geistes sind „unaussprechlich“, „wortlos“ (Röm 8,26) — ob ihrer Tiefe entziehen sie sich menschlicher Rede; umgekehrt erweckt uns der Geist, damit wir an seiner Statt reden. Die Kirche verleiht dem Geist durch ihr Zeugnis und ihren Lobpreis eine Stimme.

Zum Herrn rufen

In den abschließenden Worten der Bibel wird die Beziehung zwischen dem Geist und der Kirche als Dialog ausgedrückt, wobei der Geist und die Kirche gemeinsam Christus in seiner Herrlichkeit anrufen. „Der Geist und die Braut sagen: ‚Komm!'“ (Offb 22,17) Wenn unsere Zeit zu Ende geht, spricht der Geist Worte des Trostes, um uns zu versichern: „Selig sind die Toten, die im Herrn sterben!“ (Offb 14,13)

Frohe Pfingsten!
+ Roald Nikolai

Bischof Dr. Roald Nikolai Flemestad ist seit 2011 Bischof der Nordisch-katholischen Kirche und zugleich der Missionsbischof für Europa der altkatholischen Union von Scranton.

Bischof electus Ottar Myrseth wird Administrator für Skandinavien

Bischof Roald Flemestad bleibt zuständig für Kontinentaleuropa

In ihrer Telefonkonferenz am 12. Mai 2020 hat die Internationale katholische Bischofskonferenz (ICBC) der altkatholischen Union von Scranton zwei wichtige Beschlüsse für die europäischen Gemeinden gefasst. Erstens wurde beschlossen, dass Bischof Dr. Roald Nikolai Flemestad sein Mandat als Missionsbischof der Union von Scranton für Europa (Bischöflicher Delegat i.S.v. Abschnitt C, Art. 3 i der Statuten) auch nach Abgabe der Leitung des skandinavischen Bistums weiterhin behält. Somit bleibt er für die Gemeinden und Missionen der Nordisch-katholischen Kirche in Britannien und Kontinentaleuropa auch in Zukunft verantwortlich — und wird dort künftig noch intensiver tätig sein können. Auch wenn dies nicht überraschend kommt, ist es dennoch für die Nordisch-katholische Mission in Deutschland ein Grund zu großer Freude!

Zweitens haben die Bischöfe der Union von Scranton mit Blick auf den zum Bischof erwählten norwegischen Generalvikar Ottar Mikael Myrseth — der wegen der Pandemie bisher noch nicht konsekriert werden konnte — beschlossen, dass ihm die kirchenrechtliche Leitungsverantwortung für das skandinavische Bistum übertragen und er zum Erzpriester mit Mitra erhoben werden soll. In ähnlicher Weise wird seit Kurzem auch die (nach dem Heimgang von Bischof Stanley Bilinski vakante) Westliche Diözese der Polnisch-katholischen Nationalkirche (PNCC) von ihrem Bischof electus, Pfarrer Jerry Rafalko, als Administrator geleitet.

Die Umsetzung der Beschlüsse ist zeitnah erfolgt: An Christi Himmelfahrt wurde Bischof electus Ottar Mikael — während einer Eucharistiefeier in der Kathedralkirche St. Johannes der Täufer in Oslo — vor der Verkündigung des Evangeliums zum infulierten (mitrierten) Erzpriester erhoben. Dabei wurde ihm zugleich von Bischof Roald Nikolai die kanonische Verantwortung für das skandinavische Bistum übertragen.

Pfarrer Ottar Mikael Myrseth, der unter anderem auch Deutsch spricht, war von der Generalsynode am 25. Oktober 2019 zum Bischof gewählt worden, damit Bischof Dr. Roald Nikolai Flemestad aus Altersgründen die Leitung des skandinavischen Bistums abgeben kann. Die Bischofsweihe war ursprünglich für den April geplant, sie wurde nun pandemiebedingt zunächst auf den 14. September (Kreuzerhöhung) verschoben, wobei eine weitere Verschiebung je nach Entwicklung der Pandemie nicht auszuschließen ist. Bis dahin entsprechen die Kompetenzen des erwählten Bischofs in etwa denen eines Apostolischen Administrators in der römisch-katholischen Kirche.

Verdig! — Dignus est! — Axios!

„Gott steigt empor unter Jubelklang“

[Auferstehung und Himmelfahrt Christi:
Elfenbeinrelief „Reidersche Tafel“, ca. 400]

„Gott steigt empor unter Jubelklang, der HERR beim Schall der Posaune“ (Ps 47,6)

Gedanken zur Himmelfahrt unseres Herrn, Heilandes und Gottes Jesus Christus

Von Joachim Danz
Dipl.-Theol.

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

1. Einleitung

Die Freude über die Auferstehung Jesu währt 50 Tage. Der Auferstandene ist mit seinem neuen Leben nicht nur in dieser Welt gegenwärtig. Er „erscheint“ den Seinen. (vgl. u.a. Joh 20,11 ff. oder Joh 21,1 ff. ) Er ist ein neuer, ein anderer, der bereits eingetaucht ist in das Licht der Ewigkeit. Auferstehung und Himmelfahrt Jesu wurden deshalb nicht unbedingt getrennt betrachtet. Sehr schön sind beide Feste auf einem Elfenbeinrelief, wohl um 400, zusammen gefasst. Auf der sogenannten „Reiderschen Tafel“, sie ist Besitz des Bayerischen Nationalmuseums München, kommen die Frauen zum Grab und finden Jesus. Über dem Grab ergreift der Auferstandene die Hand Gottes, um in den Himmel einzugehen. Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten sind eine Einheit, die Zeit der 50 Tage, die Zeit der heiligen Pentecoste. Den Abschluss der Osterzeit bildet das Pfingstfest. Der über alle Himmel heimgekehrte Herr sendet den verheißenen Geist. Bedarf es da noch eines eigenen Festes der Himmelfahrt Jesu? Zunächst wurde das Fest Christi Himmelfahrt zusammen mit dem Pfingstfest gefeiert. Die Heimkehr zum Vater und die Geistsendung bedingen einander. So wurden beide Feste zuerst gemeinsam am Pfingstsonntag begangen. Seit Ende des vierten Jahrhunderts wurden die 40 Tage nach Ostern hervorgehoben und Christi Himmelfahrt eigens zelebriert.

2. Im Neuen Testament

Im Vorwort der Apostelgeschichte, dem ersten Buch nach den Evangelien, finden wir Hinweise auf die Verbundenheit und Einheit von Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten: „Im ersten Buch, lieber Theophilus, habe ich über alles berichtet, was Jesus getan und gelehrt hat, bis zu dem Tag, an dem er in den Himmel aufgenommen wurde. Vorher hat er durch den Heiligen Geist den Aposteln, die er sich erwählt hatte, Anweisungen gegeben. Ihnen hat er nach seinem Leiden durch viele Beweise gezeigt, dass er lebt; 40 Tage hindurch ist er ihnen erschienen und hat vom Reich Gottes gesprochen.“

Einige Verse weiter erklärt der Text: „Ihr werdet mit dem Heiligen Geist getauft“ und „ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen.“ Und schließlich: „Er wurde vor ihren Augen emporgehoben“. (Vgl. Apg 1,1 ff. )

Die Gabe des in die Dreifaltigkeit heimgekehrten Herrn ist die Geist-Sendung. Das Johannesevangelium formuliert: „Es ist gut für euch, dass ich fortgehe. Denn wenn ich nicht fortgehe,wird der Beistand nicht zu euch kommen; gehe ich aber, so werde ich ihn zu euch senden.“ (Joh 16,7)

Im Lukasevangelium sind es seine letzten Zeilen, die die Heimkehr Jesu zum Vater beinhalten: „Und ich werde die Gabe, die mein Vater verheißen hat, zu euch herabsenden. Bleibt in der Stadt, bis ihr mit der Kraft aus der Höhe erfüllt werdet. Dann führte er sie hinaus in die Nähe von Betanien. Dort erhob er seine Hände und segnete sie. Und während er sie segnete, verließ er sie und wurde zum Himmel emporgehoben.“ (Lk 24,49 ff.)

Auch das Markusevangelium endet mit dem Bericht der Himmelfahrt Jesu: „Nachdem Jesus, der Herr, dies zu ihnen gesagt hatte, wurde er in den Himmel aufgenommen und setzte sich zur Rechten Gottes.“ (Mk 16,19)

So wundert es nicht, dass die Himmelfahrt Jesu ein eigenständiges Fest im Kirchenjahr geworden ist. Im Osten und im Westen wird es unter die Hochfeste gezählt.

3. Ein Blick in die Liturgie

Der eben erwähnte Markusbericht ist das Festevangelium im alten römischen Ritus. Heute wird seitens der römisch-katholischen Kirche im Dreijahreszyklus abwechselnd auch Lukas und Matthäus verwendet. Bei Matthäus ist die Himmelfahrt nicht explizit genannt. Im byzantinischen Ritus nimmt man den Lukasbericht.

Beliebt ist in allen Liturgien Vers 6 aus Psalm 47: „Gott steigt empor unter Jubelklang, der Herr beim Schalle der Posaune.“ Nach Zählung der Septuaginta ist es Psalm 46. Jahwe nimmt den Sion als seinen Thronsitz ein. Nun sitzt der Menschensohn zu seiner Rechten.

Die Anamnese der Anaphora der Johannes Chrysostomus Liturgie erinnert daran: „Wir sind eingedenk … der Auffahrt in den Himmel, des Sitzens zur Rechten …“ Auch erinnert der „Ritus des Thrones“ innerhalb dieser Liturgie an den in den Himmel zurückgekehrten Herrn: „Gesegnet bist du auf dem Throne der Herrlichkeit deines Reiches, der du thronst auf den Cherubim allezeit…“ Er wird nach dem Trishagion und vor den Lesungen im Altarraum vollzogen.

Im Nizäno-Konstantinopolitanum sind Ostern und Himmelfahrt zusammengefasst: „… er ist auferstanden am dritten Tage nach der Schrift, aufgefahren in den Himmel und sitzt zur Rechten des Vaters …“

4. Ein wenig Kirchengeschichte

Weil Christus aufgefahren ist und zur Rechten Gottes thront, hieß der Himmelfahrtstag bei den Kappadokiern, den herausragenden Theologen des vierten Jahrhunderts, „der errettete“, im Sinn von der vollendete. Das Erlösungswerk ist vollbracht. Die Errettung vom Tod ist vollständig durchgeführt. Die menschliche Natur Christi ist erhöht in die Himmel. Dies gilt für uns alle, die an ihn glauben. „Gott aber … hat uns in Christus Jesus mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel …“ (Vgl. Eph 2,6). Gregor von Nyssa sagt in seiner Rede auf die Himmelfahrt Christi: „Denn vollbracht ist bereits das Geheimnis des Todes und der Sieg über die Feinde erfochten und das Zeichen des Sieges über sie, das Kreuz, errichtet.“

Die Kappadokier fanden die Formel der Gleichheit der drei göttlichen Personen. Basilius der Große (330–379) schrieb das erste Buch über den Heiligen Geist.

Ähnlich formuliert das V. Buch der Apostolische Konstitutionen im 19. Kapitel: „…feiert das Fest der Aufnahme des Herrn, an welchem er, nachdem er die ganze Ökonomie und Anordnung des Heils erfüllt hat, zum Vater, der ihn gesandt hat, zu Gott emporstieg …“

Der hl. Cyrill (313–386) von Jerusalem predigte den Katechumenen: „Nachdem Jesus den Leidensweg vollendet und die Menschen von Sünden erlöst hatte, stieg er wieder zum Himmel empor“.

Ganz in der Tradition byzantinischer Theologie steht der hl. Kyrill von Turow (1130–1182), wenn er schreibt: „Beim in den Himmel auffahrenden Herrn ist auch die Christus verlobte Kirche aus den Heiden gegenwärtig … Dieses Fest ist für uns ehrwürdiger geworden als die anderen, dieses Fest ist voller Freude und Frohlocken.“

5. Abschließende Gedanken

Die Prophetien, die Lesungen der Vesper am Vorabend des Festes nach byzantinischem Ritus, laden uns ein, uns aufzumachen und hinauf zusteigen zum Berg des Herrn, denn „seine Füße stehen an jenem Tag auf dem Ölberg. Er, der die Kelter allein trat, ging durch Leiden und Tod.“ (Vgl. Jes 2,1–2; Jes 62,10–63,9; Sach 14,1.4–8.11)

Heute kehrt er zurück über alle Himmel, um eins zu sein mit Vater und Geist. Der hl. Nikolaj Velimirovic (1880–1956) sagt, „durch seine Auffahrt lehrt er uns alle, unser Streben zum Himmel und nicht auf die Erde zu richten.“ (vgl. Prolog, 5. Mai) Vom Himmel wird uns Gottes Geist gesandt. „Christ wird man, und Christ bleibt man, wenn der menschliche Geist vom Heiligen Geist erfüllt wird.“ formuliert Justin von Celije (1894–1979).

[Christi Himmelfahrt: Mitschurin/Bulgarien, 16. Jh.]

Betrachten wir eine Ikone der Himmelfahrt Christi, können wir erkennen, dass die allheilige Gottesgebärerin es ist, die um das Heilsgeschehen auch dieses Tages weiß. Ich habe eine russische Ikone des 15. Jahrhunderts vor Augen. Im Zentrum steht Maria. Sie ruht in sich. Ihre Hände sind zum Gebet erhoben. Sie ist die einzige, die begreift oder längst begriffen hat. Und die Apostel? Sie sind aufgeregt, denn ihre Hände gestikulieren wild. Sie schauen nach oben, sie schauen sich an. Sie scheinen sich zu fragen: „was geht hier vor sich?“ Christus ist bereits von Engeln umgeben und entschwindet ihnen. Wie Maria sind auch wir eingeladen zu verstehen und zu bekennen: „Gott erweckte Christus von den Toten und setzte ihn zu seiner Rechten.“ (vgl. Eph 1,20)

Im Ritus von Byzanz kommt dieser Zusammenhang schön zum Ausdruck, wenn am Vortag von Christi Himmelfahrt noch einmal die Liturgie des Auferstehungstages gefeiert wird. Nur die Schriftstellen (lectio continua) sind andere. Am Dienstag vor Himmelfahrt wird noch einmal der Oster-Orthros, der Kanon der Osternacht, gesungen. Viele Feste haben eine Nachfeier. Diese kann von einem Tag, über eine Woche (Oktav) — oder bei Ostern eben 40 Tage betragen. Ab dem Himmelfahrtstag werden die österlichen Besonderheiten aufgegeben. Es ist doch sehr verwunderlich, wenn in der Presse deshalb von einer Verschiebung des Osterfestes gesprochen wird. In diesem Jahr ist der Tag der Abgabe des Osterfestes der 27. Mai. Wenn es dann (durch das Coronavirus bedingt) leichter ist als zum ursprünglichen Termin, den Gottesdienst zu besuchen, ist es durchaus sinnvoll zu diesem Tag besonders zum Gottesdienst einzuladen. Mit einer Verlegung von Ostern hat dies nicht das geringste zu tun.

Die moderne Psychologie hat darauf hingewiesen: es tut gut, einen Feiertag inmitten der Woche zu begehen. Einmal in der Mitte der Woche innezuhalten und abzuschalten, um ein Festgeheimnis zu meditieren, ist ein Segen für den Menschen. Den Segen des Herrn, der zum Himmel aufsteigt,

wünscht Ihnen

Joachim Danz

Literatur

Apostolische Konstitutionen und Kanones. BKV1, Bd. 19. Kempten 1874

Cyrill von Jerusalem, Mystagogische Katechesen. BKV2, I. Reihe, Bd. 41. Kempten 1922

Gregor von Nyssa, Ausgewählte Reden, BKV1, Bd. 70. Kempten 1880

Hossfeld, F./Zenger, E., Die Psalmen I, Würzburg 1993

Hryniewicz, W., Die altrussische Passatheologie und Osterspiritualität bei Kyrill v. Turow, Lüdenscheid-Lobetal 1987 (Manuskript)

Jusin von Celije, „Auslegung des ersten Briefes an die Thessalonicher“, in: Der Bote 1, München 2020

Messlektionar, Freiburg 1985

Schott, A., Römisches Messbuch, Freiburg 1963

Velimirovic, N., Der Prolog von Ochrid, Apelern 2009

Übersetzungen der Bekenntnis- und Rechtstexte der Kirche

Athanasius der Große
Mosaik, Palastkapelle Palermo, 12. Jh.

Zum Festtag des heiligen Kirchenlehrers Athanasius (2. Mai) hat die Nordisch-katholische Mission in Deutschland redigierte deutsche Übersetzungen von Grundlagentexten der altkatholischen Union von Scranton erarbeitet und herausgegeben. Darunter ist auch erstmals eine deutsche Übersetzung des kirchenamtlichen Kommentars zur Erklärung von Scranton. Die Übersetzungen sind seit dieser Woche abrufbar hier: