„Eine Messe lesen lassen“

Triumphkreuz: Kirche San Damiano, Assisi, ca. 1100

Die namentliche Fürbitte für Lebende und Verstorbene im öffentlichen Gottesdienst der Kirche ist seit ältester Zeit fester Bestandteil christlicher Frömmigkeit. Der heilige Kirchenvater Cyprian von Karthago (200-258) berichtet vom namentlichen Gebet für verstorbene Christen als selbstverständlichem Bestandteil der Eucharistiefeier — ebenso auch das Sakramentar des ägyptischen Bischofs Serapion von Thmuis (4. Jh.). Schon die Synode von Elvira (ca. 305) erwähnt zudem die namentliche Fürbitte für Lebende.

Eine besondere namentliche Fürbitte findet nicht zufällig während der zentralen Momente der Eucharistiefeier statt, wenn das von Christus am Kreuz zu unserer Erlösung dargebrachte Opfer vergegenwärtigt wird. Denn durch die Gabenbereitung und das eucharistische Hochgebet vereinigt sich ja die versammelte Gemeinde bereits auf geheimnisvolle Weise mit dem Kreuzesopfer Christi, dessen Leib und Blut sie später im Sakrament empfängt. Und diese innige Verbindung mit Christus, dem Haupt der Kirche — während Offertorium und Hochgebet — führt auch zu einer tieferen Verbindung mit den übrigen Gliedern Seines Leibes, nämlich den lebenden und verstorbenen Christgläubigen aller Zeiten und Orte. Hier ist daher der würdigste und geistlich herausragendste Ort, um öffentlich namentlich für lebende und verstorbene Angehörige des Gottesvolkes zu beten.

Im christlichen Osten sind die Aufzählungen solcher Namen — aufgrund des einst hierfür verwendeten Schreibmaterials — als Diptychen bekannt. Im Westen beschränkt man sich meist auf wenige Namen während ein und derselben Eucharistiefeier — und spricht jeweils von einer Messintention.

Auch in den nordisch-katholischen Eucharistiefeiern wird selbstverständlich für Lebende und Verstorbene auf Wunsch namentlich gebetet. Die lebenden oder verstorbenen Christinnen und Christen, für die in einer heiligen Messe gebetet werden soll, können Sie Ihrem jeweils zuständigen Seelsorger mitteilen oder — auch ohne Kirchenmitgliedschaft — über das entsprechende Formular auf unserer Webseite abgeben. Sogenannte Mess-Stipendien sind jederzeit willkommen und werden mit einer Messkarte — einem repräsentativen schriftlichen Beleg für die in Ihrer Intention gefeierte heilige Messe — beantwortet. Wir beten gerne für Sie und Ihre Angehörigen!

Ökumenische Begegnung am Niederrhein

Der lutherische Bischof Hans-Jörg Voigt (r.) mit Bischofsvikar Herzberg

Am Ewigkeitssonntag, den 24. November 2019, besuchte Bischof Hans-Jörg Voigt DD (Hannover) von der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK; Altlutheraner) das in der SELK beheimatete Christliche Centrum St. Matthäus Mönchengladbach (Stadtteil Rheydt). Der nordisch-katholische Bischofsvikar Prof. F. Irenäus Herzberg war als ökumenischer Gast zu dem von Pfarrer Winfried Küttner PhD geleiteten Abendmahlsgottesdienst eingeladen und überbrachte, nach einer freundlichen Begrüßung im Gottesdienst, an Bischof Voigt herzliche Grüße und Segenswünsche von Bischof Dr. Roald Nikolai Flemestad (Oslo).

Bischof Voigt predigte über Mt 25,1-13 und erläuterte hierzu zunächst den historischen Hintergrund der Perikope in Form der spätjüdischen Hochzeitsbräuche. Im zentralen Predigtschritt deutete er — getreu der lutherischen hermeneutischen Unterscheidung zwischen Gesetz und Evangelium — das Lampen-Öl in diesem Himmelsreich-Gleichnis Jesu als die persönliche, in der fides qua creditur gründende Gottesbeziehung. Schließlich betonte Bischof Voigt, dass das Gleichnis natürlich auch an seine Grenzen stößt: Das „Öl“ des Glaubens nimmt im Gegensatz zum Lampenöl zu, wenn es — etwa durch das Gebet, das Hören auf Gottes Wort und den Empfang der Sakramente — in Anspruch genommen wird.

Im anschließenden Gespräch zwischen Bischof Voigt und Bischofsvikar Herzberg tauschte man sich über aktuelle Entwicklungen in beiden Kirchen aus, darunter insbesondere die beiderseitigen engen Verbindungen zur (konkordienlutherischen) Missionsprovinz in Schweden sowie liturgische Fragen. Da die Wurzeln der nordisch-katholischen Kirche im hochkirchlichen Luthertum Skandinaviens liegen, sind die SELK und die schwedische Missionsprovinz samt den übrigen Mitgliedskirchen des Internationalen Lutherischen Rates ein natürlicher ökumenischer Gesprächspartner — für die Nordisch-Katholische Kirche in Skandinavien wie auch für ihre deutsche Administratur.

So hatte Bischof Flemestad schon vor (fast genau sieben) Jahren Bischof Voigt im Kirchenamt der SELK in Hannover besucht. Die SELK wiederum hat ihre Kirchen für zahlreiche nordisch-katholische Eucharistiefeiern, darunter auch den Gründungs-Gottesdienst der deutschen Administratur im April 2012 in München, ihre Kirchen in brüderlicher Gastfreundschaft geöffnet; seit Jahren darf die westdeutsche nordisch-katholische Mission (Kuratie St. Willibrord) für ihre Düsseldorfer Gottesdienste die Erlöserkirche der SELK nutzen, auch die Primiz von Dr. Daniel Gerte (inzwischen Archidiakon) fand dort statt.

Später sprach Herzberg mit dem finnischen lutherischen Missionar Toni Lindholm, der gemeinsam mit seiner Frau in der Missionsgemeinde der SELK in Mönchengladbach mitarbeitet. Themen waren unter anderem das Luthertum in Finnland und die Seelsorge unter türkischstämmigen Christen.

Generalsynode wählt Ottar Myrseth zum Bischof

Bischof Dr. Roald N. Flemestad (links) und Bischof electus Ottar M. Myrseth
(auf dem Ölgemälde im Hintergrund: Bischof Franciszek Hodur)

Axios! Ad multos annos!

Die Generalsynode der Nordisch-Katholischen Kirche am 25. Oktober 2019 in Gran hat (gemäß § 6.4 der Verfassung der Nordisch-Katholischen Kirche) den Priester Ottar Mikael Myrseth zum Nachfolger von Bischof Dr. Roald Nikolai Flemestad gewählt. Der Gewählte, der unter anderem auch Deutsch spricht, ist seit 2011 nordisch-katholischer Generalvikar für ganz Skandinavien und zugleich Dechant des Dekanates Selja (= Propstei für Westnorwegen).

Geboren 1951, studierte Ottar Myrseth Theologie in Oslo und wurde 1978 zum Pfarrer der norwegischen lutherischen Staatskirche ordiniert. 23 Jahre lang war er Gemeindepfarrer in Oslo und Spjelkavik sowie Stiftskaplan des Bischofs in Molde (Bistum Møre). Ebenfalls innerhalb der lutherischen Staatskirche leitete er die theologisch konservative Bewegung Samråd på Kirkens Grunn (Konsultation zu den Grundlagen der Kirche); bis heute schreibt er u.a. für die norwegische christliche Zeitung Dagen. 2001 konvertierte Pfarrer Myrseth zum Altkatholizismus — durch die norwegische Administratur der Polnisch-Katholischen Nationalkirche (PNCC), damals bereits bekannt als Nordisch-Katholische Kirche. Im selben Jahr wurde er durch Bischof Thaddeus S. Peplowski zum Priester in apostolischer Sukzession geweiht.

Die synodale Wahl wird nun (gemäß der Statuten der Union von Scranton, Abschnitt C, Artikel 8) den Mitgliedern der Internationalen Katholischen Bischofskonferenz der Union von Scranton durch deren Vorsitzenden, Erzbischof Dr. Anthony A. Mikovsky, förmlich mitgeteilt; sofern die Mitglieder der Bischofskonferenz keine Einwände erheben, muss sich der Gewählte schriftlich zur Erklärung von Scranton und den Statuten der Union von Scranton bekennen. Die darauf folgende Konsekration in Scranton (Pennsylvania) sowie die anschließende Inthronisation in Oslo sind für das Frühjahr 2020 geplant.

Nota bene: Die skandinavische Bischofswahl hat auf absehbare Zeit keine unmittelbaren Auswirkungen auf das kirchliche Leben in Deutschland. Denn: Die Nordisch-Katholische Mission in Deutschland ist eine Missionspfarrei der Union von Scranton, welche direkt der Internationalen Katholischen Bischofskonferenz unterstellt ist (gemäß der Statuten der Union von Scranton, Abschnitt C, Artikel 3 (i)). Daher bleibt Bischof Dr. Roald N. Flemestad der für die deutsche Missionspfarrei zuständige Bischof, so lange wie die Internationale Katholische Bischofskonferenz keinen anderen Bischof hierfür delegiert.

Danke!

Gedanken von Gabriele Gerte

In den letzten Tagen haben wir das Erntedankfest gefeiert. Wir danken Gott für die Gaben der Ernte. Es ist nicht selbstverständlich die Früchte dieser Erde zu erhalten. Oft wird die Ernte durch schlechtes Wetter, sogar Unwetter oder andere Katastrophen bedroht. Dann werden die Nahrungsmittel knapp. Unseren Eltern und Großeltern sind solche Hungerjahre noch ein Begriff. Hunger ist auch heute noch auf unserer Erde, besonders in der dritten Welt, ein großes Problem. Sattwerden ist nicht selbstverständlich und darum haben wir einen triftigen Grund Danke zu sagen.

Überhaupt danken: Warum bedanken wir uns so wenig? Vieles scheint uns selbstverständlich. Aber nichts ist selbstverständlich: Unser Leben, unsere Gesundheit, unsere Umwelt, in die wir hinein geboren werden, unsere Familie, unsere Kinder, unsere Freunde und Bekannten. Manche bezeichnen sich als „Macher“. Sie „machen oder schaffen“ sich ihr Leben (so meinen sie jedenfalls). Viele erlernen einen Beruf nur aus dem Grund, um damit möglichst viel Geld verdienen und ein Luxusleben führen zu können. Und? Sind sie dann mit ihrem „Machen“ zufrieden? Oder der Kinderwunsch. Es gibt immer noch kinderlose Paare, für die sich dieser Wunsch, trotz medizinischen Fortschritts, nicht erfüllt. Viele Leute leben nach dem Gesundheitswahn. Sie geben viel Geld für ihre Gesundheit aus. Trotzdem erkranken sie. Viele verfallen dem Schönheitswahn. Sie tun und machen. Aber vieles lässt sich eben nicht machen. Es ist schon seltsam, warum gerade Personen in gehobenen, guten Verhältnissen, „Macher“, oft vom „Burn Out“ betroffen sind. Es ist also doch nicht alles machbar. Das Wohlbefinden, Gefühle, Gesundheit etc. können wir nicht einfach herstellen.

Erdung ist hier das Wort der Stunde. Machen wir uns klar, dass nicht alles machbar ist. Dies zu begreifen macht Angst aber es befreit auch. Besinnen wir uns auf die wirklich wichtigen Dinge in unserem Leben. Seien wir dankbar für die kleinen, oft unscheinbar wirkenden Dinge, wie z.B. für einen lieben Gruß, dass wir ein Dach über dem Kopf haben, zu essen haben, wir und unsere Lieben gesund sind, gute Bekannte haben, in einem Land leben dürfen, wo kein Krieg herrscht. Werden wir demütig und lernen zu danken, z.B. für einen schönen Tag, den wir erleben durften, dass wir wieder gesund geworden sind, für ein schönes Essen, für eine Reise und die gute Heimkehr und vieles mehr. Es gibt tausend Gründe zu danken. Nichts ist selbstverständlich. Das wirklich Wichtige in unserem Leben ist nicht machbar. Wir müssen lernen auf Gott und sein Wirken zu vertrauen. „Herr dein Wille geschehe, im Himmel wie auf Erden.“

Wer einmal schwer erkrankt war, kann erahnen wovon ich spreche. Die Welt wird auf einmal so klein, die „großen Dinge“ so unwichtig und die kleinen Dinge wichtig. Ein freundliches Wort. Ein guter Tag. Ein guter Freund. Wir lernen wieder zu schätzen was wirklich zählt.

Lernen wir zu danken, schon für die kleinen, unscheinbaren (nicht selbstverständlichen) Dinge. Wir werden dadurch sensibler und bewusster für viele Dinge in unserem Leben.

Wie soll ich dem HERRN vergelten
alles, was er mir Gutes getan?
Den Becher des Heils will ich erheben
und den Namen des HERRN anrufen

Psalm 116,12f

Sakramentar 2019: Ein „orthodox-altkatholisches“ Altarbuch

Gut sieben Jahre nach ihrer Errichtung hat die deutsche Administratur der Nordisch-Katholischen Kirche soeben ein eigenes Altarbuch in einer ersten, stark limitierten Auflage herausgegeben. Nach dem Vorbild der ältesten erhaltenen liturgischen Bücher des Christentums (sowohl der westlichen wie der östlichen Tradition) ist das Altarbuch eine Kombination von Rituale und Missale in einem einzigen Band. Für Priester mit einem geographisch weiträumigen pastoralen Zuständigkeitsbereich hat dies den Vorzug, immer nur ein einziges liturgisches Buch mitnehmen zu müssen — und doch für die meisten Eventualitäten gerüstet zu sein. Die historische Bezeichnung für derartige, recht umfassende Bücher (die meist auch noch bischöfliche Liturgien enthalten) ist Sakramentar bzw. Euchologion.

Im deutschsprachigen Altkatholizismus sind solche Bücher durchaus kein Novum: Schon die Christkatholische Kirche der Schweiz hat vor mehr als 100 Jahren ein Altarbuch dieses Formates herausgegeben (Bern: K. J. Wyß 1905). Das neu erschienene Sakramentar setzt nun jedoch die liturgietheoretischen Prinzipien der Nordisch-Katholischen Kirche für die konkrete pastorale Arbeit im deutschsprachigen Raum um. Seine Inhalte sollen im Folgenden kurz skizziert werden.

Die im Missale-Teil enthaltene Messordnung basiert auf der wahrscheinlich ältesten noch in Gebrauch befindlichen Traditionslinie (usus) des römischen Ritus, nämlich der Kartäusermesse, deren älteste bekannte Form sich vermutlich direkt vom Diözesanritus von Grenoble des 11. Jahrhunderts ableitet. Die strenge Schlichtheit dieser Liturgie — obgleich nicht der ausschlaggebende Faktor — ist vielleicht nicht unpassend für die kirchliche Situation an vielen Orten des deutschsprachigen Europa, welches wieder mehr und mehr zum Missionsgebiet wird.

Aufgrund einer Kombination von pastoralen, theologischen und liturgiegeschichtlichen Erwägungen wurden allerdings drei nicht unbedeutende Modifikationen vorgenommen: (i) die Streichung des Filioque im nizäno-konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis; (ii) die Entfernung der missverständlichen (und in der lateinischen Scholastik auch oft tatsächlich überhöhten) Erwähnung einer instrumentalen Bedeutung der „Verdienste“ (meritis) der Heiligen (in der vierten Strophe des Messkanon, Communicantes); (iii) die Einfügung einer (katabatischen) Epiklese vor der neunten Strophe (Supplices) des Messkanon.

Diese Änderungen erfolgen in erster Linie mit Blick auf den 1975-1987 festgestellten, umfassenden Lehrkonsens der orthodoxen und altkatholischen Kirchen (veröffentlicht von Urs v. Arx (Hrsg.): Koinonia auf altkirchlicher Basis. Sonderheft zu IKZ 79/4, 1989) — angesichts häufiger und ekklesiologisch sehr berechtigter Anfragen an den römischen Ritus von orthodoxer Seite. Die Modifikation (ii) — das heißt: die Ersetzung von meritis precibusque durch precibus in der vierten Messkanon-Strophe — mag aber vielleicht darüber hinaus auch andere ökumenische Gesprächspartner interessieren. Hier ist nicht nur an die altorientalischen Kirchen zu denken, sondern auch an hochkirchliche Kreise der anglikanischen und der lutherischen Tradition.

Zum Beispiel wird Martin Luthers Polemik gegen den römischen Messkanon in den Schmalkaldischen Artikeln (Teil II, Art. 2, Ziffer 5) — die, sicher auch anlassbedingt, im Kontrast zu den irenischen Formulierungen in Melanchthons Augsburger Bekenntnis stehen — nicht zuletzt durch ebenjene missverständliche Erwähnung der Verdienste der Heiligen im Messkanon und vor allem die scholastische Ausdeutung dieser Formulierung motiviert gewesen sein. Die Lehre vom Gebet der Heiligen für die Kirche auf Erden dürfte dagegen für Luther weit weniger anstößig gewesen sein. Noch wichtiger als diese historische Frage der Luther-Exegese ist für eine aktuelle ökumenische Rezeption der Theologie des römischen Messkanons jedoch eine Übereinkunft der 7. Vollversammlung der Dialogkommission von Lutherischem Weltbund und (chalzedonensischer) Orthodoxie. Dort wird nämlich ein Auszug aus der Definition des Siebten Ökumenischen Konzils (Nizäa II, 787) zustimmend zitiert (Sandbjerg/Dänemark, 1993), wo die Verehrung der Heiligen — gerade in Form des, sicher auch liturgisch zu verstehenden, Gedenkens (mnêmê) — von der allein Gott zustehenden Anbetung (latreia) unterschieden und positiv gewürdigt wird (Denzinger-Hünermann [43. Aufl.], 601). Viel deutlicher noch ist der anglikanisch-orthodoxe Konsenstext von Dublin (1984), wo die Fürbitte der ecclesia triumphans für die ecclesia militans als dogmatische Tatsache angeführt wird, zugleich aber die Vorstellung von einem „Schatz der Verdienste“ abgewiesen wird (Dublin Agreed Statement, 74).

Des Weiteren wurden, mit Blick auf pastorale Sondersituationen, in das Missale alternative Offertoriums- und Eucharistiegebete aufgenommen, angelehnt an die beracha-Formulare aus der Didache und das Eucharistiegebet der Traditio apostolica. Ferner wurde in die Ordnung der Eucharistie als pastorale Option das Gebet der Gläubigen (wieder) eingefügt — allerdings, im Anschluss an die Forschungsergebnisse von Gregory Dix (The shape of the liturgy. London: Continuum 1945, 475, 491), unmittelbar vor dem Offertorium (bzw. dem optional dorthin vorzuziehenden Friedensgruß).

Die Eigentexte für die Eucharistiefeiern des Kirchenjahres und der Heiligenfeste orientieren sich — oftmals vermittelt durch den (ungeachtet von Thomas Cranmers längerfristigen Intentionen) noch als reformkatholisch einzuordnenden englischen Ritus von 1549 — großenteils an der sogenannten altkirchlichen Perikopenordnung und dem gregorianischen Sakramentar. Das Missale enthält darüber hinaus eine vollständig melodisch ausnotierte Votivmesse für christliche Einheit.

Der Rituale-Teil des Sakramentars ist einerseits traditionell altkatholisch; er folgt im Wesentlichen dem ersten deutschsprachigen, seinerzeit von Generalvikar Franz Reusch zusammengestellten, altkatholischen Rituale (Katholisches Rituale. Bonn: P. Neusser 1875) — dessen Einfluss noch über 80 Jahre später, z.B. im alten Rituale der Christkatholischen Kirche der Schweiz (Bern ³1959), deutlich erkennbar war. Andererseits konnte jenes Rituale von 1875 für das neue Sakramentar natürlich nicht ohne Weiteres übernommen werden, und zwar nicht nur aus sprachlichen, sondern auch aus sakramental- und pastoraltheologischen Gründen (wie schon von anderen, wenngleich leider ohne konkretere Ausführung, festgestellt wurde; vgl. Sigisbert Kraft: Grundsätze und Ziele altkatholischer Liturgiereform. IKZ 73/1, 1983, 103).

Wiederum galt es dabei, insbesondere den orthodox-altkatholischen theologischen Konsens zur Sakramententheologie zu berücksichtigen. So ist z.B. der Spender des Ehesakramentes eben der Priester, welcher der Trauung vorsteht (und nicht etwa die Brautleute), und sein Segen stellt die Form des Ehesakraments dar. Nun war zwar auch schon im Rituale von 1875 der Trauritus mit „Einsegnung der Ehe“ überschrieben (Katholisches Rituale, 30), doch fiel der dort vorgesehene (das tridentinische Pendant übersetzende und im Indikativ formulierte) priesterliche Segen der Ehe denkbar knapp aus (op. cit., 32). Das neue Sakramentar enthält nun verschiedene Varianten für den Trausegen, in Anlehnung an römische und byzantinische Formulare.

Ähnlich notierte Reusch in seinen Anmerkungen zum Bußsakrament (op. cit., 52) zwar, dass eine deprekative statt indikative Absolutionsformel wünschenswert und im Grunde auch die ursprünglichere Form ist, doch wollte er diesbezüglich keine Abweichung vom tridentinischen Usus zulassen. Diese Änderung wurde daher im hier besprochenen Sakramentar ebenfalls nachgeholt.

Schließlich hegte Reusch eine — heute wohl kaum noch gerechtfertigte — Sorge davor, dass z.B. ein Taufexorzismus oder auch die Segnung von Weihwasser bei vielen Menschen „abergläubische Vorstellungen“ (56) hervorrufe und daher am besten zu unterbleiben habe. Das von ihm formulierte Gebet über Wasser und Salz (48f.) ist daher folgerichtig — eigentlich ganz im Geiste der Aufklärungstheologie — viel eher eine Homilie als eine doxologisch-katabatische Benediktion; es erinnert in seinem Duktus sogar recht stark an das Rituale von Ignaz Heinrich v. Wessenberg (Stuttgart: Cotta 1833). Diese Parallele überrascht insofern, als sich Reusch ja im Vorwort des altkatholischen Rituale einigermaßen deutlich von Wessenbergs pastoralliturgischem Ansatz abgegrenzt hatte (Katholisches Rituale, 9).

Die daraus resultierenden Traditionsbrüche in der Taufliturgie des Rituale von 1875 wurden im hier vorgestellten neuen Sakramentar geheilt, indem passende Gebete aus dem (sogenannten) Gelasianischen und dem Gregorianischen Sakramentar sowie aus dem (durch den Kölner Erzbischof Hermann von Wied stark geprägten) reformkatholischen englischen Ritus von 1549 eingefügt wurden. Hintergrund dafür ist aber mitnichten ein bloß formaler Traditionalismus. Vielmehr gilt es zu bedenken, dass Befreiungsgebete und explizite katabatische Segensgebete für materielle Objekte wie das Weihwasser nicht etwa obsolete Relikte eines vorchristlichen Dualismus, sondern eine notwendige Folge der christlich-inkarnatorischen, orthodoxen Kosmologie sind; dieser zufolge gilt ja, etwas zugespitzt: matter is never neutral (Alexander Schmemann: Of water and the Spirit. A liturgical study of Baptism. Crestwood, New York: St. Vladimir’s Seminary Press 1974, 48).

Ergänzt wird der Rituale-Teil durch einen Anhang mit weiteren häufig verwendeten Segnungen, ferner auch Psalmen und Schriftlesungen, die in Verbindung mit den Formularen des Rituale (vor allem für Trauung und Bestattung) zu gebrauchen sind. Mittelfristig ist der Druck einer zweiten, leicht revidierten Auflage in höherer Auflage, aber einfacherer Verarbeitung vorgesehen. In einem in Planung befindlichen Ergänzungsband sollen dann schließlich noch ausgewählte bischöfliche Liturgien sowie ein Liedanhang erscheinen.

„Wo Jesus Christus ist, da ist die katholische Kirche“

Simon F. Uschakow: „Das Heilige Abendmahl“, 1685

Katholisch — Kirche — Institution

Gedanken von Gabriele Gerte

Was bedeuten diese Begriffe?

Was heißt katholisch? Katholisch kommt vom altgriechischen Adjektiv katholikos bzw. der Wendung kat‘ holon, was bedeutet: „auf das Ganze bezogen, dem Ganzen gemäß.“ Der Begriff katholische Kirche wurde dann zum Sammelbegriff für alle rechtgläubigen Christen. Im Westen verstand man ihn auch räumlich, als „die ganze, über den Erdkreis verbreitete Kirche.“ Übrigens: Das Wort katholisch kommt in der Bibel nicht vor. Erstmals benutzte diesen Begriff der Kirchenvater Ignatius von Antiochien (ca. 130 n. Chr.), und zwar wörtlich: „Wo immer der Bischof sich zeigt, da sei auch das Volk, so wie da, wo Jesus Christus ist, auch die katholische Kirche ist.“ (Brief an die Smyrnäer, 8,2)

Das deutsche Wort Kirche entstand aus dem griechischen kyriakos oikos. d.h. „Haus des Herrn“, wörtlich: „zum Herrn gehöriges Haus“ (oikos = „Haus“; kyriakos = „zum Herrn gehörig“, von kyrios = „Herr“). Im Deutschen finden wir weitere Definitionen wie „geweihter Versammlungsort einer christlichen Glaubensgemeinschaft“ oder „sakrales Bauwerk des Christentums“ sowie „Organisationsform innerhalb des Christentums.“ Weiter wird mit dem Wort „Kirche“ das griechische Wort ekklesia übersetzt, was so viel bedeutet wie „die Gesamtheit der Gerufenen“ oder auch „der Berufenen“! Im Neuen Testament wird es oft verwendet als „Versammlung“ (vgl. Apg 19,32-40).

Das Wort Institution dagegen bedeutet ganz allgemein laut Duden: „einem bestimmten Bereich zugeordnete gesellschaftliche, staatliche, kirchliche Einrichtung, die dem Wohl oder des Einzelnen oder der Allgemeinheit dient“ . Die Soziologen bestimmen, wiederum laut Duden, den Begriff „als stabile Muster folgende Form menschlichen Zusammenlebens“. Wortgeschichtlich leitet sich Institution vom lateinischen Begriff instituere ab. Das heißt übersetzt: „verwalten, einrichten, anordnen.“

Ich fasse zunächst einmal zusammen:

Die Bibel benutzt den Begriff katholisch nicht. Auch die ersten Gläubigen wurden nicht so bezeichnet. Man nannte sie vielmehr einfach „Jünger“, später dann „Christen“ (Apg 11,26). Das dort verwendete christianos aus dem Altgriechischen bedeutet: „Der Christliche, zu Christus gehörend“. Christen werden demnach als Personen bezeichnet, die sich zu Jesus Christus bekennen. Katholische Kirche bedeutet im Wortsinne zunächst die Gesamtheit der überall auf der Welt zu einem ,Haus des Herrn‘ versammelten Christen.

Als sich das Christentum immer mehr ausbreitete, wurde es nötig, eine gemeinsame Ordnung und gemeinsame Regeln, die sich aus der Lehre Jesu ergaben, festzuhalten (z.B. für das liturgische, aber auch das alltägliche ethische Leben etc.). Schließlich waren und sind Christen Zeugen des Lebens und Wirkens Jesu.

Musste daraus aber notwendigerweise eine Institution entstehen, die in den innersten Lebensbereich eines Menschen eingreift? Ich denke beispielsweise an die Vorschriften mit Blick auf das eheliche Sexualleben oder die rigide Einführung des Klerikerzölibats (im Westen zwar schon punktuell im frühen 4. Jahrhundert, im Osten jedoch durch z.B. die Apostolischen Kanones explizit verworfen). Wie bekannt ist, war Petrus verheiratet; Jesus heilte seine Schwiegermutter (Mt 8,14). Zwar sagte Petrus: „Herr, wir haben alles verlassen und sind Dir nachgefolgt“ (Mt 19,27). Daraus aber abzuleiten, dass Petrus nie wieder ein eheliches Leben mit seiner Frau geführt habe und alle Geistlichen ab dem Diakon oder Priester es ihm gleich tun sollten, ist keineswegs Bestandteil der Tradition der ungeteilten Kirche (siehe als Gegenbeispiel wiederum die Apostolischen Kanones). Und ein biblisches Eheverbot für Geistliche gibt es schon gar nicht, möglicherweise sogar das Gegenteil (1 Kor 9,5).

Jesus hingegen hat zu ethischem Verhalten angeleitet, ohne die Menschen an sich zu verurteilen: Selbst eine Ehebrecherin wurde von Jesus nicht verurteilt und gerichtet, sondern begnadigt und zu einem Leben ohne Sünde aufgerufen (Joh 8). Fatal war neben der unnötigen Verengung der Kirchendisziplin auch die Verengung der Verkündigung. Gewiss hat die Kirche die Aufgabe, die Grunddogmen zu formulieren (insbesondere das Große Glaubensbekenntnis). Aber es ist nicht nötig, den Christen detailliert vorzuschreiben, mit welchen Begrifflichkeiten genau sie ihren Glauben an den in Christus Mensch gewordenen dreifaltigen Gott bezeugen sollen.

So kam es, vordergründig aus Gründen von Dogma und Kirchendisziplin, oft aber auch aus sprachlich-kulturellen und kirchenpolitischen Gründen zu unnötigen Abspaltungen. Zunächst entstand die Assyrische Kirche des Ostens (431), dann die orientalisch-orthodoxe Kirche (451), schließlich entstand ein Schisma zwischen (byzantinisch-) orthodoxer und römisch-katholischer Kirche. Später bildeten sich die lutherische und anglikanische Kirche usw. Doch noch das erste lutherische Bekenntnis, die Confessio Augustana (1530), war als gemeinsames Bekenntnis gedacht. Wäre es, ungeachtet kirchenpolitischen Machtstrebens, wirklich nicht möglich gewesen, gemeinsam einen gangbaren Weg zu finden? Etliche der in den ökumenischen Dialogen der letzten Jahrzehnte erzielten theologischen Verständigungen deuten darauf hin. Die Grunddogmen, nämlich der Glaube an den dreieinen Gott und seine Menschwerdung in Jesus Christus, werden doch von allen geteilt.

Fazit

Für mich ist die Gemeinschaft der Christen, die auf Jesus Christus getauft sind, sich zu Christus bekennen und nach seinen Lehren leben, von Bedeutung. Diese „Kirche“ wird überleben. Die Institution ist überwuchert durch einen weltlichen Apparat. Die Vorbilder der Christen sind die Märtyrer und Heiligen. Sie befolgten Jesu Lehren in Wort und Tat, übten Nächstenliebe, Armenspeisung, Krankenpflege usw. aus. Sie fühlten sich in ihrem Tun und Handeln nur Gott und Jesus Christus verantwortlich. Sie widerstanden den „Mächtigen der Welt“ (Kaisern, Königen und oft auch weltlich ambitionierten Klerikern) trotz allen Verlockungen und gingen für ihren Glauben sogar in den Tod. Nur dort, wo die Menschen als Ebenbilder Gottes (Gen 1,27) behandelt werden und ihr Glaube an den in Jesus Christus Mensch gewordenen Gott sich entfalten und reifen kann, kann wahre Kirche entstehen. Jesus Christus und seine Lehren müssen in der Kirche an erster Stelle stehen; sie sind aktueller denn je: Jesus Christus ist „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6).

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung der Gemeinde, Kirche oder Redaktion wieder.

Pastoralbesuch von Bischof Roald in Bayern, August 2019

Vom 16.-19. August 2019 besuchte Bischof Dr. Roald Nikolai Flemestad (Oslo) den Seelsorgebereich Bayern. Es folgt ein kurzer Bildbericht.

Bischöfliche Firmung

In der Abtei St. Severin in Kaufbeuren, mit Pfarrkurat Franz Schömer (links im Bild) als Firmpaten und Abt Michael OPR (rechts) als Zeremoniar.

Diakon- und Priesterweihe

Tamás Széles, im Zivilberuf ein bekannter ungarischer Synchronsprecher, wurde geweiht für die Altkatholische Mission Ungarn, die der deutschen Administratur kirchenrechtlich angeschlossen ist. Auch Priester Péter Kováts aus Szombathely war hierfür eigens ins Allgäu gereist.

Tamás Széles, Franz Schömer, Péter Kováts
Bischof Roald mit Neupriester Tamás Széles
inmitten des Klerus und der Brüder der Abtei St. Severin

Beratungen zum Martinuswerk

Bischof Roald N. Flemestad und Abt Michael OPR berieten sich mit dem Vorstand des Martinuswerks über dessen Wirken für die deutsche Administratur. Das Martinuswerk e.V. ist nun offiziell als bischöfliches Werk der Union von Scranton anerkannt.

Abt Michael OPR, Michael Berghoff, Bischof Roald N. Flemestad, Archidiakon Daniel Gerte

Brüderliche Gemeinschaft …

… fand auch außerhalb des offiziellen Programms statt.

Br. Maximilien OPR, Br. Georg OPR, Dr. Daniel Gerte

Katechetische Notizen zur orthodox-altkatholischen Lehre I/1

Wir dokumentieren hier in unregelmäßigen Abständen die Notizen zur Katechesenreihe (von Bischofsvikar F. Herzberg) über das orthodox-altkatholische Konsensdokument Koinonia auf altkirchlicher Basis (hrsg. Urs von Arx, IKZ 79/Sonderheft (1989)).

Vorbemerkungen…

Wir beginnen heute eine betont theologische Katechesenreihe. Nicht jeder Christ hat positive Assoziationen mit Theologie. Doch zu Unrecht:

  • Theologie heißt etymologisch: „Gott-Rede“, d.h. Rede über und/oder mit (!) Gott, dem Urgrund des Seins.
  • Evagrius Pontikos: „Wer richtig betet, ist Theologe; wer Theologe ist, betet richtig.“
  • Rechtes Beten, rechter Glaube, rechtes Handeln gehören zu sammen: lex orandi – lex credendi – lex vivendi.
  • Gute Theologie zeichnet sich aus durch das sentire cum ecclesia, den engen Austausch mit dem Volk Gottes – und ist daher stets lebensnah.
  • (Oder etwas moderner ausgedrückt, mit Karl Barth: Theologie ist eine „Funktion der Kirche“.)

Die Katechesenreihe gründet auf dem orthodox-altkatholischen Konsensdokument Koinonia auf altkirchlicher Basis [hrsg. Urs von Arx = IKZ 79/Sonderheft (1989)]:

  • Die Koinonia auf altkirchlicher Basis harmonisiert östliche und westliche theologische Traditionen,
  • und zwar auf der Grundlage vielfältiger biblischer und früher patristischer Zeugnisse;
  • sie ist das bislang umfassendste (wenngleich nicht umfangreichste) ökumenische Konsensdokument, das die orthodoxen Kirchen in einem bilateralen Dialog erarbeitet haben.

Im Laufe der Katechesenreihe werden wir gemeinsam die „Gemeinsamen Texte“ der Gemischten Orthodox-Altkatholischen Theologischen Kommission (so der offizielle Titel des Konsensdokuments) studieren. Dabei soll uns die folgende, etwas schematische, aber effektive Vorgehensweise helfen:

  • Die Überschriften der einzelnen Katechesen entsprechen den Kapitel- und Abschnittsüberschriften aus der Koinonia auf altkirchlicher Basis.
  • Die Fragen der Katechesen orientieren sich an den einzelnen Absätzen des jeweils zugrunde liegenden Abschnitts (die untergliedernde Nummerierung innerhalb eines Abschnitts wird in die Überschriften der Fragen aufgenommen).
  • Wir werden die Fragen gemeinsam, meist mit „offener Bibel“, diskutieren; im Dialog werden wir Antworten erarbeiten und mit den Aussagen des orthodox-altkatholischen Konsens vergleichen.

Kurzum: Es geht bei diesen Katechesen um eine Art Lern- und Lesehilfe zur Koinonia auf altkirchlicher Basis, die deren Rezeption an der kirchlichen Basis fördern soll. Die in eckigen Klammern […] gesetzten Teile sind Zusätze (Verweise auf Schriftstellen, Zitate oder erläuternde Aussagen), die sich zwar inhaltlich nicht in der Koinonia finden, aber einen Mehrwert für die Darstellung des jeweiligen theologischen Gegenstands haben.

I/1 Die göttliche Offenbarung und ihre Überlieferung

Wen meinen wir mit „Gott“? Können wir etwas über Gott, seine Existenz und sein Wesen wissen?

  • Mit „Gott“ meinen wir die heilige Dreifaltigkeit: Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. [Vgl. den Tauf- und Missionsbefehl, Mt 18,19.]
  • [Um eine immanente, referenzielle Definition zu geben: Gott ist, nach christlicher Auffassung, identisch mit dem „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ (Ex 3,6 = Mt 22,32).]
  • Die Existenz eines Schöpfergottes und von dessen Güte kann jeder erkennen, lehrt Paulus gegenüber heidnischen Griechen: Apg 14,17.
  • [Gottes Transzendenz und Selbst-Existenz kommen zum Ausdruck in seinem früheren Namen: „Ich bin, der ich bin“ (Ex 3,14). Aufgrund der weiteren übernatürlichen Offenbarung, darunter insbesondere Gottes Menschwerdung (s.u.), kann Gott nun näher beschrieben werden.]

(1.) Auf welche Weise(n) hat sich Gott zuerst offenbart?

  • Gott hat sich offenbart in der Schöpfung: Röm 1,20. [Diese sogenannte allgemeine oder „natürliche Offenbarung“ spiegelt sich nicht zuletzt in der Gesetzmäßigkeit der Schöpfung, besungen z.B. in Ps 19.]
  • In herausgehobener Weise hat Gott sich offenbart im Menschen, der Gottes Ebenbild ist. [Vgl. Gen 1,27.]
  • Das menschliche Gewissen bezeugt Gottes Gesetze bzw. Gebote: Röm 2,15. Hierdurch kann man bereits die Existenz der sogenannten „speziellen“ oder „übernatürlichen“ Offenbarung erahnen.

(2.) Warum fällt es dem Menschen schwer, Gott zu erkennen?

  • Die Menschen gehorchten nicht dem Gebot Gottes. [Der locus classicus ist die Perikope vom Sündenfall: Gen 3,17].
  • Dadurch wurde ihre Gottesebenbildlichkeit (s.o.) verdunkelt… ,
  • … ebenso auch ihre Fähigkeit, Gott zu erkennen: Röm 1,21.25.

Warum hat sich Gott einst dem Volk Israel offenbart; welchen Charakter hat diese Offenbarung?

  • Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und die Wahrheit erkennen: 1 Tim 2,4.
  • Gott offenbarte sich zunächst vorläufig durch die Propheten: Hebr 1,1.
  • Zu den Propheten gehört auch Mose; das (mosaische) Gesetz soll uns pädagogisch vorbereiten auf Christus: Gal 3,24. [Ja, auch Mose gilt in der Schrift als Prophet: Apg 3,22 = Dtn 18,15.]
  • [Im Alten Bund wurde von einer fortschreitenden übernatürlichen Offenbarung durch Propheten ausgegangen: Dtn 18,15. (Die sadduzäische Thelogie, die nur Mose als Prophet gelten lassen wollte, wird bereits in den Evangelien verworfen: Mt 22,23.29; Apg 23,8. Das rabbinische Judentum teilt diesbezüglich die christliche Position.) Kriterium für authentische Prophetie war jeweils die Kohärenz mit der vorausgegangen Offenbarung: Dtn 13,2-5. Die übernatürliche Offenbarung ist mit Christus an ihr Ziel gelangt: Hebr 1,1; Jud 3.]

(3.) Worin besteht die vollkommene Offenbarung Gottes, wie ist sie erfolgt und was ist ihr Ziel?

  • Höhepunkt der Heilsgeschichte ist die Offenbarung Gottes in seinem Sohn: Gal 4,4, Kol 2,9.
  • Der Sohn Gottes ist das Fleisch gewordene Wort Gottes: Joh 1,14.
  • Nur durch den Sohn Gottes kann der Mensch für die Ewigkeit gerettet werden: Apg 4,12.
  • Es handelt sich um eine Offenbarung Gottes in seinen Wirkungsweisen (Energien – energeiai), nicht in seinem Wesen (ousia). Basilius der Große, Brief 234, 1: „Die Wirkungsweisen sind mannigfaltig, die Wesenheit ist einfach. Wir aber sagen, wir erkennten unsern Gott aus den Wirkungsweisen, versprechen aber nicht, an seine Wesenheit selbst heranzukommen. Seine Wirkungen steigen zu uns hernieder; seine Wesenheit aber bleibt unzugänglich.“ (Migne, Patrologia Graeca 32,869, übersetzt nach Bibliothek der Kirchenväter BKV I, 46,283).

(4.) Wie wird diese Offenbarung vermittelt?

  • Die vollständige übernatürliche Offenbarung hat sich ereignet in Christus, s.o.
  • Sie wird vermittelt in der Überlieferung der heiligen Apostel. [Griech. apostolos = Gesandter. Diese wurden von Christus selbst erwählt und ausgesandt: Lk 6,13.]
  • Die Überlieferung der Apostel (apostolische Tradition) wiederum wird auf zwei Weisen weitergegeben:
    • erstens in der von Gott eingegebenen Heiligen Schrift [2 Tim 3,16];
    • zweitens in der mündlichen Überlieferung der Kirche [2 Thess 2,15].
  • Die lebendige, mündliche Überlieferung der Kirche ist insbesondere bewahrt im Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel, den Entscheidungen der Sieben Ökumenischen Konzilien und der lokalen Synoden, in den Schriften der Kirchenväter und der Liturgie.
  • [Wo die Kirchenväter weitestgehend übereinstimmen, spricht man vom consensus Patrum. Dieses Kriterium für authentische, im besten Sinne „katholische“ Überlieferung findet man im berühmten Commonitorium von Vinzenz von Lérins (+434), wo es heißt: … magnopere curandum est ut id teneamus quod ubique, quod semper, quod ab omnibus creditum est; Hoc est etenim vere proprieque catholicum … – „… besonders ist dafür zu sorgen, dass wir das festhalten, was überall, immer und von allen geglaubt worden ist, denn das ist eigentlich und wahrhaft katholisch …“ – Migne, Patrologia Latina 50,640. Darüber mehr in III/1.]
  • [Dass die Liturgie auch eine Zeugin der apostolischen Überlieferung ist, entspricht der alten theologischen Regel: lex orandi, lex credendi, „das Gesetz des Betens ist das Gesetz des Glaubens“ — erstmals formuliert wohl von Prosper von Aquitanien (+455): legem credendi lex statuat supplicandi. – Migne, Patrologia Latina 51,209.]
  • Die mündliche Überlieferung der Kirche findet weiterhin Ausdruck in der ständigen offiziellen Lehre der Kirche, s.u. [1 Tim 3,15]

(5.) Wie verhalten sich Heilige Schrift und heilige Überlieferung zueinander?

  • Die heilige Schrift und die (oben definierte) heilige Überlieferung sind verschiedene Ausdrucksweisen von ein und derselben apostolischen Überlieferung.
  • Die Frage des Vorrangs stellt sich somit nicht: „beide haben dasselbe Gewicht für die Frömmigkeit“ (Basilius der Große, Über den Heiligen Geist 27, 2 – Migne, Patrologia Graeca 32,188).
  • „Dabei wird die Schrift in der Überlieferung verstanden, die Überlieferung aber bewahrt ihre Unverfälschtheit und das Kriterium ihrer Wahrheit durch die Schrift und aus deren Inhalt“ (Interorthodoxe vorbereitende Kommission der Heiligen und Großen Synode, 16. bis 28. Juli 1971; Chambésy 1973, Seite 110).

Fortsetzung folgt: I/2 Der Kanon der Heiligen Schrift

Kanonische Ordnung und Kirchenvorstand

Rundverfügung zur kanonischen Ordnung der Administratur

Vor dem Hintergrund aktuellen Interesses an der kirchenrechtlichen Situation der deutschen Administratur der Nordisch-Katholischen Kirche wird festgehalten:

1. Die deutsche Administratur der Nordisch-Katholischen Kirche ist als eine Missionsgemeinde organisiert; Patronin ist die heilige Maria Magdalena. Die Kurzbezeichnung lautet: Nordisch-Katholische Mission in Deutschland. Die Patrone der nordisch-katholischen Missionstätigkeit und Seelsorge sind St. Michael für Bayern und St. Willibrord für Westdeutschland.

2. Die Missionsgemeinde ist eine Missionspfarrei der Union von Scranton im Sinne von deren Statuten (Statutes of the Union of Scranton, Section C, Article 3 (i)) unter der bischöflichen Aufsicht von Bischof Dr. Roald Nikolai Flemestad als Delegat der Internationalen Katholischen Bischofskonferenz.

3. Für die als Missionsgemeinde verfasste deutsche Administratur gelten neben §§ 1 und 3 der Verfassung der Nordisch-Katholischen Kirche die Statuten für Pfarrgemeinden der Nordisch-Katholischen Kirche, ausgenommen § 6 Abs. 2 dieser Statuten.

Zur Umsetzung vorgenannter Statuten wird verfügt:

4. Die Missionsgemeinde wird geleitet von einem kommissarischen Kirchenvorstand, der aus den Verwaltern der Administratur (Bischofsvikar, Archidiakon) und Dipl.-Ing. Michael Berghoff besteht. Der kommissarische Kirchenvorstand kann weitere Mitglieder der Missionsgemeinde in beratende Kommissionen berufen.

5. Dem kommissarischen Kirchenvorstand obliegt es, binnen zwei Jahren eine ordentliche Pfarrversammlung mit Kirchenvorstandswahlen gemäß § 4 Abs. 1 u. 6 der vorgenannten Statuten einzuberufen.

Düsseldorf, am Vorabend des Festes der heiligen Maria Magdalena 2019

gez. F. Herzberg
Bischofsvikar

Brief von Erzbischof Mikovsky an Kardinal Marx

Wir dokumentieren im Folgenden den Brief des Primas der Union von Scranton, Erzbischof Dr. Anthony Mikovsky, vom 20. März 2019 in deutscher Übersetzung. Die Deutsche Bischofskonferenz hat durch ihren Sekretär, P. Dr. Hans Langendörfer SJ, den Erhalt des Briefes bestätigt und sich bedankt.

Bei dem erwähnten suspendierten Geistlichen handelt es sich um den vor Kurzem von episcopi vagantes konsekrierten „Bischof“ der „Christ-Katholischen Kirche in Deutschland“. Von diesem distanziert sich die Union von Scranton in aller Deutlichkeit.

Eure Eminenz Kardinal Marx,
werter Bruder im bischöflichen Dienst der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche!

Gelobt sei der Name unseres Herrn Jesus Christus, von nun an bis in Ewigkeit. Amen.

Ich schreibe Ihnen zwecks Erläuterung unserer kirchlichen Arbeit in einigen Teilen Deutschlands. Vor Kurzem hat sich nämlich ein deutscher suspendierter Geistlicher unserer Kirchenunion einer nicht anerkannten Altkatholischen Kirche in British Columbia (Kanada) angeschlossen, welche möglicherweise versuchen wird, Zweifel an unserem kanonischen Status oder der Gültigkeit unserer Weihen zu säen.

Die Union von Scranton, die aus der Polnisch-Katholischen Nationalkirche (in den Vereinigten Staaten von Amerika und in Kanada) und der Nordisch-Katholischen Kirche (in Skandinavien) besteht, hat unter ihrer bischöflichen Aufsicht auch Geistliche, Pfarreien und Missionen in Europa . Diese Arbeit wird verantwortet durch den Bischof der Nordisch-Katholischen Kirche, Bischof Dr. Roald Nikolai Flemestad, dessen Bischofssitz sich in Oslo (Norwegen) befindet.

Kanonischer Status der Nordisch-Katholischen Kirche und der Union von Scranton

Die Union von Scranton definiert sich als „Union von Kirchen in Sakramentengemeinschaft mit der Polnisch-Katholischen Nationalkirche“ (Statuten der Union von Scranton, Überschrift). Grundlage dieser vollen, sakramentalen und kanonischen Kirchengemeinschaft ist die Übereinstimmung in der katholischen Lehre und Liturgie (Statuten, C, Art. 1a,b), die wechselseitige Anerkennung der Ämter in apostolischer Sukzession (Statuten, C, Art. 1b,d) und die eucharistische Gemeinschaft (Statuten, C, Art. 1c). In ihrer inneren Ordnung ähnelt die Union von Scranton jenen orthodoxen Patriarchaten, die autonome Teilkirchen besitzen; das Wirken der autonomen Teilkirchen wird durch die Statuten der Union von Scranton reguliert.

Das höchste Organ der Union ist die Bischofssynode, die als Internationale Katholische Bischofskonferenz (ICBC) der Union of Scranton bekannt ist. Ich übe das Amt des Erzbischofs der Union von Scranton und des Vorsitzenden ihrer Bischofskonferenz aus, da dieses Amt verfassungsgemäß dem Leitenden Bischof der Mutterkirche der Union, also dem Prime Bishop der Polnisch-Katholischen Nationalkirche, zukommt (Statuten, D, Art. 1c); die übrigen Mitglieder der Bischofskonferenz sind die Diözesanbischöfe der Mitgliedskirchen der Union of Scranton (Statuten, C, Art. 1f).

Jede Mitgliedskirche der Union von Scranton – derzeit sind dies die Polnisch-Katholischen Nationalkirche (Polish National Catholic Church, PNCC) und die Nordisch-Katholische Kirche – genießt einen gewissen Grad an Autonomie. Zum Beispiel ist es der Nordisch-Katholischen Kirche gestattet, — sofern sie nicht von der offiziellen Theologie der Union (vor allem die Erklärung von Scranton und das orthodox-altkatholische Konsensdokument Koinonia auf altkirchlicher Basis = IKZ 79/Sonderheft, 1989) abweicht — ein eigenes Kirchenrecht, eine eigene Liturgie und eigene Katechismen zu haben. Gleichwohl ist sie verpflichtet, ihr Kirchenrecht samt allen liturgischen und katechetischen Büchern sowie auch alle anderen offiziellen Dokumenten mit den Bischöfen der PNCC zu teilen (wie auch umgekehrt, Statuten, C, Art. 11).

Zwischen den Mitgliedern der Bischofskonferenz der Union von Scranton besteht ein hohes Maß an wechselseitiger Abhängigkeit: So kann beispielsweise kein Bischof der Union ohne Zustimmung der Bischofskonferenz an einer Bischofsweihe teilnehmen (Statuten, C, Art. 8d, 10b); darüber hinaus kann einem Bischof durch einen Mehrheitsbeschluss die Mitgliedschaft in der Bischofskonferenz (und damit der Union of Scranton) entzogen werden, wenn er gegen den synodalen Konsens handelt oder lehrt (Statuten, C, Art. 3h). Gegenwärtig bilden die Bischöfe der PNCC die deutliche Mehrheit der Bischofskonferenz der Union von Scranton, da nur der nordisch-katholische Bischof Dr. Roald Nikolai Flemestad nicht der PNCC angehört. Bischof Roald Flemestad wurde 2011 von der PNCC für den Dienst in der Nordisch-Katholischen Kirche und als Missionsbischof für Europa konsekriert.

Dementsprechend wird die Katholizität und Orthodoxie der Nordisch-Katholischen Kirche durch jene der PNCC garantiert. Die deutsche Administratur der Nordisch-Katholischen Kirche, die der bischöflichen Leitung von Bischof Roald Flemestad untersteht, gehört zur kanonischen Jurisdiktion der Union von Scranton. Sie ist der dortige kanonische Vertreter der Union von Scranton und damit ihrer Mutterkirche, der PNCC. Es ist die Union von Scranton, ebenso wie ihre Gliedkirchen PNCC und Nordisch-Katholische Kirche, die nach der Spaltung der Utrechter Union im Jahre 2003 weiterhin das altkatholische Erbe bewahrt.

Es ist unsere Hoffnung, dass hierdurch, zumindest im Ansatz, etwaige Fragen bezüglich der kirchlichen Arbeit der Union von Scranton durch die Nordisch-Katholische Kirche in Deutschland beantwortet werden. Sollten Fragen oder Anliegen diesbezüglich oder in Verbindung mit der deutschen Administratur der Nordisch-Katholischen Kirche auftreten, zögern Sie bitte nicht, entweder Bischof Dr. Roald Flemestad (E-Mail-Adresse: biskop@nordiskkatolsk.no) oder auch meine Person (in Scranton, Pennsylvania) über die oben angegebenen Koordinaten zu kontaktieren. Wir dürfen schließlich noch darauf hinweisen, dass eine Kopie dieses Schreibens an den Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen, welchem unsere kirchliche Arbeit bekannt ist, von uns gesendet wurde.

Mit allen guten Wünschen und im Gebet für den Aufbau des Reiches Gottes verbleibe ich

hochachtungsvoll in Christus Jesus, unserem Herrn,

+ Anthony Mikovsky

Erzbischof der Union von Scranton
Leitender Bischof der Polnisch-Katholischen Nationalkirche